Sonntag, 27. Mai 2012

Religionspädagogik als Autobiografie

Unter der Projektleitung von Rainer Lachmann (geb. 1940, Professor für Ev. Theologie, Religionspädagogik und Religionsdidaktik an der Universität Bamberg, seit 2005 emeritiert) und unter der Mitwirkung von Horst F. Rupp (geb. 1949, Professor für Ev. Theologie mit Schwerpunkt Religionspädagogik an der Universität Würzburg) wurde über Jahre hinweg an der Universität Bamberg die (auto-)biografische Forschung in religionspädagogischen Zusammenhängen vorangetrieben. Durch diese Initiative konnten eine beachtliche Zahl von Religionspädagog/innen gewonnen werden, die die Verknüpfung ihrer eigenen Biografie mit der Religionspädagogik und Didaktik beschrieben und entsprechende Schwerpunkte der eigenen Forschungsarbeit herausstellten. (Auto-)Biografieforschung eröffnet durch die subjektive Sicht der Beteiligten erweiterte Verständniswege der religionspädagogischen Konzepte sowohl evangelischer wie katholischer Autor/innen. Das Projekt wird unter leicht veränderten Bedingungen weiter fortgesetzt. Seit 1989 sind inzwischen 4 Bände erschienen. 
  •  Rainer Lachmann / Horst F. Rupp (Hg.), Lebensweg und religiöse Erziehung. Religionspädagogik als Autobiographie. Band 1 und 2. Weinheim: Beltz 1989
  •  Als Band 3: Dietrich Steinwede "So viel Gott strömt über. Streiflichter eines Lebens".
    Mit einer Einstimmung bearbeitet und herausgegeben von Rainer Lachmann. Studien zur Theologie Bd. 20. Würzburg: Mittelstädt 2000
Der hier vorzustellende 4. Band erweitert die religionspädagogischen Intentionen nun stärker unter dem Bildungsbegriff, aber auch im Blick auf mögliche Zielgruppen. 

Die Herausgeber, beide von der Universität Würzburg, schreiben darum in ihrer Hinführung zu den einzelnen Autoren: „Erklärtes Ziel … ist es nun aufzuzeigen inwiefern (auto-)biografisches Lernen generell und das Lernen an (Auto-)Biographien in der Fluchtlinie einer als bildend zu charakterisierenden religionspädagogischen Konzeption liegen“ (S. 12). Neben einer knappen Auseinandersetzung mit bereits vorhandenen Bildungsansätzen sollen die narrativ geprägten Darstellungen Leser/innen und Rezipient/innen ermutigen, im „religionspädagogischen Lernen an und durch (auto-)biographische Erinnerungsdokumente“ „mehrperspektivische Zugänge zum religionspädagogischen Leben im Feld zwischen Beruf und Leben und … unterschiedliche Wirklichkeiten wahrzunehmen …“ (S. 33). Dies ermöglicht auch eine eigene Positionierung.
Es folgen nun 19 autobiografische Texte bekannter überwiegend schon emeritierter Religionspädagogen (es ist nur eine Frau dabei!), die jeweils auch als Herausforderung für das eigene Bildungsverständnis zu lesen sind und die grundlegende Frage nach der Religionspädagogik als Kommunikationswissenschaft in unterschiedlicher Weise ansprechen.
Die alphabetisch nach den Personen geordneten Artikel sind mit einer Kurzbiografie einschließlich der beruflichen Stationen, Ehrungen, Publikationen usw. ergänzt. Eine Zuordnung der einzelnen Beiträge nach inhaltlichen Kriterien wäre vermutlich (wie schon in den andern Bänden) zu schwierig gewesen.
  • Der aus einem hessischen evangelischen Pfarrhaus stammende Gottfried Adam (bis 2006 an der Universität Wien) spricht darüber, wie die Lebensbedeutsamkeit des Evangeliums von der Menschenfreundlichkeit Gottes zu dolmetschen sei, und zwar an der Universität, in der Gemeindepädagogik, an Förderschulen, in der Kinderbibelforschung und im diakonisch-sozialen Lernen. 
  •  Karl Foitzik (bis 2003 an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau) geht auf die Kommunikationsstrukturen des Evangeliums „mitten in der Lebenswelt“ ein. Die Gemeindepädagogik liegt ihm dabei durchgängig am Herzen. 
  • Hans Grewel (ebenfalls Pfarrersohn, am Niederrhein und im Bergischen Land aufgewachsen, bis 2006 an der Universität Dortmund) berichtet von seinen Zugängen zur Religionspädagogik im Horizont religionspädagogischer Auf- und Umbrüche und seinem Interesse die Grundfragen des Glaubens und der Theologie wachzuhalten.
  • Engelbert Groß (niederrheinisch-katholisch geprägt und bis 2004 an der Universität Eichstätt-Ingolstadt) sieht seine Aufgabe (als Lehrer an Schule und Hochschule), Mit-Vorbereitender einer „Eine-Welt-Religionspädagogik“ zu sein.
  •  Helmut Hanisch (schlesisches „Flüchtlingskind“, bis 2008 an der Universität Leipzig) bringt seine deutschen Ost-West-Erfahrungen, besonders in die Mitgestaltung des Religionsunterrichts in Sachsen nach der Wende 1989 ein. 
  •  Horst Heinemann (Kind der „vaterlosen Generation“, bis 2006 an der Universität Kassel) bedenkt im Kontext seines beruflichen Lebenslaufes die Bedeutung von Kinderbibeln. 
  • Georg Hilger (bis 2005 an der Universität Regensburg), rheinisch-katholisch sozialisiert, nutzte die vielen Wege in die Religionspädagogik, ihre Praxisfähigkeit und schulische Reichweite, aber auch im Blick zum Aufbau einer Schulpastoral. 
  • Der aus einem evangelischen Pfarrhaus in Thüringen kommende Raimund Hoenen (bis 2004 an der Universität Halle-Wittenberg) zeichnet in gewisser Weise den Weg der „Christenlehre“ in der DDR bis hin zum Postulat öffentlicher Schulen mit religiöser Bildung nach. 
  • Religionspädagogik in der Spannung zwischen säkularer Postmoderne und Relevanz der Religionspädagogik und des Religionsunterrichts ist letztlich das Thema von Friedrich Johannsen (ev.-lutherischer Pastor, bis 2011 an der Universität Hannover).
  • Gewissermaßen Urgestein christlich geprägter Religionspädagogik spiegelt sich in Hans-Bernhard Kaufmann (zwischen Breslau, Kiel, Loccum und Münster) ein spannendes Leben, beginnend mit Erfahrungen im Nationalsozialismus und einem persönlichen Weg in die Hoffnungskraft christlichen Glaubens im Kontext theologisch-didaktischer Fragestellungen.
  • Besonders die religionspädagogische Entwicklung in Münster nimmt Roland Kollmann (vom katholischen Volksschullehrer in Essen, über die Universität Münster, dann bis 2000 an der Universität Dortmund) autobiografisch auf.
  • Der vaterlos bei Marburg aufwachsende Rainer Lachmann und theologisch und pädagogisch von „Marburg“ geprägt, kommen doch vielfältige Ortserfahrungen für den eigenen Glauben (didaktische und theologische!) zum Zuge. 
  • Und wieder ein Pfarrersohn: Johannes Lähnemann aus Niedersachsen: Sein persönlicher Glaube, verbunden mit einem religionsdidaktisch-dialogischen Konzept, gewinnt an den Orten seines Wirkens (in Westfalen und dann an den Universitäten Lüneburg und bis 2007 an der Universität Nürnberg) interreligiöse Weite. 
  • Und noch ein Pfarrersohn, diesmal aus Hessen, Jürgen Lott (bis 2011 an der Universität Bremen)- er gehört zu den Förderern eines konfessionsunabhängigen, an Kultur orientierten Religionsunterrichts im Sinne einer „lebensweltorientierten Religionspädagogik“ (S. 299).
  • In Reinhold Mokrosch (bis 2005 an der Universität Osnabrück) schwingt nicht nur eine aktualisierende Lutherrezeption mit, sondern ein theologischer Weg, der erst langsam, aber dann umso intensiver in eine sich interreligiös weitende Religionspädagogik im Sinne einer Friedenspädagogik und Werteentwicklung führt. 
  • Reiner Preul (Universitäten Tübingen und Marburg, bis 2005 an der Universität Kiel) gehört zu denjenigen Lehrern der Praktischen Theologie, die sich für eine „bildungstheoretisch fundierte Religionspädagogik“ stark machen.
  • Die den Religionsunterricht in Niedersachsen theoretisch wie praktisch mitprägende Lehrerin Anna-Katharina Szagun (1992–2005 Universität Rostock), auch aus einem Pfarrhaus stammend, erzählt ihre „vielfältig gebrochene“ Biografie (S. 342), darin die entscheidende Begegnung mit Dorothee Sölle (S. 342) und Aufbrüche hin zu pädagogischen Konzepten, die mit dem übenden Vollzug unmittelbar zusammengespannt werden. 
  • Auch Wolfram Weiße (Leiter der Akademie der Weltreligionen, Hamburg) kann auf Lehrererfahrungen zurückgreifen. Sie bestimmen den schon lange in der Hansestadt Lebenden wesentlich unter den Gesichtspunkten den Multikulturalität und der interreligiösen Erziehung. So öffnet sich für ihn der Horizont zu einem internationalen und dialogoffenen Christentum, im Sinne einer friedensengagierten Ökumene der Religionen. 
  • Zum Schluss beschreibt Rainer Winkel, der Gründungsrektor der Freien Schule Essen und der faktisch gescheiterten Reformschule, der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck, seine durch diese Ereignisse geprägte pädagogisch-religiöse Entwicklung. In seiner Lebensbeschreibung schwingt trotz mancher Rückschläge ein kindliches, aber keineswegs einfallsloses Gottesvertrauen mit. Es ist ein Vertrauen, das durch die Aufklärung ging und die Hoffnung zum Lebensprinzip macht.
Bilanz: Mit diesem 4. Band liegt nicht nur ein spannendes Mosaik engagierter katholischer und evangelischer Religionspädagogen vor. Vielmehr zeigt gerade die Vielfalt der auch unterschiedlich geschriebenen Lebenseindrücke die innovative und reformerische Kraft für eine dialogoffene Religionspädagogik und -didaktik, die aus der reflexiven Bearbeitung des eigenen Lebensweges erwachsen kann. Das ist sicher nicht nur für die Autoren aufschlussreich, die diese biografischen Skizzen geschrieben haben, sondern auch für jene, die aus dieser Lektüre Anregungen und Orientierungshilfen für eigenes Unterrichten in Kirchengemeinde, Schule und Hochschule gewinnen wollen. Religionspädagogische Konzepte leben offensichtlich nicht nur von der systematisch-didaktischen Kraft ihrer Autoren, sondern auch von der Reflexion des eigenen Lebensweges.
                                                                                                                                                                                          
Auf der INTR°A-Rezensionsseite „Ein-Sichten“ wurde bereits besprochen:  
Horst F. Rupp / Klaas Huizing (Hg.): Religion im Plural.   
Forum zur Pädagogik und Didaktik der Religion Bd. 3. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011    

Reinhard Kirste
Rz-Rupp-Relpäd, 27.05.2012 

Montag, 21. Mai 2012

Religion und Gewalt als Thema des Unterrichts


Bundeszentrale für politische Bildung (bpb Hg.): Religion und Gewalt. Themenblätter im Unterricht Nr. 17, Frühjahr 2002, 10 S. 

Ankündigungstext der bpb: "Die großen Religionen wurden zu allen Zeiten zum Guten gebraucht und zum Schlechten missbraucht: Am Beispiel des Nahost-Konfliktes können diese Zusammenhänge verdeutlicht werden."
Die hier vorgestellten Arbeitsblätter bieten Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeit, anhand ausgewählter Beispielaufgaben den Themenschwerpunkt Nahostkonflikt im Unterricht behandeln zu können.
Zu Beginn erfolgt eine kurze Charakterisierung der verschiedenen Weltreligionen bezüglich ihrer vermeintlichen Universalansprüche. Im Anschluss findet ein kurzer geschichtlicher Abriss sowohl des Christentums als auch des Islam statt, in welchem wichtige Jahreszahlen und Begebenheiten genannt werden.

Die Definition des Begriffes Fundamentalist schließt daran an und führt zur ersten Arbeitsaufgabe. Es werden viele Fakten zum bestehenden Konflikt zwischen Israel und Palästina in loser Reihenfolge aufgeführt. Diese sollen von den Schülerinnen und Schülern nach ihrer subjektiven, respektive objektiven Aussagekraft in zwei entsprechenden Spalten geordnet werden. Unter Berücksichtigung dieser Aspekte soll dann ein Rollenspiel stattfinden, in welchem die beiden Konfliktparteien mit den jeweils für sie passenden Argumenten diskutieren können.
Die Problematik dieser Aufgabenstellung wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, wie lange der Nahostkonflikt eigentlich schon schwelt und wie verschachtelt die Situation sich darstellt. Anhand einiger Stichpunkte kann der immensen Tragkraft und Hartnäckigkeit der realen Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern nämlich nicht adäquat Rechnung getragen werden. Zu differenziert fallen bei näherer Betrachtung die Positionen der beiden streitenden Parteien aus, als dass ein ordentlicher Zugang nur anhand einer Arbeitsaufgabe ohne konkretes Hintergrundwissen erfolgen könnte. Daher ist es unabdingbar, im Unterricht zunächst eine Einführung in das Thema Nahostkonflikt abzuhalten. Ohne eine ungefähre Kenntnis der Standpunkte beider Parteien dürfte es den Schülerinnen und Schülern schwerfallen, die auf dem Arbeitsblatt genannten Argumente nachvollziehen oder gar zuordnen zu können.
Es folgt das Gedicht „Nur“ des deutschen Schriftstellers und Journalisten Eugen Roth (1895-1976). Zu diesem gesellt sich eine Karikatur, welche von den Schülerinnen und Schülern nachfolgend unter anderem auf ihre Intention untersucht werden soll.
Die letzte Aufgabe des Arbeitsblattes markiert eine Auseinandersetzung mit dem Prinzip der „Goldenen Regel“. Diese taucht, unterschiedlich formuliert, in allen Weltreligionen auf. Es gilt herauszufinden, welche dieser Formulierungen am sinnvollsten erscheint und die Entscheidung dann auch zu erörtern.
Die Aufgabenstellung nötigt in diesem Fall keine grundlegenden Kenntnisse ab, sondern fordert von den Schülerinnen und Schülern vielmehr eine intuitive Wahrnehmung. Indem sie darstellen, warum sie sich für diese oder jene Version der goldenen Regel entschieden haben, bereiten sie den Boden für eine daran anschließende Diskussion rund um die sozialen und ethischen Prinzipien der entsprechenden Religion. Die Entscheidung soll dabei durchaus auf Grundlage persönlicher Erfahrungen erfolgen, da sich die Kinder und Jugendlichen auf diese Weise selbst einen Zugang zur Thematik legen können.
Zusammenfassend betrachtet fällt die Qualität dieser Themenblätter „durchwachsen“ aus. Die geschichtlichen Abrisse von Christentum und Islam geben ein zu sehr reduziertes Bild, um das zu behandelnde Thema zu vertiefen. Es fällt außerdem schwer, eine Beziehung zwischen den beiden Themenkomplexen Nahostkonflikt und „Goldene Regel“ herzustellen. Die Zusammenstellung erscheint ohne Vorkenntnisse etwas willkürlich. Somit können die gestellten Aufgaben nicht von vornherein als eine Einheit behandelt werden. Das Arbeitsblatt sollte erst herangezogen werden, wenn die Schülerinnen und Schüler bereits mit der Geschichte des Nahostkonfliktes vertraut gemacht wurden.
Die „Goldene Regel“ hingegen erscheint als generell gute Hinführung zu einer Diskussion im religiösen oder ethischen Kontext. Doch auch zur Vertiefung kann sie dienen, indem man, beispielsweise den Nahostkonflikt, auf ein etwaiges Vorhandensein des in der Regel aufgestellten Prinzips untersucht.
Sascha Göddenhoff
Im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund (SoSe 2012):
„Theorie und Praxis der Religionen bei Krieg und Frieden“
Rz-bpb-Krieg-Frieden-Göddenhoff, 21.05.12

Dienstag, 15. Mai 2012

Christentumsgeschichte - ein Blick auf die Kreuzzüge


Michel Clévenot: Im Herzen des Mittelalters.
Geschichte des Christentums im XII. und XIII. Jahrhundert.
Aus dem Französischen von Kuno Füssel.
Luzern: Edition Exodus 1992, 302 S., Glossar --- ISBN 3-905575-58-2
Der Autor, französischer Theologe und Kirchenhistoriker Michel Clévenot (1932-1993) ist durch seine sog. materialistische Bibellektüre bekannt geworden. In diesem Kontext hat er eine faszinierende Geschichte des Christentums von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert – sorgsam recherchiert – nacherzählt. Sie erschien auch auf Deutsch in 12 Bänden (1987-1996), ist jedoch leider vergriffen. Hier erschließt sich der „Lauf“ der Geschichte in Geschichten. Sie ergeben am Ende ein faszinierendes, aber auch beunruhigendes und nachdenkliches Mosaik zur Entwicklung und zum Fortschreiten der christlichen Religion unter den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen in Europa.
Im Herzen des Mittelalters: dieser Titel verweist zunächst darauf, dass das 12. und 13. Jahrhundert in der Tat sowohl die Mitte als auch den Höhepunkt des Mittelalters bilden. Hier gewinnt der ökonomische, politische und kulturelle Aufstieg Europas seine feste Grundlage. Das Buch des französischen Kirchenhistorikers ist in 30 Sequenzen aufgeteilt, von denen jede einer Person oder einem Ereignis gewidmet ist, die als wenig bekannt gelten oder unter anderen Gesichtspunkten als den üblicherweise gewählten dargestellt werden.
Schwerpunktbetrachtung: 12. Sequenz:
Der vierte Kreuzzug gerät auf Abwege: die Einnahme von Konstantinopel, 12. April 1204

Als Innozenz III. – erst 37jährig – im Januar 1198 zum Papst gewählt wurde, bereitete ihm vor allem die Lage der Christenheit im Orient große Sorgen. Er wollte die lateinische und die griechische Kirche wieder miteinander versöhnen und die Vormachtstellung Roms sowie seinen eigenen Anspruch als deren Oberhaupt festigen.
Die Erfolge des ersten Kreuzzuges, genau hundert Jahre zuvor, der Fall Jerusalems und das Scheitern des dritten Kreuzzuges waren für ihn eine ständige Mahnung. Im August 1198 rief er zu einem neuen Kreuzzug auf und sandte bedeutende Kirchenmänner aus, um dafür zu werben. Sie forderten jedermann auf, für Christus ins Heilige Land zu ziehen – nicht jedoch den Kaiser. In ihm sah die Kirche ihren Widersacher. Der Papst erhob außerdem eine Kreuzzugsteuer, die alle Geistlichen und selbst die sonst von allen Abgaben befreiten Klöster zu zahlen hatten.
Der Aufruf fand jedoch nicht die Begeisterung wie in früheren Zeiten. Einige Grafen im Norden Frankreichs schickten sich schließlich an, mit der durch Handel reich gewordenen Seerepublik Venedig in Verbindung zu treten, damit die Venezianer mit ihren Schiffen den Transport der Kreuzfahrer über das Mittelmeer übernähmen. Es wurde mit einem Heer von 38 000 Mann gerechnet. Für die Schiffe, Besatzung und die Verpflegung verlangten die Venezianer 85 000 Mark in Silber. Als sich jedoch zum vereinbarten Zeitpunkt, im Jahre 1202, das Heer in Venedig einfand, zählte man nur ein Drittel der vorgesehenen Truppenstärke, und vor allem hatte man nur 50 000 Silbermark zusammenbekommen. Wie sollten die Venezianer für ihre Dienste bezahlt werden?

Das politische Oberhaupt Venedigs, der 90jährige Dodge Dandolo, schlug angesichts der leeren Kasse vor, die Kreuzfahrer sollten zunächst die 1186 von den Ungarn besetzte Stadt Zara für seine Republik zurückerobern, dann könnte Venedig großzügig sein. Obwohl es an warnenden Stimmen nicht fehlte, ließen sich die Kreuzfahrer auf dieses Angebot ein. Ende November 1202 eroberten sie Zara. Der Papst schloss daraufhin das gesamte Heer aus der Kirche aus. Die meisten Kreuzfahrer störte das wenig, sie überwinterten in der nun wieder venezianischen Stadt. Im Frühjahr 1203 brachen die Kreuzfahrer in Richtung der byzantinischen Hauptstadt auf. Die Venezianer förderten das Unternehmen, denn sie wollten ihre Stellung als Handelsmacht im östlichen Mittelmeer auf Kosten von Ostrom ausbauen.

Obwohl es auch diesmal nicht an Widerspruch mangelte, gingen die Kreuzfahrer in der Nähe von Konstantinopel vor Anker und forderten von der Stadt die Zahlung von „Schutzgeldern“. Als diese ausblieben, begann am
12. April 1204 der Sturm auf Konstantinopel. Es folgten drei Tage des Plünderns und des Mordens. Unschätzbare Kunstwerke wurden für immer vernichtet oder geraubt. Die berühmten Bronzepferde (Quadriga) wurden nach Venedig geschafft, wo sie noch heute auf dem Markusdom zu sehen sind. Mehr als die Hälfte der Beute ging nach Venedig. Dann begannen die Gewalthaber, auch das Byzantinische Reich unter sich aufzuteilen. Der Kaiser war geflohen. Ein neugewählter lateinischer Kaiser, Balduin von Flandern, erhielt ein Viertel des Reiches. Die anderen drei Viertel wurden zwischen Venedig und den Kreuzfahrerstaaten aufgeteilt; in Griechenland entstanden jetzt lateinische, also fränkische Fürstentümer. Venedig bemächtigte sich vor allem der Dalmatinischen und der Ionischen Inseln.

Damit begründete die Seerepublik ihre Vormachtstellung im östlichen Mittelmeer. Der byzantinische Adel errichtete jenseits des Bosporus die Kaiserreiche Nicaia und Trapezunt. Die Dornenkrone Christi – oder was man dafür hielt – wurde an die Venezianer verpfändet, und diese vermachten sie dem französischen König, Ludwig dem Heiligen. Er ließ für sie in Paris eine herrliche gotische Kirche errichten, die Sainte-Chapelle.

„Im Namen des Kreuzes stürzten sie ruchlos das Kreuz“

Michel Clévenot bietet dem Leser in dieser 12. Sequenz einen sachgerechten Einblick in die Geschichte des Vierten Kreuzzugs. Eindrucksvoll wird hier geschildert, wie die Erstürmung und Plünderung der Stadt Konstantinopel zu einer der beschämendsten Episoden der gesamten Kreuzfahrerära wurde. Eine Untat, von der sich das byzantinische Reich nie wieder ganz erholen sollte.
Durch die Gräueltaten bei der Plünderung blieb das Verhältnis der orthodoxen Christen zu Westeuropa teilweise bis in die heutige Zeit gestört. Obwohl der Papst die Ereignisse im Nachhinein auf das Schärfste verurteilte, wurde der Graben zwischen katholischer und orthodoxer Kirche nun unüberwindbar.
Jos Van Woelk und Sebastian Kloten
im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund zum Thema
„Theorie und Praxis der Religionen bei Krieg und Frieden“, Sommersemester 2012

Donnerstag, 10. Mai 2012

Die Bibel interreligiös lesen – Ungewöhnlicher Umgang mit “heiligen” Texten

Inzwischen ist auch eine niederländische Übersetzung unter dem Titel "De tolerante Bijbel" (Kampen, NL: Kok 2009 ) auf dem Markt.
Sie ist ergänzt durch einen Beitrag über wunderbare Geburten: Krishna – Buddha – Jesus sowie einem Vorwort von Drs. Ari van Buuren – mit Vorstellung des Buches (in Englisch).
 
In der Rezension von Gerhard Kracht werden besonders die erweiterten Verstehensmöglichkeiten betont, die solche interreligiöse Zugänge eröffnen.

Thomas Würtz dagegen betont in seiner Besprechung stärker die Herausforderung auch für eine koranische Re-Lektüre, die durch eine interreligöse Hermeneutik der Bibel angestoßen wird.

Das stärker unterrichtspraktisch ausgerichtete Heft der Iserlohner Con-Texte (ICT 18):
Gespiegelte Wahrheit. Biblische Geschichten und Kontexte anderer Religionen 
(Download PDF 1,6 MB) ---- lädt ein, diesen interreligiösen Ansatz weiter zu verfolgen und unterrichtspraktische Umsetzungen zu versuchen.

Mittwoch, 9. Mai 2012

Gotthold Ephraim Lessing: Die Möglichkeit eines friedvollen Miteinanders der Religionen


Karl-Josef Kuschel: Im Ringen um den WAHREN RING. Lessings "Nathan der Weise" - eine Herausforderung der Religionen. Ostfildern: Patmos 2011, 232 S.
--- ISBN 978-3-8436-0031-6
2004 hatte der katholische Theologe Karl-Josef Kuschel bereits das Buch geschrieben "Jud, Christ und Musumann vereinigt"? Unter dem Titel "Im Ringen um den WAHREN RING" ist es 2011 als überarbeitete Neuausgabe wiederum erschienen. Die Hoffnung auf eine Versöhnung der Religionen und des friedvollen interreligiösen Zusammenlebens ist eine extrem wichtiges Element für die Zukunft der Menschheit. Das  bewegte den Aufklärer Lessing und dafür steht sein Schauspiel "Nathan der Weise".
Diese Hoffnung treibt auch Karl-Josef Kuschel um. Aber es stehen harte Realitäten einer solchen Vision entgegen. Der Slogan vom "Kampf der Kulturen" scheint dem friedlichen Wettstreit auf der Suche nach der Wahrheit kaum eine Chance zu lassen. Darum ist die Erinnerung an Lessings "Nathan" heute um so nötiger.  Aktive Toleranz und "vorurteilsfreie Liebe" gegennüber den "Anderen" hat verändernde gesellschaftliche Kraft.
Ausführliche Besprechung: hier

Freitag, 4. Mai 2012

Zukunftshoffnungen für den interreligiösen Dialog


Wilfried Oertel: Wie einen wärmenden Mantel. Zukunftsfähiger Dialog statt Abgrenzung in der interreligiösen Begegnung.
Veröffentlichungen des Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts, Band 11.
Nordhausen: Bautz 2011, 172 S., Abb. ---
ISBN 978-3-88309-100-6

Wilfried Oertel, evangelischer Pfarrer und seit Jahren im interreligiösen Dialog engagiert, hat hier eine Art Zwischenbilanz gezogen. Seine Vision ist die Einheit der Religionen in Vielfalt. Das Zusammenleben zwischen Menschen verschiedener Religionen ist dafür der Prüfstein. Aus diesem Grunde hatte er im Rahmen des deutschlandweiten Projekts der katholischen, evangelischen, orthodoxen Kirchen sowie jüdischer und muslimischer Organisationen "Weißt du, wer ich bin?"1 mitgearbeitet. Er entwickelte interreligiöse Begegnungsprojekte an zwei Schulen der sauerländischen Kleinstadt Meschede. Diese wurden von der islamischen und christlichen Seite getragen. Das erste Modell „Offene Türen machen reich“ stand unter dem Stichwort der Gastfreundschaft und Entdeckungen in Synagoge, Kirche und Moschee, verbunden mit grundlegenden Fragen des Glaubens. Das zweite Modell nahm bei den Begegnungen die Gotteshäuser des Andern in Augenschein „Mein Gotteshaus – Dein Gotteshaus“, wiederum verbunden mit konkreten Besichtigungen und Gesprächen vor Ort. Immer gab es abschließend Reflexionen im Sinne einer „Integration durch Begegnung.“


Die vorlaufende Praxis interreligiöser Begegnung besonders aus dem Schulalltag heraus hat Wilfried Oertel bewogen, die theologische Basis seines Handelns zu prüfen und diese an den offiziellen Äußerungen kirchlicher Gremien zu spiegeln. Die Bibel selbst gibt genügend multireligiöse Anregungen. Das zeigen Geschichten wie die Flucht des Mose nach Midian, die Flucht des Propheten Jona und seine Predigt gegen die Stadt Ninive, Jesajas Botschaft von der Erkenntnis für alle, Jesu Heilung der Tochter einer Kanaaniterin, die Begegnung von Petrus mit dem römischen Hauptmann Kornelius und schließlich in der Theologie des Paulus ein Gottesverständnis, das Unterschiede aufhebt.
Was biblisch ermutigend ist, schien kirchlich auch neue Begegnungsmöglichkeiten zu eröffnen. In diese Hoffnungszeichen fließen bei Oertel Erfahrungen aus der westfälischen und rheinischen Kirche ein. Der Titel des Buches, ein Zitat aus den Tagebüchern von Max Frisch, wurde in der Hauptvorlage der Evangelischen Kirche von Westfalen 1992 „In einem Boot“ gewissermaßen als Dialogempfehlung ausgegeben. Gerade auf der mittleren Ebene zwischen Gemeinde und Kirchenleitung hat sich über die Jahre hinweg ein Netz von dialogoffenen Beauftragten des christlich-islamischen Dialogs entwickelt, das zu einer Reihe von Grenzen überschreitenden Äußerungen und Stellungnahmen führte. Auf der „höheren“ Ebene der Evangelischen Kirche in Deutschland (wirkte sich die Dialogarbeit in den Landeskirchen allerdings nur bedingt aus. Hervorzuheben sind immerhin die Handreichungen: „Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland“ (2000), allerdings bereits weniger ermutigend „Klarheit und gute Nachbarschaft“ (2006). Auffällig ist, dass es auf den Brief der 138 international bekannten muslimischen Theologen mit „A Common Word“ (2007) bis heute keine offizielle Stellungnahme der EKD gibt.2
Den vorgestellten Handreichungen wird je länger je mehr eine beunruhigende Rückwärtstendenz bescheinigt: „Es lässt sich also festhalten, dass den erstarkenden islamistischen Tendenzen … eine Tendenz des Rückzugs auf traditionelle theologische Positionen auf der Leitungsebene der EKD entspricht und die konservativen Stimmen die theologische Konzeption im Dialog bestimmen. Aus anfänglichen Grenzgängern sind Grenzwächter geworden“ (S. 89). Dabei ist zu berücksichtigen, dass das, was für den christlich-islamischen Dialog gilt, auch die jüdische Seite besonders in der Christologie und in der Mission mit betrifft. In manchen – auch offiziell-kirchlich-theologischen Äußerungen bis in die Gegenwart – zeigt sich jedoch noch immer der eher verklausulierte Vorwurf der Ablehnung Jesu als Messias und des kompliziert anzusehenden Christuszeugnisses gegenüber den Juden. Allein die Evangelische Kirche im Rheinland hat den Gedanken der Judenmission konsequent ad acta gelegt. Oertel bezieht sich dazu auf den rheinischen Synodalbeschluss von 1980 und das daraus abgeleitete Weiterdenken im Verhältnis von Christen und Juden im Jahre 2009.
Dialog ja, aber bitte nicht auf der Ebene der Gleich-Wertigkeit der Religionen. Die kirchlichen Abgrenzungsmechanismen führt Oertel letztlich an der Trinitätslehre vor. In den neutestamentlichen Aussagen lassen sich zwar triadische Aussagen entdecken, aber keine Trinität. Vielmehr spielt die heilsgeschichtliche Bedeutung Jesu die zentrale Rolle. Die Verbindung der Christologie mit der Trinität und deren Dogmatisierungen sind das Ergebnis eines kirchlichen Rezeptionsprozesses, für die die Synoden von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) als Orientierungsmarken stehen.

Wilfried Oertel „rahmt“ seine hoffnungsvollen praktischen und seine dogmatisch kritischen Überlegungen mit künstlerischen Impulsen ein – im Sinne von Visionen. Sie stammen von der israelischen Künstlerin Tova Heilprin mit der Skulptur „One“ und dem zukunftsträchtigen Ausblick auf Kirche und Minarett in Chania (Kreta). Das im Bild erkennbare Baugerüst am Minarett wird zum Symbol und zur Hoffnung für Baufortschritte im christlich-islamischen Dialog trotz aller Störmanöver aus dogmatisch abgesicherten Trutzburgen beider Religionen. Oertels Buch schlägt dazu eine klärende Schneise. 
                                                                                                  Reinhard Kirste
 Anmerkungen
1)  Das von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) koordinierte Projekt ist inzwischen ausgelaufen.  Die meisten Materialien sind jedoch weiter erhältlich: http://www.oekumene-ack.de/Meldung.49.0.html?&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=418&tx_ttnews[backPid]=7

2)   Vgl. dazu die Zusammenstellung der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)
      – eine Dokumentationsstelle der EKD – in: EZW-Texte 202 (2009):
http://www.ekd.de/ezw/Publikationen_1935.php