Samstag, 28. Juli 2012

Der Philosoph William James: Zwischen vernünftigem Glauben und religiöser Erfahrung


Thörner, Katja: William James' Konzept eines vernünftigen Glaubens auf der Basis religiöser Erfahrung.
Münchener philosophische Studien, NF Bd. 29.
Stuttgart: Kohlhammer 2011, 240 S., Register
zugleich Diss. 2009/2010
an der Hochschule für Philosophie, Philosophische Fakultät SJ, München
--- ISBN 978-3-17-021718-8 --- 
 Ausführliche Besprechung
Die hier vorliegende Dissertation bezieht sich schwerpunktmäßig auf einen philosophischen Bestseller aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts: „The Varieties of Religious Experience“ sowie „The Principles of Psychology“ von William James (1842-1910), der mit seinen philosophischen Vorlesungen insbesondere ein junges Publikum begeisterte. Hintergrund dieser Begeisterung dürfte die Tendenz in James‘ Denken gewesen sein, den Dogmatismus in die Grenzen zu verweisen. Das gilt sowohl für den Theismus wie für einen überbordenden Rationalismus. Denn dieser amerikanische Psychologe und Philosoph hat sich dadurch einen Namen gemacht, dass er seine rationalistisch angelegte Welterklärung weder monistisch noch dualistisch aufbaute, sondern einen metaphysischen Pluralismus favorisierte und mit religiöser Erfahrung verband. Das wäre dann ein erweiterter Vernunftbegriff, der mit Überlegungen einhergeht, dass die Welt kein Uni-versum, sondern ein Multi-versum ist, in dem das Individuum einen entsprechenden Platz findet.

Die Autorin, Leiterin der Forschergruppe „Religion in bioethischen Diskursen“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München, möchte nun zeigen, „dass James‘ Entscheidung, die Religion von der Ebene subjektiver Erfahrungen religiöser Individuen her zu betrachten, nicht als Plädoyer für die Privatheit der Religion zu verstehen ist“. Sie hebt vielmehr hervor, „dass in James‘ Verständnis des Menschen als einem sich selbst überschreitenden Individuum ein zentraler Schlüssel für das religionsphilosophische wie das metaphysische Denken von James liegt“ (S. 17). Sein Interesse zeigt sich darin, aus metaphysischen Vorgaben und der Pluralität der Erfahrungen die Realität eines personalen Gottes in Betracht zu ziehen. Damit erweitert er einen eingegrenzten Vernunftbegriff so, dass religiöses Leben und entsprechende Überzeugungen des Glaubens sich auch rationalen Nachfragen stellen müssen, ohne religiöse Erfahrungen auszublenden.
In fünf Schritten versucht Katja Thörner nun, die durchaus divergierenden Elemente „vernünftiger Glaube“ und „religiöse Erfahrung“ so miteinander in Verbindung zu bringen, dass zum einen ethisch-existentielle Aspekte in den Vordergrund kommen und sich Glaube sowohl „vernünftig“ wie vom Willen her beschreiben lässt. Sie untersucht darum besonders ausführlich James‘ empirische Grundlagen des Glaubens, und zwar im Blick auf das Selbst und das Ich. Schließlich zeigt sie an der Kritik, die James gegen den (verderbten) Intellektualismus vorbringt, dass der Weg zu einem endlichen Gottesverständnis in ein pluralistisches Universum gehört.         
Bei aller Personalität Gottes wird allerdings nicht nur eine pluralistische Weltanschauung bei James sichtbar, sondern zugleich ein pluralistischer Pantheismus, der allerdings unterschiedlich und durchaus begrenzt in Erscheinung tritt. Katja Thörner hebt dazu als Erstes die ethisch-existentielle Dimension des religiösen Glaubens heraus, der eine vernünftige theistische Rechtfertigung braucht, um in „Faith“ eine Verbindung zwischen Wissenschaft und religiösem Glauben willentlich herzustellen. Ferner gewinnt die „Konstruktion“ einer empirischen Grundlage des Glaubens ein erhebliches Gewicht. Dies geschieht im Kontext von „stream of thought“ und einem empirischen, sozialen und spirituellen Selbst – im Gegenüber zu einem konsequenten Idealismus. Dies erlaubt ein personales Selbst auszubilden ohne substantiellen Seelenbegriff, aber mit supranaturalistischer Weltanschauung. Im nächsten Schritt wird die Religion der „Einmalgeborenen“ („once born“ = „healthy mindedness“) gegenüber den durch Konversion hervortretenden „Zweimalgeborenen“ („twice born“) aufgebaut (S. 153f). Letztere führen einen Selbstwandel herbei, ohne allerdings die Übel der Welt beseitigen zu können.
Hier würde wirklich interessieren, ob es eine religionsphilosophische Verbindung nach Indien und in die griechische Mythologie gibt: Auf der ideologischen Ebene zählen nämlich nur die drei ersten „Varnas/Kasten“ zu den „Zweimalgeborenen“, weil diese Menschen besondere Qualitäten im Blick auf das Weltgeschehen haben. Ähnliches gilt übrigens auch von Dionysos, der als Wiedergeburt des Zeus-Sohnes Zagreos angesehen und mit der Lebenskraft des Weinstocks in Verbindung gebracht wird.
Schließlich erfahren die LeserInnen in der Kontinuität des James’schen Erfahrungsbegriffs, wie sich das Absolute zugunsten eines endlichen durchaus personalen Gottes in einem pluralistischen Universum manifestiert und sich so eine pluralistische Weltanschauung positionieren lässt.
Sehr geschickt hat Katja Thörner m.E. die ins Auge fallenden „Ungereimtheiten“ und „widerstreitenden Optionen“ des James‘schen Konzepts aufgenommen, um schließlich die Sache auf den Punkt zu bringen: „Die Annahme der Realität Gottes und damit verbunden die Annahme einer theistisch verfassten Wirklichkeit im Ganzen ist vielmehr als eine konsequente Anwendung des radikalen Empirismus zu sehen, der das Phänomen der religiösen Erfahrung (im engeren Sinne der Umkehr sowie im weiteren Sinne einer fortwährenden Wechselwirkung mit dem Göttlichen im Gebet) als Erfahrung begreift, in der sich ein neuer Bereich der Wirklichkeit eröffnet. Für James ist es rational gerechtfertigt, sich einen helfenden Gott zu wünschen, aber es ist im Wesentlichen die Erfahrung, die Grund für die Annahme seiner Realität liefert“ (S. 221).
Was dieses Buch für die Theologie und auch für den interreligiösen Dialog so anregend macht, ist neben religionspsychologischen und religionsphilosophischen Querverbindungen das von Thörner herausgehobene pluralistische Weltverständnis von James und seine Kritik am Absoluten/„Absoluten Geist“. Dies erfordert eine Auseinandersetzung mit den Fragen:
Inwiefern ist die Kraft des Universums wirklich personaler Natur (vgl. S. 218)?
Und: Könnte sich Personalität gerade angesichts der Komplexität des Universums doch nur als eine relative Hilfskonstruktion herausstellen?
Reinhard Kirste
 Rz-Thörner-James, 28.07.12

Das Institut Kirche und Judentum in Berlin auf dem Weg zur Neubestimmung des christlich-jüdischen Verhältnisses


Markus Witte und Tanja Pilger (Hg.): Mazel tov
Interdisziplinäre Beiträge zum Verhältnis von Christentum und Judentum
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Studien zu Kirche und Israel, Neue Folge (SKLNF), Bd. 1    
Festschrift anlässlich des 50.Geburtstages des Instituts Kirche und Judentum      
Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2012, 581 S., Register
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ISBN 978-3-374-03012-5 ---      


Ausführliche Besprechung: 
1960 wurde an der damaligen Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf das „Institut Kirche und Judentum“ gegründet. Von 1883 bis 1956 gab es an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, der heutigen Humboldt-Universität, das „Institutum Judaicum Berolinense“. Das 50jährige Bestehen des Instituts Kirche und Judentum – nach Integrierung der Kirchlichen Hochschule in die Humboldt-Universität nun ein Teil derselben, war Anlass für ein Jubiläumssymposium, aus dem dieser umfassende Band erwuchs.          
Der Alttestamentler und gegenwärtige Leiter des Instituts Kirche und Judentum, Markus Witte, und seine Mitarbeiterin Tanja Pilger haben daraus eine Festschrift zusammengestellt, in der sich renommierte Bibelwissenschaftler, theologische Systematiker, Judaisten, Kirchenhistoriker, Kunstgeschichtler (die meisten von der Humboldt-Universität = HU) zu Grundfragen und zur Ambivalenz christlich-jüdischer Begegnung quer durch die Jahrhunderte äußern. Sie gehen systematisch und (theologisch) aktualisierend vor und ziehen immer wieder jüdische und christliche Quellentexte heran, aber auch eindrückliche christliche Bilddokumente.


Neben den Laudationes und Grußworten aus christlichem und jüdischem Munde in Kapitel I wird die Fülle des Materials durch die Strukturierung in exegetische Beiträge, historische Beispiele bis zur Gegenwart, kunstgeschichtliche Besonderheiten und Theologisches zum Gottesverständnis sowie ausgewählten Predigten (mit einem kritischen Anmerkungsbeispiel) gebündelt. So ist ein Kaleidoskop von Themen entstanden, das den Facettenreichtum des christlich-jüdischen Dialogs zum Ausdruck bringt, zu dem das Berliner Institut einen wichtigen Beitrag seit über einem halben Jahrhundert leistet. Dieser teilweise disparaten Fülle kann nicht im Einzelnen nachgegangen werden, so dass die Schwerpunktsetzungen des Rezensenten natürlich subjektiv geprägt sind.
Die fünf Exegetischen Beiträge des Kapitels II sprechen Spannungsfelder der Bibelauslegung an. Mit einem alttestamentlichen Schlüsseltext zur Nächstenliebe und der darin zugrunde liegenden Gemeinsamkeit mit dem Verständnis Jesu (im Blick auf Leviticus 19) beginnt Matthias Köckert (HU). Demgegenüber steht eine grundsätzliche Debatte, die Rüdiger Liwak (HU) an der Forderung nach einer eigenständigen jüdischen Bibelwissenschaft herausstellt, wie sie der liberale jüdische Bibelwissenschaftler Benno Jacob (1862-1945) forderte. Dabei sah dieser kaum eine Chance, mit christlichen Bibelwissenschaftlern auf dieselbe Diskursebene zu kommen. Anselm C. Hagedorn (HU Berlin) vergleicht die Hohelied-Interpretationen und Anklänge zweier berühmter und zugleich politisch engagierter Künstler Griechenlands: Den Gedicht-Zyklus „Mauthausen“ von Iakovos Kambanellis (1922–2011) und dessen Vertonung von Mikis Theodorakis (geb. 1925). Rainer Metzner (Universität Leipzig) untersucht an der Jesus-Tradition, an Paulus und dem 1. Petrusbrief unter Schwerpunktsetzung auf Markus 10,26 die Spannung zwischen eschatologisch-apokalyptischem Dualismus und Tendenzen einer Allversöhnung. Schließlich geht Christine Zimmermann (HU) der verbindenden und dennoch abgrenzenden Interpretation von der Kirche als dem neuen Israel im Galaterbrief und weiteren Textstellen der Paulusbriefe nach.
Im wesentlich umfangreicheren Kapitel III: Historische Beiträge stellt Reinhard Flogaus (HU) christliche Texte in hebräischer Sprache aus dem 15./16. Jh. vor (mit Bildbeispielen). Das Verhältnis von Pietismus und Judentum spricht Johannes Wallmann (Ruhruniversität, Bochum) an. Durchaus auch anerkennende jüdische Einstellungen zur Lutherrezeption im 19. Jh. diskutiert Dorothea Wendebourg (HU). Die Schieflage der gesamten Konversionsproblematik im 19. Jh. am Beispiel der Familie Mendelssohn Bartholdy bringt Karl-Heinrich Lütcke (Vorsitzender des Kuratoriums des Instituts Kirche und Judentum, Berlin) zur Sprache. Die Bedeutung jüdischer Philosophie, ebenfalls im 19. Jh., würdigt Yehoyada Amir (Hebrew Union College, Jerusalem). Ferner wird die christliche Palästinawissenschaft an Gustav Dalman (1845–1941) und am jüdischen Forscher Joseph Gedalja Klausner (1874–1958) gewissermaßen über gegenseitige Buchwidmungen gespiegelt (Thomas Willi, Universität Greifswald). Dann wird es ortskundlich konkret im Blick auf die Mayersche Lehrsynagoge in Greifswald –jüdisches Museum oder Lehrschriftensammlung? (Christfried Böttrich, Universität Greifswald). Folkert Seigert (Universität Münster) hebt unter Hervorhebung des Gedankens vom „ungekündigten Bund“ den konsequenten Abschied von der Judenmission durch das Institutum Judaicum Delitzschianum in Münster hervor.
Hartmut Ludwig (HU) zeichnet das Bild von Helene Jacobs (1906–1993) nach – in ihrem Widerstand gegen den Nationalsozialismus und ihrem Engagement für die Judenrettung. Die St. Annen-Kirche in Berlin-Dahlem spielte dabei eine zentrale Rolle im Zusammenhang der Bekennenden Kirche. Diese damals gemachten Erfahrungen führen nach dem 2. Weltkrieg dazu, die allgemeine humane Solidarität durch die christlich-jüdische Solidarität zu vertiefen. Einen der wichtigen Annäherungsschritte bildete die Gründung der Arbeitsgruppe „Juden und Christen“, die sich zum ersten Mal auf dem Ev. Kirchentag in Berlin 1961 vorstellte. Sie blieb allerdings auch nach ihrer Konstituierung als „Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag“ eine von Krisen geschüttelte christlich-jüdische Gruppierung. Der kontinuierliche Wegbegleiter seit der Dahlemer Zeit war übrigens der Theologe Helmut Gollwitzer, der die christliche Solidarität für die jüdische Seite gerade im gemeinsamen Lesen der Bibel immer wieder einforderte.
Der frühere Leiter des Instituts Kirche und Judentum, Peter von der Osten-Sacken (HU), zeigt umfassend auf, wie diese Einrichtung in ihrer (Forschungs-)Arbeit die Solidarität mit dem jüdischen Volk besonders zum Ausdruck bringen wollte und will. Rainer Kampling (FU Berlin) nimmt diesen Impuls auf, die theologischen Wurzeln des Antisemitismus zu beseitigen. Er legt das so an, dass die eigene christliche Auslegung der kanonischen Schriften nur mit einem „Besitzverzicht“, also einem Verzicht auf Deutungshoheit einhergehen kann. Denn Besitzen signalisiert eine Störung des Gottesverhältnisses. Jonathan Magonet (bis zur Emeritierung Direktor des Leo-Baeck-Colleges, London) reflektiert beeindruckende Ergebnisse des neuen dialogischen Umgangs von Juden und Christen anhand der viele Jahre in Deutschland durchgeführten jüdisch-christlichen Bibelwochen.
Die kunstgeschichtlichen Beiträge in Kapitel IV nehmen das heikle Thema der Darstellung von Juden und Judentum unter christlich-heilsgeschichtlichen Gesichtspunkten auf. Es sind allerdings nur drei, allerdings ausgesprochen bemerkenswerte Beispiele: Gerlinde Strohmaier-Wiederanders (HU) sieht sich die Darstellung von Juden in der St. Maria-Magdalena-Kirche Greifswald genauer an und wundert sich über das aus diesem Gesamtrahmen fallende Judenkapitell. Eindeutig polemisch antijüdisch geht es beim Göttinger Barfüßer-Altar von 1424 zu, wie Michael Brocke (Universität Düsseldorf) beschreibt. Erstaunlich dagegen sind mexikanische Wandmalereien aus dem 16. Jahrhundert, die den Einzug der Synagoge vor der Kirche ins neuentdeckte Amerika zeigen und heilgeschichtlich die indigenen Völker (trotz späterer kirchlicher Verbote) dem „Alten Bund“ und damit dem Judentum zuordnen und die nicht-christlichen sibyllinischen Verheißungen auf den Erlöser mit einbeziehen (Margit Kern, FU Berlin). Für die zum Verständnis wichtigen Fotos hätte man sich allerdings eine bessere Qualität bei allen Beiträgen gewünscht.
Kapitel V präsentiert systematisch-theologische Beiträge. Rainer Hauke (HU) ringt sich schließlich zur Erkenntnis durch, dass Juden und Christen an denselben Gott glauben, die Erkenntniswege aber unterschiedlich sind – und der „Gottmensch“ (sic!, S. 470) Jesus Christus konstitutiv für das Christentum und in Abgrenzung zum Judentum bleibt. Das nächste Spannungsfeld umschreitet Notger Slenczka (HU) im Blick auf die Trinitätslehre, deren Anstößigkeit für das Judentum auf der Hand liegt. Er bezieht sich zuerst auf die Position des Wuppertaler Theologen Berthold Klappert, der im Sinne einer christlichen Auslegung des Namens des Gottes Israels eine (christliche) Neubestimmung der Identität Gottes in seinem geschichtlichen Handeln erlaubt. Es ist eine Identitätsbestimmung – so meint Slenczka dann, die „zwischen Stall und Kreuz in dem Gott Israels selbst begründet ist … Die ausgeführte Trinitätslehre hält dabei fest, dass es sich bei dieser Identitätsbestimmung nicht um einen Willkürakt des Menschen, sondern um eine Selbstdefinition Gottes handelt“ (S. 487). Angesichts dieses metaphysischen Höhenfluges kann er dann die bleibende Differenz zum Judentum festhalten. Ob das wirklich dialogisch weiterhilft, muss allerdings bezweifelt werden. Der religionsphilosophisch begründete ethische Universalismus von Hermann Cohen (1842–1918) kommt dann wieder stärker auf den Boden religiöser und ethischer Annäherungen von Judentum und Christentum zurück. Friedrich Lohmann (Bundeswehrhochschule München) zeigt in diesem Beitrag, wie Cohen auf die ethischen Ressourcen der Religionen zurückgreift, die letztlich eine unteilbare Ganzheit bilden (S. 490). Hier erlebt man bereits den beeindruckenden Versuch einer Aussöhnung der Kulturen, die in der Konkretisierung des Liebesgebots, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Zionismus und in dem universalen Verständnis gipfelt, nämlich dass die eine Menschheit (nur) Einen Gott hat, von dem sich keinerlei „Bild“ machen lässt. Schließlich zeigt Wolf Krötke (HU), wie stark Dietrich Bonhoeffer von den jüdischen Psalmen her lebte und sie im Beten, Meditieren und Auslegen faktisch zur inneren Lebensmitte machte, allerdings – wie der schwer auszuräumende Vorwurf lautet – im Sinne einer christlichen „Hypostasierung“ alttestamentlicher Texte (S. 513). Wie dem auch sei, der Anstoß auch für Christen, mit den Psalmen zu leben, hat jenseits der Kritik an Bonhoeffer weiterhin seine Berechtigung.
Was sich im Bonhoeffer-Aufsatz bereits als Impuls für eine christliche Spiritualität andeutet, findet nun im Kapitel VI: „Predigten und ihre Reflexionen“ beispielhafte Realisierungen. Man könnte dieses Kapitel auch überschreiben: „Das andere Predigen“. Martin Stöhr (Universität Siegen) nimmt die biblische Sodom- und Gomorrha-Erzählung (1. Mose 18,20-33) als Beispiel menschlicher Humanität auf, die im „Handel(n) mit Gott“ kulminiert, denn „Menschen werden gerettet, wenn Einzelne oder eine Minderheit sich mutig weigern, sich der Überheblichkeit, der Sattheit oder einer ruhigen Gleichgültigkeit anzupassen“ (S. 534). Einen ungewöhnlichen Predigttext hat Hermann Lichtenberger (Universität Tübingen) ausgewählt: 2. Makkabäer 10,1-8, um in seiner Predigt den christlichen Advent mit dem Chanukka-Tempelweih-Fest zu verbinden. Der Herausgeber Markus Witte nimmt in seiner Predigt zur Bundesschluss-Ansage des Jeremia (31,31-34) Anklänge an den Fußball auf, indem er von dem Vierklang Jeremias redet: „die Tora im Herzen, auf Gott bezogen, Gott erkennen, die Sünde vergeben – das ist mehr als Weltmeister sein“ (S. 547). Da erscheint für die christliche Aktualisierung „Jesus selbst als Gottes Tora“ (S. 548). Nicht christlich harmonisierend, sondern kritisch prüfend, zeigt Thomas Wabel (HU) an Martin Luther, wie Predigten zur Instrumentalisierung benutzt wurden und werden, um sich christlich gegenüber dem Judentum in der eigenen Identität zu stabilisieren („Überheblichkeit der Demut“). Ein „Klassiker“ ist dafür das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18,9-14), der jüdische Werkgerechtigkeit am Pharisäer festmacht und dagegen das christliche Evangelium ausspielt. Durch Überwindung der Typisierungen lassen sich aber alternative Möglichkeiten des Christ- und Menschseins aufzeigen (S. 568f).
Bilanz: Sieht man einmal von den Grußworten der jüdischen Vertreter (Hermann Simon, Walter Homolka und den jüdischen Textbeiträgen ab (Yehoyada Amir, Michael Brocke, Jonathan Magonet), so spiegelt sich in den Ausführungen eine überwiegend christliche Debatte im Kontext ursprünglicher und problematischer Abgrenzung vom Judentum. Christlich-jüdische Begegnung findet – besonders nach dem Nationalsozialismus und der Shoah – unter dringend notwendig gewordenen veränderten theologisch-heilsgeschichtlichen Voraussetzungen statt. Die Spannbreite der Beiträge reicht dabei von der kritischen Betrachtung judenfeindlicher Stereotypen, über weiterhin theologisch-abgrenzende Dialogversuche bis hin zur generellen Neubestimmung des Verhältnisses zum Judentum. Eine wichtige Herausforderung bilden dabei auch jüdische Vordenker wie Hermann Cohen und christlich geprägte Einrichtungen wie das Institut Kirche und Judentum, dem diese Festschrift in ihrer Vielfältigkeit zu Recht gewidmet wurde. 
Das Institut wird weiterhin viel Besonnenheit, aber auch viel Glück („Mazel tov“) bei diesem dialogischen Handeln gebrauchen können.
Reinhard Kirste
 Rz-Mazel tov, 28.07.12

Sonntag, 15. Juli 2012

Buddhistisch-christlicher Dialog - japanische Herausforderungen


MUTO Kazuo (Martin REPP, ed.): Christianity and the Notion of Nothingness. Contributions to Buddhist-Christian Dialogue from the Kyoto School. Translated by Jan van Bragt.
Philosophy of Religion – World Religions Vol. 2. Leiden/Boston: Brill 2012, XIV, 227 S., Auswahlbibliografie, Indices
--- ISBN 978-90-04-22840-5 (auch als E-Buch erhältlich) ---


Der Theologe Martin Repp arbeitete von 1991-2002 in Japan als Stellvertretender Direktor des NCC Centers für die Studien der japanischen Religionen und von 2004 bis 2009 als Professor für religiöse Studien an der Ryukoku-Universität. Seine Forschungsfelder sind neben dem Buddhismus, neue religiöse Bewegungen und interreligiöser Dialog. Er gehört damit auch zu denjenigen Fachleuten, die die Verbindungslinien zwischen Buddhismus und Christentum besonders deutlich markieren können. Er ist Beauftragter der Ev. Kirche von Hessen und Nassau für den Dialog mit den asiatischen Religionen und lehrt als Privatdozent an der Universität Heidelberg.
Mit dieser Publikation stellt er Leben und Werk von MUTO Kazuo (1913-1995) vor, einen wichtigen Vertreter der Kyoto-Schule für Philosophie, der lange Zeit den Lehrstuhl für Christliche Studien an der Fakultät für Literaturwissenschaften der Kyoto-Universität inne hatte und eine wichtige Rolle in der christlichen Theologie Japans spielt (S. 1-53).
Die Anfänge der Kyoto-Schule liegen im frühen 20. Jahrhundert. Man setzte sich zum ersten Mal bewusst mit westlichen Geistestraditionen auseinander und brachte den Begriff des „Nichts“ intensiv ins Spiel. Dabei verstanden es ihre Vertreter wie NISHIDA Kitaro (1870-1945), TANABE Hajime (1885-1962) und NISHITANI Keiji 1900-1990) unter Aufnahme westlicher Begrifflichkeit eine Religionsphilosophie zu entwickeln, die sich besonders gegen christliche Exklusivitätsansprüche durchsetzte. Auch der christliche Theologe YAGI Sei’ichi (geb. 1932) wäre hier zu nennen. Sie alle nahmen in diesem Diskurs in durchaus kritischer Auseinandersetzung buddhistische Konzepte und Erfahrungsgrundlagen auf. So entstand eine eigenständige japanische Religionsphilosophie, die auch den christlich-buddhistischen Dialog auf neue Grundlagen stellte. Als japanischer Christ wehrte sich Muto gegen die von der westlichen Missionswissenschaft entwickelte Entgegensetzung von Evangelium und Kultur sowie die Abwertung der anderen Religionen mit den dahinter stehenden Absolutheitsansprüchen. Inkulturation und interreligiöser Dialog waren für ihn darum zwei Seiten derselben Medaille. Die Auseinandersetzung mit der exklusiv antretenden Dialektischen Theologie, besonders ihrem Hauptvertreter Karl Barth, war damit vorprogrammiert. Indem Muto das Christentum gewissermaßen in den asiatisch-religiösen Kontext hereinholte und entsprechend gestaltete, wandelte sich für ihn das christliche Evangelium in eine universale Religion. Muto war übrigens Schüler von Tanabe und Freund von Nishitani.
Wie schon Martin Repp in der Einleitung als herausragendes Merkmal von Mutos Argumentation heraushebt, ist seine dialektische Methode das „soku“, also die gleichzeitige Interaktion, d.h. die reziproke Beziehung des „one-sive-many und des „many-sive-one“ (S. 38) – und dies nun auch bezogen auf die Begegnung von Buddhismus und Christentum. Damit gelingt eine neue Wahrnehmung des christlichen Glaubens im asiatischen Kontext, die eine erstaunliche Nähe zu Friedrich Schleiermacher und Paul Tillich und eine intensive Auseinandersetzung mit Sören Kierkegaard verrät. Das Eingehen auf die westliche (Existenz-)Philosophie unter Einbeziehung auf die Religionsgeschichtliche Schule des 19. Jahrhunderts und die besondere Beachtung von Kierkegaard und Heidegger lässt sich übrigens in der gesamten Kyoto-Schule feststellen.
Die einzelnen vom Herausgeber ausgewählten Beiträge mit z.T. sich überschneidender Thematik versuchen das gesamte Spektrum der Religionsphilosophie von MUTO Kazuo zu umgreifen:
1.  Problems Facing Japanese Christianity Today:
 Muto ist der Überzeugung, dass der “Gospel of Christ” tief immanent in jedem Zeitalter und jeder Kultur vorhanden ist und also heimisch sein sollte (S. 59). Angesichts der kolonialistischen, imperialistischen und nationalistischen Erfahrungen, besonders nach dem 2. Weltkrieg, muss das Christentum alle Attitüden der Superiorität und Erwählungsmentalität ablegen (S. 65) und sich dem interreligiösen Dialog auf der Ebene der Gleichwertigkeit zu öffnen. Das ist für das multireligiöse Japan besonders wichtig.
2.  Theologism and Religionism:
 
Hier kommt Muto in Abgrenzung zu Karl Barths Religionsbegriff besonders ausführlich auf Schleiermacher und Tillich zu sprechen (S. 75-91). Religion ist für ihn in Konvergenz zu Schleiermacher die Schöpfung aus dem Nichts (S. 80). So betont er bei gleichzeitiger Übernahme bestimmter Begrifflichkeiten Tillichs: „… instead of abiding self-sufficiently within the theological circle, he [sc. Tillich] wants to step outside this circle in order to pursue serious dialogue with the thought, culture and religion beyond this circle“ (S. 88). Religion ist für ihn in Konvergenz zu Schleiermacher die Schöpfung aus dem Nichts (S. 80).
3.  A New Possibility for a Philosophy of Religion:
Was für die Begegnung der Religionen wichtig ist, hat eine ähnliche Bedeutung im interdisziplinären Diskurs von Theologie und (Religions-)Philosophie. In Auseinandersetzung mit dem antichristlichen Atheismus des 19. Jahrhunderts geht es darum, „Theologie nach dem Tode Gottes“ zu formulieren und den atheistischen Nihilismus zu transzendieren. Auf diese Weise kommen Martin Heidegger und Rudolf Bultmann kritisch hinterfragt ins Spiel.          
Denn Entmythologisierung neigt zur „Ent-Mystifizierung“ und zur Ausblendung einer generellen Religiosität, die durchaus ein Ich-Du-Beziehungs-Verstehen einfordert. Denken und Mystik schließen sich nicht aus, wie das Beispiel Paulus zeigt. Im christlich-buddhistischen Dialog zeigt sich besonders, dass die Leere und das Nichts, besonders im Zen-Buddhismus ernst zu nehmen ist.
4. "Immanent Transcendence" in Religion:
Unter Aufnahme von Nishida, Hatano und Tanabe geht es bei der Beziehung Gott Mensch um die Relation zwischen dem Relativen und dem Absoluten. Muto erneuert damit Luthers Aussage vom verborgenen Gott. Es sollte gelingen, die Relativitäten aller Theologien zwischen „natürlich“ und „geoffenbart“ zu durchbrechen und die Vorläufigkeiten des Pilgers als Wegerfahrung aufzunehmen (S. 124). Wenn dann im Sinne von Nishida das Selbst in die Tiefe seiner originalen Quellen zurückkehrt, dann sollten wir am „place of nothingness“ (S. 126) stehen, der das „absolute Nichts“ ohne jeglichen Gegensatz ist.
5. Christianity and the Notion of Nothingness:
Im Blick auf die Mystik scheinen sich nun Christentum und Zen-Buddhismus besonders nach zu kommen. Das zeigt sich in der Beschäftigung Mutos mit dem (frühen) Luther, der Mystik des Apostels Paulus im Sinne von Albert Schweitzers Paulus-Interpretation und eines hermeneutischen Umdenkens in Richtung Rudolf Bultmann. Diesem ausführlichen Beitrag ist auch der Gesamttitel des Buches entnommen und zeigt m.E. zusammen mit dem 4. Kapitel die Schlüssel-Themen und -Intentionen von Muto: „I think that also for Christianity it is important not to lose sight of the fact that >nothingness< is not something that must be viewed objectively, but something that has to practisiced subjectively and become self-aware” (S. 155). Dies ist eine Verstehensausrichtung, die in vielem an den Mystiker Heinrich Seuse (1295/97-1366) erinnert.
6. "Watch Your Step!"
In diesem Abschnitt geht es um die Unterscheidung zwischen einer Gottesmystik und einer Christusmystik bzw. Geistesmystik in teilweise vorsichtiger Abgrenzung von der Interpretation der paulinischen Mystik durch Albert Schweitzer, ähnlich wie in Kap. 5. Aber weil Gott Geist ist und dort Freiheit ist, ist dies eine dialektische Freiheit im Sinne von Luthers Freiheits- und Knechtsbegriff, die Muto als „love-qua-nothingness“ interpretiert. Die Grundfragen des Lebens nach dem Woher und dem Wohin reduzieren sich auf den Ort, „where I stand and come to rest“. Alles und „Nichts“ fallen in Eins zusammen – „in the place of >nothingness-in-love<“ (S. 180)
7. Nothingness-in-Love – The Philosophy of Tanabe Hajime and Christianity:
Was Muto im 6. Abschnitt angesprochen hat spielt er nun an der Philosophie von Tanabe so durch, dass dessen Kritik deutlich wird: „… from the beginning Tanabe put himself on a standpoint that was critical and skeptical toward kerygmatic theology“, bezogen auf die Theologie Rudolf Bultmanns (S. 200). Sie versucht er zu „de-kerygmatisieren“, um von Paulus zu Jesus zurückzukehren und so eine zweite dialogfähige Reformation nach Luther auf der Basis einer tieferen Nicht-Religiosität einzuläuten. Das „Heilige“ zu negieren, heißt sich auf das „Nichts“ einzulassen.
8. The Nishida–Tanabe Philosophy and Christianity:
Schließlich betrachtet Muto noch die Philosophien von Nishida und Tanabe in Relation zueinander und zugleich auf das Christentum fokussiert. Tanabe wendet sich vom Christentum ab und dem Zen-Buddhismus stärker zu. Er kommt dann jedoch wieder zum Christentum zurück. Nishidas Philosophie dagegen positioniert sich religionsphilosophisch „hinter“ das mystische Denken, hin zum Nichts („oriental nothingness“, S. 209), das man letztlich von einem christlich-westlichen Standpunkt nicht erreichen kann und das trotzdem als christlich anzusehen ist. Also muss die orientalische Kultur die westliche „umarmen“ (S. 209).
Bilanz:
Die erstaunlich intensive Auseinandersetzung mit westlicher Theologie zwischen existentialer Interpretation und Erfahrungstheologie zeigt, dass die Vertreter der Kyoto-Schule keineswegs eindeutige Lösungen anbieten und die Leser auch in Aporien zurücklassen. Aber es zeigt sich besonders an Mutos sorgsamem Umgang mit japanischer und westlich (überwiegend deutscher) theologischer Begrifflichkeit des 19. und 20. Jahrhunderts, dass gerade die japanisch-buddhistisch geschliffene „Linse“ auf ein dialektisch sich zur Sprache bringendes Christentum erstaunliche Verbindungsmöglichkeiten für einen Verstehens-Dialog ins Blickfeld bringt, der die theologische bzw. religionsphilosophische Begegnung zwischen Christentum und Buddhismus als komplementär notwendig erachtet.



Veröffentlichungen von Martin Repp in der Reihe "Religionen im Gespräch" (RIG)
Reinhard Kirste
Rz-Muto-Repp-Kyoto-School, 15.07.12

Montag, 9. Juli 2012

Sterben und Tod - ein Handbuch mit umfassender Orientierung


Héctor Wittwer, Daniel Schäfer, Andreas Frewer (Hg.): Sterben und Tod
Geschichte – Theorie – Ethik. Ein interdisziplinäres Handbuch.
Unter Mitwirkung von Klaus Feldmann, Udo Tworuschka und Joachim Wittkowski.
Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler 2010, IX, 389 S., 3 Tabellen, Personen- und Sachregister –
ISBN 978-3-476-02230-1

Zum Kulturen und Zeiten übergreifenden Themenbereich „Sterben und Tod“ liegt hier zum ersten Mal im deutschen Sprachraum ein systematisch aufgebautes, geradezu enzyklopädisches Handbuch vor. Es ist ein wissenschaftlich umfassend aufbereitetes Werk, wie im Anhang die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats und die in ihrem jeweiligen Fachgebiet kompetenten Autoren beweisen. Es ist jedoch noch mehr: Ein Orientierungskompendium für all jene, die sich mit den Lebensfragen und Verhaltensweisen an der Grenze zum Tod und für ein mögliches Danach intensiver befassen wollen. Die drei Herausgeber stehen bereits für die systematisierende Vielfalt der im Buch angesprochenen Themen: Héctor Wittwer von der Humboldt-Universität für Berlin konzentriert sich auf philosophische Aspekte, Daniel Schäfer (Universität Köln) und Andreas Frewer (Universität Erlangen-Nürnberg) beziehen sich auf die Medizin-Ethik in Geschichte und Gegenwart. Die Prüfung einzelner Beiträge haben vorgenommen: Klaus Feldmann, Soziologe und Sozialpsychologe (Universität Hannover], Udo Tworuschka, Religionswissenschaftler (Universität Jena) und Joachim Wittkowski, Psychologe (eigene Praxis und Universität Würzburg). Sie sind auch mit eigenen Fachbeiträgen vertreten.


Wissenschaftlich, existentiell bezogen und umfassend intensiv geht es im I. Kapitel um die Darstellungsweisen der wissenschaftlichen Disziplinen: Geschichte, Religionswissenschaft, Philosophie, Medizin, Psychologie und Soziologie. 

Das II. Kapitel beschäftigt sich mit den Grundlagen und Konzepten, bewusst transdisziplinär, und zwar mit dem Sterbeprozess (medizingeschichtlich und psychologisch), dem Scheintod, Koma, Hirntod (medizinisch und philosophisch), den verschiedenen Ursachen des Todes und der Todesfeststellungskriterien, sowie der Berechnung von Sterberaten und der Definition von „Leiche“ (medizinisch und ethnologisch). Aber auch der soziale Tod, die Herausbildung eines Todeskonzepts bei Kindern und die Zugänge der Genderforschung zu Sterben und Tod werden thematisiert. 

Bei den Allgemeinen Haltungen und Umgangsweisen des Kapitels III heben die Autoren die Ritual- und Textgeschichte der Annäherungsweisen an den Tod hervor. Ars moriendi. Furcht und Abwehrstrategien im Kontext der Bewältigung des Sterbens sowie unterschiedliche Einstellungen zum Sterben erfahren in diesem Kontext unterschiedliche religiöse, psychologisch und kulturell bedingte Konnotationen. Dies zeigt sich auch kulturhistorisch und psychologisch an der Trauer(arbeit) sowie an den Bewältigungsstrategien mit Hilfe eines Glaubens an die Fortexistenz nach dem Tod. Auch die Bildende Kunst greift mit ihren Mitteln wesentlich in die Auseinandersetzung um Leiden, Sterbens, Tod und dem Danach ein. 

Die konkreten Ausdrucksformen im Kapitel IV betreffen dann in den Phasen auf dem Weg zum Tod die Patientenverfügung, Sterbebegleitung, die Problematik der aktiven und passiven Sterbehilfe und  der Hospizarbeit sowie der Palliativmedizin. Angesichts des eingetretenen Todes geht es um die Obduktion, Leichenpredigten, die kulturellen Typiken des Sarges und unterschiedlicher Bestattungsformen in Geschichte und Gegenwart. Hier tritt der auffällige Wandel der Moderne besonders hervor. Schließlich finden noch Grabinschriften, Todesanzeigen und die Entwicklungsgeschichte des Testaments gebührende Beachtung. 

Das Kapitel V beleuchtet die unangenehmen und die Öffentlichkeit immer wieder in Beunruhigung versetzenden Elemente von Töten und den Tod erleiden: Abtreibung (geschichtlich, rechtsmedizinisch, medizinethisch), Euthanasie, Kindstötung, Selbsttötung (psychologisch, soziologisch, philosophisch, hier allerdings ohne die sicher auch spannenden geschichtlichen Entwicklungstendenzen seit der Antike), Mord, Todesstrafe (historisch und philosophisch) und die bis heute gängige Hinrichtung. Hinzu kommen die dunklen Seiten der Geschichte zum Thema Massenmord/Genozid. Beim Menschenopfer fallen Entwicklungslinien auf, die den damit zusammenhängenden und sich daraus entwickelnden Formen des Kannibalismus betreffen, aber auch das freiwilligen Lebensopfer (Märtyrer) und terroristische Todesattacken.

Um die Besonderheit und transkulturelle Zugangsweise des Buches aufzuzeigen, sei aus dem Kapitel III das Beispiel „Glaube an eine Fortexistenz nach dem Tod“ (S. 203-214) vorgestellt. Dieser Beitrag des Mainzer Religionswissenschaftlers Marco Frenschkowski untersucht die Entstehung unterschiedlicher Seelen- und Fortexistenzvorstellungen – durchaus als Topographie-Modelle der Anderwelt, die auf den Jenseitsreisen der verschiedenen Völker „angesteuert“ wird. Das geht bis hin zu Kontakten mit den Toten in bestimmten Beschwörungsritualen und der Ethisierung des Jenseits in Gerichtsvorstellungen und den „Raum“-Bildern von Himmel und Hölle. Schließlich werden Auferstehung und Reinkarnationsmuster nebeneinander gestellt und westliche Entwicklungen der jüngeren Zeit im Blick auf die Aufklärung und die Moderne untersucht. Besonders herausgehoben wird am Schluss das religiöse „Zeit“-Konzept der Ewigkeit unter religionsphilosophischen Aspekten.

Was dieses Buch zu einem unerlässlichen Orientierungsbegleiter macht, sind zum Einen die Bearbeitung wichtiger Schlüsselbegriffe und damit entscheidender Fragen, z.B.: Wie sieht humanes Sterben aus? Wann ist ein Mensch wirklich tot? Welche Auswirkungen haben rechtliche Vorgaben gegen Ende und am Ende des Lebens? Warum gibt es Menschenopfer der unterschiedlichsten Art? Zum Andern werden hier nicht nur die religiös-kulturellen, medizinischen, psychologischen, ethnischen Zusammenhänge sowie der rasante Fortschritt in der Medizintechnik aufgegriffen, sondern auch die Veränderung der Umgangsweisen mit Sterben und Tod zwischen Tabuisierung, Verdrängung aus der Öffentlichkeit und Wiederaufbrechen einer neuen Sterbe- und Friedhofskultur mit unterschiedlichen moralischen Bewertungen.
Reinhard Kirste, Rz-Tod-Handbuch, 09.07.12

Sonntag, 1. Juli 2012

Buch des Monats Juli 2012: Philosophie der Religionen als interkultureller Brückenschlag



Johann Figl: Philosophie der Religionen. Pluralismus und Religionskritik im Kontext des europäischen Denkens.  

 Paderborn u.a.: Schöningh 2012, 308 S., Personenregister
  --- ISBN 978-3-506-72448-9

Es gibt eine Fülle religionsphilosophischer Untersuchungen, aber wenige, die sich bewusst auf die Herausforderungen in der jeweiligen gesellschaftlichen Situation einlassen. Johann Figl, Theologe und Religionswissenschaftler an der Universität Wien, sieht in der Pluralität der Religionen die entscheidende Herausforderung:

 „Um … nämlich einerseits (und primär) dem Faktum der religiösen Pluralität, und andererseits zugleich den Problemen des Atheismus und der Religionskritik gerecht zu werden, ist es notwendig, das religionsphilosophische Konzept der Aufklärung … weiterzuführen, und zwar in dem Sinn, dass die neuzeitliche auf das Christentum und Europa zentrierte Verengung überwunden wird“ (S. 11).


Damit ist eine Linie vorgegeben, die zuerst auf die Geschichte und Gegenwart Europas eingeht und dazu eine relativ präzise Definition von „Religionsphilosophie“ bzw. „Philosophie der Religion“ gibt, die nach dem Verständnis von Figl nur eine „Philosophie der Religionen“ sein kann. Hier hat sich im historischen Kontext der Philosophie nun auch Religionsgeschichte und Religionswissenschaft einzuordnen. Die philosophiehistorischen Gesichtspunkte erlauben weiterhin, nicht nur hermeneutisch vorzugehen, sondern auch den religionspluralistischen Aspekt zu betonen: „Wenn Philosophie sich auf die allen Menschen gemeinsame Vernunft bezieht, dann entsteht notwendigerweise die Frage, welche Bedeutung die de facto gegebene Pluralität religiöser Auffassungen haben könnte“ (S. 23). Die geschichtsgeprägte hermeneutische Gewichtung bestimmt letztlich auch die Gliederung des gesamten Bandes von der frühen griechischen Philosophie bis in areligiöser Tendenzen und interkultureller Perspektiven der Gegenwart. 

Im 1. Teil geht Figl der Frage nach dem Wesen des Göttlichen und der Religionskritik in einem polytheistischen Kontext nach. Seine Skizzierung reicht von mythologischen Vorstellungen, über Anaximander, Pythagoras, Xenophanes bis zu Sokrates, Plato und Aristoteles. Genaueres kommt dann im Zusammenhang von hellenistischen Gottesvorstellungen und Weisheitslehren zur Sprache und die Betonung eines religionsgeschichtlichen Pluralismus in der Spannung von Skeptizismus und Neuplatonismus.  

 Der 2. Teil geht dann zum monotheistischen Kontext über mit der Leitfrage: Wie geht christlicher Monotheismus angesichts des Atheismusvorwurfs und polytheistischer Umfeld-Bedingungen vor? Die Logos-Lehre gewinnt hierbei zentral-hermeneutische Kraft im Sinne einer universalistisch geprägten Würdigung resp. Abwertung der Vielfalt der Religionen. Das führt auch in die Apologetik nicht nur gegenüber hypothetischen Atheismen, sondern auch im Blick auf das Verhältnis der drei monotheistischen Religionen untereinander. Peter Abaelards Toleranzschrift hat hier eine hermeneutische Schlüsselfunktion. Damit ist Figl von der Antike ins Mittelalter und der Prägekraft der Gottesbeweise gewechselt. Weiterführend geht er auf Nikolaus von Kues und auf die („vernünftige“) Theismuskritik in der frühen Neuzeit und der Aufklärung ein.  

Wesentliche religionsphilosophische Verände-rungen bringt dann der 3. Teil durch die Deutung der Religionen, und zwar systematisch-philosophisch unter Einbeziehung atheistischer Kontexte. Diese Herausforderungen des 18./19. Jahrhundert machen eine grundlegende Religionsphilosophie nichtchristlicher Religionen notwendig. Hier spricht Figl die Würdigungen des religiösen Pluralismus hauptsächlich bei Kant, Schleiermacher, Hegel, Schopenhauer, Feuerbach, Marx und Nietzsche an. 

Die Religionsphilosophie wird im 4. Teil unter den pluralistischen, interkulturellen und gleichzeitig säkular(istisch)en Vorzeichen des 19./20. Jahrhunderts herausgestellt – zugleich im Kontext von Idealismus, Interkulturalität  und Atheismus. Ausgehend von Friedrich Max Müller, Nathan Söderblom, Otto Pfleiderer, Ernst Troeltsch und Rudolf Otto differenziert Figl in der Religionskritik sowohl im Sinne des kritischen Rationalismus wie des evolutionistischen Atheismus. Wichtig wird ihm dabei, welche Funktion und welchen Stellenwert die außerchristlichen Religionen haben. Dadurch „schwankt“ die Argumentation zwischen religionsphilosophischen, religionswissenschaftlichen und theologischen Zuschreibungen, jedoch gewinnt die Religionsphilosophie zugleich transkulturelle Perspektiven und eine neue Gewichtung in der analytischen Philosophie. Das alles beeinflusst sowohl katholische Denker wie Karl Rahner und evangelische wie Paul Tillich. Die neuere Religionskritik und der sog. neuen Atheismus (Kap. 10, S. 217–236) scheinen bereits in einen spannenden Dialog mit einer skeptischen Religionsphilosophie geraten zu sein, wie das Kap. 11. u.a. an W. Weischedel, W. Trillhaas und W. Dupré zeigt. 

Bilanz: 
Was das Buch von seinem philosophiegeschichtlichen Ansatz und der hermeneutischen Umsetzung in jeweilige Zeitzusammenhänge so spannend macht, ist der Aufbau einer Philosophie der Religionen unter interkulturellen Vorzeichen. Das sind wichtige Fortschritte hin  zu einer pluralistischen Religionsphilosophie (unter Einschluss feministischer Religionsphilosophie). Es sei angemerkt, dass der englische Theologe und Religionsphilosoph John Hick (1922-2012) eine pluralistische Religionstheologie gewissermaßen unter neukantianischen Vorzeichen bereits entwickelt hat. Auf diese gibt es allerdings nur einen Hinweis im Blick im Zusammenhang mit Ludwig Wittgenstein (vgl. S. 248).

Interkulturelle Religionsphilosophie steht damit vor der Frage unterschiedlicher Religionskonzeptionen – mit oder ohne „Erlösungsdimension“ (S.265). Eine Weiterführung muss darum nach Figl so geschehen, dass über die methodologische Ebene hinaus, „Perspektiven für die inhaltliche Behandlung im Hinblick auf verschiedene Kulturräume und philosophische Traditionen“ eröffnet werden (S. 267). Damit nähert sich Figl sowohl den Konzepten einer Praktischen bzw. Angewandten Religionswissenschaft und schafft einen bemerkenswerten Brückenschlag zwischen Religionsphilosophie, Religionswissenschaft und Theologie. Diese Verbindung bedeutet keineswegs, die Differenzen besonders zwischen Asien und Europa zu relativieren. Die geschichtliche Bedingtheit religiöser Vorstellungen erlaubt jedoch keine neutralen Beschreibungen: „Insgesamt kann somit angenommen werden, dass die praxisbezogene Intention der Religionsphilosophie der Aufklärung gerade auch in der Gegenwart ihre Bedeutung hat … in einer globalisierten Welt, in der eine viel größere Pluralität und Komplexität religiöser und weltanschaulicher Auffassungen direkt aufeinander trifft“ (S. 284).
Dank des humanistischen Verständnisses von Toleranz  gewinnt Religionsphilosophie auf diese Weise zugleich einen ethischen Impetus im Blick auf inakzeptable Praktiken, Menschenrechte und Sinnorientierungen.
Reinhard Kirste
Rz-Figl-Phil-Rel, 29.06.12