Montag, 28. Januar 2013

Islamischer Religionsunterricht - Miteinander 1/2 - für die Grundschule



Mouhanad Khorchide (Hg.): Miteinander auf dem Weg.
Islamischer Religionsunterricht 1/2.

Stuttgart: Klett 2012, 97 S., Abb. --- ISBN 978-3-12-006030-7 ---
Ausführliche Beschreibung
Mit der Einführung des Islamischen Religionsunterrichts in Nordrhein-Westfalen hat der Leiter des Centrums für Religiöse Studien an der Universität Münster, Mouhanad Khorchide, auch ein passendes Religionsbuch für die Klassen 1 und 2 vorgelegt. Es wurde mit ihm von einer Reihe kompetenter islamischer und christlicher LehrerInnen und unter religionspädagogischer Beratung u.a. auch durch den bekannten katholischen Religionsdidaktiker Clauss Peter Sajak erarbeitet.
Nun gibt es allerdings bereits einige Schulbücher zum Islamischen Religionsunterreicht, auch für die Grundschule. Offensichtlich wirkt sich hier wie beim christlichen Religionsunterricht die föderative Struktur der Bundesrepublik Deutschland aus. Immerhin hat sich inzwischen mit dem Zentrum für Interkulturelle Islamstudien der Universität Osnabrück ( = Niedersachsen) eine gute Kooperation entwickelt. Vgl. zur Gesamtsituation und zu den Schulbüchern:
http://buchvorstellungen.blogspot.de/2012/04/islamische-schulbucher-und.html

In gewisser Parallelität zur Ev. und Kath. Religionslehre in NRW ist der Islamische Religionsunterricht nun keine (neutrale) Islamkunde mehr, sondern an das religiöse Bekenntnis gebunden. Das wirkt sich natürlich auf didaktische Vorgaben, die Intentionen und die Darstellung aus. Hier ist hervorzuheben, dass die Verfasser wirklich SchülerInnen der beiden ersten Grundschuljahre vor Augen gehabt haben und dies auch in den
11 Kapiteln des Buches bis hin in methodische Feinheiten zum Ausdruck bringen.
Der Weg durch das Buch beginnt mit Identitätsorientierung: Ich, du und wir alle. Dann geht es um Verantwortung für die Schöpfung, Hinführung zu Gott (Allah), das Gebet und ausführlich im Kapitel 7 über den Koran als Lebenshilfe. Der Prophet Mohammed wird natürlich besonders herausgehoben, aber auch der aus der Bibel bekannte Josef (islamisch-arabisch: Yusuf) mit seinen Brüdern und seinem Vater Jakob (Yakub) wird den Kindern nahegebracht. Im Blick auf islamische Lebensstile kommen auch Äußerlichkeiten und Rituale zur Sprache („Allah liebt die Sauberkeit“, Verhaltensregeln beim Essen usw.).
Man merkt dem Buch auch die Offenheit gegenüber anderen Religionen an, was sich besonders im 10. Kapitel zeigt: „Was ich über andere Religionen lernen kann“. Die Nachbarreligionen Judentum und Christentum sollen über Besuche in Synagoge und Kirche vertrauter werden. Dazu gehören das gemeinsame Gebet sowie das Bedenken der vielen Gemeinsamkeiten in den drei monotheistischen Religionen.
Das letzte Kapitel über die Feste hat zwar als Schwerpunkte das Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadans und das Opferfest. Dabei wird eine Linie zu Weihnachten und Ostern gezogen. Ob dabei der Weihnachtsbaum mit den Geschenken und der Schokoladen-Osterhase wirklich für das christliche Verständnis dieser Feste hilfreich sind, muss allerdings bezweifelt werden.          
Auch ein weiteres Klischee scheint noch nicht ganz abgebaut zu sein: Der Islam als Ausländer- und Einwanderer-Religion. Die beiden Kinder Sarah und Bilal sind „Leitfiguren“, die durch das Buch führen und die anderen Kinder ein Stück weit in die islamische Welt mitnehmen. Allerdings sind sie noch richtige Migrantenkinder, deren Eltern aus Ägypten bzw. der Türkei eingewandert sind. Halten wir doch fest: Der Islam ist in Deutschland längst beheimatet, auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen! Wir erleben schließlich bereits die 4. Generation mit „Migrationshintergrund. Übrigens hat schon vor 270 Jahren der Preußenkönig Friedrich d.Gr. den Islam bewusst in seinem Gebiet heimisch gemacht.
Nun zu der Reichhaltigkeit der Bilder: Sie sind keine Illustrationen, sondern haben selbst didaktische Qualität. Das ist umso mehr zu begrüßen, als Kinder des 1. Schuljahrs durchaus noch beschränkte Lesekenntnisse haben, was besonders die Druckschrift betrifft. Die Bilder überzeugen durch ihre dialogische Offenheit und bilden ein ausgesprochen sympathisches islamisches Glaubensverständnis ab. Dies wird allerdings dadurch getrübt, weil im Schulbuch nur das arabische und auch im Türkischen gebrauchte „Allah“ vorkommt und seine deutsche Entsprechung „Gott“ überhaupt nicht benutzt wird. Der Herausgeber Khorchide betont in Vorträgen und Veröffentlichungen immer wieder, dass Juden, Christen und Muslime an denselben Gott glauben. Warum dann durchweg „Allah“ im Schulbuch steht, ohne wenigstens auf die sprachliche Gleichheit zu verweisen, ist schwer einzusehen. Vermutlich wird im 2013 erscheinenden Lehrerhandbuch zu lesen sein, warum man in einem islamischen Grundschulbuch so gehandelt habe, aber das kann dann nicht mehr recht befriedigen. Denn im Schulbuch selbst gibt es ausgerechnet hier keinen weiterführenden Lernimpuls. Beheimatung im eigenen Glauben wird doch nicht dadurch erreicht, dass man in einem deutschen Schulbuch zum Islam konsequent beim arabischen Terminus bleibt. Und Grundschulkinder sind durchaus in der Lage zu erkennen, dass es derselbe Gott ist, wenn ihre Eltern und Großeltern (noch) Allah sagen und selbstverständlich beim Gebet die Anrufungen arabisch sind. So liegt angesichts eines modern sich gebenden Schulbuchs doch die Vermutung nahe, dass die Autoren bei aller Pragmatik, die im Buch durchscheint, auf die vorhandene konservative Klientel zu sehr Rücksicht genommen haben. Schließlich möchte man es ja allen Muslimen recht machen. Eigentlich schade!
Dennoch – bei aller Kritik ist der bekenntnisgebundene Islamische Religionsunterricht ein Stück vorangekommen. Und vielleicht haben die Herausgeber und Autoren den Mut, den Schülern mehr offenes Glaubensverständnis zuzutrauen und Folgebände hier didaktisch konsequenter zu gestalten.
Reinhard Kirste
Rz-Miteinander 1-2, 28.01.13

Dienstag, 22. Januar 2013

Befreiungstheologie - christlich und islamisch



Klaus von Stosch / Muna Tatari (Hg.): Gott und Befreiung.Befreiungstheologische Konzepte in Islam und Christentum.
Beiträge zur Komparativen Theologie, Bd 5.
Paderborn: Schöningh 2012, 285 S., Personenregister  ---
ISBN 978-3-506-77317-3 --- 
Kurzrezension: hier


Ausführliche Beschreibung
Der hier vorliegende 5. Band aus der Reihe Beiträge zur Komparativen Theologie nimmt ein wichtiges Thema auf, das im Christentum und Islam eine herausragende Rolle spielt: Freiheit und Befreiung;
vgl. zur gesamten Reihe die Besprechung in „Ein-Sichten“:
http://buchvorstellungen.blogspot.de/2012/02/zwischen-glaubesngewissheit-und-gewalt.html
Befreiung im Zusammenhang irdischer Gerechtigkeit und göttlicher Erlösung ist in den Grundschriften des Christentums und des Islams fest verankert und ethisch normgebend. Die hier aufgenommenen Beiträge befassen sich nicht nur mit geschichtstheologischen Hintergründen, sondern fragen vielmehr, wie unter den Bedingungen der Gegenwart im Islam und Christentum Theologie als Theologie der Befreiung sich artikulieren kann und muss.


Die Herausgeber, der Paderborner katholische Systematiker Klaus von Stosch und die Islamwissenschaftlerin Muna Tatari (beide am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaft der Universität Paderborn), verweisen schon in der Einleitung auf das emanzipatorische Potential beider Religionen. Im Verlauf der Darstellung wird bei einigen AutorInnen mit geradezu systematischer Wucht deutlich, dass ein solch komparativ-interreligiöser Ansatz aus der Einseitigkeit von Wahrheits- und Absolutheitsansprüchen herausgeführt werden muss. Keine Position kann für sich also Deutungshoheit beanspruchen. So können, vielleicht sogar müssen im Horizont des interreligiösen Dialogs  eigene theologische Positionen verändert werden. Nun handelt es sich hier zugleich um ein höchst brisantes Thema, das dogmatische Verfechter beider Religionen immer wieder in ihrem Sinne und oft genug rückwärtsgewandt auszulegen versuchen. Hinzu kommt, dass nicht wenige der hier zu Worte kommenden Theologinnen und Theologen beider Religionen selbst in befreiungstheologischen Zusammenhängen gegen Rassismus, Unterdrückung und für die Rechte der Marginalisierten für die Armen gekämpft haben und kämpfen.

I.  Unterwegs zu einer islamischen Theologie der Befreiung
Schon der erste Beitrag des südafrikanischen islamischen Theologen Farid Esack lässt aufhorchen: Er gehörte zu den engagierten Gegnern des Apartheid-Regimes. Seine Argumentation ist deutlich: Er vertritt eine gegenwartsbezogene Koranauslegung im Sinne einer islamischen Befreiungstheologie. Diese erfordert eine befreiende Praxis, wie dies übrigens auch in der biblischen Exodustradition zum Ausdruck kommt. Mehr zu Farid Esack:
http://www.rpi-virtuell.net/workspace/CFF7AB46-2FDA-475C-A6C7-3F92D3174C51/Publ-INTR%C2%B0A-Mitgl/Esack-Hermeneutik.pdf
Klaus von Stosch reagiert darauf unter Betonung der hermeneutischen Instrumente, besonders des tawhid ( = Einzigkeit Gottes), die eine solche islamische Befreiungstheologie begünstigen. Shadaab Rahemtullah, kanadischer Muslim, derzeit in Oxford promovierend, setzt sich ebenfalls mit Farid Esack auseinander, indem er die Differenzen im Verständnis biblischer und koranischer Texte heraushebt. Der Schatten eines universale Ansprüche erhebenden (kolonialistischen) Christentums darf jedoch nicht dazu führen, nun muslimische Exklusivität einzufordern.     
Hamideh Mohagheghi (ebenfalls Universität Paderborn) kommt aus der schiitischen Tradition und stellt die iranischen Theologen Mohammed M. Schabestari und H. Mohsen Kadivar einander gegenüber. Sie verweist auf die Bedeutung der Gerechtigkeit in der schiitischen Tradition. Die Autorin kann von daher bei beiden zeigen, in welcher Weise sie sich gegen religiös-politische Absolutheitsansprüche wehren, ohne die Grundgedanken einer islamischen Revolution zu negieren. Schabestari betont stärker die Menschenrechte als einzige sichere Basis für Gerechtigkeit. Die im Koran und in den Menschenrechten zum Ausdruck kommende Freiheit ist Voraussetzung für Glauben überhaupt. Anna-Maria Fischer (ebenfalls Universität Paderborn) setzt im Sinne einer Gesprächsanknüpfung befreiungstheologische Überlegungen im iranischen Kontext fort: Die genannten iranischen Reformtheologen sind offensichtlich Befreiungstheologen, und zwar in der doppelten Ausrichtung, spirituell-mystisch und gesellschaftlich praktisch. Mouhanad Khorchide, in Münster für die islamische Religionslehrerausbildung zuständig, äußert sich insgesamt zurückhaltend über eine Befreiungstheologie und der exklusiven Option für die Armen. Er betont unter Berufung auf den Koran die geistige Befreiung, der die soziale Befreiung korrespondieren muss. Er verdeutlicht dies am arabischen Frühling und der Rolle der Theologie: Glaube und Freiheit gehören generell zusammen. So sieht er die theologische Privilegierung der Armen als Problem, weil im Reich Gottes ja die Armen nicht mehr arm sind. Hier scheint offensichtlich noch Diskussionsbedarf zu liegen, weil das religiöse Engagement für die Armen schließlich unter den Bedingungen der Gerechtigkeit für alle geschieht.
II.  Christliche Theologie der Befreiung in der Gegenwart
Stefan Silber (Sailauf bei Aschaffenburg), exzellenter Kenner der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung, gibt zur Einführung einen Überblick über die Entwicklung und Aktualität befreiungstheologischer Strömungen seit Gustavo Gutiérrez. Diese umstrittene, abgelehnte und bekämpfte theologische Richtung bleibt eine ständige Herausforderung der Kirche, und zwar im Sinne der konsequenten Option für die Armen: Spirituelle Erfahrung (besonders der Basisgemeinden) setzt sich gesellschaftspolitisch um im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Sie nimmt in letzter Zeit jedoch auch bewusst die anderen (teilweise alten) religiösen Traditionen des Kontinents auf, bleibt nach der Meinung des Autors aber insgesamt eine (bewusst) christliche Theologie.
Mit einer religionstheologisch und weiter gefassten und faktisch interreligiösen Intention untersucht der kirchenkritische katholische Theologe und Religionswissenschaftler Juan José Tamayo (Universität Carlos III., Madrid) die Wirkungen der Befreiungstheologie. Sie ist keineswegs tot. Zwar wirft ihr der Vatikan Spaltung, Beleidigung und Anarchie vor, aber das kann die Dynamik dieser Theologie nicht hindern. Denn ihr wohnt ein Wesenselement des Evangeliums glaubwürdig inne: Die Absage an eine Kultur des Habens hin zu einer Kultur der Genügsamkeit. Hier wendet sich kirchlicher Absolutheitsanspruch („Außerhalb der Kirche kein Heil“) zugunsten der Aussage: „Außerhalb der Armen gibt es kein Heil“ (S. 133ff). Nicht der individualisierte Mensch steht im Mittelpunkt, sondern der Kosmos als ganzer mit den Menschenrechten und den Rechten der Erde. Hier entwickelt sich ein Pluralismus mit einer Nähe zu anderen religiösen Traditionen, die in ähnlicher Weise Mitgefühl für die Marginalisierten fordern und sich gegen die Ausbeutung von Menschen und den Ressourcen der Erde wehren. Eine Rückfrage an die sog. 1. Welt kann da nicht ausbleiben.
Die katholische Religionslehrerin Franziska Knob (Köln) zeigt darum ähnlich wie J.J. Tamayo auf, dass der Weg vom isolierenden Individualismus zurück zur Gemeinschaft als eine Kultur der Genügsamkeit gestaltet werden muss, ähnlich wie dies übrigens die Losung des Evangelischen Kirchentags in Hamburg 2013 zum Ausdruck bringt: Soviel du brauchst (2. Mose 16,18). Eine bisher monozentristisch Kirche muss sich erweitern zu einem interkulturellen Christentum, das des Mitgefühls nicht nur fähig ist, sondern dies umsetzt in geschwisterlicher (übrigens nicht nicht nur brüderlicher) Verantwortung (vgl. S. 153f).
Die evangelische Theologin Sabine Plonz (Comenius-Institut und Universität Münster) nimmt ebenfalls die von J.J. Tamayo schon angesprochene Gender-Problematik im christlichen Kontext auf. Sie bezieht sich auf die kritischen Einwände feministischer Autorinnen und betont, dass die Befreiungstheologie noch stärker feministisch werden sollte. Im Sinne von Karl Barth muss solche Theologie zugleich religionskritisch sein. Sie möchte dazu in die Richtung einer interkulturellen Christologie ohne (Herrscher-)Bilder gehen.
Einer solchen kritischen Einschätzung folgt auch die katholische Theologin Anne Weber (Universität Paderborn). Sie versucht in ihrer Antwort auf Sabine Plonz eine Art liberaler systematischer Theologie zu entwickeln, die feministische Ansätze bewusst einbezieht. Sie versucht mit innertrinitarischen und christologischen Kurzreflexionen Differenz und Andersartigkeit religionsdialogisch nutzbar zu machen: „Die Ermöglichung einer befreiten und befreienden Gemeinschaft kann und muss demnach offensichtlich konfessions- und in letzter Konsequenz religionsübergreifend sein, insofern es … um die Gemeinschaft mit allen Menschen geht“ (S. 176.). Ob nicht hier ein religionspluralistisch theo-logischer Ansatz doch hilfreicher wäre?
III.  Kontexte einer Theologie der Befreiung: Spiritualität – Pädagogik – interreligiöse Perspektiven 
Von islamischer Seite hofft Halima Krausen (Imamin, Akademie der Weltreligionen Hamburg) angesichts traditionell geprägter europäischer Muslime auf eine spirituelle Veränderung. Diese sollte es ermöglichen, befreiungstheologische Motive in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vom Verständnis der Einzigkeit Gottes her (tawhid) zu realisieren. Vorbilder aus der Geschichte des Islam gibt es dazu besonders in der mystischen Tradition und auch in hermeneutischen Neuansätzen wie denjenigen von Amina Wadud, Asma Barlas, Farid Esack, Farish A. Noor oder Khaled Abou El-Fadl (S. 192f.).Die katholische Religionslehrerin Katharina Lammers (Universität Paderborn) bezieht sich auf die Betonung von tawhid bei Halima Krausen und macht gegen deren Zuspitzung auf die Einheit Gottes (tawhid) trinitätstheologische Bedenken geltend, als würde mit dem Einheitsgedanken die Vielfalt gefährdet. Darum versucht sie ebenfalls, panentheistische Tendenzen in der Mystik abzuwehren.
Thorsten Knauth (evangelischer Theologe an der Universität Duisburg-Essen), geht die Thematik von der Seite der Religionspädagogik an, in dem er sich für eine Revision der problemorientierten Religionspädagogik einsetzt. Dadurch kann diese im Blick auf die Menschenrechte und den Gedanken sozialer Gerechtigkeit sensibilisiert werden. Für die Religionslehrerausbildung bedeutet dies, dass es um eine „Praktische Theologie der Einmischung“ geht, die als dialogisches Lernen im Religionsunterricht entsprechend umgesetzt werden will, und zwar unter dem Leitmotiv von Barmherzigkeit und solidarischer Verantwortung (S. 217), angesichts „heterogener Kontexte“ (S. 219).
Tuba Işik (Universität Paderborn) führt die Überlegungen Knauths kritisch weiter. Islamische religionspädagogische Konzepte brauchen adäquate Ansätze, um „das überwiegend christliche Ausbildungsmonopol zu überwinden“ (S.228). Religiöse Pluralität muss sich auch im Stundenplan der Schule niederschlagen.
In seinem zweiten Beitrag dieses Buches geht Juan José Tamayo den Befreiungstendenzen beider Religionen nach und zeigt, wie der Friedensgedanke in den jeweiligen Traditionen mehr und mehr Gestalt gewinnt. Das gilt auch im Blick auf eine gerechtere Wirtschaftsordnung, für den Dialog der Kulturen und für feministische Strömungen und deren Hermeneutik. Angesichts patriarchal geprägter Auslegungsgeschichte wird eine Hermeneutik des Verdachts notwendig. Sie ist mit der Relativierung von Schriftenautorität zugunsten der Berücksichtigung gesellschaftlicher, geschichtlicher Umstände verbunden, besonders gegen Frauenunterdrückung und im Sinne einer kreativen Aktualisierung und Stärkung emanzipatorischer Bewegungen. Es geht darum, gerechte, friedvolle, befreiende Ordnungen zu entwickeln, wofür eine Theologie der Religionen einzustehen hat. Mehr zu Tamayo unter: http://textmaterial.blogspot.de/2012/06/eine-andere-theologie-ist-moglich-juan.html
Im Schlussbeitrag stellt die Mitherausgeberin Muna Tatari den „Vater“ der christlichen und den Protagonisten islamischer Befreiungstheologie einander gegenüber: Gustavo Gutiérrez und Farid Esack. Nach einer knappen Positionsdarstellung beider formuliert sie Gemeinsamkeiten und Anfragen, die letztlich um das Verhältnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit kreisen. Wäre es nicht sinnvoll, angesichts von Gottes Nähe im Menschen auch zu denken, dass Befreiung um Gottes Willen geschehen müsste? Das ist ein provozierender Gedanke, mit dem das Buch endet und zum Weiterdenken im christlich-islamischen Gespräch herausfordert.

Wie unterschiedlich die theologischen Denkbewegungen und -konstrukte der einzelnen AutorInnen auch sind, man merkt, dass die adäquaten befreiungstheologischen und feministischen Auslegungsmöglichkeiten von Koran und Bibel noch keineswegs ausgeschöpft sind. Hier aber ist Weiterarbeit dialogisch-theologisch und praktisch-gesellschaftlich notwendig im Sinne der Option für die Armen und für ein konsequentes Engagement, das Gerechtigkeit für alle Menschen einleitet. Die Anstöße aus diesem Buch sollten darum keinesfalls nur dem innertheologischen Diskurs vorbehalten bleiben.
Reinhard Kirste 
Rz-Stosch-Befreiung, 22.01.13

Montag, 21. Januar 2013

Wie tolerant ist der Islam? - Ältere Analysen mit aktueller Brisanz


Walter Kerber (Hg.): Wie tolerant ist der Islam?
Islamwissenschaftler nehmen Stellung.
Gerhard Böwering, Richard Gramlich, Anton Heinen, Arij A. Roest Crollius, Christian W. Troll.
München: Kindt 1991(!), 147 S., Glossar --- ISBN 3-925412-11-5 ---
Der Islam muss als politische und religiöse Kraft ernster genommen werden als das bisher die westliche Welt getan hat. Dies hat besonders die damalige Golfkrise ins Bewusstsein gerufen. Grundlegende Fragestellungen sind u.a, wie der muslimische Glaube das Ungleichgewicht zwischen religiösen Wahrheitsanspruch und humaner Forderung nach Toleranz herstellt. Verschiedene deutschsprachige Islamwissenschaftler des Jesuitenordens geben einen Einblick in die Toleranzbereitschaft des Islams.
Das Buch ist in fünf Themen aufgeteilt, die jeweils von den einzelnen Autoren geschrieben worden ist. Es beginnt mit Gerhard Böwering (Yale University, USA) „Der Islam im  Aufbruch“. Das nächste Thema wird behandelt von Arij A. Roest Crollius (Gregoriana, Rom) „Menschenrechte im Islam“. Dann kommt „Der Blick des Koran auf andere Religionen“ von Christian W. Troll (Hochschule St. Georgen, Frankfurt/M.). Anschließend gibt Arij A. Roest Crollius die „Einführung zum Symposion“. Das letzte Thema behandelt das Rottendorf- Symposion „Die Toleranz im Islam“ mit Diskussionsbeiträgen weiterer kompetenter Gesprächspartner.
Schwerpunktbetrachtung: Toleranz im Islam nach Arij A. Roest Crollius
Um einen Einstieg in das Thema „Die Toleranz im Islam“ von Crollius zu bekommen, definiert der Autor den Begriff „Toleranz“. Seiner Ansicht nach bezieht sich Toleranz auf Haltungen und Verhaltensweisen der verschiedenen Ebenen der menschlichen Beziehungen wie Sprache, Religion usw. (vgl. Crollius. 1991. S. 71). 
Der Autor gibt zwei Gründe an, die im Islam die religiöse Toleranz als Haltung und Praxis erschweren: Erstens politisch und zweitens anthropologisch. Trotzdem stellt er gleichzeitig fest, dass es im islamischen Rechtssystem Toleranz gibt. Dies versucht er mit Versen aus dem Koran zu belegen. Der Autor stellt heraus: „In der Religion gibt es keinen Zwang“ (Sure 2:256). Weiterhin führt er Stellen im Koran an, die aufzeigen, dass die Glaubensüberzeugung eine persönliche Sache ist. „Die Wahrheit von eurem Herrn. Wer nun will, möge glauben, und wer nicht will, möge nicht glauben!“ (Sure 28,29).  Besonders deutlich macht der Autor jedoch die Toleranz im Islam mit zwei Zitaten aus dem Koran. Er schreibt:
„Gleichzeitig wird anerkannt, dass die Menschheit in eine gesellschaftliche Pluralität gegliedert ist: >Ihr Menschen! Wir haben euch geschaffen von einem männlichen und einem weiblichen Wesen, und wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr euch untereinander kennt. Als der Vornehmste gilt bei Gott derjenige von euch, der am frömmsten ist< (Koran 49,13). – Die Anerkennung dieser Pluralität in der Menschheit bedeutet aber auch eine Pluralität verschiedener >ways of life<: >Für jeden von euch haben wir ein Brauchtum und einen Weg bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber er wollte euch in dem, was er [jeder Gruppe von euch] gegeben hat, auf die Probe stellen. Wetteifert nun nach den guten Dingen! Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren< (Koran 5, 48)“ [aaO S. 75].
Durch dieses Zitat versucht er noch einmal auf die Toleranz im Islam hinzuweisen und darzustellen, dass diese schon im Koran enthalten ist. Sie muss nur noch erkannt und als solche auch aufgefasst und realisiert werden. 
Zuletzt bezieht sich Crollius auf die Frage der Hermeneutik. Darin stellt er heraus, dass ein Unterschied gemacht werden muss zwischen Meinungsäußerung und offiziellen Deklarationen. Es muss auch immer geprüft werden, wie repräsentativ solche Äußerungen für den Islam sind.
Recht eindeutig sind die Stellungnahmen im Buch „Wie tolerant ist der Islam?“ Negative Entwicklungen und quasi- religiös begründete Gewaltelemente werden weniger thematisiert. Man kann dies bedauern, aber doch zugleich die positiv gesetzten Signale begrüßen:
„Bei >Toleranz im Islam< sind wir konfrontiert mit einem Zeitgeschehen, nicht mit einem Zustand. Vielleicht kann man voraussehen, dass in einer in religiöse Gleichgültigkeit abgleitenden Zivilisation der Islam dem Wert der Toleranz neuen Glanz verleihen wird“ (aaO S. 78).
Auch im Jahre 2012 sind die im Buch gesetzten Markierungspunkte zu islamischen Toleranzverständnissen noch erstaunlich aktuell.
Mareike Schulte und Falk Goth
im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund zum Thema
Theorie und Praxis der Religionen bei Krieg und Frieden,
Sommersemester 2012

Eine weitere aktuelle Bestätigung erhält die angesprochene Problematik durch einen Bericht in
Deutschlandradio Kultur vom 20.01.2013,
in dem kompetenten Analysten der multikulturellen Situation in Deutschland zu Worte kommen:



Donnerstag, 17. Januar 2013

Ibn al-Farid: Reisewege der Seele



Ibn al-Farid: Der Diwan. Mystische Poesie aus dem 13. Jahrhundert.
Aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Renate Jacobi.

Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel-Verlag Berlin 2012, 407 S., mehrere Register

--- ISBN 978-3-458-70037-1 ---
Kurzrezension: hier


Ausführliche Beschreibung
Der Diwan des Ibn al-Farid lenkt den Blick auf einen der herausragenden Vertreter des späteren Sufismus und der arabischen Poesie. Er hieß mit vollem Namen: Ibn al-Farid, ‘Umar ibn ‘Ali Abu'l-Qasim al-Misri al-Sa’di. Er wurde 1181 in Kairo geboren und starb auch dort im Jahre 1235. Er wurde wegen seiner herausragenden Persönlichkeit und verinnerlichten Sprache geradezu als Heiliger verehrt. Er lässt sich in seiner gelebten Spiritualität und sprachlichen Ausdruckskraft durchaus mit Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz und Angelus Silesius vergleichen. Ibn al-Farid stammte aus einer Gelehrtenfamilie aus Hama in Syrien, wanderte jedoch nach Ägypten aus. Schon früh kam er mit dem Sufismus in Berührung und übte sich in asketischen Praktiken und intensiven Anbetungsübungen. 15 Jahre blieb er nach dem Tod des Vaters in Mekka, ehe er nach Kairo zurückkehrte. Später machte er sich mit seinen beiden Söhnen noch einmal auf die Pilgerreise nach Mekka, wo sie sich Sufi-Gruppen anschlossen. Sie sollen dort Shihab al-Din Umar as-Suhrawardi (1145-1234), d.h. dem Neffen des Ordensgründers der Suhrawardiyya, begegnet sein.


Während seiner letzten Jahre in Kairo hatte Ibn al-Farid großen Einfluss auf das spirituelle Leben Kairos. Er wohnte nicht nur in der Nähe der Al-Azhar Universität, sondern seine Wohnung entwickelte sich auch zu einem mystischen Zentrum mit Koran-Rezitationen, theologischen Gesprächen und intensiven mystischen Gebeten, den dhikrs. Es sei daran erinnert, dass der ayyubidische Sultan al-Malik al-Kamil (um 1180–1238) angesichts des Kreuzzugs von Kaiser Friedrich II. (1194–1250) mit diesem in intensiven Verhandlungen stand. Und allein durch diplomatisches Geschick beider erhielt Friedrich II. 1229 das Königreich Jerusalem – mit ausdrücklicher Bestätigung durch den Ayyubiden-Sultan.
Der Diwan des al-Farid beginnt mit den Kassiden“. Der Dichter bezieht sich dabei auf die arabisch-poetische Tradition der Beduinenpoesie mit ihrer Symbolik. Eine Kasside beschreibt lyrisch und variantenreich immer wieder den Schmerz der Trennung von der Geliebten und den Freunden.
„Denn wenn die Liebe treu ist, scheint der Aufschub schön. Ich schwöre bei der Heiligkeit des Bundes, den ich niemals löste. Und bei dem Band, das unsere Hände bindet und unlöslich ist: Im Zorn der Trennung und im Frieden der gestillten Sehnsucht bist du in meinem Herzen, es ist niemals frei von dir.“ (S. 64)
Geradezu unvermittelt wird die räumliche Trennung zu einer Seelenreise, in der ebenfalls Liebe und Leiden dicht beieinander liegen. Die Texte verweisen schnell über das menschliche Empfinden hinaus in göttliche Dimensionen. Liebessehnsucht und Trennungsschmerz machen die Begrenztheit menschlichen Lebens offenbar, die es zu überwinden gilt.
Im folgenden Weinlied bricht die Symbolik von Wein und Weinstock so durch, dass die Trunkenheit durch den wahren Wein den Begrenzungen durch die Zeit keine Macht mehr gibt. Man kann ahnen, dass angesichts solch kühner Verse engstirnige Fromme „Ketzerei“ riefen. Dies musste sich noch bei der Betrachtung seiner spirituellen Reisebeschreibung „Die Ordnung des Weges“ verstärken, denn auf dem Weg zur Vereinigung mit dem Göttlichen, wo Ich und Gott verschmelzen, wird das wahre Selbst lichtvoll erfasst. Erfahrungen der Gottesliebe brechen in den (Schöpfungs-)Manifestationen des Kosmos durch, in Bildern von Gefährdung und von Gnade. Dies geschieht in einer sprachlichen Ästhetik, der es gelingt, sich dem Geheimnis der Überwindung von Dualität anzunähern. Die organisierten Religionsformen spielen dabei kaum noch eine Rolle.
Als ich den Spalt geschlossen hatte und die Risse in der Einheit, entstanden durch die Eigenschaften, sich zusammenfügten, als nichts mehr blieb, was zwischen mir und der Gewissheit vertrauter Liebe zur Entfremdung führen konnte, erkannte ich, dass wir in Wahrheit beide eins sind, vorbei die Trennung, wie die Nüchternheit der Einheit es beweist“ (S. 114).
Ich frage mich bei den Stufen der „Weg-Ordnung“ sogar, ob sich nicht trotz der unterschiedlichen Sprachstile bei dem Poeten al-Farid und dem bereits 1191 in Aleppo hingerichteten iranischen Mystiker-Philosophen Shahab ad-Din Yahya al-Suhrawardi (1153-1193) eine innere Nähe auftut. Der Poet redet von Stufen eines seelischen Reiseweges, der Philosoph spricht von der Seelenwanderung ins reine Licht (vgl. die Rezension zu dessen „Philosophie der Erleuchtung“:
http://buchvorstellungen.blogspot.de/2013/01/v-behaviorurldefaultvmlo.html
).
Wie dem auch sei, der ausführliche Kommentar zum Buch ist eine Hinführung zu dem großen Mystiker, was sein Leben, Denken und Wirken betrifft: „Prägungen“ durch intuitive Erkenntnis (S. 155ff). Durch die Erläuterungen lässt sich al-Farids Weg zur Einheit, der „unio mystica, über die verschiedenen Stufen leichter nachvollziehen. Zum Verständnis der Textdetails gibt es dann noch einen Verskommentar.
Auch wenn der Rezensent die Übersetzung nicht unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten beurteilen kann, so gelingt doch im lesenden Nachvollzug der vorgelegten Übersetzung ein Eintauchen in die mystische Tiefe des Ibn al-Farid. Man kann der Islamwissenschaftlerin Renate Jacobi darum nur dankbar sein, dass sie sich nicht nur der Mühe einer offensichtlich sehr sorgfältigen Übersetzung unterzogen hat, sondern dem Mystiker Ibn al-Farid sowohl in seiner Weiterbearbeitung arabischer Poetik-Traditionen methodisch wie inhaltlich nachgegangen ist. Den Lesenden eröffnet sich mit der bildreichen Sprache eine Welt, die aus dem Alltäglichen heraus in die Tiefe wahren Seins führt. Die innere Nähe zu christlichen MystikerInnen macht Ibn al-Farid zugleich zu einem Brückenbauer zwischen Orient und Okzident, und zwar in glaubwürdiger Authentizität über Religionsgrenzen hinweg. Ich wünschte mir, dass Ibn al-Farid mit seiner interreligiösen Perspektive stärker im christlich-islamischen Gespräch wirksam wird.

Reinhard Kirste,Rz-Ibn al-Farid, 17.01.13