Samstag, 23. März 2013

Jesus, der Jude und die Chancen für den "Trialog"

Der evangelische Pfarrer Rudolf Krause hat ein kleines Materialheft -  Jüdische Jesusbilder - zusammengestellt.
Den gesamten Aufsatz als Download: hier
So beschreibt er übersichtlich, was folgende jüdische Forscher über Jesus denken:
Schalom Ben-Chorin, Geza Vermes, Jacob Neusner, Joseph Klausner, Martin Buber, Leo Baeck, Pinchas Lapide, David Flusser und Hans Joachim Schoeps. Es entsteht ein facettenreiches, keineswegs einheitliches Bild auf den Juden Jesus. Das Christentum begann erst im 20. Jahrhundert, Jesus in seiner "Jüdischkeit" zu akzeptieren. Zugleich zeitigt die "Heimholung Jesu ins Judentum" auf jüdischer Seite bemerkenswerte dialogische Ergebnisse.

Material zur Weiterarbeit:
Das "Auseinandergehen der Wege" von Christentum und Judentum (S. 22) und die Ausbildung einer durchaus auch antijüdisch geprägten Theologie nötigen dringend zur Revision. Dazu gibt es auf christlicher Seite eine Reihe von beachtlichen Ansätzen, der umfassendste wohl von Friedrich Wilhelm Marquardt (1928-2002), dem Schüler von Helmut Gollwitzer.

Rudolf Krause macht ebenfalls eigene Vorschläge zur bewussten Wahrnehmung des Juden Jesus im christlichen Glauben. Ob eine strengere monotheistische Neuformulierung der Trinitätslehre nach Paul Tillich und eine stärkere symbolische Auslegung der Inkarnation wirklich eine Brücke bilden können, sei dahingestellt. Es müsste sicher noch ausführlicher nicht nur über die "bleibende" Erwählung Israels, sondern auch über die Problematik des Erwählungsbegriffs überhaupt nachgedacht werden. Vergessen wir nicht: Der jüdische Erwählungsgedanke ist systematisch von der christlichen Dogmatiken usurpiert worden.

Der Weg zu weiterer Annäherung an den jüdischen Jesus muss darum weiterhin konsequent beschritten werden. Rudolf Krause hat dazu thesenhaft nachdenkenswerte Vorschläge gemacht, die sicher auch Widerspruch herausfordern. DieVielfalt der Religionen fordert dazu heraus, nicht nur über die beiden Heilswege von Juden und Christen nachzudenken, sondern sich auf eine Pluralität des Heils einzulassen.

Dafür ist es sicher erweiternd sinnvoll, angesichts der zweiten monotheistischen Religion, dem Islam, die gewachsenen Differenzen und Verunglimpfungen der Glaubensbrüder und Glaubensschwestern noch genauer zu untersuchen und durch die vertiefende Arbeit an den unübersehbaren Gemeinsamkeiten die friedvolle Dreierbegegnung, den "Trialog", voranzubringen.

Vgl. dazu besonders den Beitrag des spanischen Religionswissenshaftlers
Míkel de Epalza: Jesus zwischen Juden, Christen und Muslimen (2002/2012):
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--- Rezensionen zum Buch: hier 

Sonntag, 10. März 2013

Reisewege des kleinen Buddha



Claus Mikosch: Der kleine Buddha. Auf dem Weg zum Glück.
Freiburg u.a.: Herder 2013, 120 S.
--- ISBN 978-3-451-30643-3 ---
Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung 
Bisher war die Erzählung des in Südspanien lebenden Fotografen Claus Mikosch Der kleine Buddha nur auf Englisch (2010), Spanisch (2011) und auf Deutsch als Book-on-Demand (2011) erhältlich. Offensichtlich haben die internationalen positiven Reaktionen dazu geführt, dass dieses amüsante und zugleich nachdenklich machende Buch nun beim großen Herder-Verlag herausgekommen ist. Die Erzählung „Der kleine Buddha“ hat übrigens nichts mit dem Roman von Gordon McGill zu tun: Little Buddha (amerikanische Originalausgabe, deutsch bei Goldmann, TB 42527, 1994). Der Roman wurde als Film (1993, Großbritannien / Frankreich) des Regisseurs Bernardo Bertolucci sehr bekannt.

Auch wenn man es aufgrund des Titels vermuten könnte, dieses Buch ist eigentlich nicht für Kinder und Jugendliche gedacht. Oder vielleicht doch? Wir sehen den Kleinen Buddha unter dem Bodhi-Baum. Er liebt zwar das Alleinsein und die Meditation wie der „große“ Buddha, aber es fehlt ihm etwas Wesentliches: die Begegnung mit Menschen. Sein einziger Freund, ein hart arbeitender Bauer, hat auch nicht genug Zeit für ihn. Dennoch er gibt er ihm „diese Idee mit dem Urlaub“ (S. 11) macht sich der kleine Buddha zu einer „Welt-Reise“ auf, die ihn gewöhnlich Ungewöhnliches auf 10 Etappen erleben lässt und ihn endlich mit einer Karawane wieder heimwärts bringt (S. 116).
Ganz Unterschiedliches erlebt der kleine Buddha – in der großen Stadt, im großen Wald, in einem Schlossgarten, in einem Dorf, am Meer, in der Wüste, wo er fast umgekommen wäre, und in einer Oase. Es sind Begegnungen mit anderen Menschen, die zu Freundschaften werden. Immer wieder sind auch kleine Erzählungen in die Reise-Geschichte eingefügt. In ihren Varianten erinnern sie an Buddha-Gleichnisse oder an die Traditionen verschiedener Völker. In der Überschrift der einzelnen Kapitel als „Geheimnis“ angekündigt, gibt es am Schluss eine Art zukunftsorientierter Quintessenz, eine „Moral“:

  • Die mutige Witwe, die ihr Dorf verlässt, empfiehlt, Vergangenes abzustreifen.
  •  Der kluge Professor, der nicht schwimmen konnte, ist Mahnung zur Offenheit.
  • Der erfolglose Verkäufer, der durch das Schreiben eines Buches Erfolg hat, ist der Anstoß, mit Freude zu arbeiten.
  • Der Mann ohne Zeit, der als Reisender nirgendwo war, wird zum Kontrapunkt einer Haltung, die wagt, Träume zu realisieren
  • Die blinde Hexe ist in der Lage, das Verborgene ans Licht zu bringen, um die Wahrheit zu finden.
  • Der geduldige Gärtner: lebt die ruhige Achtsamkeit. Er nimmt sich Zeit und gewinnt im Warten Kraft.
  • Die glückliche Bäckerin ist eine Variante der Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral (1963 von Heinrich Böll). Es ist das Geheimnis, im Jetzt zu leben.
  • Der zweifelnde Krieger lenkt den Blick vom äußeren Kampf zur inneren Zielsetzung, zum Mut, sich durch eine andere Sichtweise zu verändern und zugleich an sich zu glauben.
  • Die alten Fischer wollen wirklich das Glück. Darum können sie in heiterer Gelassenheit glücklich träumend alt werden und so auf ihr Ende zugehen.  Die (wahrhaft) reiche Bäuerin zeigt mit ihrem bescheidenen Leben den Reichtum der Liebe auf, die es ermöglicht, anderen zu geben.
  • Ein mächtiger König nimmt den Spruch auf: „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Anders gesagt, die Geschichte zeigt, wofür Verspätungen und Missgeschicke gut sind. Es gilt, Vertrauen in ein gutes Ende zu haben, ohne alles zu verstehen. Man fühlt sich unweigerlich an die Geschichte von Josef und Pharao in der Bibel erinnert.
  • Der traurige Clown – so das letzte Kapitel – hat als Fokus ein Gedicht, das der kleine Buddha von einem seiner Freunde bekommt. Dadurch wird der gerade etwas Melancholische mit einem wichtigen Geheimnis vertraut gemacht: „Gute Freunde sieht man immer wieder“ (S. 120).

„Der kleine Buddha“ ist letztlich eine Art Meditationsbuch für junge und ältere Erwachsene – für diejenigen die Kinder mit ihrer Neugierde geblieben sind. Das Kleine ist das wahrhaft Große, die Reise des kleinen Buddha eine große Reise ins Innerste des Selbst. So werden Erinnerungen wach, Träume gewinnen Gestalt, und immer wieder wird dem Nachsinnenden ein Lächeln entlockt. Nicht umsonst hat schon der eine und die andere die Erzählungen in die Nähe des Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry gerückt.
Reinhard Kirste
Rz-Mikosch-Kl-Buddha, 07.03.13

Sonntag, 3. März 2013

Buch des Monats März 2013: Jesus im Koran



Martin Bauschke: Der Sohn Marias. Jesus im Koran.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013, 200 S., Koranstellenregister
--- ISBN 978-3-650-25190-9 ---

 Ausführliche Beschreibung
Der Religionswissenschaftler Martin Bauschke, Leiter des Berliner Büros der Stiftung „Weltethos“, hatte bereits 2001 (Böhlau-Verlag) das Buch „Jesus im Koran“ herausgebracht. Was im ersten Augenblick wie eine Neuauflage erscheint, zeigt sich sehr schnell als ein wirklich neues Buch. Bauschke hat nämlich nicht nur die theologischen Debatten seit der Erstausgabe seines Buches eingearbeitet, sondern die gesamte Struktur systematisiert und stärker religionswissenschaftlich ausgerichtet. Dem Autor kommt zugute, dass er seit vielen Jahren dieses Thema nicht nur erforscht, sondern auch einem interessierten Leser- und Hörerkreis vermittelt. Dies mag auch die Ursache sein, dass sich dieses Buch nicht nur für Fachleute, sondern für jede/n Interessierte/n gut liest. Im Anhang gibt es noch einen Fragebogen und Vergleichstabellen für Koran und Neues Testament.


Bauschke gliedert sein Buch in 14 Kapitel mit 8 (optisch besonders herausgehobenen) Exkursen, die zum einen spezielle islamische Vorstellungen und zum anderen verstärkt heterodoxe christliche Anschauungen von Jesu Wirken, Leben, Sterben und Auferstehen zur Sprache bringen. Er führt hier letztlich eine 1400jährige, keineswegs unproblematische Dialoggeschichte fort, die mit dem Koran begonnen hat. 

Nach der Einleitung (Kap. 1) mit den Intentionen und der Struktur des Buches diskutiert er die unterschiedlichen Messias-Verständnisse im Islam und im Christentum (Kap. 2). In Kap. 3 zur Ankündigung und Empfängnis Jesu sowie zur Bedeutung Jesu als Sohn der Maria (Kap. 3 und 4) gibt es religionswissenschaftliche Exkurse, die die Nähe zu christlichen Aussagen und dennoch ihre Eigenständigkeit bezeugen. Hier wie generell im Buch ist die Absicht des Autors deutlich spürbar, die „Christianisierungstendenzen“ einer Reihe von Autoren (wie Christoph  Luxenberg und Karl-Heinz Ohlig) abzufangen und das Eigenständige des Korans als islamischer Glaubensgrundlage zu betonen. Das hindert keineswegs, auf religionsgeschichtliche Zusammenhänge und Beziehungen zwischen koranischen und christlichen, oft auch heterodox christlichen Traditionen zu verweisen, aber um des sachlichen Dialogs willen jegliche christliche Vereinnahmung zu vermeiden. 

Nun folgen (Kap. 5) – abgrenzend von der Bedeutung Jesu im Christentum – die Grundlinien göttlicher Botschaft in Bezug auf die Bedeutung des Boten (Jesus). Denn sie haben als Menschen das weiter gegeben, was sie von Gott empfangen haben. Angesichts ihrer heilsgeschichtlichen Vorbildfunktion kommt ihnen darum auch Sündlosigkeit zu, wie der Exkurs erläutert. Dass der Koran anonyme Jesus-Worte enthält (Kap. 6), verwundert angesichts der islamischen Hochschätzung Jesu keineswegs. Im Blick auf die Eröffnungssure des Korans wird sogar das Vaterunser als Leitmotiv vermutet (so in Exkurs 4). Dass Jesus Wunder mit göttlicher Erlaubnis tut, versteht sich aufgrund der Bedeutung Jesu für die Muslime von selbst (Kap. 7).

Die klassische auch ins Polemische geratene Abwehr der Gottessohnschaft Jesu aus islamischer Sicht nimmt Bauschke positiv über die Gott-Mensch-Beziehung im Koran auf, so dass Jesus als Gottes Diener nicht der Sklave, sondern als der Freie dennoch sich Gott ganz hingibt (Kap. 8). Damit sind natürlich alle trinitarischen Gottesvorstellungen ebenfalls für Muslime undenkbar, zumal die Grenze zwischen Trinität und Tritheismus nicht immer scharf zu ziehen ist. Das heterodoxe östliche Christentum und besonders Monophysiten und Nestorianer haben mit ihren christologischen Vorstellungen erhebliches Streitpotential entwickelt, in das auch der Islam hineingerät (Kap. 8/9). Bleibt zum Schluss der festzuhaltenden wesentlichen Unterscheidungen das Geheimnis um Kreuzigung, Tod und Auferstehung Jesu. (Kap. 10-12). Die koranischen Verse sind nicht eindeutig. Bauschke referiert alle islamischen Deutungsvarianten. Dies nötigt ihn auch dazu, die Ähnlichkeiten mit gnostisierenden Christen zu bedenken (Exkurs 6 bei Kap. 11). Bleiben noch Entrückung, Himmelfahrt und Verklärung sowie die Wanderung christlicher Traditionsstränge zum Tod Jesu in Kaschmir (Kap. 12, Exkurs 8, besonders mit Blick auf die Ahmadiyya-Bewegung). Schließlich noch das Jüngste Gericht (Kap. 13): Dieses setzt keineswegs aus der Sicht des Korans die Wiederkunft Jesu voraus. Seine Abberufung aus dem irdischen Leben bringt also keineswegs eschatologisch-apokalyptische Konsequenzen in Gang, denn „Jesus hat nicht Teil an Gottes Thron, Wissen und Allmacht“ (S. 157).

Was bleibt nach dieser spirituellen Begleitung Jesu durch die koranischen Aussagen und angesichts der gründlichen Betrachtung wichtiger islamischer und christlicher Koranausleger in Geschichte und Gegenwart? (Fazit, Kap. 14) „Der Koran widerspricht jeder gleichsam ‚göttlichen‘ Christologie. Jesus ist ... ein sterbliches Geschöpf … Das Messiasbekenntnis des Korans stellt … eine theozentrische Re-Interpretation der Gestalt Jesu angesichts der vielfältigen, auch noch zur Zeit Muhammads miteinander konkurrierenden christlichen Christologien dar.“ (S. 160f.161). „Man kann das theozentrische Jesus-Zeugnis des Korans auch eine zeichenhafte Messianologie nennen“ (S. 164). 

Eigentlich ist es schade, dass Bauschke das Schlusskapitel der Ausgabe von 2001 nicht mehr neu bearbeitet hat:
Die Bedeutung des koranischen Jesus für den christlich-islamischen Dialog,
auch wenn das vielleicht 20-30 Seiten mehr geworden wären. So ist nur ein kurzes Nachwort mit der Maßgabe geblieben: „Im heutigen multikulturellen Kontext ist kein Christsein mehr möglich – es sei denn um den Preis fundamentalistischer Abschottung und Ignoranz – an den mitten unter Christen lebenden Muslimen vorbei“ (S. 165).1) Immerhin hat er aber die Basis für ein sachgerechtes Gespräch über Jesus zwischen Christen und Muslimen erheblich vertieft und auf breite religionswissenschaftliche und hermeneutische Grundlagen gestellt. Dies macht das Buch für Christen und Muslime gleichermaßen wichtig und interreligiös grundlegend. 
Anmerkung
1)    Vgl. schon seinen Beitrag: Jesus als Beispiel der Gott-Mensch-Beziehung im Koran. In: Hansjörg Schmid / Andreas Renz / Jutta Sperber (Hg.): Heil im Christentum und im Islam. Erlösung oder Rechtleitung? Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart 2004, S. 101-120, bes. S. 117f

Weitere Bücher von Martin Bauschke: 
Reinhard Kirste
 Rz-Bauschke-Jesus, 28-02-13