Mittwoch, 30. April 2014

Die Frage nach Gott im Kinderbuch



Oscar Brenifier und Jacques Després:
Was, wenn Gott einer, keiner oder viele ist?
Aus dem Französischen von Anja Kootz und Tobias Scheffel.
Stuttgart: Gabriel-Verlag (Thienemann) 2013, 32 S., Abb., Jugendsachbuch, geeignet für Kinder ab 12 Jahren
--- ISBN 978-3-522-30345-3 ---

Kurzrezension: hier


Ausführliche Beschreibung
Der algerische Philosoph und Schriftsteller Oscar Brenifier begann seine schriftstellerische Karriere 2010 mit dem Schreiben von philosophischen Leitfäden und Lebenswegweisern. Besonders bekannt für seine Literatur ist die Buchreihe „Philosophieren mit neugierigen Kindern“, in welcher Brenifier existentielle Fragen des Alltags und der Philosophie für Kinder erläutert bzw. seine kleinen Leser zum Fragen und Diskutieren anregt. All dies wird durch entsprechende bunte Illustrationen erläutert. Themen wie 'Ich – Was ist das?' oder: 'Leben – Was ist das?' knüpfen an die Diskussionen und Problemanalysen der großen philosophischen Denker an. So versucht Brenifier u.a. Sartres Existentialismus oder Platons Ideenlehre in seiner Buchreihe für Kinder greifbar zu machen und sie somit an die zentralen Fragen des menschlichen Lebens heranzuführen.


Das gleiche Konzept bzw. die gleiche Idee lässt sich in Brenifiers Werk „Was, wenn Gott einer, keiner oder viele ist?“ (‚La question de Dieu’) wieder erkennen. Das mit kurzen Texten untermalte Bilderbuch reflektiert bzw. erörtert auf kinderfreundliche Art und Weise die Frage nach Gottes Existenz. Es geht hierbei nicht darum, einen Gottesbeweis oder eine Gotteskritik zu formulieren, sondern vielmehr die sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen präsenten Fragen offen zu legen, wie beispielsweise ‚Ist Gott mächtig oder machtlos? Sind Gott und Allah identisch?’ So regt er generell zum Diskutieren und Nachdenken an.
In zwölf gegensätzlichen Illustrationen und Aussagen versucht Brenifier eine Aussage darüber zu treffen, was wir glauben bzw. nicht glauben und besonders wozu wir glauben. Dabei ist die Frage nach einem bestimmten Gott relativ unwichtig. Es geht vielmehr um ein individualisiertes Glaubensverhältnis jedes einzelnen. Man könnte sagen, dass sich der Ansatz einer Pluralistischen Religionstheologie (John Hick) zwischen den Seiten des Bilderbuches versteckt hält, denn egal welcher Religion man sich zuordnet, es lassen sich stets Elemente der betreffenden Glaubensrichtung in Brenifiers Aussagen und den zugeordneten Illustrationen wieder finden. Das Buch ist damit weder katholisch, noch evangelisch, weder schiitisch, noch sunnitisch, auch nicht humanistisch oder buddhistisch, sondern präsentiert sich als konfessionsübergreifendes religionsphilosophisches Kinderbuch.
Obwohl der Titel erst 2013 veröffentlicht wurde, hat Brenifiers “Bilderbuch“ bereits eine Vielzahl an Preisen gewonnen, so u.a. den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis.
Betrachtet man die Lektüre im Detail, so lässt sich erkennen, dass sprachliche Präzision und gekonnt eingesetzte Schlichtheit dem Werk von Oscar Brenifier und Jacques Després einen einzigartig treffenden Charakter universeller Zugänglichkeit verleihen.
Die Illustrationen von Jacques Després ermuntern den Leser, sich auf eine Forschungsreise in eine andere und gleichzeitig vertraute Welt zu begeben. Die futuristisch wirkenden Bilder erzeugen durch klare Linien und eindringlich harte Farben eine laborartige, kalte Umwelt, die von uniformierten Gestalten in Ganzkörperanzug entdeckt und bevölkert wird. Zugleich erscheinen die von Després erschaffenen Wesen fremd und isoliert, aber auch von menschenähnlicher Natur, da sie mit ihrem Gesichtsausdruck neugierig fragen, bestimmend oder geheimnisvoll dreinblicken und sich dem Leser/Zuschauer in verschiedenen Rollen präsentieren. Mal abwesend, abseits und allein, dann wiederum bestärkend in Beziehung zu einander verbunden und mit aufmunterndem Zuspruch.
Das Geschick der Illustration besteht darin, dass die sprachlich treffend formulierten Gegensätze in eine ebenso treffende Bildsprache übertragen werden, indem die Bilder ähnlich einfach und konkret „sprechen“ wie die Texte. Der inhaltliche Gegensatz wird unter anderem durch farbliche Kontraste (schwarz und weiß) unterstützt. Passende Symbole (wie beispielsweise Licht klar gebündelt oder vielfach geteilt) veranschaulichen die Aussagen.
Darüber hinaus zeigen die Illustrationen den bewussten Einsatz eines Konzepts räumlicher Struktur, das Größenordnungen schafft und dadurch Gewichtungen in der Bedeutung stimmig mit dem Text verknüpft.
Inhaltlich gelingt es den Übersetzern Anja Kootz und Tobias Scheffel, das französische Original Oscar Brenifiers in ein konkretes, ansprechendes und recht genau formuliertes Deutsch zu übertragen.
Die Aussagen darüber, welche konträren Vorstellungen von Gott existieren, bestechen durch ihren einfachen und präzisen Charakter. Das Gesagte scheint universell nachvollziehbar, da Merkmale religiöser Eigenarten und Sichtweisen gegenübergestellt werden, ohne dabei wertend zu beurteilen oder konkrete Religionen oder Gruppierungen zu benennen. Die 12 formulierten Gegensätze begegnen sich mit einer Offenheit, die sich in allen Perspektiven gemeinsam finden: Sie wollen Antworten auf Fragen des menschlichen Lebens geben. Es ist die Suche nach diesen Antworten, die jeder Sichtweise bzw. Vorstellung ihre Berechtigung erteilt und die Sehnsucht des Menschen nach Erklärungen seines Selbst in der Welt in den Mittelpunkt stellt. Ein Vorzug liegt auch darin, dass der Text unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen in Bezug auf Religion, Kultur und Freiheit zum Ausdruck bringt. Es wird implizit in den Vordergrund gestellt, dass der Mensch grundsätzlich eine Wahl- und Entscheidungsfreiheit über sein Denken besitzt. Damit regen die Worte zum Nachdenken, Zweifeln und zu einer Auseinandersetzung mit religiöser Vielfalt an. Auch auf das Konfliktpotenzial gegensätzlicher Weltanschauungen wird explizit hingewiesen, so dass menschliches Denken und Handeln in einen folgenreichen Zusammenhang gestellt wird.
Dadurch, dass keine Position über eine andere gestellt wird, verdeutlicht Brenifier die Komplexität der Fragestellung und die Grenzen menschlicher Problemlösungsfindung, da keine universell eindeutige Antwort gegeben werden kann. Richtig und falsch werden nicht gegeneinander gesetzt, sondern ein Diskurs, ein Nachdenken und „Sich-Austauschen“ wird angeregt. Gleichzeitig wird aber auch die Entfernung der einzelnen Positionen zum Ausdruck gebracht, die mitunter zu weit auseinander liegen, um sich in einer Art „Kompromiss“ treffen zu können.
Bilanz
Sowohl Text und Bild schaffen in ihrer Komposition einen sehr gelungenen, ansprechenden Zugang zu der Frage nach Gott, die eine Pluralität an Antworten eröffnet und diese gleichberechtigt nebeneinander stellt.
Allerdings fehlt ein Hinweis darauf, dass der gegenseitige Respekt und die Akzeptanz gegensätzlicher Denkweisen als grundlegende Haltung anzusehen ist. Nur so können Unterschiede in einem übergreifenden Zusammenhang zusammengebracht werden. Es wird nämlich nicht explizit erklärt, wie nun mit den unterschiedlichen Vorstellungen umgegangen werden soll. Es lässt sich im klassischen Sinn kein Fazit oder eine konkrete Handlungsanweisung ableiten, die beispielsweise darauf hinweisen könnte, dass die Vielfalt vom Austausch lebt, und zwar von einem Austausch auf respektvolle und anerkennende Art und Weise.
Die Lektüre spricht mit ihrer Fragestellung grundsätzlich eine altersübergreifende Zielgruppe an, wobei die inhaltlichen Aussagen von Kindern und Jugendlichen unter 12 Jahren wohlmöglich nicht hinlänglich erfasst werden können. Dennoch dient das Werk zur Inspiration und zur Legitimation religiöser Vielfalt und kann dementsprechend eingesetzt werden.
Die Übersetzung des französischen Titels (‚La question de Dieu’) in: ‚Was, wenn Gott einer, keiner oder viele ist?’ greift über eine wörtliche Übersetzung hinaus und nimmt dadurch inhaltlich etwas vorweg, was der Originaltitel so nicht benennt. Das erscheint jedoch nicht unpassend und erzeugt sprachlich eine interessante und reizvolle Fragestellung.
Rezension von Anna Cristina Paldino und Jost Benedikt Rudloff
im Rahmen des Seminars „Interreligiöse Horizonte“
TU Dortmund, Sommersemester 2014

Rz-Brenifier-Gott-TU-DO, 22.04.14  


Auf dem Weg zu einer universalen Theologie der Religionen – Zwischenbilanzen und Aufbrüche


Entwicklungen in der christlichen Theologie hin zu einer gleichgewichtigen Begegnung mit anderen religiösen Traditionen nimmt die von dem Basler Systematiker Reinhold Bernhardt herausgegebene Reihe auf: “Beiträge zu einer Theologie der Religionen” (BThR). Theologischer Verlag Zürich (TVZ) 2005-2010
— Verlagshinweise hier —
Er hat mit Hilfe engagierter TheologInnen, PhilosophInnen und ReligionswissenschaftlerInnen neue und erweiterte Wege im interreligiösen Dialog gebahnt und die verstehende Begegnung der Religionen “cross-cultural” weiter gebracht.  Inzwischen hat sich ein unterschiedliches Verständnisspektrum im Blick auf eine interreligiös offene Theologie entwickelt.

Übersicht BThR 1-7
  • BThR 1 (2005): Reinhold Bernhardt / Perry Schmidt-Leukel (Hg.):
    Kriterien interreligiöser Urteilsbildung,
  • BThR 2 (2006): Reinhold Bernhardt: Ende des Dialogs?
    Die Begegnung der Religionen und ihre theologische Reflexion
  • BThR 3 (2007): Reinhold Bernhardt / Thomas Kuhn (Hg.):
    Religionsfreiheit. Schweizerische Perspektiven
  • BThR 4 (2008): Uwe Gerber: Wie überlebt das Christentum?
    Religiöse Erfahrungen und Deutungen im 21. Jh.
  • BThR 5 (2008): Reinhold Bernhardt / Perry Schmidt-Leukel (Hg.):
    Multiple religiöse Identität.
    Aus verschiedenen religiösen Traditionen schöpfen
    --- Rezension BThR 5 hier ---
  • BThR 6 (2008): Bernhard Nitsche: Gott – Welt – Mensch.
    Raimon Panikkars Denken – Paradigma für eine Theologie in interreligiöser Perspektive?
  • BThR 7 (2009): Reinhold Bernhardt / Klaus von Stosch: Komparative Theologie.
    Interreligiöse Vergleiche als Weg der Religionstheologie

    — Rezension BThR 7 hier —
REZENSIONEN von BThR 8-11
  • BThR 8 (2009): Matthias Tanner / Felix Müller / Frank Mathwig / Wolfgang Lienemann: 
    Streit um das Minarett. Zusammenleben in der religiös pluralistischen Gesellschaft
  • BThR 9 (2010): Sung Ryul Kim: Gott in und über den Religionen.
    Auseinandersetzung mit der >pluralistischen Religionstheologie<
    und das Problem des Synkretismus

    — Rezension BThR 9 hier —
  • BThR 10 (2010): Walter Dietrich / Wolfgang Lienemann (Hg.):
    Religionen, Wahrheitsansprüche, Konflikte. Theologische Perspektiven
    — Rezension BThR 10 hier —
  • BThR 11 (2013): Reinhold Bernhardt / Perry Schmidt-Leukel (Hg.):
    Interreligiöse Theologie. Chancen und Probleme

    --- Rezension BThR 11 hier
    (zugleich Buch des Monats Januar 2014)
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Freitag, 18. April 2014

Interreligiöse Begegnungen: Gebete, Lieder, Besinnungen



Johannes Lähnemann / Religionen für den Frieden Nürnberg / Religions for Peace: Spiritualität multireligiös. 
Begegnungen der Religionen in Gebeten, Besinnungen, Liedern.
Berlin: EB-Verlag 2014, 184 S. --- ISBN 978-3-86893-129-7



Ausführliche Beschreibung 
Johannes Lähnemann (geb. 1941) gehört zu den Wegbereitern interreligiöser Begegnung, besonders im Bereich einer interkulturell offenen Religionspädagogik. Er hatte viele Jahre einen religionspädagogischen Lehrstuhl für Evangelischen Theologie der Universität Erlangen-Nürnberg inne. Mit den alle 2 Jahre stattfindenden Nürnberger Foren zog er international renommierte Referenten und Fachleute sowie religiös Interessierte und Engagierte in großer Zahl an. Seit 1988 leitet er die Nürnberger Gruppe „Religionen für den Frieden“, ist Mitglied am „Runden Tisch der Religionen in Deutschland“ und Chairman der „Peace Education Standing Commission“ von „Religions for Peace“ (früher WCRP – Weltkonferenz der Religionen). Das vorliegende Buch zeigt, dass ihm neben der wissenschaftlichen Vertiefung im Blick auf das interreligiöse Lernen gerade auch die spirituell-praktische Begegnung am Herzen liegt.

Bei der Begegnung mit Menschen anderen Glaubens wird sehr schnell deutlich, dass neben der Diskussion um Glaubensinhalte gerade Erfahrungen und auch Gefühle sehr wichtig sind. Sie kommen in Meditation und Gebet besonders intensiv zum Ausdruck. Wenn sich nun auf dieser Ebene Menschen zusammentun, macht sich bei allen Unterschieden eine große Gemeinsamkeit bemerkbar. Das hat dazu geführt, dass es seit vielen Jahren interreligiöse Gebete in einer ganzen Reihe von Städten gibt – nicht nur in Deutschland. Aber Johannes Lähnemann wäre nicht der sorgsam achtende Theologe, wenn er nicht auch Sorgen und Ängste im Zusammenhang dieser Gebete aufzeigte. Sie betreffen die Angst vor Religionsvermischung, Verleugnung des jeweiligen Wahrheitsanspruchs und gegenseitiger Vereinnahmung; und schließlich geht es um den Verdacht, hier solle nur eine religiöse Schau präsentiert werden (S. 28). Thematische Konzentrierung und „das offene authentische Einbringen des eigenen Glaubenszeugnisses“ (S. 31) sind ihm besonders wichtig. Darum redet Lähnemann lieber von „Spiritualität. Multireligiös“. Vielleicht aber schwingt hier doch zu viel theologische Abgrenzungs-Vorsicht mit, denn immer wieder zeigt die Erfahrung, dass sich VertreterInnen anderer Religionen gern und ohne jeden psychologischen Druck ein Stück weit in die fremde Religion hineinnehmen lassen, oder bewusst Gebete gemeinsam aus verschiedenen Traditionen heraus formulieren. Hier entstehen neue ungewohnte und bereichernde Erfahrungen im Blick auf die eigene Religion und über diese hinaus.
Wie dem auch sei, es lässt sich an den im Buch zusammengestellten 20 Gebetsstunden durchaus ahnen, inwieweit die dort meditierten und gebeteten Texte, die symbolischen Rituale sowie die musikalischen Klänge und gesungenen Lieder auch in einer anderen Religion verinnerlicht werden können. Das gilt auch für die Themen, die Menschen aller Glaubensformen und sicher auch vielen Nicht-Glaubenden zum Teil auf der Seele brennen.
Schon in der 1. Gebetsstunde von 1989 kommt der tief menschliche Wunsch zum Ausdruck, Gräben zu überwinden und Brücken zu bauen und setzt sich fort im Zusammenhang mit der Erinnerung an das 1. Friedensgebet in Assisi 1986, die interreligiöse Arbeit im Rahmen der Organisation „Religionen für den Frieden“ sowie in praktischen Nürnberger Pilgerwegen. So tut sich insgesamt eine Vielfalt von Themen auf: Buße-Umkehr-Reinigung des Geistes, religiöse Positionen gegen den Terrorismus, Bewahrung der Schöpfung und Schutz der Erde in mehreren Variationen, Schritte zur Gerechtigkeit, Gastfreundschaft, Friedensverantwortung, Beistand für die unterdrückten Gläubigen aller Religionen, Menschenrechte, Zukunft für unsere Kinder.
Aus solchen Begegnungen heraus ist 1992 auch „Die Nürnberger Erklärung der Religionen zur Bewahrung des Lebens“ entstanden. Dort heißt es u.a.: „In der Verschiedenheit unserer Bekenntnisse wissen wir uns doch verbunden in der >Ehrfurcht vor dem Leben< (A. Schweitzer) und in der Suche nach neuer Geschwisterlichkeit. … Erkennt, dass andere religiöse und ethnische Gruppen unter euch Reichtum, nicht Verarmung bedeuten. Die Beschneidung ihrer Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten macht euer Leben ärmer … Im Bewusstsein der ganzen Vielfalt und Schönheit der belebten und doch so bedrohten Welt wollen wir mittragen an der Verantwortung für das Leben um uns und auf der ganzen Erde“ (S. 183.184)

An diesen seit 25 Jahren praktizierten Gebetsstunden wirk(t)en VertreterInnen aller großen Religionen mit. Sie sind darum zu Markierungs-Impulsen für die interreligiöse Begegnung geworden, die zugleich auch auf das gesellschaftliche Klima einer Stadt einwirken (können).
Das Buch der Nürnberger Gebetsstunden ist sehr praktisch ausgerichtet und bietet viele Anregungen, die dort präsentierten Texte und Anregungen auch für die eigene interreligiöse Arbeit zu übernehmen. Zur Erleichterung beim Auswählen dient auch ein ausführliches Inhaltsverzeichnis, so dass man leicht die einzelnen Materialien auffinden kann. Auch die theologische Vorbesinnung des Autors ist hilfreich, auch wenn der Rezensent die Akzente noch „interreligiöser“ setzen würde. Dennoch: „Spiritualität. Multireligiös“ kann hervorragend als Vademecum für die eigene auch öffentlich zu machende interreligiöse Praxis dienen.

Reinhard Kirste

Rz-Lähnemann-multirel, 16.04.14

Sonntag, 13. April 2014

Engagement für Befreiung im Buddhismus und im Christentum



Barbara Lukoschek: Ethik der Befreiung.
Engagierter Buddhismus und Befreiungstheologie im Dialog.
Beiträge zur Komparativen Theologie, Band 16.
Paderborn: Schöning 2013, 397 S.       
(zugleich Diss. der Kath. Fakultät der Universität Tübingen 2012)
--- ISBN 978-3-506-77875-8 ---

Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Die vorliegende Dissertation erhielt 2013 den Erwin-Kräutler-Preis für kontextuelle Theologie und interreligiösen Dialog der Universität Salzburg. Erwin Kräutler (geb. 1939) steht als Bischof in Brasiliens flächenmäßig größter Diözese der Theologie der Befreiung nahe und setzt sich als Priester unermüdlich und unter Lebensgefahr für die Rechte der Ausgebeuteten und Besitzlosen sowie für die Erhaltung des tropischen Regenwaldes in Amazonien ein. Die nach ihm benannte Auszeichnung signalisiert bereits die grundsätzlichen und gesellschaftlichen Themenbereiche einer globalisierten Welt, von der sich eine aufmerksame Theologie nicht abkoppeln darf. Barbara Lukoschek setzt nun den Fokus auf die ethische und soteriologische Systematik, wie sie sowohl in der (lateinamerikanischen) Befreiungstheologie und in den Positionen des Engagierten Buddhismus zum Ausdruck kommen.

Ihr Interesse ist dabei ein dialogisches. Sie nimmt Gemeinsamkeiten und Differenzen unter komplementären Gesichtspunkten ernst und beruft sich dabei besonders auf Lynn de Silva, Aloysius Pieris und Antony Fernando aus Sri Lanka, Sally King und Ninian Smart aus den USA, Perry Schmidt-Leukel aus Deutschland sowie auf Jacques Dupuis aus Belgien (S. 21f). Im Blick auf den Buddhismus setzt sie sich ausführlich mit dem thailändischen Theravada-Mönch P.A. Payutto auseinander.
Insgesamt zeigt sich, dass die Autorin den Diskurs im Kontext von offenem Inklusivismus und religionstheologischem Pluralismus führt. Von dieser dialogischen Motivation, die sie im 1. Teil ihrer Arbeit beschreibt, geht sie auf die Ebene der ethischen Motivation. Diese zeichnet sie im Zusammenhang der wachsenden Faszination und Akzeptanz des Buddhismus in Europa nach. Im Sinne des christlich-buddhistischen Dialogs zieht sie die Argumentationslinie doppelt aus: Hinführung zum Engagierten Buddhismus und Hinführung zur Theologie der Befreiung. Dies nötigt zu genauerer wirtschaftsethischer Betrachtung, wie sie die Autorin besonders bei dem Volkswirtschaftler und praktizierenden Buddhisten Karl-Heinz Brodbeck und in den befreiungstheologischen Analysen bei Franz Josef Hinkelammert findet.
Systematisch entwickelt sie komplementäre Zusammenhänge, die sie unter den sich ergänzenden, korrigierenden und erweiternden Definitionspaaren »Gnosis und Agape« sowie »Freiheit und Hingabe« nicht wirtschaftsethisch neutral, sondern Kapitalismus kritisch konkretisiert.
Um all dies zu erreichen, konturiert Barbara Lukoschek im 2. Teil die Grundzüge des Buddhismus im Allgemeinen und des Engagierten Buddhismus im Besonderen (1. Abschnitt). Der Darstellung folgt eine ausführliche Sichtung des Engagierten Buddhismus. Sie zeigt die Veränderung buddhistischer Traditionslinien angesichts großer gesellschaftlicher Herausforderungen. Sowohl die praktische Bedeutung dieser buddhistischen Haltung als auch kritische Einwände kommen zur Sprache. Formal ähnlich verfährt sie im 2. Abschnitt, wo es um die Theologie der Befreiung geht. Sie bezieht sich schwerpunktmäßig auf Gustavo Gutiérrez (geb. 1928), den „Vater“ dieser theologischen Richtung. Sie entwickelte sich unter dem Einfluss des 2. Vatikanischen Konzils und ging verstärkt auf marxistische Analysen ein. Der Rahner-Schüler Johann Baptist Metz (geb. 1928) spielt insofern eine wichtige weiterführende Rolle, denn er „weitet die neuen theologischen Thesen zu Eschatologie und Hoffnung auf den Bereich des Politischen aus und entwickelt dadurch einen >originalen Entwurf zur Frage der Funktion der Kirche in der modernen Welt<“ (S. 132). Die ekklesiologischen Leitlinien dieser Theologie sind von der prophetischen Anklage gegen ungerechte gesellschaftliche Zustände, vom Bewusstsein wach machender Evangelisierung und von der vorrangigen Option für die Armen geprägt (S. 148ff). Dass der Vatikan sowohl unter Johannes Paul II. wie unter Benedikt XXIII. scharf gegen die theologischen Vertreter der Befreiungstheologie vorging, hängt mit dem Missverständnis und der Unterstellung zusammen, dass das marxistisch eingefärbte gesellschaftliche Engagement der Kirche nicht mit ihrem spirituellen Auftrag vereinbar sei und vielmehr gewaltsame Revolutionen fördere.

Im 3. Teil geht es nun darum, ethisch-religiöse Fundamente und besonders wirtschaftsethische Konkretionen aufzuzeigen, die sich sowohl im Engagierten Buddhismus wie aus befreiungstheologischer Perspektive ergeben. Dazu geht die Autorin zuerst auf den Gründer des Waldklosters Wat Suan Mohk, den thailändischen Mönch-Philosophen Buddhasa Bhikkhu (1906-1993) ein, um sich dann ausführlich dem Mönch P.A. Payutto (geb. 1939) und dessen ethisch-existentialer Konzeption vom bedingten Entstehen zu widmen. Seine gegen die Armut ausgerichtete Tugend-Ethik zeigt starke naturrechtliche Züge, und zwar im Kontext des Achtfachen Erlösungspfades im Buddhismus.

Ein vergleichbares christliches Beispiel bietet Aloysius Pieris (geb. 1934) im gesellschaftlich-politischen Kontext Sri Lankas. Sein ethischer Ansatz ist von der christlichen Liebesspiritualität geprägt. Sie speist sich eschatologisch aus dem Gedanken vom „Reich Gottes“, dessen Zentren soteriologisch und ethisch Freiheit und Gerechtigkeit sind. Von daher wird Handeln sowohl individuell wie gesellschaftlich umgesetzt. Gegen menschenunwürdige kapitalistische Einflüsse setzt Pieris die Befreiung – zu neuen gesellschaftlichen Ordnungen. Sie orientieren sich am Evangelium Jesu und an der Option für die Armen. Die Heils-Perspektive der Ethik ist bei Pieris zugleich spirituell-interreligiös ausgeprägt (aufgrund der intensiven Erfahrungen im buddhistisch-christlichen Dialog). Befreiung geschieht im gemeinsamen Handeln Gottes und der Armen. Der „Kampf gegen den Mammon“ ist als Kampf für Gott zugleich ein Kampf für die Armen, gestützt auf freiwillige Armut als Solidarität mit den Ausgegrenzten (S. 285).

Und noch einmal etwas weiter zugespitzt geht die Verfasserín im 4. Teil nun im „Kontext neoliberaler Globalisierung“ den befreiungstheologischen Perspektiven bei Karl-Heinz Brodbeck (geb. 1948) und Franz Josef Hinkelammert nach. Damit nimmt sie nicht nur die gegenwärtige Situation ernst, sondern macht auch die globale Bedeutung der Befreiungstheologie deutlich. Brodbecks Kritik am Kapitalismus, den er im völligen Gegensatz zur Lehre des Buddha sieht, beunruhigt wegen seiner Mechanismen der Gier und des Hasses im Kontext des internationalen Finanz- und Wirtschaftssystems. Brodbeck schlägt verschiedene Lösungsansätze vor: politische Regelungen, kritisches Engagement von Einzelnen, ethische Erziehung in den Schulen. Der in Costa Rica lebende Franz Josef Hinkelammert (geb. 1931) nimmt eine andere Zuspitzung als Brodbeck vor, nämlich die gefährliche Spannung von „Erster Welt“ und „Dritter Welt“. Befreiungstheologisch begründet, setzt er sich mit den Krisen in der Welt auseinander, die durch den dominierenden Neokapitalismus entstanden sind. Er beklagt, dass dadurch „die Grenzen des menschlich Möglichen“ missachtet werden (S. 340). Man darf aber Wirtschaft, Utopie und Theologie nicht voneinander trennen (S. 344). Eine solche Gesamtsicht zeigt nämlich, wie bürgerliche Utopien mit ihren „Gesetzen des totalen Marktes“ Opfer produzieren, so dass ein großer Teil der Menschheit unter menschenunwürdigen Bedingungen leben muss. Hier ist eine Ethik der Nachhaltigkeit gefordert, wodurch für jeden Menschen die grundlegenden Lebensbedürfnisse befriedigt werden können. Die Kirchen haben dazu einen entscheidenden, auch selbstkritischen, Beitrag zu leisten, der auf Transformationsprozesse in der Öffentlichkeit zielen muss (S. 353ff).

Im 5. Teil erfolgt der Vergleich der behandelten Protagonisten, P.A. Payutto und Aloysius Pieris sowie Karl-Heinz Brodbeck und Franz Josef Hinkelammert. Systematisch hebt die Verfasserin dazu die theologischen Begründungskriterien hervor – das Verständnis von Gerechtigkeit und die verschiedenen Wege zur Befreiung. Die unterschiedlichen religiösen Traditionen und kulturellen Bedingtheiten ermöglichen dennoch erstaunliche Konvergenzen in der gesellschaftliche Analyse und in der Beurteilung neokapitalistischer Gier und Ausbeutung. Es gibt allerdings kein wirtschaftsethisches Alternativ-Konzept, sondern die Autoren plädieren „für schrittweise umzusetzenden Reformen des Wirtschaftssystems“ (S. 377). Auch hier sind die Kirchen gefordert an der Umsetzung bestimmter Regulierungsmaßnahmen mitzuwirken.

Nach diesem klar durchstrukturierten Durchgang hält die Verfasserin als Bilanz fest, dass sowohl Christen wie Buddhisten gegenseitig ethisch und spirituell von einander lernen können und sollten. Dies präzisiert sie mit den beiden Komplementaritätspaaren „Gnosis und Agape“ (Erkenntnis/Wissen und Liebe) sowie „Freiheit und Hingabe“, die eine interreligiöse Brücke zwischen (engagiert-) buddhistischem Selbstverständnis und christlich-befreiungstheologischen Ansätzen bilden. So wird hier zum einen das Weltethos-Projekt von Hans Küng konkretisiert. Zum andern wird „die kontinuierliche Introspektion der eigenen Motive des Handelns“ (S. 380) eingefordert. Das ist angesichts der globalen sozialethischen Herausforderungen für eine menschenwürdige und gerechte Gesellschaft auch dringend notwendig.
In dieser umfassenden und klar geschriebenen Dissertation spürt man hinter der vorgetragenen Sachkompetenz der Autorin ihre deutliche Parteinahme für die dargestellten Positionen aus Buddhismus und Christentum. Diese bieten offensichtlich eine realistische Hoffnungsperspektive in einer Welt, in der ein Teil der Menschheit auf Kosten des anderen lebt – ein Skandal der so nicht bleiben darf. Barbara Lukoschek hat für notwendige gesellschaftliche Veränderungen interreligiöse Beweggründe offen gelegt. Dies kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Reinhard Kirste

Rz-Lukoschek-Ethik-Buddh, 13.04.14