Montag, 24. November 2014

Religionspädagogische Grundlagen für einen Islamischen Religionsunterricht in der Grundschule



Gül Solgun-Kaps (Hg.): Islam. Didaktik für die Grundschule.
Berlin: Cornelsen 2014, 208 S.  
--- ISBN 978-3-589-16395-3

 
Ausführliche Beschreibung
Das hier vorgestellte Buch soll angehenden und bereits praktizierenden Lehrer/innen einen Einblick in die wichtigsten Themengebiete des Islamunterrichts in der Grundschule geben. Es wirbt damit, praxisorientiert und verständlich zu sein.
Inhaltlich greift es unterschiedliche Punkte und Problemstellen des Islamischen Religionsunterrichts auf, indem verschiedene Autoren und Autorinnen mit Hilfe von Essays zu Wort kommen. Nach dem Vorwort wird im ersten Teil durch Martin Neumeyer, Michael Kiefer, Peter Graf und Andreas Renz die Problematik aufgegriffen, die sich in Deutschland mit den einzelnen Bundesländern stellt, wenn ein ordentlicher Islamischer Religionsunterricht nach Art.7 III GG eingeführt werden soll. Hierbei stellt sich unter anderem die Frage, wie der Islam und seine verschiedenen Dachverbände mit den Grundgesetzen und der Demokratie vereinbar sind. Auch wird ein kurzer Überblick über die Entwicklung des Islamischen Religionsunterrichts in Deutschland gegeben und auf die Chancen des religiösen und interreligiösen Lernens verwiesen (aaO S. 9-61). So „stehen diese Unterrichte für eine konstruktive Brücke zwischen den unterschiedlichen religiösen oder ethischen Orientierungen. Sie haben die Schüler zu befähigen, im Spannungsbogen zu den fremden Anderen das eigene Selbst zu verwirklichen“ (S. 36).


 Im zweiten Teil „Schule als Raum gelebter Integration“ (S. 62) zeigen die Autoren/Autorinnen Rabeya Müller, Stephan Leimgruber und Gül Solgun-Kaps auf, wie Islamischer Religionsunterricht zu einem Ort gelebter Integration werden kann. Das Interreligiöse soll in der eigenen Religion entdeckt werden, ohne dass dabei der Bezug zum Islam verloren geht. Die Schüler(innen) sollen im Unterricht eine religiöse Identität aufbauen können und mit anderen Kindern im Dialog stehen. Weiter wird darauf eingegangen, was man überhaupt unter „interkulturellem  und interreligiösem Lernen“ versteht und welche didaktischen Möglichkeiten sich beim interreligiösen Lernen anbieten. Außerdem wird der Unterschied zwischen einer Inter- und multireligiösen Feier in der Schule deutlich gemacht und jeweils ein praktisches Beispiel für die Anwendung im Unterricht gegeben (S. 36). Stephan Leimgruber schreibt unter anderem dazu: „Mir scheint in dieser Frage religiöser Identität wichtig zu sein, dass wir das Elementare einer Religion betonen, Ähnliches unterstreichen und Differenzen achten lernen. Wichtiger als die Form des Gebetes ist es beispielsweise, dass Muslime und Christen an den einen und selben Gott glauben und dass für beide Abraham ein Vorbild des Glaubens ist.“ (S. 70).

Der dritte Teil vertieft den Praxisbezug und gibt nützliche Tipps, Anregungen und Beispiele für den Islamischen Unterricht. Hierbei greifen Miyesser Ildem, Amin Rochdi, Gül Solgun-Kaps, Hamideh Mohagheghi, Harry Harun Behr und Yunus Haque die wohl wichtigsten und schwierigsten Themengebiete im Islamischen Unterricht auf:

  • der Koran, 
  •  der Prophet Muhammad,
  • die Propheten im Koran,
  • Gottesvorstellungen bei muslimischen Kindern.

Zuerst wird auf die Thematik mit ihrem Hintergrund und die möglicherweise auftretenden Schwierigkeiten im Unterricht verwiesen. Anschließend erfolgen Beispiele für die Praxis und hilfreiche Übertragungen auf die Lebenssituation der Schüler/innen (S. 93–163). So sagt Yunus Haque in Bezug auf die Gottesvorstellung bei muslimischen Kindern: „Gott ist für Kinder religiös sehr bedeutungsvoll, gleich welche Gedanken und Gefühle sie mit der Vorstellung von ihm verbinden“ (S. 159).

Der vierte Teil „Lehrerpersönlichkeit und ethische Bildung im islamischen Kontext“ (S. 164) zeigt unter anderem einen Überblick über die Anforderungen und Erwartungen an den muslimischen Religionslehrer bzw. die muslimische Religionslehrerin auf und macht deutlich, wie wichtig dabei die ethische Ebene ist, um eine Lehrerpersönlichkeit aufzubauen. Hierbei stützt sich die Autorin Fahimah Ulfat auf das Lehr-Lern-Modell „Visible Learning“ (S. 164) von John Hattie (S. 164–185). Yasemin Harter erklärt in diesem Kontext, dass es im Religionsunterricht nicht mehr einfach um eine reine Wissensvermittlung geht, sondern die Kinder sollen ihre Kompetenzen erweitern können und es gilt ihnen genug Raum für theologische Fragen lassen. In diesem Essay werden die zu erwerbenden Kompetenzen im islamischen Religionsunterricht vertieft dargestellt (S. 185–194). So lautet Yasemin Harters Fazit nach Rainer Lersch: „Wer nichts weiß, ist nicht kompetent, aber wer mit seinem Wissen nichts anfangen kann, auch nicht“ (S. 193).

Der fünfte Teil „Ein Nachwort: Islam und Frieden“ (S. 195) von Gül Solgun-Kaps beschäftigt sich zum Abschluss des Buches mit den Vorurteilen, die sich unter anderem seit den Anschläge im September 2011 gegenüber dem Islam aufgebaut haben und gibt einen kurzen Einblick in das wirkliche Bestreben der Muslime (vgl. S. 195–197), wie folgender Ausspruch deutlich macht: „O Gott, Du bist der Friede. Von dir kommt der Friede. So grüße uns, unser Herr, mit dem Frieden“ [ein Hadith nach Abu l-Husayn Muslim] (S. 195).

Bilanz
Positiv ist an dem Buch zu vermerken, dass schon einmal das Cover ansprechend gestaltet und das Inhaltsverzeichnis übersichtlich und informativ ist. Es enthält in einem Überblick die zurzeit aktuellsten und wichtigsten Themengebiete rund um den Islam und den Islamischen Religionsunterricht, so dass der Leser bzw. die Leserin einen guten Einstieg in die Thematik erfährt. Vor allem das zweite und dritte Kapitel mit den praxisorientierten Beispielen und Anregungen für den Islamischen Religionsunterricht können sehr hilfreich bei der Planung einer Unterrichtsstunde sein, die nicht nur islamkundlich, sondern bekenntnisorientiert ausgerichtet ist. So wird nicht nur bloßes Wissen vermittelt. Die Lehrer erhalten dadurch die Chance, einen modernen Islamischen Religionsunterricht zu gestalten, in dem die Kinder eine religiöse Identität aufbauen und ihre eigenen Erfahrungen mit in den Unterricht einbringen können. Auch erhält der Lehrer/die Lehrerin ratsame Tipps, wie die Integration im Klassenzimmer stattfinden und ein interreligiöser Dialog zwischen den Kindern anderer Religionen möglich gemacht werden kann, ohne dabei den Bezug zum Islam zu verlieren. Des Weiteren ist es spannend zu erfahren, was für eine wichtige Rolle der Lehrperson im Unterricht und im Umgang mit Kindern zukommt. Man erhält einen Einblick, welche Anforderungen an einen modernen muslimischen Religionslehrer/eine muslimische Religionslehrerin gestellt werden. Sehr praktisch ist, dass an und innerhalb der einzelnen Essays jeweils die wichtigsten Informationen kurz und gebündelt stehen, so dass man sich das Geschriebene besser merken kann und einem ein schnellerer Einstieg in das Thema gelingt, auch wenn man das Buch ein paar Tage zur Seite gelegt hat. Schön sind dabei die eingebauten Suren, die die Meinung des Autors/der Autorin untermalen.
Verbesserungswürdig an dem Buch ist, dass viele Themen nur im Groben angerissen und nicht weiter vertieft werden. Im ersten Kapitel wäre eine genauere Übersicht über die unterschiedlichen Schulprojekte des Islamischen Religionsunterrichts in allen Bundesländern sinnvoll. Dadurch würde noch deutlicher, wie weit Deutschland mit der Einrichtung eines ordentlichen Islamischen Religionsunterrichts nach Art. 7 III GG gekommen ist und welche Probleme hier genau vorliegen. Dazu wäre eine kurze Übersicht über die wichtigsten islamischen Dachverbände sinnvoll. Außerdem ist das fünfte und letzte Kapitel zu kurz angerissen, stellt es doch gerade in der heutigen Zeit ein zentrales Thema in Bezug auf den Islam dar. Das Buch könnte mit einer intensiveren Beschreibung der wirklichen Absichten des Islams (Frieden) noch mehr Barrieren gegenüber dieser Religion abbauen. Hier liegt nämlich als eines der Hauptprobleme, warum der ordentliche Islamische Religionsunterricht oft auch kritisch und mit Argwohn von außen betrachtet wird.
Insgesamt ist das Buch sehr empfehlenswert und bestimmt nicht nur an werdende und bereits schon praktizierende Lehrer und Lehrerinnen gerichtet. Auch für Eltern und an dem Thema Interessierte ist es bestens geeignet, um sich einen Überblick über die aktuelle Situation des Islamischen Religionsunterrichts in Deutschland zu verschaffen. Wichtig hierbei ist aber, dass das Buch erst einmal nur einen Überblick und Anregungen geben möchte und nicht zur intensiven Vertiefung von Thematiken dient. Es will wohl in erster Linie informieren und Tipps zur Unterrichtsgestaltung geben und auf praxisbezogene Probleme hinweisen, was die Darstellung zugleich authentisch und erfahrungsnah erscheinen lässt. Da es aus vielen einzelnen Essays von unterschiedlichen Autoren und Autorinnen besteht, findet der Leser/die Leserin mehrere Meinungen und Positionen wieder, die ein umfassendes Bild über den Islam und die Didaktik an Grundschulen geben. So kann man sich das für sich Nützliche aus den Texten herausfiltern und die eigenen Sichtweisen anhand des Buches überprüfen und erneuern. Einige Methoden für den Unterricht sind aber wohl auch auf andere Schulformen anwendbar.

Aufgrund des umfassenden Überblicks über den Islam und die Lehrerrolle ist das Buch letztlich nicht nur für Grundschullehrer/innen sinnvoll, sondern auch Lehrern und Lehrerinnen anderer Schultypen zu empfehlen.

Ann-Christin Bultmann
TU Dortmund, WiSe 2014/15, 24.11.2014



Freitag, 14. November 2014

Salafismus - Einordnungsversuche islamisch-fundamentalistischer Phänomene



Thorsten Gerald Schneiders (Hg.): Salafismus in Deutschland – Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung.
Bielefeld: Transcript 2014, 463 S.
 --- ISBN Print 978-3-8376-2711-4, auch als PDF erhältlich
 
Kurzrezension: hier
Ausführliche Beschreibung 
Vor wenigen Jahren kannte kaum jemand die Worte „Salafismus“ und „Salafisten“, stattdessen wurde weitgehend der Begriff „Islamismus“ gebraucht. Inzwischen jedoch bedienen sich besonders die Medien gern mit der Kennzeichnung“ Salafismus“. Mehr oder minder kenntnisreiche sog. Experten diskutieren das Phänomen in Talkshows und kommentieren die furchtbaren Ereignisse im Mittleren Osten. Hinzu kommt, dass die Salafisten immer mehr Anhänger in Deutschland gewinnen sollen. Verfassungsschützer korrigieren die Zahlen ständig nach oben. Hunderte junger Männer sind nach Syrien gereist, um dort an der Seite der Terrormiliz Islamischer Staat zu kämpfen und als sog. Märtyrer zu sterben.
Der Islamwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders beschäftigt sich schon lange mit den Phänomenen eines politisierten und von Machtinteressen pervertierten Islam. Das vorliegende umfangreiche Buch lässt nun Autoren zu Worte kommen, die sich zum einen in der Materie auskennen und zum andern Verstehenswege bahnen wollen und dabei bestimmte Aspekte herausgreifen. Die 36 AutorInnen bilden ein breites Spektrum von Kompetenz – Frauen und Männer mit den Fachgebieten aus Islamwissenschaft, Politikwissenschaft, Islamischer und christliche Theologie bzw. Religionspädagogik, Orientalismus, Arabistik, Soziologie, Journalismus und Verfassungsschutz.
Die Notwendigkeit, in der Debatte um den Salafismus die Bedeutungsvarianten und Erklärungsmuster genauer auszuloten, steht außer Frage. Das versuchen die Beiträgerinnen in diesem Band auf unterschiedliche Weise im Blick auf Vergangenheit und Gegenwart – direkt und indirekt und schließlich mit dem Fokus auf die salafistische Szene in Deutschland. Immerhin kann dies als Grundstruktur gelten: Der Salafismus ist unabhängig vom polemischen Wortgebrauch eine absolutistisch-fundamentalistische Strömung, die versucht, die Anfänge des Islam als „den wahren Islam“ des Propheten Mohammed und seiner ersten Nachfolger wieder herzustellen. Salafisten bauen sich damit ein Bild von Klarheit, Reinheit und Moral des Islam, wie es nach ihrer Meinung auf der Halbinsel im 7./8. nachchristlichen Jahrhundert Realität war. Dabei wird auf historische Bedingungen und zeitliche Veränderungen nicht Rücksicht genommen und stattdessen versucht, diesen moralisch und politisch echten Islam der „Altvorderen“ in die Gegenwart „ohne Wenn und Aber“ zu transportieren.
In diesem Sinne hat der Salafismus eine lange Geschichte mit Personen und Schlüsselereignissen, die gerade in der Gegenwart mit bedacht werden müssen. Erst im Zusammenhang ergibt sich aus diesem Mosaik ein Bild, das manches der heutigen salafistischen Szene weltweit, aber auch in Deutschland besser verstehen lässt.
Zum Aufbau des Buches
Um überhaupt eine Struktur in die vielfältigen historischen und gegenwärtigen Facetten des Salafismus zu bekommen steckt der Herausgeber Thorsten Schneiders in der Einleitung den Rahmen zwischen Analysen und praktischen Handlungsempfehlungen ab. Er verweist auf drei Formen des Salafismus, die puristische bzw. quietistische, die politische bzw. aktivistische und schließlich die dschihadistische (S. 14–16). Erst die letztere wird im Grunde für die Politik und die Sicherheitsbehörden wichtig, weil offensichtlich besonders junge Menschen den Verlockungen dieser Art von Salafisten anheimfallen und für diese (zweifelhafte) Sinnorientierung ihr Leben einsetzen.
Um überhaupt ein angemessenen Bild von dem durchgängig sunnitisch geprägten Salafimus zu bekommen, wird in einem
1. Teil
versucht, „Historische Ursprünge" zu zeigen und "ideengeschichtliche Einordnungen zu ermöglichen. In einem 2. ausführlichen Teil gehen die Autoren auf die Erscheinungsformen des Salafismus in Deutschland ein, in einem 3. Teil konkretisieren sie dies an einzelnen Phänomenen im Kontext von Feindbildern, Rechtsextremismus und Ausdruck von Widerstand gegen bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen. (Jugend)-Psychologische Hintergründe bedenken die Beiträger im 4. Teil unter den Gesichtspunkten von Gewaltbereitschaft von (muslimischen) Jugendlichen als Minderheit und damit als Phänomen von Identitätssuche angesichts von Erfahrungen gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Wie Staat und Gesellschaft reagieren bzw. reagieren sollten – im 5. Teil – sind nicht nur eine rechtliche Frage und eine Aufgabe der Terrorismusabwehr, sondern auch eine Herausforderung für den interreligiösen Dialog als gewaltloser Mediationschance. Allerdings sind die muslimischen Verbände hier zu mehr Klarheit und deutlicher Abgrenzung gegenüber dschihadistischen Salafisten herausgefordert. Hier muss sich ein begegnungsbereiter Islam noch deutlicher als bisher zu Worte melden – unabhängig von klaren Worten einzelner Vertreter.
Spannend sind im 6. Teil: Erfahrungen mit Salafisten. So versuchten diese z.B. sich in Mönchengladbach festzusetzen. Eine anonym bleibende Muslima berichtet von ihrem sehr schwierigen bewussten Ausstieg aus der Salafistenszene. Trotzdem hat sie weiter mit stattlichem Misstrauen zu kämpfen.
Kriterien der Beurteilung aus der Analyse der Wirkungsgeschichte
Um die Bedeutung einer sinnvollen Auseinandersetzung zu betonen, sei hier exemplarisch auf die Wirkungsgeschichte des Salafismus im 1. Teil Bezug genommen. Der Salafismus hat sich im sunnitischen Islam entwickelt. Es gibt eine strukturelle Nähe zu einer unbeweglichen Exegese des göttlichen Wortsinns in Koran und Sunna. Dies beschreibt Hans-Thomas Tilschneider (Universität Bayreuth).  Andreas Görke (Universität Edinburgh) und Christopher Melchert (Universität Cambridge, UK) weisen dagegen höchst interessant nach, dass sich die Muslime der Anfangszeit keineswegs nur nach dem Koran und dem Vorbild Mohammeds richteten, sondern dass sich die islamische Rechtsfindung erst nach und nach systematisierte. So ist die Scharia nie ein islamisches Gesetzbuch geworden, sondern bleibt Rahmen zur Strukturierung der Lebensverhältnisse. Salafisten damals und heute verkennen dies (bewusst) und arbeiten ganz offensichtlich mit einer historischen Fiktion. Der Herausgeber Thorsten Schneiders verweist in diesem Zusammenhang auf die ambivalente (keineswegs eindeutige) Rolle Ahmad Ibn Hanbals (780–855), des Begründers der sehr orthodoxen hanbalitischen Rechtsschule. Dieser schrieb allerdings die Rückbesinnung auf den Koran fest. Dennoch lässt sich die Ablehnung sufischer Strömungen mit ihm nicht begründen.  
Schwieriger wird es schon angesichts der moralischen Intransigenz von Ibn Taymiyya (1263–1328). Dessen keineswegs eindeutiges Rechtsverständnis spaltet seine späteren Interpreten in glühende Bewunderer und kompromisslose Gegner (besonders im Westen). Es bleibt damit offen, ob er wirklich „der Vater des islamischen Fundamentalismus“ ist. Man muss wohl eher die Nachwirkungen von Ibn Qayyim al-Dschauziyya (1292–1350) mit seinem eigenwilligen Zugriff auf die islamische Frühzeit verantwortlich machen (so Birgit Krawietz, Freie Universität Berlin). Die Salafiyya eines Nu’man Khaiyr al-Din al-Alusi (1836–1899) und Mahmud Schukri al-Alusi (1857–1924) im 19. Jahrhundert dürfte mit den heutigen Salafisten jedenfalls wenig gemeinsam haben. Denn sie gehören in Ägypten zu den antikolonialistischen Reformrichtungen, und zwar wohlgemerkt zu denjenigen um Sayyid Jamal Din al-Afghani (1838–1897) und seines Neffen Mohammed Abduh (1849–1905). Ähnliches gilt für das (osmanische) Syrien. Auf einen wichtigen Zusammenhang und zugleich auf eine beachtliche Differenz weist Mohammad Gharaibeh (Universität Bonn) hin. Die Wahabiyya Saudi-Arabiens kommt ursprünglich aus der hanbalitischen Rechtsschule und ist von der klassischen Salafiyya des 19. Jahrhunderts beeinflusst. Sie hat sich jedoch mehr und mehr von ihr entfernt, so dass hier eine Art puristischer Salafismus entstanden ist, dessen Wurzeln sich nur bedingt bei den antikolonialistischen Reformbestrebungen Ägyptens (z.B. auch den Muslimbrüdern) und des Mittleren Ostens finden.
Die Notwendigkeit historischer Analyse im Blick auf gegenwärtige Einschätzungen
Angesichts einer solch komplizierten Gemengelage fallen die starken entwicklungsgeschichtlichen Impulse ins Gewicht bis in die die in die Gegenwart hinein, und zwar in recht unterschiedlichen auftretenden Gruppen zwischen Indien und Saudi-Arabien. So stellt sich wohl immer die Frage: Welchen Salafismus meinen wir bei der Beurteilung gegenwärtiger Tendenzen? Antikolonialistischer Reformkurs des 19. Jahrhunderts, soziales Engagement der Muslimbrüder Ägyptens, den Glaubenskampf betonende Fundamentalisten und wahabitische Verhärtungen haben alle irgendwie mit dem Salafismus zu tun. Und die heutigen Salafisten setzen ihre Denkrichtung einseitig als die authentische und endgültige Wahrheit fest. Die Geschichte des Salafismus verschwindet dabei im Nebel sich islamisch ausgebender Parolen. So bleibt nur, diese so schwer einzuschätzende fundamentalistische und dialogfeindliche Szene nach ihren Äußerungen und Taten zu beurteilen und deutliche Fragezeichen zu setzen, wenn diese ihr Verhalten mit geschichtlichen Zusammenhängen begründen wollen. Es wirkt geradezu unglaublich, wie willkürlich und kenntnisarm im islamistisch-gewaltbereiten Spektrum der Gegenwart mit dieser Geschichte umgegangen wird.
Wegen dieses auffälligen Variantenreichtums im islamischen Fundamentalismus sind die Ausarbeitungen in diesem Buch eine wichtige und kompetente Orientierung. Es ermöglicht Kriterien für eine klärende Beurteilung sowohl der verschiedenen in Deutschland agierenden islamistisch-fundamentalistischen Gruppen als auch ihrer als radikale Impulsgeber wirkenden Prediger. Trotz der Fülle des Buches konnte natürlich manches nicht oder nur knapp angesprochen werden. Schade, dass man zur Orientierung dem Buch kein Sach- und Personenregister beigegeben hat. Dies würde es auch erlauben, bestimmte Zusammenhänge in der Geschichte und Gegenwart des Salafismus leichter (wieder) zu finden.

Weitere thematisch verwandte Bücher von Thorsten Gerald Schneiders

  • Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen (2009)
  • Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird (2010)
  • Die Araber im 21. Jahrhundert (2013)
  • Der Arabische Frühling 2013)

Rezensionen zu diesen Titeln: hier                                                                                                                                                          Reinhard Kirste
Rz-Schneiders-Salafismus, 14.11.14 


Donnerstag, 13. November 2014

Sich selbst bewusst wahrnehmen und gestalten


Werner A. Disler: Das Verlangen gestalten.
Selbstpsychologische Alltagsphilosophie. 

EDITION OCCIDENTE.
München: Books Ex Oriente 2014, 136 S.
--- ISBN 978-3-9815153-5-0

Verlagsankündigung

Alles Leiden stammt aus dem Verlangen, das unsere Seele aufwühlt durch die Illusion, unser Heil sei irgendwo im Außen zu finden. Wer kennt nicht den Schmerz des Verlassenseins, des Gefühls, getäuscht, erniedrigt und beleidigt zu sein, der ohnmächtigen Wut? Dies wehren wir ab, indem wir Lebensstrategien anwenden, die uns vor Schmerz bewahren sollen. Wir wollen den Andern ändern, statt uns: aus ihm das Böse austreiben wie einen Teufel. Aber es verschwindet erst, wenn es empathisch wahrgenommen wird und wenn seine Wurzel, das ungestillte Verlangen nach Liebe, Anerkennung, Sicherheit selbst zum Ziel unserer Einflussnahme gemacht wird. Das heißt: wir müssen das Verlangen in uns gestalten lernen.

Die vorliegenden Texte stammen direkt aus Werner A. Dislers persönlicher und therapeutischer Erfahrung und sind unmittelbar verknüpft mit seiner nunmehr 40jährigen Praxis als Psychotherapeut.
Im Anhang befindet sich (statt Nachwort) ein Gespräch des Herausgebers Axel Monte mit dem in Zürich lebenden Autor.

Die grossen Vier
Verlangen
Narzissmus
Angst
Wut
Ihnen ausgeliefert zu sein
bedeutet Un-Gestalt, missgestaltet sein.
Um ihnen nicht ausgeliefert zu sein,
müssen sie alle gestaltet werden.
Halte zuerst Zwiesprache
mit deinem Verlangen,
statt mit dem, der es nicht erfüllt,
und mit deiner Verletzlichkeit,
statt mit dem, der dich verletzt,
und mit deiner Angst,
statt ihr auszuweichen
und mit deiner Wut,
statt sie blindlings anzuwenden.
Gestaltest du sie aber nicht,
bilden sie gemeinsam
Schmerz und Zerstörung.
Die ungestalteten großen Vier
vereinen sich zum Hass.
  (aus dem Buch,  S. 49)



Samstag, 8. November 2014

Buch des Monats November 2014: Kirchenreform und Kirchenkritik - zur "Biografie" von Paul Zulehner



Paul M. Zulehner: Mitgift. Autobigrafisches anderer Art.
Ostfildern: Patmos (Schwabenverlag 2014), 296 S., Abb., Lebenslauf
--- ISBN 978-3-8436-0542-7
Ausführliche Besprechung 
Schon der Titel dieses Buches ist ungewöhnlich – Mitgift. Es kommen sofort zwei sehr unterschiedliche Wortbedeutungen in den Sinn: die Mitgift als Brautgabe, ein besonderes Geschenk für ein gemeinsames Leben. Aber es kommt auch schnell die Assoziation bei der Worttrennung auf: Mit-Gift. Wer die theologische Laufbahn des katholischen Theologen Paul Zulehner etwas verfolgt hat, wird entdecken, dass er beides erlebt hat Gnadengeschenke, aber auch bösartige (vatikanische) Anfeindungen. Das wirft auch Schatten auf eine Kirche, die sich doch der göttlichen Wahrheit und der Frohen Botschaft des Heils verschrieben hat. Kein Wunder also, dass dieses sehr persönliche Buch des Autors keine Biografie im üblichen Sinn ist, sondern eine Art Zwischenbilanz, die zugleich erlebte Kirchengeschichte widerspiegelt.

Den Fokus setzt Zulehner auf Arbeit und Lieben. Er nimmt dazu die Musik als Vergleichspunkt: Presto des Arbeitens, Menuett des Liebens, Lento in der Gegenwart („Wofür ich stehe und einstehe“), und die noch ausstehende Coda, „Die Unvollendete“, deren Abschluss der Autor sieht, wenn er dann zum eigentlichen Komponisten seines Lebens gehen wird (S. 15). So ist auch das Buch mit dem entsprechend vierfach gegliedert. Der „Biograf“ bezieht sich dabei in seinen Reflexionen gern auf Schriftsteller, die ihm offensichtlich Orientierung gaben und geben: Rainer Maria Rilke, Günter Anders, Brigitte Schwaiger (S. 199–207), Dorothee Sölle und Marie Luise Kaschnitz. Aber auch die Begegnung mit den Künstlern gehört zu seinen wichtigen Lebensinhalten.

Insgesamt breitet der Autor spannende, heitere und nachdenklich machende Geschichten vor den LeserInnen aus. Sie sind nicht nur ganz persönlich geprägt, sondern eröffnen auch viele (weniger bekannte) kirchliche Hintergrundinformationen ...

Zulehner wurde am 20.12.1939 in einem Vorort von Wien geboren. Sein „wissenschaftliches Leben“ begann mit dem Studium der Theologie und Philosophie in Innsbruck, Konstanz und München. Entscheidend war für seine weitere Entwicklung die Begegnung mit Karl Rahner, zu dessen Schülern er gehörte. 1964 wurde er zum Priester geweiht und arbeitete auch als Gemeinde-Kaplan und gleichzeitig im Wiener Priesterseminar. 1974-1976 machte er Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Bamberg und Passau. Die letztere berief ihn 1975 zum ordentlichen Professor, wo er bis 1984 blieb. Hier begann auch seine intensive Arbeit im Bereich der Seelsorge und der theologisch-pastoralen Beratung der Passauer Bischöfe Antonius Hofmann und Franz X. Eder. Dies war eine beachtliche reformerische Tätigkeit – ganz im Sinne des 2. Vatikanischen Konzils. In Passau entstanden wichtige Arbeiten und Analysen zu kirchensoziologischen und pastoraltheologischen Themen. Seine Schwerpunktforschungen im Bereich von Religion, Religiosität, Sinn-, Norm- und Wertefragen (gerade auch bei Jugendlichen) führten ihn auch immer wieder für längere Zeit ins Ausland. Der Prozess der pastoralen Entwicklung im Bistum Passau wurde allerdings im Jahre 2003 auf höchst unrühmliche Weise durch Bischof Wilhelm Schraml aufgekündigt (S. 132–138), der übrigens dann auch Franz-Peter Tebarz van Elst, den späteren Bischof von Limburg, zu seinen Beratern erkor.  
Zulehner sieht seine Berufung 1984 auf den Lehrstuhl für Pastoraltheologie der Universität in Wien als einen Glücksfall an, weil sich hier Forschung, die Vermittlung an die Studierenden und praktische Begleitung kirchlicher Entwicklungen in Österreich sinnvoll miteinander verbinden ließen. Von 2000 bis 2007 war er auch Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der dortigen Universität und wurde 2008 emeritiert. Er begleitet und berät aber weiterhin verschiedene Gremien so die oberösterreichische Forschungsgruppe „Academia Superior“, ein Think Tank für die Zukunftsforschung. 


Das 2. Vatikanische Konzil dürfte „das“ Schlüsselerlebnis gewesen sein, dessen spirituelle Aufbruchskraft der Katholischen Kirche einen Glaubwürdigkeitsschub gab, in dem Mystik, Moral und Politik eine hoffnungsvolle Verbindung für eine Kirche mit Zukunft eingingen. Der 3. Satz Zulehners:Lento: Wofür ich stehe und einstehe“ ist davon intensiv geprägt. Allerdings ist inzwischen vieles wieder in sich zusammengesunken (S. 10). Aber mit Papst Franziskus keimt neue Hoffnung auf.


Überblickt man dieses autobiografische Mosaik, so spüren die Lesenden, dass der als liberal und links immer wieder diskreditierte Zulehner zu den herausragenden Theologen in der Weiterentwicklung des 2. Vatikanums gehört. Er forderte ernsthaft grundlegende Veränderungen des Priesterberufs mit dem Pflichtzölibat, das er an sich selbst problematisch genug erfuhr. Gerade darum bedachte er Alternativen für eine zukunftsorientierte Kirche, stärkte immer wieder die katholischen Frauengruppen und hatte ein freundlich-entspanntes Verhältnis zu den Kirchenaufbrüchen von „Wir sind Kirche“, eine Kirchenvolksbewegung, der die offizielle Amtskirche weiterhin höchst abweisend entgegensteht. Angesichts seines kontinuierlichen, mutigen Eintretens für eine sich reformierende Kirche hat Zulehner u.a. Kardinal Franz König (1905-2004) als einen Vertrauten und den ehemaligen Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, als Freund erfahren dürfen. Besonders belastet haben ihn offensichtlich die (verdeckten) Angriffe von Kardinal Meisner und der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis.

Zulehner gehört damit in die Reihe derer, die mehr für die Glaubwürdigkeit der Kirche (nicht nur der katholischen) getan haben als jene sog. Bewahrer und vatikanischen Bremser, die nicht an überkommenen Strukturen rütteln wollten: „So galt es, einen Weg zu finden, auf dem Menschen, die Gott für seine Kirche beansprucht, in letzter Einsamkeit vor Gott stehend eben die Frage stellen: >Gott, was traust du mir zu, damit die Kirche, der du mich hinzugefügt hast, lebendig ist und handeln kann?<“ (S. 127). Und so stellt er bescheiden seine vorläufige Lebensbilanz als Fragment dar: „Es gehört zu den schmerzlichen Einsichten meiner Lebensevaluierung, dass vieles ein Fragment geblieben ist. Das betrifft das Arbeiten wie das Lieben“. Aber es tröstet ihn, „dass gerade große Komponisten Unvollendetes hinterlassen haben“ (S. 290f). Als einer, der gelernt hat, mit dem Mangel zu leben, geht er hoffnungsvoll dem finalen Empfang bei Gott entgegen … Ein faszinierendes Buch!

Reinhard Kirste
relpäd/Zulehner-Mitgift, 31.10.14