Freitag, 2. Januar 2015

Buch des Monats Januar 2015: Eine Ärztin in Pakistan



Ruth Pfau:  Leben ist anders. Lohnt es sich? Und wofür?
Bilanz eines abenteuerlichen Lebens

Freiburg u.a.: Herder 2014, 256 S.  --- ISBN  978-3-451-33289-0 ---
Ausführliche Beschreibung
Pakistan wird immer wieder von Terrormeldungen und Selbstmordattentaten erschüttert. Die Nachbarschaft zu Afghanistan macht dieses Land zu einem kontinuierlichen Unruheherd. Wenn jemand sein Leben in einer solchen Krisenregion einsetzt, dann muss dahinter eine unauflösliche Hoffnung und ein unerschütterliches Vertrauen stehen, das die Lebensbasis bestimmt. Die Ärztin Ruth Pfau (geb. 1929) hat diese Haltung als bewusste Christin in ihre Arbeit mit Leprakranken eingebracht. Durch ihren oft abenteuerlichen Kampf gegen den „Aussatz“ ist sie bekannt geworden und hat auch viele Ehrungen erhalten.

In diesem Buch zieht sie nun Bilanz, indem sie nach dem Sinn des eigenen Lebens und nach dem Sinn eines (christlichen) Engagements für den Nächsten fragt.
Ihre Glaubensrichtung war zu Anfang noch keineswegs eindeutig und schwankte zwischen Katholizismus und Protestantismus. Sie konvertierte schließlich zum Katholizismus und  trat 1957 in die Kongregation der „Gesellschaft der Töchter vom Herzen der Maria“ ein. Es handelt sich um einen Orden, der besonders in der Erziehung, der Gesundheitsvorsorge und in der Sozialarbeit engagiert ist. Im Jahre 1960 – als Frauenärztin auf dem Weg nach Indien – blieb sie gewissermaßen in Karachi hängen. Die Begegnung mit Leprakranken in einem Elendsviertel dort wurde für Ihr Leben bestimmend. Ihre Gründung des Marie Adelaide Leprosy Centre (MALC) wurde schließlich in Pakistan zu einer anerkannt herausragenden Gesundheitsinstitution. Als geschätzte Beraterin der pakistanischen Regierung gelang es, die Lepra in Pakistan faktisch zu beseitigen und dann ein Tuberkulose-Kontrollprogramm zu installieren. Hinzu kam, dass sie durch die Begegnung mit Blinden in Gefängnissen auch die Blindenarbeit intensivierte.
Die Ärztin und Ordensschwester lässt nun bestimmte Ereignisse in ihrem Leben Revue passieren. Reichlich gefährliche Situationen fließen immer wieder in ihre Reflexionen ein. Von der Leitung ihres Krankenhauses MALC hat sie sich 2013 zurückgezogen. Das heißt aber für sie keineswegs, nun in den „Ruhestand“ zu gehen.
„Man kann immer etwas Sinnvolles tun. Irgendetwas. Man kann doch nicht einfach zusehen. Natürlich: Es zwingt uns keiner. Man kann wegsehen. Man kann sich weigern, sich auf solche Situationen überhaupt einzulassen. Aber mein Leben ist das nicht. Deshalb also bin ich mit 83 noch einmal in die Behindertenarbeit eingestiegen. Weil ich musste“ (S. 43).
Ihre „Arbeit am Menschen“ hat je länger je mehr auch eine interreligiöse Komponente bekommen. Sie merkte gerade in dem von vielen religiösen und ethnischen Spannungen geprägten Pakistan, wie schnell Hass und Gewalt aufkommen. Das traf und trifft natürlich auch die christliche Minderheit im Lande. Ruth Pfau hat immer größten Wert darauf gelegt, unbewaffnet zu sein, weil Waffen Konflikte nur verschärfen (S. 160). Ihr liegt daran, immer wieder den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Ihre eigene Gewaltlosigkeit und damit auch Verletzlichkeit macht sie oft nur durch kleine Gesten überzeugend sichtbar. Dabei scheut sie nicht zurück, Ungerechtigkeiten deutlich anzuprangern. Das betrifft gerade gesellschaftliche Zustände, wo Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden und die von Gott gegebene Menschenwürde mit Füßen getreten wird.
„Gemeinsamkeit, konkretes Miteinander, gelebte Toleranz: in unserem Krankenhaus arbeiten Schiiten, Sunniten, Christen, Hindus zusammen und ebenso auch im Außendienst. >Khuda ka banda<, oder >Khada ki bandi> – wenn uns jemand aggressiv nach unserer >Zugehörigkeit< ausfragt: >Wer bist du?!>, dann ist die Antwort: >Von Gott erschaffen, was sonst?< Und in der gemeinsamen Hingabe an den Kranken und Hilfsbedürftigen ist jeden Tag genügend Gelegenheit, die Kostbarkeit jedes, jedes Menschen nicht nur zu reflektieren, sondern auch zu leben. Und zu hoffen, dass sie diese Erfahrung gegen alle menschenfeindlichen Tendenzen immunisiert. Das gilt für Karachi wie für Europa" (S. 167).
Die Bibel ist  für sie tägliche Lebensorientierung. Das schließt nicht aus, dass sie auch von Zweifeln geplagt wird, gerade, was die Sinnhaftigkeit ihres Tuns betrifft. Gott bleibt der schwer Verständliche. Hinzu kommen theologische Hemmschwellen sowohl im Christentum wie im Islam. Oft wird Behinderung als eine Folge der Sünde, als Fluch oder als das Einwirken böser Geister ausgelegt. Dagegen setzt sie Jesus. Wie er mit den Kranken und Ausgegrenzten umging, ist ihr immer wieder Mut machendes Vorbild. So erfährt ihre Sicht des Glaubens eine theologische Weitung und eine konfessionelle Entgrenzung. Wie gut ist es, dass sowohl im Christentum wie im Islam Nächstenliebe vorgeschrieben ist (S. 183). Die Unterschiede der Religionen bleiben, gerade was den Kreuzestod Jesu betrifft oder den Umgang mit dem Leiden als Gottes Fügung. Aber das respektvolle Miteinander wird dadurch keineswegs getrübt. Eine solche Sicht ermöglicht vielmehr, die Heiligen des Alltags zu treffen und sich mit ihnen verbunden zu wissen.
Und wie steht es nun mit dem Sinn eines solchen für Außenstehende beeindruckenden und erfüllten Lebens? Ruth Pfau schreibt: „Das Leben bürdet Lasten auf. Die Einsamkeit wird größer, wenn man sich dieser Wirklichkeit aussetzt. Wenn Sinn nicht sichtbar oder erfahrbar ist. Ja, das Leben ist grausam, es ist dunkel und voller Leid … Ich stelle mich trotzdem auf den Standpunkt: Das Leben kann nicht unsinnig sein. Ich verstehe es nur nicht. Die Dunkelheiten sehen wir. Der Sinn wird geglaubt. Und ich bin nach wie vor überzeugt: Das letzte Wort wird die Liebe sein“ (S. 240f). Eine wichtige Antwort hatte sie schon zuvor gegeben: „Aber wenn man das Positive einmal zulässt, dann wird es sich durchsetzen. Wenn nicht gleich im ersten Durchgang, dann später“ (S. 211).
Angesichts der brutalen Konflikte weltweit, aber auch im Zusammenhang mit den vielen furchtbaren Anschlägen in Pakistan selbst, wird ihr Buch zu einem ermutigenden Friedenszeugnis. Diese Lebensbilanz lädt zum helfenden Eingreifen ein, wo immer Menschen durch Krankheit, Armut oder Verfolgung bedroht sind.
Reinhard Kirste
 Rz-Pfau-Lepra, 31.12.14 




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