Dienstag, 28. April 2015

Wieder ins Gespräch gebracht - die Weisheit der Schamanen



Geseko von Lüpke: Altes Wissen für eine neue Zeit. 
Gespräche mit Heilern und Schamanen des 21. Jahrhunderts.
München: Kösel 2008, 429 S., Literaturhinweise, Internetkontakte
 
ISBN-10: 346634526X  ---- ISBN-13: 978-3466345267
 

Angesichts der weltweiten Krisensituationen im Blick auf den Hunger, das Klima, die Finanzen und ständig aufflammender Kriegsherde suchen viele Menschen nach alternativen Lösungen. So kommen Themen und Tendenzen wieder zur Sprache, die lange Zeit eher in den Esoterikzirkeln oder in der New Age-Bewegung beheimatet waren.


Darum ist es spannend, wenn ein Buch auf den Markt kommt, das mit Ernsthaftigkeit und Empathie Menschen vorstellt, die in einem weiten Sinne als Schamanen unserer Zeit angesehen können. Die mit nachprüfbaren Beweisen sich rechtfertigende Wissenschaft hat mit solchen aus vor-wissenschaftlichen und erfahrbaren Traditionen lebenden Menschen ihre Schwierigkeiten, aber der Physiker Hans-Peter Dürr, Träger des alternativen Nobelpreises, erinnert im Klappentext: „Wir brauchen schamanische Weisheit …, um wieder in Verbindung zur eigentlichen lebendigen Wirklichkeit zu treten. Ohne diese Rückbindung sind wir ohne Wurzeln und haben keine Zukunftschancen.“
Der Autor Geseko von Lüpke, promovierter Politologe und Ethnologe ist in den vorliegenden Gesprächen mit 17 Schamanen aus 16 Ländern der gesamten Welt mehr als seinen journalistischen Neigungen nachgegangen, und zwar bei allen Interviews letztlich unter der Leitfrage, wie wir die Welt verändern können, wenn wir das Wissen derjenigen bewusst aufnehmen und aktualisieren, die sich als Grenzgänger zwischen den „Bewusstseinswelten“ verstehen und daraus Kräfte des Veränderns und Heilens schöpfen – für sich und andere. Ob der Schamanismus in diesem Sinne als die Mutter aller Religionen anzusehen ist, bleibe allerdings dahin gestellt (S. 23-25).
Die vorgestellten Persönlichkeiten, viele Künstler, Ökologen und Heiler gleichzeitig, die teilweise auch in Europa durch Vorträge und Seminare bekannt geworden sind, kommen aus unterschiedlichen kulturellen und religiösen Traditionen und sind in ihren Antworten keineswegs gleichförmig, oft durch Lebensbrüche geprägt, manchmal auch nicht besonders tiefschürfend. Dennoch ist ein erstaunliches Kaleidoskop alternativer Denkweisen herausgekommen. Bei der Vorstellung seiner Gesprächspartner geht es von Lüpke darum, ein Kulturpotential sichtbar zu machen, das nicht verschleudert werden darf. Es geht schließlich um den Kosmos als Einheit, um ein erweitertes Naturverständnis, um die Kraft der Ahnen, des Weiblichen und des spirituellen Begleitens. Was bisher eher außerhalb Europas angedacht wurde, stellt von Lüpke auch an Beispielen Europas dar. Dabei wechseln archaische und moderne Überlegungen einander ab. Welche Zukunft der Schamanismus hat, versucht der Autor dann im Zusammenhang mit der „westlichen“ Wissenschaft, aber auch in den Wirklichkeitserfahrungen von Ekstase, Trance und anderen Bewusstseinszuständen zu verdeutlichen.
Von Lüpke beginnt seine Gesprächsaufzeichnungen zum schamanischen Weltbild durch den „Ältesten“: Angaangaq Lyberth aus Grönland. Es folgt im Blick auf den Zusammenklang von Tradition und modernem Denken Don Oscar Miro-Quesada, ein Inka-Nachfahre. Dieser Zusammenklang führt im Blick auf die Natur zu veränderndem Handeln, verdeutlicht durch Konkretionen des mongolischen Schamanen und deutsch sprechenden Dichter Galsan Tschinag, dem nordamerikanischen Indianer-Ältesten und Heiler Manitonquat sowie dem schamanischen Heilkräuter-Erfahrenen aus dem peruanischen Amazonas-Gebiet Don Pedro Guerra Gonzales. Welche Kraft für die Gegenwart und für das eigene beratende und heilende Tun aus der Ahnenverehrung erwächst, machen der Südafrikaner Percy Konqobe, der Batak Morden Siragong aus Indonesien, der Westafrikaner Malidoma Somé und unter besonderer Berücksichtigung der weiblichen Kräfte die guatelmaltekische Maya-Priesterin Doña Eufemia Cholac Chicol, die sibirische Schamanin Nadja Stepanova, die koreanische Trance-Tanz-Schamanin Hi-ah Park und schließlich die Maori-Neuseeländerin Wai Turoa-Morgan deutlich.
Während die bisher angesprochenen Schamaninnen und Schamanen in ihre traditionale Kultur durchweg (noch) stark eingebunden sind und gleichzeitig viele von ihnen sich auch als Brückenbauer zur Moderne empfinden, wirkt das bei den europäischen SchamanInnen unterschiedlich. Sicher nehmen alle Genannten teilweise vergessene Traditionen wieder auf und bringen auch überzeugend wirkkräftige Beispiele ihres Tuns, dennoch aber muten die Begründungen der „heiligen Clowns“ aus England, Dusty Miller XIII. und Dusty Miller XIV. nicht nur in ihren Baum-Bezügen etwas weit hergeholt an. Ähnliches gilt für die bekannte Heide Göttner-Abendroth, die allerdings auch nicht als Schamanin, sondern als Kulturwissenschaftlerin vorgestellt wird. Die Gleichsetzung von schamanisch und matriarchal muss religionswissenschaftlich eigentlich nur als kühn bezeichnet werden. Anders dagegen der Sámi-Schamane Ailo Gaup aus Norwegen, dem man die unmittelbare Nähe zu den samischen Steinzeitwurzeln der angesprochenen Rituale unmittelbar glaubt. Gerade in der Verbindung von schamanischen, über viele Jahrhunderte transportierten Erfahrungen und der modernen Wissenschaft, besonders in Biologie, Medizin, Meteorologie dürfte ein Erkenntnisfortschritt liegen, auf den gegen Ende des Buches der Mexikaner José Lopéz Guído und der aus dem Südwesten stammende US-Indianer Jospeh Standing Eagle verweisen.
Geseko von Lüpke legt mit diesem „Gesprächswerk“ ein wichtiges Buch vor, weil meines Wissens noch nie so lange und intensive Gespräche mit so vielen Schamanen in einem überschaubaren Zeitraum von heute geführt wurden. Damit wird die Einordnung des Phänomens Schamanismus nicht leichter, aber gerade die SchamanInnen bezeugen mit ihrem Tun und ihren Ritualen die Verbindung von Mikrokosmos und Makrokosmus und damit eine tief gegründete Einheit des Kosmos, auf die sie im Sinne heilsamer Veränderung hinarbeiten. Auf Menschen dieser Kraft und Sensibilität – und sicher manchmal auch befremdenden Art – sollte um des Himmels und der Erde willen mehr gehört werden.
Dies  bestätigt  auch ein Spruch der Pueblo-Indianer:
Halte fest, was gut ist und sei es Handvoll Erde.
Halte fest an dem, was du glaubst und sei es ein Baum, der alleine dasteht.
Halte fest an dem, was du tun musst und sei es weit entfernt.
Halte fest am Leben, auch wenn es einfacher wäre, es loszulassen.
Halte fest an meiner Hand, auch wenn ich dich verlassen habe.
Reinhard Kirste
Rz-Lüpke, 14.02.09, bearb. 28.04.2015


Montag, 27. April 2015

Der säkulare Staat vor den Herausforderungen einer multireligiösen Gesellschaft



Joseph Marko / Wolfgang Schleifer (Hg.):
Staat und Religion.

9. Fakultätstag der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz,
16. Mai 2014.
Graz: Leykam 2014, 305 S. --- ISBN 978-3-7011-0308-9 ---
Kurzrezension: hier 

Ausführliche Beschreibung
Als kontinuierliche Herausforderung, Chance und Spannungsfeld erweist sich das Verhältnis von Staat und Religion(en) in der modernen (säkularen) Gesellschaft. Mit der verstärkten Einwanderung von Muslimen in westliche Gesellschaften hat dieses Thema oft unerwartete, ungewöhnliche und für viele beunruhigende Perspektiven erfahren.
Von daher war der interdisziplinär angelegte 9. Fakultätstag der Juristischen Fakultät der Universität Graz der Versuch, Strukturlinien im komplexen Zusammenhang von Staat und Religionen aufzuzeichnen. Der Titel war bezeichnend: „100 Jahre Islamgesetz in Österreich. Scharia und säkularer Rechtsstaat – ein unlösbarer Widerspruch?“

In der Bilanz des Studientages heißt es: „Staat, Recht, Politik und Religion stehen seit jeher in einem untrennbaren Zusammenhang. Migrationsbewegungen führten in den letzten Jahrzehnten wieder zu einer Zunahme der politischen Bedeutung der Religionen und warfen eine Vielzahl brisanter Fragen auf. Welchen Umfang hat das Recht auf Religionsfreiheit? Wann kippt Meinungsfreiheit in Blasphemie? Wie begegnet die Arbeitswelt religionsspezifischen Thematiken wie (z.B.) religiösen Feiertagen? Inwieweit ist die Anwendung der Scharia durch österreichische Gerichte erlaubt?“
Damit thematisiert dieser Band zugleich das Thema der Religionsfreiheit. Das Attentat auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2015 hat weitere Gewalttaten in asiatischen und afrikanischen Ländern sowie in Dänemark zur Folge gehabt. Immer wieder treten dadurch „der“ Islam und seine Rechtsverständnisse in den medialen Mittelpunkt. So ist es den beiden Herausgebern von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, dem Staats- und Verfassungsrechtler Joseph Marko und dem Rechts- und Translationswissenschaftler Wolfgang Schleifer zu danken, dass sie die Vielfältigkeit des Themas weit über die engeren juristischen Zusammenhänge hinaus durch diese Publikation einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.
Da die hier dokumentierte Konferenz durch Plenumsvorträge und Arbeitskreise geprägt war, hat sich eine vielfältige und doch klar strukturierte Themenübersicht ergeben, so dass man die Anstöße durch die Plenumsvorträge und die Ergebnisse der Arbeitskreise als wichtigen Baustein für eine interreligiöse Praxis werten kann.
I.  Die Themenfelder der Plenarveranstaltung umfassten sowohl aktuelle Entwicklungen des Religionsrechts als auch (unterschiedliche) Erfahrungen von Gerichten mit islamischem Privatrecht in Österreich (Richard Potz und Wilhelm Posch, Universitäten Wien und Graz). Die Einsichten in multikulturelle und multireligiöse Veränderungen der Gesellschaften Europas in Geschichte und Gegenwart sowie islamische-theologische Begründungen bieten genügend Möglichkeiten, keine religiöse Grenzen aufzurichten, sondern davon auszugehen, dass „die Erde Gottes keine Grenzen kennt“ (S. 65). Gerade religiöse Menschen sind von ihren Glaubensgrundlagen gehalten, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen (Christian Joppke und Ednan Aslan, Universitäten Bern und Wien). Angesichts der Elastizität liberaler Institutionen Europas kann man eigentlich davon ausgehen, dass mit den Religionen der Einwanderer wirklich fair umgegangen wird (S. 61). Der soziologisch orientierte Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner (Universität Wien) lenkte mit der Frage: „Wie säkular ist die österreichische Gesellschaft?“ wieder in das Alpenland zurück. Seine Ergebnisse im Blick auf veränderte Eheverständnisse bzw. Familienbilder nötigen gerade die katholische Kirche zu einer „Modernisierung“ (S. 78) trotz erheblicher Beharrungsversuche konservativer Kreise. Österreichische Umfrageergebnisse lassen sich unter Berücksichtigung jeweiliger Besonderheiten anderer Länder durchaus als typisch für West- und Mitteleuropa einschätzen. Schließlich gehören Partnerschaftsprinzip und Gleichberechtigung von Mann und Frau inzwischen zu den säkularen Basiswerten, wie besonders im Arbeitskreis über Familienkonzepte betont wurde.
II.  Die sieben Arbeitskreise (AK) repräsentierten die Vielfalt der diskutierten Beiträge. Hier seien nur einige Schwerpunkte herausgehoben, ohne auf die Impulsgeber im Einzelnen einzugehen. Im AK „Moderne Familienkonzepte, Familienrecht und Religion“ (1) standen neben Fragen der Rechtsgeschichte das islamische Familienrecht mit seinen praktischen Auswirkungen – gerade im Blick auf Österreich – im Zentrum. Dies wurde besonders beim Thema Jungen-Beschneidung deutlich. Das zeigt die Debatte um die Strafbarkeit dieses Eingriffs und die inzwischen geltende Rechtssicherheit in Deutschland seit 2013 (S. 110ff, Thomas Schoditsch, Universität Graz). Im Grunde noch heiklere Themen behandelte der AK „Blasphemie!“ (2). Nicht nur Russland anlässlich der Aktionen der Gruppe Pussy Riot kam in den Fokus, sondern auch die Schieflage der Blasphemiegesetze in der Türkei zugunsten des Islam und gegen die anderen Religionen. Allerdings haben auch Europa und die USA angesichts von Redefreiheit und öffentlichem Protest Probleme. Das gilt für die sog. Hassprediger und Beleidiger im Zusammenhang mit dem Blasphemieverständnis, aber auch für öffentliche Proteste an Orten, die sich als Schauplatz besonders medienwirksam eignen. Die zurückhaltenden polizeilichen und strafrechtlichen Reaktionen, die das Kölner Domkapitel immer wieder bei Gottesdienststörungen zeigte, mögen hier als pragmatischen Lösungsansatz dienen. Das Thema Jungen-Beschneidung wurde schon im Rahmen des AK über Familienrecht angesprochen und tauchte wieder unter der Vorgabe des Selbstverständnisses der Gläubigen auf. Hier muss der nicht leichte Ausgleich zwischen Kindeswohl und Elternrecht getroffen werden. Den Schwerpunkt auf den Islam legte der AK „Religionsfreiheit im Strafrecht“ (3). Die Gerichte und Urteilsbegründungen der Richter stehen allerdings vor besonderen Schwierigkeiten, wenn es um die religiös begründete (Voll-)Verschleierung oder religiös bekräftigte Eidesformeln geht. Aber auch beim Zeugnisverweigerungsrecht von Seelsorgern einer Religionsgemeinschaft sind um der Strafaufklärung willen die Grenzen dieses Rechts besonders auszuloten. Am Beispiel einer Demonstration mit Djihad-Flaggen kommt die Typik für westliches Rechtsdenken zum Ausdruck: Es muss nämlich immer die anti-demokratische und ggf. auch terroristische Motivation nachgewiesen werden (S. 164).
Nicht minder schwierige Fragen hatte der AK „Staat Macht Religion – Religion Macht Staat“ (4) zu bewältigen. Die Wechselfälle dieser Spannungsbögen zeigt die Rechtsgeschichte. Sie wurde hier an Neuerungen im Staatskirchenrecht im Blick auf das neue „Israelitengesetz“ und im Kontext der (österreichischen) „Kirchenverträge“ verdeutlicht. Der AK „Verfassungsrechtliche und politikwissenschaftlichen Aspekte des Verhältnisses von Religion und Recht (5) zeigte die Zurückhaltung von Rechtsäußerungen in der Europäischen Union, wenn es um Religion geht. Das hängt damit zusammen, dass die EU keine eigene Religionsidee entwickelte. Und noch einmal taucht die Jungenbeschneidung auf, dieses Mal in europa- und völkerrechtlicher Perspektive, und zwar im AK „Religionsfreiheit“ (6), der unter dem Gesichtspunkt des Schutzbedürfnisses von Gläubigen dazu Entscheidungen und Tendenzen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg und internationales Recht in den Blick nahm. Weiter individuelle und gesellschaftliche Beispiele in diesem Kontext waren islamische Bekleidungsvorschriften und die Geltung der (kooperativen) Religionsfreiheit im Arbeitsrecht bis hin zu Feiertagsregelungen. Die letztere wurde erst im
AK „Religion/Religionsgemeinschaft/Kirche und Arbeitsrecht(7) verhandelt. Hier ging es länderspezifisch um Österreich und die Türkei mit Blick einerseits auf die Ausübung religiöser Praxis und andererseits um die „Erbringung einer Arbeitsleistung“ beim Arbeitgeber (katholische) Kirche oder einer anderen Religionsgemeinschaft. Weil Kirchen und Religionsgemeinschaften sehr stark durch ehrenamtliches Engagement geprägt sind, muss man u.U. das Verhältnis Arbeitgeber – Arbeitnehmer anders beurteilen als in säkularen Einrichtungen. Es muss allerdings auch bedacht werden, warum die Kirchen den Streik für ihre MitarbeiterInnen ablehnen.
 III.  Schließlich werden die Ergebnisse der Arbeitskreise im Buch zusammenfassend präsentiert. Die Stimmungslage in den recht facetteneichen und lebhaften Diskussionen ist offensichtlich durch herausragende Einführungen der AK-Referenten geprägt worden. Sie markieren recht unterschiedlich die keineswegs einfache Balance von demokratischem Staat und Religion(en) bzw. öffentlich wirkender Glaubenstradition. Im AK „Verfassungsrechtliche und politikwissenschaftliche Aspekte“ scheint mir das sehr schön auf den Punkt gebracht zu sein: „Es kann … weder um die Wiederaufnahme noch Zulassung vorneuzeitlicher religiöser Missionierungsversuche mit jeweils absolut gesetztem Wahrheitsanspruch noch um die Etablierung einer staatlich verordneten >Zivilreligion< gehen. Vielmehr bedarf es einer Ausgestaltung des Religionsrechts, das Religion im öffentlichen Raum weder aggressiv ablehnt noch >tolerant< ignoriert, sondern ein >religionsfreundliches Trennungskonzept< im Bewusstsein dessen verwirklicht, dass auch der liberal-demokratische Staat … nicht selbst die Werteressourcen generieren kann, die er für sein Funktionieren und damit das Zusammenleben der Menschen, die guten Willens sind, bedarf …“ (S. 290).
Bilanz: Mit der Aufbereitung der Ergebnisse aus dem 9. Rechtswissenschaftlichen Fakultätstag der Universität Graz ist der Spannungsbogen von Staat und Religion so abgeschritten worden, dass zum einen die verschiedenen Entwicklungen des Religionsrechts zur Sprache kamen; zum andern kann im Zusammenhang mit dem Islam für die Leser/innen manches Vorurteil über das islamische Recht und die Scharia positiv korrigiert werden. Insgesamt ist durch die Verbindung von Rechtstheorie und religiöser Praxis bei der Darstellung durch die Mitwirkenden faktisch ein Orientierungsbuch entstanden. Von hier aus bietet es sich an, auch weiter anstehende Fragen im Sinne einer Werteordnung zu lösen, die auf der Basis des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates steht und sich zugleich kompatibel mit religiös geprägten Rechtsvorstellungen zeigt. Insofern bietet dieses Buch wichtige Anreize für die weitere Ausgestaltung des Rechts in multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften.

Reinhard Kirste
Rz-Schleifer-Staat+Religion, 26.04.15


Freitag, 24. April 2015

Gotteshäuser der Religionen entdecken

Der Münsteraner Religionspädagoge Clauß Peter Sajak gibt dem interreligiösen Lernen seit Jahren intensive Impulse, besonders was die drei monotheistischen Religionen betrifft. Mit Unterstützung der Herbert Quandt-Stiftung hat er, zusammen mit zwei Pädagoginnen  (Ann-Kathrin Muth und Angelika Pantel) didaktisches Material herausgebracht:  
Trialogisch Lernen. Bausteine für interkulturelle und interreligiöse Projektarbeit (Seelze 2010).
Dem folgte das trialogische Praxisbuch: Kippa, Kelch, Koran. Interreligiöses Lernen mit Zeugnissen der Weltreligionen. (München 2010, Rezension: hier).
Zusammen mit Ann Kathrin Muth  entwickelte er Standards für das trialogische Lernen (Bad Homburg 2011), um so interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen in der Schule zu fördern. Die inzwischen gemachten Erfahrungen werden nun weiter konkretisiert mit der Heftreihe "Lernen im Trialog", dessen erste Nummer auf die Gottesdienst- und Gebetsorte von Judentum, Christentum und Islam ausgerichtet ist. Studierende der TU Dortmund haben sich mit diesem Heft intensiv beschäftigt und die Möglichkeiten für den Unterricht bedacht:
Clauß Peter Sajak
(Hg. zusammen mit einem kompetenten Team aus der Schulpraxis und der Wissenschaft):
Gotteshäuser. Entdecken - Deuten - Gestalten. Sekundarstufen I und II.
Lernen im Trialog. Ein Projekt der Herbert Quandt-Stiftung. 
Paderborn: Schöningh 2012, 95 S., Abb., Bausteine, Anregungen
--- Ausführliche Beschreibung und Quintessenz: hier --- 

Die Bedeutung für die interreligiöse Lern-Praxis mit der klaren Schüler-Orientierung zeigt sich insbesondere in der Lernstruktur, nämlich Entdeckungen in den Gotteshäusern selbstständig zu machen, entsprechend zu vertiefen und weiter zu vermitteln. Gerade diese eigenständigen Lernmöglichkeiten der Schüler machen dieses Heft zu einer sehr empfehlswerten Unterrichtshilfe.

Schon 2011 hatte Sajak "trialogisches" Lernen in einem Praxisbuch konkret erarbeitet:
Clauß Peter Sajak: Kippa, Kelch Koran. Interreligöses Lernen mit Zeugnissen der Weltreligionen. Ein Praxisbuch. München: Kösel 2010, 287 S.  --- Rezension hier ---

Mit ähnlichen Intentionen und hilfreichen Praxisbezügen erschien übrigens 2005:
Christina Brüll / Norbert Ittmann / Rüdiger Maschwitz / Christine Stoppig:
Synagoge - Kirche - Moschee

Kulträume erfahren und Religionen entdecken.
München: Kösel 2005
--- Rezension hier ---

Donnerstag, 2. April 2015

Buch des Monats April 2015: Raum-Begegnungen der Religionen



Bärbel Beinhauer-Köhler,
Mirko Roth, Bernadette Schwarz-Boenneke (Hg.):         
Viele Religionen – ein Raum?!
Analysen, Diskussionen und Konzepte.
          
Berlin: Frank & Timme 2015, 240 S., zahlreiche Abb.
--- ISBN 978-3-7329-0065-7 ---

Kurzrezension: hier

Ausführliche Besprechung
Die kulturellen Veränderungen in unserer Gesellschaft haben in den letzten Jahren nicht nur immer stärker werdende Säkularisierungseffekte gebracht, sondern auch neue religiöse Sicht- und Zugangsweisen. Dazu gehört ganz konkret inzwischen eine beachtliche Zahl von Räumen der Stille, des Gebets und der Andacht, die nicht nur für eine Kirche oder Konfession, sondern für alle Religionen offen sind. Die Gestaltungsformen sind vielfältig und spiegeln wie in einem Brennglas multireligiöse Markierungspunkte unserer Gesellschaft.
Ein gern besuchter Ort ist der schon seit 1994 existierende Raum der Stille am geschichtsträchtigen Brandenburger Tor in Berlin:        
(vgl. den Bericht von K.-W. Tröger in RIG 8/2004). Inzwischen haben sich viele Krankenhäuser, Sportstadien, Parlamente, Flughäfen, Bahnhöfe, Universitäten ... mit ihren Andachtsstätten allen Religionen geöffnet. In diesen Räumen der Stille kommt der Respekt vor den anderen Glaubenstraditionen durch die Ausgestaltung mit Bildern, Lichtinstallationen oder Symbolen zum Ausdruck. Gespräche und spirituelle Begleitung sind möglich.

Das vorliegende Buch reflektiert eine Tagung vom Juli 2013 an der Universität Marburg. Sie behandelte Fragen, die durch verstärkte Interessen an Religion(en) besonders wichtig werden:   
Welchen Stellenwert haben (multi-)religiöse Räume insgesamt? Aus welchen Gründen wurden/werden solche Räume eingerichtet? Ist es nur der Raum für eine Religion, aber offen für andere Glaubensweisen? Sollen mehrere unterschiedliche Räume in einem „Haus der Religionen“ sein? Soll der Raum „leer“ sein oder mit Symbolen der Religionen versehen werden? Wie stellt man sinnvolle Regeln gemeinsamer Nutzung eines multireligiösen Raumes auf?

Als Herausgeber des Bandes zeichnen zwei Religionswissenschaftler von der Universität Marburg verantwortlich, Bärbel Beinhauer-Köhler und Mirko Roth sowie Bernadette Schwarz-Boenneke, die als Leiterin des „Trialogs der Kulturen“ mitwirkte. Hier handelt es sich eine interreligiöse Initiative der Herbert-Quandt-Stiftung mit dem Schwerpunkt auf Schulen. Bernadette Schwarz-Boenneke hebt bereits in der Einleitung die grundsätzliche Motivation hervor, Räume der Stille einzurichten:         
„Der Raum soll allen offen stehen, unabhängig von Konfession, Religion oder Weltanschauung. Angesichts des zunehmenden Bewusstseins für die weltanschauliche und religiöse Vielfalt in Deutschland werden diese so genannten Räume der Stille als Möglichkeit gesehen, dieser Vielfalt Platz zu geben, einen Begegnungsraum zu schaffen und – so in einigen Fällen die Intention – den Dialog zu fördern“ (S. 7).

Die Tagungsstruktur aufnehmend, werden folgende Themenfelder angesprochen:

  1.   Reflexionen: Machtstrukturen, Konfliktfelder, Nutzungskonzepte
  2.  Raumtypen: Institutionen auf der Suche nach religiösen Gemeinschaftsräumen       
  3.  Einblicke: Räume zwischen den Religionen in Deutschland und der Schweiz
  4.  Ausblick: Weg-Orientierungen für religiös plurale Räume

Im 1. Teil stellt der Soziologe Markus Schroer (Universität Marburg) ein wenig mit Erstaunen fest, wie der Einfluss einer bestimmten Religion im Umgang mit sakraler Architektur und der Gestaltung multireligiöser Räume nicht im Vordergrund bleibt. Während die klassischen Kirchen oft in säkulare Räume (aus-)wandern, kommen die Künste verstärkt in religiöse Räume. Insgesamt muss die Begegnung mit anderen Religionen in multireligiösen Räumen als Herausforderung gesehen werden, nämlich, wie sich die eigene Religion vermittelt und präsentiert, insbesondere in welcher Weise Religionen solche Räume (auch gemeinsam) nutzen. Die von dem Sozialwissenschaftler Alexander-Kenneth Nagel (Universität Bochum) eingebrachte religionssoziologische Perspektive weist anhand von Beispielen aus dem Ruhrgebiet auf die Ambivalenz multireligiöser Innen-Räume hin: Kontaktzone, Spannungsfeld oder gar konfessionelle Abgrenzungsmuster? Die Mitherausgeberin Bärbel Beinhauer-Köhler zieht indische Beispiele aus der Geschichte des Subkontinents heran, ferner den Raum der Stille im UNO-Gebäude New York sowie das Baha’i-Haus der Andacht in Hofheim-Langenhain. Solche Örtlichkeiten können Anlass für religiöse Konflikte sein, aber auch als offene Erfahrungsräume mit entsprechenden (gestalterischen) Arrangements. Besonders schön wirkt das Beispiel der ev. Kirche in Mümling-Grumbach (Hessen) mit dem dort innen eingebauten vorchristlichen Matronenstein. Ute Verstegen, Archäologin und Kunstgeschichtlerin (Universität Marburg) befragt die Geschichte heiliger Orte. Das betrifft z.B. die Konfliktfelder des Jerusalemer Tempelberges, der Grabeskirche oder des indischen Ayodhya. Aber es gibt auch gemeinsame Verehrungsorte von Christen und Muslimen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit Maria, der Mutter Jesu, stehen. Besonderheiten bilden in der Geschichte sog. Zweiraumkirchen für den byzantinischen und lateinischen Ritus und mitteleuropäische „Simultankirchen“ in nachreformatorischen Zeit.

Im 2. Teil werden die bisher mehr grundsätzlich angesprochenen Themen hinsichtlich der Raumtypen vertieft. Das führt die im interreligiösen Lernen engagierte Alina Bloch (Universität Kassel) vor, und zwar durch Raum- und Konzeptbeschreibungen ausgewählter Schulen mit ihren Räumen der Stille (Schulen in Riedstadt, Darmstadt, Marsberg). Wesentlich scheinen die Aspekte des Zur-Ruhe-Kommens und des (inter-)religiösen Feierns zu sein. In der Hektik des Schulalltags haben sich solche Räume in besonderer Weise bewährt. Ich würde dies durchaus „Tankstelle oder Rastplatz für die Seele“ nennen (vgl. S. 121). Stephanie Matthias (Universität Hannover) schaut sich mit einer ähnlichen Motivation Räume der Stille an säkular geprägten Universitäten an. Der angestrebten weltanschaulichen Offenheit solcher Räume der Besinnung steht jedoch die faktische Wahrnehmung einer religiösen Prägung gegenüber. Interessant ist darum nicht nur die Ausrichtung des Hauses der Stille an der Universität Frankfurt/M., sondern auch die Stille-Räume an den Universitäten Paderborn, Oldenburg (nicht mehr existierend) und Hannover. Sie zeigen eine religiöse „Verdichtung“ allerdings nicht in konfessioneller Prägung. Die Berechtigung solcher Räume an einer Hochschule bleibt offensichtlich strittig, wie der Rezensent für die TU Dortmund bestätigen kann, weil die Universitätsleitung aufgrund ihrer bewusst säkularen Ausrichtung solche Räume offiziell an der Universität ablehnt.

Im 3. Teil geht es schließlich um die Darstellung einzelner Räume in Deutschland und der Schweiz, eine vielfältige höchst interessante Auswahl, in der nun ausführlich Rudolf Steinberg, von 2000–2008 auch Präsident der Goethe-Universität Frankfurt, das „Haus der Stille“ auf dem Westend-Campus vorstellt. Ihm folgt Gerda Hauck-Hieronimi, die Koordinatorin des Hauses der Religionen in Bern. Hier haben sich seit 2013 die Aktivitäten und der Dialog zwischen den dort beheimateten acht Weltreligionen erweitert und vertieft. Die offizielle Eröffnung konnte am 14.12.2014 gefeiert werden (vgl. die Homepage https://www.haus-der-religionen.ch/de/europaplatz).

Dagegen ist das Bet- und Lehrhaus Berlin: The House of One noch in der Planungsphase (ein Entwurf diente den Herausgebern als Buchcover). Die theologisch Verantwortlichen der Kirchengemeinde St. Marien – St. Petri, Gregor Hohberg und Roland Stolte, stellen vor, wie die drei Abrahamsreligionen in Räumen nebeneinander zu Hause sein sollen. Zugleich kann der der leere Mittelraum ein Begegnungsforum bilden. Wie man dazu ein baulich stimmiges Konzept umsetzen will, erläutert der mitverantwortliche Architekt Wilfried Kuehn.

Schließlich kommt – von Bärbel Beinhauer-Köhler und dem international erfahrenen Betriebswirt Christian Meyer – die besondere Situation des Frankfurter Flughafens zur Sprache, und zwar mit den einzelnen Gebetsräumen für Juden, Christen und Muslime, also faktisch ein religiöses Nebeneinander in den Terminals. Eine bisher einmalige Besonderheit bildet die entwidmete katholische Kirche in Taunusstein, die der Bestattungsunternehmer Wortmann gekauft und zu einem bewusst multireligiösen Raum umgebaut hat. Christa Frateantonio, Religionswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Bestattungskultur (Universität Marburg) beschreibt hier die Möglichkeiten von Trauerfeiern für Menschen unterschiedlichster Glaubensweisen und Weltanschauungen.

Der Ausblick im 4. Teil von Bärbel Beinhauer-Köhler ist der Versuch einer thesenartigen Zwischenbilanz, die angesichts unterschiedlicher, divergierender, aber auch auf bewusstes Miteinander ausgelegten Konzepte und Realisierungen erste Orientierung geben kann. Der Weg zum religiös pluralen Raum in einer säkularen Gesellschaft bietet viele Möglichkeiten und Stolpersteine. Darum sind klare Funktionszuweisungen, sorgsame Beachtung im Blick auf die Nutzer und mediatorische Begleitinstrumente nötig, um Missverständnisse, Ärger und Schwellenängste abzubauen bzw. zu verhindern.

Die Tagung in Marburg selbst brachte durch die Darstellung und Diskussion vieler (inter-)religiöser Initiativen und Besinnungsorte in den Workshops neben den zentralen Veranstaltungen noch ein weit umfassenderes Bild ein, wie der Rezensent selbst erleben konnte. Die Fragestellung „Viele Religionen – ein Raum?! wird also weiterhin zu intensiver Beschäftigung anregen und nötigen. Die von den Herausgebern vorgelegte und systematisierende Zusammenstellung mit ausgewählten Beispiel-Orten und wichtigen erläuternden Fotos ist ein entscheidender Schritt, dieses Thema im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen voranzubringen.

Weitere Hinweise und Kommentare zu Inter-Religiösen Räume der Stille:
http://intra-tagebuch.blogspot.de/2013/01/inter-religiose-raume-der-stille.html
und zu Lernorten – kulturell, religiös, interreligiös: http://religiositaet.blogspot.de/2012/07/lernorte-kulturell-religios.html

Reinhard Kirste

Rz-Beinhauer-religiöser-Raum, 31.03.15