Freitag, 22. Mai 2015

Damit die Menschlichkeit nicht verloren geht ...

Der große Aufklärer Denis Diderot (1713-1784) erinnerte bereits daran, dass Fanatismus in brutale Gewalt umschlagen kann: 

                 Von der Philosophie zur Gottlosigkeit ist es eben so weit
                 wie von der Religion zum Fanatismus,
                 aber vom Fanatismus zur Barbarei ist es nur ein Schritt.

                                                                                             (aus: Dédicace de l'essai sur le mérite et la vertu, 1745)

Vgl. dazu auch den Artikel von Voltaire (1694-1778)
im Dictionnaire Philosophique: TOLÉRANCE / TOLERANZ

             
Der Medienmanager und Ex-Politiker Jürgen Todenhöfer
macht mit seinem neuesten
Buch "Inside IS" beeindruckend auf diese Zusammenhänge aufmerksam. Er hat im IS-Staat wahrhaft extreme Erfahrungen gemacht. Dadurch machte er mit großem persönlichem Risiko  auf die kompromisslose und brutale Haltung der IS-Kämpfer aufmerksam:
Inside IS - 10 Tage im "Islamischen Staat".
München: Bertelsmann 2015


Todenhöfer hat übrigens schon mit seinen bisherigen Büchern versucht, die Gewissen seiner Leser zu schärfen. Er hat sehr deutlich dazu auch auf die Irrtümer westlicher Politik im Nahen und Mittlern Osten sowie in Afghanistan hingewiesen:
  • Wer weint schon um Abdul und Tanaya?
    Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror.

    Mit einem aktuellen Nachwort. Geleitwort von Hans Dietrich Genscher. Freiburg/Br.Herder 2003, 2. Aufl 2008
    Rezensionsnotizen in "Perlentaucher" (Februar 2003)
  • Teile dein Glück und du veränderst die Welt.
    Fundstücke einer abenteuerlichen Reise.
    München: Bertelsmann 2010, 5. Aufl.
    --- Rezension: hier

Angesichts der Tatsache, dass sich nicht wenige junge Leute aus Europa dem sog. Islamischen Staat anschließen, lohnt der Blick zurück auf Experimente, die das Aggressions- und Gewaltpotential von ganz "normalen" Menschen, also von uns allen, in beunruhigender Weise deutlich machten. Gerade in einer demokratischen Gesellschaft ist es wichtig, die dunklen Schatten in der eigenen Seele und die Gewalt-Gefährdungen in sich selbst wahrzunehmen. Sich dies bewusst zu machen und an  sich selbst für Frieden und Versöhnung und gegen jegliche Gewaltgelüste zu arbeiten, ist darum eine Leben not-wendende Aufgabe. Von daher hat die Bergpredigt Jesu bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, das heißt: Mut für einen Frieden ohne Gewalt zu machen.

NOTWENDIGE ERINNERUNGEN

1. Das Milgram-Experiment: 1961 führte der Psychologe-Professor  Stanley Milgram ein Experiment in New Haven (Connecticut) durch: Die Versuchspersonen mussten auf Anweisung  Menschen mit Stromschlägen bestrafen, wenn diese falsche Antworten gaben. Die (nur scheinbar gegebenen) Stromschläge konnten bis in so hohe Voltzahlen verabreicht werden, dass die zu befragende Person dies nicht überlebt hätte ...
 
2.  Extremes Experiment: Im Fernsehsender France 2 lief im Jahre 2010 eine Art Quiz, das unter dem Titel "Le jeu de la mort" (Todesspiel) angekündigt wurde. Der Film bzw. das Video und das daraus entstandene Buch dokumentieren dies eindrücklich:
Christophe Nick und Michel Eltchaninoff: L’expérience extrême. 
Paris: Don Quichotte (Seuil) 2010, 300 S.
Man erlebt faktisch eine Variante des Milgram-Experiments in neuer medienwirksamer Form. Die Teilnehmer meldeten sich alle freiwillig dazu. Hier zeigt sich dramatisch die Bereitschaft von Menschen,  autoritären Anweisungen  zu folgen. Denn auch im "Todesspiel" wird die "Versuchsanordnung" scheinbar bis ins tödliche Extrem getrieben: Der natürlich eingeweihte und für die Teilnehmer nicht sichtbare Befragte, schreit verzweifelt, wenn er von den Versuchspersonen "Stromschläge" aufgrund falscher Antworten erhält und schweigt beim sog. höchsten Stromstoß.

Bei den Mitspielern dieses extremen Experiments bleiben ein aufmerksames Gewissen, Mitgefühl und moralische Werte auf der Strecke:

Die Mahnung zum kritischen Denken, die Aufmerksamkeit gegenüber jeglicher Manipulation, der Widerspruch gegen autoritäre Anweisungen und die Bewahrung der Freiheit für alle sind so hohe Güter, dass sie immer wieder umfassend gehört und bedacht und friedvoll verteidigt werden müssen.






Dienstag, 19. Mai 2015

Reformer/innen im Islam (aktualisiert)



Katajun Amirpur: Den Islam neu denken.
Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte

Beck`sche Reihe: bsr;6075. München: C.H. Beck 2013. 256 S. Abb.
--- ISBN 978-3-406-64445-0

Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung

Die Autorin, inzwischen Professorin für Islamische Studien in der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg, hat sich schon längst einen Namen gemacht, nicht nur als Journalistin zum Thema Islam, sondern auch als kompetente Islamwissenschaftlerin. So nimmt man mit Spannung ihre neue Publikation zur Hand, weil schon der Titel ahnen lässt, dass es hier um ein dem Islam gemäßes und zugleich modernes Verständnis dieser oft diskreditierten Religion geht. Sie macht das bereits in ihrem Vorwort deutlich, nämlich „neue Ansätze einer muslimischen Theologie aufzuzeigen“, die mit einer Neuauslegung, also einem „Neulesen des Islams in guter Absicht“ verbunden ist, was allein im Islam zählt und traditionell als niya verstanden wird (S. 16). Das Vorurteil eines nicht der Moderne fähigen und unaufgeklärten Islams möchte Katajun Amirpur nicht nur allgemein begegnen, sondern dies auch konkret an ReformerInnen des Islams nachweisen.
Es muss nämlich vermieden werden, dass Fundamentalisten und theologisch Konservative die Deutungshoheit des Korans für sich beanspruchen. Das von der Autorin benutzte Wort „dschihad“ im Untertitel signalisiert zugleich einen moralischen Impuls im klassischen Verständnis dieses Wortes. Dieser Terminus beinhaltet nämlich wie oft gesagt „heiliger Krieg“, sondern spirituelle und geistige Anstrengung gegen die eigenen negativen Seiten des Menschen. Zu diesem „dschihad“ gehört auch, für Meinungs- und Auslegungsfreiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter auf einer islamischen Glaubensbasis einzutreten.
Schon das historisch angelegte Einleitungskapitel mit besonderem Bezug auf Muhammad Abduh (1849–1905) und Jamal ad-Din al-Afghani (1838–1897) gibt einen Vorgeschmack, wie vielfältig sich „der Islam“ in der Geschichte dargestellt hat. Die heutigen islamischen ReformerInnen berufen sich zum Teil auf diese Vorgänger und nehmen besonders gesellschaftliche Probleme unter theologischen Gesichtspunkten so auf, dass eine Orientierung zu mehr Freiheit, und Menschenrechten möglich wird. Übrigens sind in diesem Zusammenhang die Begriffe „liberaler“ oder „progressiver“ Islam dazu nicht besonders hilfreich, weil sie ein gewisses Schubladendenken fördern (S. 13).
Für ihre beeindruckende Vorstellung solcher islamischer NeudenkerInnen hat die Autorin aus der großen und allgemein wenig beachteten Vielzahl von Reformern die folgenden ausgewählt:
Nasr Hamid Abu Zaid, Fazlur Rahman, Amina Wadud, Asma Barlas, Abdolkarim Soroush und Mohammed Mojtahed Shabestari.
Amirpur beginnt mit dem von islamischen Konservativen in Ägypten als Ketzer gebrandmarkten Nasr Hamid Abu Zaid (1943-2010), der konsequent für eine humanistische Lesart des Koran eintrat und dies auch als kritischer Literaturwissenschaftler exegetisch verdeutlichte. Mehr zu Abu Zaid siehe auch unter:        http://textmaterial.blogspot.de/2013/06/hamid-nasr-abu-zaid-wegbereiter-einer.html
Dann geht die Autorin auf dem vom indischen Subkontinent stammenden Fazlur Rahman (1919-1988) ein. Er lehnte das traditionelle sunnitische Offenbarungsverständnis als „Diktattheorie“ ab (S. 100) und forderte ein ganzheitliches (stark ethisch geprägtes) Verständnis des Korans ein, das von bewusster Akzeptanz Andersgläubiger geprägt ist.
Bei der aus den USA stammenden Amina Wadud (* 1952) wird es deshalb besonders spannend, weil sie auf der Basis ihres Koran-Verständnisses die religiös und rassistisch begründete Vormachtstellung von Männern in der Religion konsequent aushebelt. Sie wurde und wird darum von Konservativen entsprechend beschimpft und ausgegrenzt. Dies spitzte sich besonders bei der Leitung von gemischten Gebeten durch Frauen zu. Aber mehr noch als öffentlichkeitswirksame Auftritte dürften auf Dauer ihre exegetischen Schriften wirken.
Die Islamwissenschaftlerin Asma Barlas (* 1950) stammt aus Pakistan. Sie lebt inzwischen in den USA. Mit ihr lernen wir eine weitere umstrittene Koranauslegerin kennen, die sich gegen die traditionell patriarchalen Interpretationen des Korans wehrt und anders als Abu Zaid und Farid Esack eine eigenständige Aneignung der heiligen Texte und daraus abgeleiteten Praktiken vorantreibt. Von daher hinterfragt sie aus feministischer Sicht nicht nur die Autorität der Hadithe, sondern verweist auf das Gottesverständnis des Korans, in dem Gott jenseits aller Abbilder weder männlich noch weiblich reklamiert werden kann (S. 165). Es gilt also den Koran „Geschlechter gerecht“ zu lesen, durchaus ähnlich wie das auf christlicher Seite durch die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache“ (Gütersloh 2006) geschehen ist.
Zwei schiitischen Reformern sind die beiden letzten Persönlichkeiten des Buches gewidmet. Der Iraner Abdolkarim Soroush (* 1945), zuerst quasi der Chefideologe der Revolution mit Khomeini, entwickelte sich mehr und mehr zum Abweichler und Kritiker des iranischen politisch-religiösen Systems. Religiöse Erkenntnis ist – so seine These – vom Stand der Wissenschaft abhängig und dem geschichtlichen Wandel unterworfen. Damit ist auch der Koran letztlich ein offener Text, göttlich und menschlich zugleich. Er lässt unterschiedliche Auslegungen zu. Auch wenn die Religion vollkommen ist, gibt es doch nur zeitbedingte Verstehensweisen und keinerlei Deutungshoheit. Damit lässt sich auch Religion nicht mehr politisch instrumentalisieren, vielmehr muss sie entideologisiert werden. Dem kann offensichtlich eine religiöse Diktatur nur mit dem Vorwurf des „Abfalls vom Glauben“ antworten.
Ähnlich spannend sieht die theologische Entwicklung von Mohammad Mojtahed Shabestari (* 1936) aus. In der religiösen Hierarchie eine Stufe unter einem Ayatollah stehend, gehörte er zuerst zu den Verehrern Khomeinis. In seinen Koran-Exegesen macht er die These geltend, dass die Heilige Schrift ihr eigener Ausleger sei (man denke an Martin Luther!). Mit starkem missionarischem Impuls leitete er von 1968-1977 das Islamische Zentrum an der Hamburger Außenalster. In seiner Person setzte sich jedoch nach und nach ein subjektiv orientiertes Hermeneutik-Verständnis des Korans durch, das den Einfluss westlicher Religionswissenschaft und besonders den von Hans-Georg Gadamer spüren lässt. Denn eine objektive Lektüre ist generell nicht möglich. So gerät Shabestari in die Nähe protestantischer Theologe. Dort wird das korrelative Offenbarungsverständnis von Paul Tillich für ihn besonders wichtig, der auch im Gottesbild die Erfahrung betont. In der Verbindung mit seinem Vorbild Muhammad Iqbal (1877-1938) gewinnt Shabestaris Gottesannäherung mystische Tiefe als Kontrapunkt zu den Rechtsvorstellungen im Islam. Der Koran bietet dafür eine Lesart der Welt mit prophetischer Kraft, die auf Gerechtigkeit und Menschenrechte ausgerichtet ist.
Bilanz
Man spürt der Autorin ab, dass sie mit diesem Buch Anstöße zum Umdenken geben möchte, gerade was islamische Theologie und Koran-Auslegung betrifft. Sie setzt damit den Diskurs um „Islam in der Moderne“ konsequent fort und ermutigt, gerade auf Stimmen wie die im Buch vorgestellten, intensiver zu hören. Ihre zusammen gestellte Auswahl progressiver islamischer Denkerinnen und Denker bestätigt, dass es „den Islam“ nicht gibt, sondern auch innerislamisch intensiv um ein angemessenes heutiges Verständnis des Korans und islamischer Lebensgestaltung gerungen wird, und zwar unabhängig davon, ob dies im Rahmen der Sunna oder der Schia geschieht. Gerade angesichts der vielen Vorurteile gegenüber der geistigen Unbeweglichkeit des Islam ist dieses Buch eine notwendige Klarstellung. Auch weil es gut recherchiert und übersichtlich zu lesen ist, wäre zu wünschen, dass diese hier vorgestellten Muslime einer breiten Öffentlichkeit bewusst werden.
Dieses Buch gibt wertvolle Impulse, die Reformgedanken muslimischer Theologen gesellschaftlich und praktisch umzusetzen.
Reinhard Kirste

Beispiele für die Haltung weiterer muslimische ReformerInnen:
  • Manifest islamischer Intellektueller für Islam  und Demokratie
    verfasst von Tariq Ramadan (Universität Oxford, UK), 
    Malaysias Oppositionsführer Anwar Ibrahim, Ghaleb Bencheikh, Vorsitzender von Religions for Peace (RfP) und Felix Marquardt, Gründer der Abd al-Raḥman al-Kawakibi-Stiftung (Qantara.de, 23.02.2015).
  • Malek Chebel: Changer l’islam. Dictionnaire des réformateurs musulmans des origines à nos jours. Paris: A. Michel 2013    
  • Rachid Benzine: Les nouveaux penseurs de l’islam. Paris: A. Michel 2004
    Rachide Benzine: Les dangers du salafisme radical actuel
    (die
    Gefahren des aktuellen radikalen Salafismus)
    --- L'Express online, 15.05.2015
  • Omid Safi (ed.): Progressive Muslims on Justice, Gender, and Pluralism. Oxford (UK): OneWorld 2003
  • Charles Kurzman (ed.): Liberal Islam. A Sourcebook.
    New York / Oxford: Oxford Univ. Press 1998
Vgl. auch die folgenden Titel von Katajun Amirpur:
  • Die Entpolitisierung des Islam. Abdolkarim Sorushs Denken und Wirkung in der Islamischen Republik Iran. Würzburg: Ergon 2003
  • Gott ist mit den Furchtlosen, Schirin Ebadi – Die Friedensnobelpreisträgerin und der Kampf um die Zukunft Irans.
    Freiburg u.a.: Herder spektrum 2004
  • zusammen mit Reinhard Witzke: Schauplatz Iran. Ein Report.
    Freiburg u.a.: Herder spektrum 2005
  •  zusammen mit Ludwig Amman (Hg.): Der Islam am Wendepunkt. Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion. Freiburg u.a.: Herder spektrum 2006

Rz-Amirpur-Islam-neu, 30.06.13, bearb. 26.02.2015


Sonntag, 3. Mai 2015

Buch des Monats Mai 2015: Ent-Rüstung


Margot Käßmann / Konstantin Wecker (Hg.):
Entrüstet euch !

Warum Pazifismus für uns das Gebot der Stunde bleibt. 
Texte zum Frieden.
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2015, 208 S.
--- ISBN: 978-3-579-07091-9 ---

Zusammenfassung: Dem Mitgefühl Raum
und dem Pazifismus eine Stimme geben
In diesem Buch kommt intensives persönliches Engagement für Gewaltfreiheit und Frieden mit angenehmer Bescheidenheit zum Ausdruck. Die Autoren wissen nämlich, dass sie nicht den Schlüssel zum endgültigen weltweiten Frieden haben. Sie machen aber klar, dass Kriege immer wieder neue und größere Konflikte verursacht haben. Die Gefahr angesichts der Brutalitäten weltweit ist, dass das Mitgefühl stirbt (S. 21). Aber genau aus diesem Mitgefühl heraus muss der Widerstand wachsen, Konflikte militärisch zu lösen. Man darf nicht vergessen, dass immer wieder zur sog. Sicherung von (westlichen) Werten und Interessen sinnlos viele Menschenleben vernichtet werden.
Dieses aufrüttelnde Buch wird keineswegs die mehrheitliche Zustimmung der Gesellschaft finden. Auch die Massenmedien lassen sich vermutlich nicht zu einem generellen Umdenken bewegen. Aber der Ruf, wirklich Frieden zu machen und nicht mehr „den Krieg zu lernen“ (Jesaja 2,4), muss noch viel deutlicher zur Sprache kommen. Im Grunde müssten die hier vorliegenden Texte zum Pazifismus Pflichtlektüre in der Schule und in den Bildungseinrichtungen werden.

Ausführliche Beschreibung
Am Neujahrstag 2010 predigte die damalige Bischöfin der Lutherischen Landeskirche Hannovers und zugleich Vorsitzende der EKD Margot Käßmann in der Dresdener Frauenkirche und sagte dort diese folgenschweren Sätze:
„Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan ...“

Die seltsame „ultima ratio“
Ein Aufschrei sog. Realisten ging daraufhin durch die Medien, und die Vorwürfe von Naivität und politischer Blauäugigkeit waren noch die harmlosesten. Selbst Kirchenleute sprechen angesichts der nicht aufhörenden Konflikte mehr und mehr von der „ultima ratio“ militärischen Einsatzes, dem sich Deutschland nicht entziehen könne. Im Juni desselben Jahres sagte ein evangelischer Pfarrer, der spätere Bundespräsident Joachim Gauck: „Ich wünschte mir, andere deutsche Armeen wären auch mit so edlen Zielen ausgezogen. Der Frieden muss manchmal auch erkämpft werden.“ (Leipziger Volkszeitung, 18.06.2010, kurz vor der Wahl zum Bundespräsidenten). In einem Radio-Interview vom Juni 2014 betonte der Bundespräsident dann: Im Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen sei es "manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen“ (vgl. SPIEGEL online, 14.06.2014).
Angesichts solcher Äußerungen von höchster Stelle ist die Stimme der prominenten Margot Käßmann umso wichtiger. Dass nun ausgerechnet ein Künstler, ein ungewöhnlicher Dichter, Sänger und Komponist wie Konstantin Wecker so aufmerksam auf die Worte dieser Pastorin achtete, ist angesichts der Verschiedenheit der beiden nur dem ersten Anschein nach erstaunlich. Konstantin Wecker hatte ja schon in seinem Buch „Mönch und Krieger“ (2014) anders als der Titel vordergründig vermuten lässt – seine pazifistische Grundhaltung zum Ausdruck gebracht.
Geradezu ein Glücksfall ist es nun, dass die Pastorin und der Poet schließlich zusammenfanden, um der Stimme des Pazifismus in einer Welt zunehmender Kriegseinsätze deutlich Gehör zu verschaffen und an der Utopie des „Frieden schaffen ohne Waffen“ konsequent festzuhalten.         
Margot Käßmann plädiert darum für eine „prima ratio“: „Krieg ist für mich nicht die Ultima Ratio, weil Ratio Vernunft heißt. Und im Krieg setzt die Vernunft aus … Ja, wir brauchen Strategien gegen den Terror, keine Frage. Aber dazu ist wohl zuallererst ein Bündnis aller Menschen von entscheidender Bedeutung, die sich nach Frieden in allen Nationen und zwischen allen Religionen sehnen. Wir müssen darauf bestehen, dass Religion endlich nicht mehr Konflikte verschärft, sondern zu ihrer Lösung beiträgt“ (aaO, S. 85+104)
Notwendigkeit der Ent-Rüstung
Die beiden Autoren schreiben darum im Vorwort: „In einer Zeit, in der der Pazifismus belächelt und verspottet wird, ist es wichtig, dass Menschen verschiedenster Herkunft und Motivation sich wieder zusammentun. Frieden ist keine Illusion, Frieden ist machbar. Wir können uns ent-rüsten!“ (S. 9).
Denn alle Kriegseinsätze haben bisher nur mehr Gewalt und Chaos produziert. Der Aufruf der beiden Pazifisten hat durchaus Ähnlichkeit mit dem, was Stéphane Hessel in „Empört Euch“ und „Engagiert Euch“ sowie zusammen mit dem Dalai Lama „Wir erklären den Frieden“ zum Ausdruck gebracht hat: http://buchvorstellungen.blogspot.de/search?q=Hessel
Das Interview im Bayerischen Rundfunk mit dem Moderator und ev. Theologen Matthias Morgenroth ist die Basis für das vorliegende Buch geworden. Es macht sehr schön deutlich, dass die Pazifisten nicht moralisch besser sind als andere, aber dass sie sich nicht damit abfinden, dass irgendwann doch der Punkt militärischer Gewalt gekommen ist, davon abgesehen, dass es immer auf Kosten der Leidenden im Krieg Gewinner gibt. Die deutsche Rüstungsindustrie gehört als weltweit drittgrößter Waffenlieferant leider dazu.
Konstantin Wecker bemerkt: „Ich weiß … nicht, ob ich eine pazifistische Haltung wirklich durchhalten könnte, wenn es mir persönlich an den Kragen ginge. Aber eines weiß ich als Künstler: Die Stimme des Pazifismus darf nicht verloren gehen. Wenn es diese Stimme nicht mehr gibt, dann wird auch die Idee verschwinden … Diese Stimme möchte ich wenigstens bewahrt wissen. Sie darf nicht verstummen … Denn eines ist sicher: Wir werden künftig entweder eine Menschheit haben, die ohne Kriege auskommt, oder eben keine Menschheit mehr“ (S. 14).
Friedensstimmen – damals und heute
Verstärkt wird dieser Aufruf zur Ent-Rüstung noch durch beeindruckende Texte von Konfuzius (Philosoph), Franz von Assisi (Mönch), Matthias Claudius (Dichter), Bertha von Suttner (Friedensforscherin), Claire Groll (Schriftstellerin), Erich Kästner (Schriftsteller), Else Lasker-Schüler (Lyrikerin), Wolfgang Borchert (Dichter), Ingeborg Bachmann (Lyrikerin), Martin Luther King (Bürgerrechtler), Friedrich Schorlemmer (ev. Pfarrer), Antje Vollmer (ev. Pfarrerin), Arno Gruen (Psychoanalytiker), Markus A. Weingard (Politikwissenschaftler), Ellen Diederich (Frauenrechtlerin), Jörg Zink (Theologe), Heike Hänsel (Entwicklungshelferin, Bundestagsabgeordnete), Henning Zierock (Lehrer) und Eugen Drewermann (Priester und Psychotherapeut). Einige Texte sind für diesen Band eigens geschrieben worden.

Es ist natürlich recht leicht, in einem Land über Pazifismus zu sprechen, das 70 Jahre bereits im Frieden lebt.
Hier lohnt aber ein Blick auf Johann Wolfgang von Goethe, der als Weimarer Staatsminister wahrhaftig kein Kriegsbegeisterter war. Er zog – faktisch nur genötigt –  mit seinem Herzog 1792 gegen die französischen Revolutionsheere in den Krieg. Der Dichter erkannte jedoch den sich anbahnenden geschichtlichen Umbruch in der „Kanonade von Valmy“, nämlich, dass sich für Europa eine neue Epoche anbahnte. Ein neues Museum gehört inzwischen zur berühmten Mühle.    
vgl.:
http://intra-tagebuch.blogspot.de/2012/03/was-hat-eine-muhle-mit-europa-zu-tun.html

Der Gewalt nicht mit Gegengewalt begegnen
Im Zusammenhang mit heutigem Friedensengagement muss nämlich die Frage der maßlosen Ungerechtigkeit und Unterdrückung angesprochen werden, die zur Französischen Revolution führte. Ich kann sie nicht wie Konstantin Wecker als völligen Fehlschlag ansehen (S. 37). Vielmehr haben wir es ihr zu danken, dass in Europa die Werte von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit wachsen konnten. Trotz aller Rückschläge kam auf dieser Saat auch die Demokratie zum Durchbruch. Aber genau dies macht eine pazifistische Haltung nicht leichter: Heute Pazifist zu sein, weil die Früheren für unsere Werte starben ... Dennoch: Es gibt heute keine Alternative zum absoluten Nein gegen den Krieg. Hier kann man auch nicht die Bergpredigt Jesu ins Private abschieben und in der Politik andere Gesetze gelten lassen.
Eugen Drewermann hat das in aller Deutlichkeit formuliert: „Wir sind hier, Nein zu sagen. Wir sind hier, um Tucholsky recht zu geben: Soldaten sind Mörder. Wir sind hier, um zu propagieren, was im Bundestag allein die Linkspartei vertritt: nicht einen Pazifismus der verlorenen Kriege, sondern einen Pazifismus der nie zu gewinnenden Kriege, einen Pazifismus nicht der Resignation, sondern der Hoffnung, gerichtet gegen den Zynismus der Macht, geschuldet auf immer der Menschlichkeit. Wir sind hier, um zu sagen: Nicht in unserem Namen. Nicht mit unserer Stimme. Und nie, niemals mit unserer Zustimmung“ (S. 191f).
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Reinhard Kirste

Rz-Käßmann_Wecker-Entrüstet, 01.05.15 


Erneut im Fokus: Kult und Ritual als Heilsweg



Martin Riesebrodt: Cultus und Heilsversprechen.
Eine Theorie der Religionen.
München: C.H. Beck 2007, 316 S., Register
--- ISBN 978-3-406-56213-6 ---


Religion ist auf einmal wieder ein Thema, nicht nur aufgrund päpstlicher Auftritte bei großen Events, sondern auch im Blick auf Suchbewegungen nach Sinn und Orientierung in einer Welt, bei der es schwerer wird, Gesamtzusammenhänge noch zu erkennen. Die neuen Gottesleugner und Analytiker einer Vergiftung der Welt durch Religion bevölkern die Talkshows der Fernsehsender. Da greift man gern zu einem Buch, das offensichtlich davon ausgeht, dass Religion Bestandteil menschlicher Kultur ist und bleibt, wie auch immer diese Religion sich im einzelnen ausfächern mag.

Martin Riesebrodt ist von Hause aus Religionssoziologe, was übrigens manche Länge des Buches auch erklären mag. Er ist Professor an der Universität von Chicago und lehrt auch an der Theologischen Abteilung. Seine Forschungsschwerpunkte sind klassische Gesellschafts- und Religionstheorien, sowie Fragen des Fundamentalismus. Von daher hat er sich natürlich ausführlich mit Max Weber beschäftigt.
Nun erwartet den Leser mit diesem neuen Buch auch keine aktualisierte Religionsdebatte, sondern der Versuch einer Religionstheorie, die allerdings sehr sorgsam die verschiedenen Zeitströmungen weltweit beobachtet. So macht Riesebrodt zuerst deutlich, dass man auf den Religionsbegriff nicht verzichten sollte: „Aus meiner Sicht macht der Religionsbegriff als Handlungsbegriff aber Sinn und ist unentbehrlich“ (S: 23). Nach einer solchen pragmatischen Festlegung, setzt er sich mit der post-kolonialen Kritik des Religionsbegriffs auseinander, um schließlich wiederum fast pragmatisch auf die sozialen Bezüge der Religion aufmerksam zu mach en und „Religion“ von daher zu rechtfertigen. So braucht er sich auch nicht damit auseinanderzusetzen, ob der eher westlich geprägte Religionsbegriff für die östlichen Religionen passend ist oder nicht. Viel interessanter sind Inkulturationsprozesse, die zur gegenseitigen Anpassungen von religiösen Norm- und Wertesystemen führen, was sich in China konfuzianistisch-christlich zeigt, in Indien unter Akbar politisiert wurde und auf der Seidenstraße im Rahmen von Handel und Wirtschaft erfolgte.
Nachdem also im 1. Kapitel der Autor Religionsdiskurse und Religionskritik hat Revue passieren lassen und er im 2. Kapitel soziale Rahmenbedingungen von Religion aufgezeigt hat, folgen im 3. Kapitel die wissenschaftlichen Imaginationen mit ihren jeweiligen theologischen, politischen, sozialen, psychologischen, neurologischen, ökonomischen Konnotationen. So führt der Autor bereits an dieser Stelle die Perspektivenvielfalt von Religion und Religionen vor. In den weiteren Kapiteln geht er dann ihren Schwächen und Stärken nach, um von daher seine eigene Religionstheorie zu entwickeln.
Ohne sich für Religion im Entferntesten zu begeistern, folgt im 4. Kapitel Religionserklärung im Sinne eines Grundrisses, dem im 5. Kapitel die Praktiken und Rituale folgen. Dann setzt Riesebrodt im 6. Kapitel mit den radikalen Heilslehren und Heilspraktiken im Sinne asketischer Virtuosität den Schwerpunkt, und zwar von den traditionalen Religionen bis hin zu den großen Weltreligionen. Von daher kritisiert er deren Logik religiöser Virtuosen, weil sie sich auf Mächte beziehen, die Unheil abwehren und Heil spenden können (S. 209f).
Im 7. Kapitel durchleuchtet der Autor religiöse Propaganda, und zwar an den Beispielen: Konversion, Erleuchtung Messianität und Prophetie. Diese Begriffe spielt er an den monotheistischen Religionen, aber auch an den ostasiatischen Traditionen durch, um ihre Funktion im Sinne von Krisenbewältigung aufzuzeigen.
Hat die Religion überhaupt noch eine Zukunft? So fragt er schließlich im 8. Kapitel, um dann zu einem wiederum recht pragmatischen Ergebnis zu kommen: Wie sich Religion auch immer darstellt, es wird sie immer geben, sie lässt sich instrumentalisieren, abwandeln, aber sie ist für die moderne Gesellschaft ein Teilaspekt, der sich immer wieder umgestalten wird. Angesichts des derzeit immer wieder aufs Neue ausgerufenen „Kampfes der Kulturen“ entwickelt Riesebrodt darum eine Religionstheorie, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Er erzeugt damit eine sympathische Perspektive. Die unterschiedlichsten Kulturen haben zwar mit dem Kultus und ihren Heilsversprechen für jedermann und jederfrau Orientierungsmarken gesetzt, aber eben auch nicht mehr. Weniger sieht Riesebrodt dabei die Gefahr von Repression und Unterdrückung, obwohl Religion eben auch Unheil kultiviert hat und immer wieder kultivieren kann.
Riesebrodt gehört zu denjenigen Religionswissenschaftlern, die den Säkularisierungsschub in den westlichen Gesellschaften für keineswegs bedrohlich für die Religion halten, obwoh leider gilt: „die ‚Leitkultur’ ist nicht mehr christlich, sondern eher kapitalistisch“ (S. 248) …
Nun hat sich Riesebrodt schon längst mit Religionstheorien beschäftigt und bestimmte Ausprägungen entsprechend untersucht oder mit anderen diskutiert, wie z.B. sein mit Clemens Six und Siegfried Haas herausgegebener Band „Religiöser Fundamentalismus. Vom Kolonialismus zur Globalisierung“ (Innsbruck u.a.: Studienverlag 2005) zeigt. Bei religiösen Ansprüchen sollte eben nicht verschwiegen werden, dass es noch andere Bedürfnisse und Interessen gibt, die nicht in die Komplexität von Unheil, Krise und Heil gehören. So ist  für Riesebrodt Religion im gesellschaftlichen Kontext durchaus oft hilfreich, aber nicht das non plus ultra aller Lebensentwürfe.
Angesichts manch überbordender religiöser Tendenzen in Vergangenheit und Gegenwart ist diese Zurückhaltung Riesebrodts angenehm. So sichert die Entzauberung der Heilsansprüche das anthropologische Gegengewicht, um so jegliche Absolutheit von Religionsverständnissesn abzuwehren.
Reinhard Kirste
Rz-Riesebrodt., 21.12.07, bearb. 02.05.15