Mittwoch, 2. März 2016

Buch des Monats März 2016: Mittelalter weiterdenken

Dorothea Klein (Hg.): „Überall ist Mittelalter“.
Zur Aktualität einer vergangenen Epoche
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In Verbindung mit Markus Frankl und Franz Fuchs.

Würzburger Ringvorlesungen, Bd. 11.
Würzburg: Königshausen & Neumann 2015, XI, 366 S., Abb., Register
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 978-3-8260-5832-5 ---
In Ringvorlesungen ermöglicht die Sicht unterschiedlicher Autoren oft neue Konturen. Das ist auch bei dem vorliegenden Band der Fall, der aus einer Ringvorlesung der Universität Würzburg hervorgegangen ist. Die (Literatur)-Historikerin Dorothea Klein (geb. 1954) hat den Titel dieser Vorlesungen auch für diesen Band übernommen: "Überall ist Mittelalter“. Er stammt aus dem gleichnamigen Buch des Mediävisten Horst Fuhrmann (1926–2011), erschienen bei C.H. Beck 2010. 
Die Herausgeberin spielt damit zugleich auf die Geschichtsvergessenheit und bleibende Faszination des Mittelalters an: Kunst und Architektur jener Zeit sind heute oft intensiver präsent, als sich manche/r vorzustellen mag. Das gilt nicht nur für mittelalterliche Stadtbilder, Museen und Literatur, sondern auch für Sprachtypen sowie gesellschaftlichen Strukturen und Ordnungen. Der Band bietet insgesamt ein Kaleidoskop mittelalterlicher Welt, dem man noch weitere Aspekte hätte hinzufügen können. Allerdings sind auch nicht alle Vorlesungen in die Druckfassung aufgenommen worden. Details zur Ringvorlesung: hier


Steffen Patzold (Universität Tübingen) betont in seinem Beitrag „Das eigene Fremde“ die Aktualität des Mittelalters im 21. Jahrhundert. Anhand einer Reihe von Beispielen aus dem (Früh-)Mittelalter und der Gegenwart kommt er zum Ergebnis: „Unsere Gegenwart wendet sich von der Moderne der Zeit um 1900 oder um 1950/60 ab und gerät dabei auf interessante Weise in Analogien zum Mittelalter“ (S. 17). Diese Zeit „berührt uns auf erfrischend andere und kräftigere Weise als etwa noch um die Mitte des 20. Jahrhunderts“ (S. 18).
Auf mittelalterliche Stadtstrukturen konzentriert sich Eberhard Isenmann (Universität Köln). Es zeigt sich, dass das Fremde und Vergangene des Mittelalters dennoch unseren Bewusstseinshorizont beeinflusst: „Das dichte Zusammensiedeln der Menschen auf begrenztem Raum …rief … ein differenziertes, ständig revidiertes und erweitertes Ordnungsrecht hervor“ (S. 27f). Dieses galt zur Wahrung des gesellschaftlichen Friedens und der Freiheit der Bürger gegenüber Willkür und Gewalt innerhalb der Stadtmauern. Natürlich hatten mittelalterliche Stadtverfassungen keine demokratische Basis wie heute. Im Sinne eines kommunalen Selbstverwaltungsrechts (besonders der großen Städte) ist die damalige Rechts- und Politikberatung für die eigene Urteilsfindung durchaus modern, vielleicht sogar moderner als die preußischen Reformen zur Städteordnung im 19. Jh.
Der Kunstgeschichtlicher Stefan Kummer (Universität Würzburg) untersucht die Präsenz des Mittelalters im Altstadtbild von Würzburg, das sich trotz der großen Kriegsschäden bis heute weitgehend erhalten hat und die „Aura“ vergangener Zeiten spüren lässt. Konkretisierend stellt er sakrale und profane Bauten im Blick auf ihre Funktion vor. Im Laufe der Jahrhunderte fallen auch erhebliche Stadtbildveränderungen ins Auge im Zusammenhang von Mittelalter, Barock und Gegenwart. Er belegt dies durch eine Reihe aufschlussreicher Fotos, Stiche und Karten.
„Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren!“, so skandierten Studenten Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die Studentenproteste bewirkten eine erhebliche Veränderung hierarchischer (Ordinarien)-Strukturen der Institution Universität. Dies ist erstaunlicherweise nicht der Hintergrund, von dem her Stefan Petersen (Universität Würzburg, Archivschule Marburg) die Universität als eine moderne Institution beschreibt. Er kann nachweisen, dass die heutigen universitären Selbstverwaltungsstrukturen der Lehrenden und Studierenden bereits im Mittelalter etabliert wurden. So sind die Universitäten weiterhin in Fakultäten gegliedert, denen jeweils ein Dekan vorsteht. In gemeinsamer Mitbestimmung werden Fragen der Lehre, der Forschung und der Ausbildungsordnungen sowie Prüfungen geregelt. Bei der Diskussion um strukturelle Veränderungen tritt eine neue Einrichtung in den Blickpunkt: die Pfarrei als erfolgreichste Institution des Mittelalters“. Darauf verweist Enno Bünz (Universität Leipzig). Er zeigt – anekdotisch verstärkt – wie aus den frühmittelalterlichen Gründungen einzelner Kirchen („Eigenkirche“) die Gemeindekirche, die Pfarrei, erwächst. Sie ist die Schnittstelle von Kirche und Welt. Hier begegnen sich Laien, Bruderschaften und Zünfte. Trotz mancher Veränderungen in der Reformation bleibt sie weiterhin kontinuierliches und Konfessionen übergreifendes Strukturelement.
Natürlich ist auch in der deutschen Sprache Mittelalterliches präsent. Hans Ulrich Schmid (Universität Leipzig) sieht geradezu „gemauerte Strukturen“ (S. 140). Das gilt für die bis heute gebliebenen Unterschiede zwischen Niederdeutsch und Hochdeutsch, die Vokalveränderungen (z.B. hûs in Haus), die Benutzung von variierender Tempusformen, Lehnwörter aus dem Lateinischen, „Erbwörter“ aus dem Germanischen (z.B. Gott) und aus der französisch geprägten höfischen Literatursprache (z.B. Turnier). Kreative Wortneubildungen entwickelte die mittelalterliche Mystik (z.B. einfließen, einprägen, eingeben) und natürlich Sprichwörter (z.B. „etwas auf dem Kerbholz haben).
Dass die islamische Zivilisation das europäische Mittelalter mit geprägt hat, ist als Tatsache manchem Konservativen und allen Rechtsextremen ein Ärgernis. Dieser Einfluss betrifft neben wissenschaftlichen Erkenntnissen in Philosophie und Naturwissenschaften (Mathematik, Biologie, Astronomie, Medizin) auch die praktische Umsetzung durch den Aufbau von Hospitälern. Solche Wirkungen zeigen sich auch in der großen Zahl der ins Lateinische übersetzten arabischen Autoren (vgl. Liste S. 159), wie Dag Nikolaus Hasse (Universität Würzburg) vorführt. Er spielt in seinem Beitrag weiterhin den Einfluss des Arabischen auf die deutsche Sprache durch, und zwar von Alkohol bis Ziffer. Das Stichwort „Ziffer“ erlaubt ihm, auf die wichtige Verwendung der „Null“ zu sprechen zu kommen. Insgesamt sind schriftliche und mündliche Überlieferung hier gleich wichtig, wie sich überwiegend in der Kaufmannssprache zeigt (z.B. Tasse, Karaffe, Matratze, im Schach: matt = mat = tot). Und natürlich muss für die frühe Neuzeit auch noch dem Türkischen Referenz erweisen werden, z.B. mit den Worten Kaffee, Mokka oder Sofa.
Die epochale Erfindung des Automobils in der Neuzeit vergleicht Udo Kühne (Universität Kiel) zur Schöpfungskraft der mittelalterlichen Kathedral-Architektur! Dies wirkt zuerst ungewöhnlich, doch die außerordentliche Kreativität verbindet beide Epochen. Ähnliches gilt für die Entwicklung von Textmodellen im Sinne einer festgeschriebenen Form – informatio. Der Autor spielt dies am Alphabet (man denke an die Lexika) und an der Liturgie (als Gottesdienststruktur) durch. Andere Tendenzen literarischer Formfindung ließen sich heranziehen. Das tut faktisch die Herausgeberin Dorothea Klein, denn sie sieht den Roman als eine Erfindung des Mittelalters. Sie bezieht sich dazu auf den höfischen (französischen) Roman. Man denke z.B. an den bedeutendsten Autor jener Zeit: Chrétien de Troyes (Perceval u.a.). Zwar haben sich die mittelalterlichen Autoren auch der antiken griechischen und römischen Epen bedient; dennoch erprobten sie Neues. Dies geschah „im Sinne eines Transfers des antiken Epos in die romanische Volkssprache ebenso wie im Sinn einer Adaption des Epos bzw. seiner Transformation zum Roman“ (S. 200f). Von daher beleuchtet die Autorin kurz die weiter differenzierten Formen des Erzählens. Diese nehmen seit dem 15./16. Jh. zu – bis hin zu avantgardistischen Erzählweisen des 20. Jh.s. In diesen Kontext bringt Dorothea Klein nun Besonderheiten der mittelalterlichen Autoren ein, die sie ausführlich beschreibt. Der Erzähler und das Erzählen selbst werden Gegenstand des Erzählens (z.B. Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach). Gegen historiografische Verengungen setzten die großen Dichter wie Chrétien, Hartmann und Wolfram ihre eigenen Romanwelten, ein Selbstbewusstsein, das sich erst seit dem 17. Jahrhundert aufs Neue entwickelte (S. 220).
Eine Besonderheit bietet die mittelalterliche Heraldik. Markus Frankl (Universität Würzburg) stellt sie unter die provokative Frage: "Alles nur Reklame?" Aktuelle Anlässe besonders bei den „Royals“ oder in Adelskreisen zeigen die bedeutende Tradition der Heraldik. Der Autor beleuchtet dies an den politischen und militärischen Grundregeln der Wappenästhetik seit dem Mittelalter mit entsprechenden Bildbeispielen. Dazu gehören Wappenschild; Helm mit Wulst, Helmzier und Helmdecken (S. 227) sowie entsprechende Farben und eine eigene Kunstsprache (Blason). Wappenrecht und Heroldswesen kommen dann zur Sprache. Und schließlich geht es um die (seriöse) Werbung mit typischen Firmen- bzw. Markenzeichen: Der Freistaat Bayern, die Autoindustrie, Getränkehersteller und viele andere bedienen sich der (mittelalterlichen) Heraldik-Strukturen. Im letzten Teil wirft der Autor noch einen regionalen Blick auf ausgewählte fränkische Wappen.
Eine andere ebenso intensive Bezugsgeschichte bis in die Moderne bilden die Reisewege mittelalterlicher Herrscher. Caspar Ehlers (Universität Würzburg, Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte Frankfurt/M.): resümiert mit entsprechenden Kartenbelegen, dass diese königlichen Reisewege seit Karl d. Gr. das „Vehikel“ für Pilgerwege, Handelsrouten und (ausbaufähige) Wirtschaftsverbindungen bildeten (z.B. die Hanse). Geologische Besonderheiten und Hindernisse sowie wichtige Naturräume (z.B. im Blick auf die Landwirtschaft) verweisen auf Kernzonen und Randbereiche dieser Straßennetze. All dies prägt bis heute die europäischen Fernwege.
Im Schlussbeitrag mit einigen Bildbeispielen von Helmut Flachenecker (Universität Würzburg) geht es um die technische Fortschrittentwicklung im Mittelalter: Die Brille ermöglicht in des Wortes originaler Bedeutung eine neue Sicht auf die Welt. Von den Zeitläufen der Natur geht der Weg zu einer exakten Messung der Zeit mit Hilfe der Glocke und der mechanischen Räderuhr. Der Autor verweist darauf, dass man in diesem Zusammenhang die Innovationskraft der Klöster nicht unterschätzen sollte. Dass das Schießpulver aus China (vielleicht!) über die arabisch-iberische Halbinsel in das übrige Europa kam, ist zwar ein technischer Fortschritt, besonders seit dem 15. Jahrhundert. Aber die kriegerischen Beispiele des Autors aus dem weiteren und näheren Umfeld Würzburgs zeigen natürlich auch die Problematik solchen Fortschritts. Schon im 13. Jahrhundert wird in technischen Enzyklopädien dargestellt, wie man mit Wasser, Luft und Feuer Energie gewinnt, um sie sowohl friedlich wie kriegerisch einzusetzen. Gerade im Blick auf die im späteren Mittelalter mehr und mehr zum Einsatz kommenden Kanonen, resümiert der Autor: „Erfindungen haben meist zwei Seiten, eine kulturfördernde und eine vernichtende, ja tötende“ (S. 327). Insofern begegnen sich hier in bleibender Problematik wieder Mittelalter und Gegenwart.
Bilanz: Dieses Buch zeigt in seiner Vielfältigkeit, wie lohnend es ist, ins Mittelalter zurückzublicken. Dabei wird in allen Beiträgen unübersehbar, wie sehr die Moderne und die Postmoderne mit jener Epoche verwoben sind, die wahrhaftig kein „dunkles Mittelalter“ war. Insofern wäre es gut, wenn nicht nur Mediävisten und Kirchenhistoriker die angesprochenen Themen weiterdenken würden, sondern auch jeder aufmerksame Betrachter der Gegenwart. Dann wird nämlich unübersehbar deutlich, wie sehr wir nicht nur aus und mit der Vergangenheit leben, sondern wie die kreative Aufnahme vergangenen Denkens und schöpferischen Schaffens für gegenwärtiges Handeln entscheidende Zukunftsimpulse zum Frieden oder Unfrieden freisetzt.
Reinhard Kirste
Anregungen zum Weiterdenken:
  • Horst Fuhrmann: Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit.
    München: C.H. Beck 2010, 328 S.
  • Michel Clévenot: Geschichte des Christentums. 12 Bände.
    Aus dem Französischen von Kuno Füssel. Fribourg (CH) / Luzern: Ed. Exodus 1987-1999
    --- Rezension des  Bandes: Im Herzen des Mittelalters.
    = Geschichte des Christentums im XII. und XIII. Jahrhundert. (1992)
  • Wolfdieter Haas: Welt im Wandel. Das Hochmittelalter. Stuttgart: Thorbecke 2002, 453 S.
  • Alain de Libera: Penser au Moyen Âge. Paris: Seuil 1991, 413 pp., index     --- Deutsche Ausgabe: Denken im Mittelalter. München: Wilhelm Fink 2003, 310 S.
  • Francis Oakley: The Medieval Experience.
    Toronto et al.: University of Toronto Press 1997, 3
    rd edition, IX, 228 pp., index
  • Peter Segl (Hg.): Mittelalter & Moderne. Entdeckung und Rekonstruktion der mittelalterlichen Welt. Kongressakten des 6. Symposium des Mediävistenverbandes in Bayreuth 1995. Sigmaringen: Thorbecke 1997, 396 S., Register
                                                                                  Rz-Klein-Mittelalter, 29.02.16