Donnerstag, 30. Juni 2016

Kurz vorgestellt: Religionswissenschaft und Theologie - zur Frag-Würdigkeit interreligiöse Vergleiche

Perry Schmidt-Leukel / Andreas Nehring (eds.):
Interreligious Comparisons in Religious Studies and Theology.
Comparison revisited 

Interreligious Comparisons in Religious Studies and Theology

 London / Oxford u.a.: Bloomsbury 2016, 240 pp.
(erscheint 14. Juli 2016) --- ISBN 978-1474-28851-8

Verlagsinformation: 
Can religions be compared? For decades the discipline of religious studies was based on the assumption that they can. Postmodern and postcolonial reflections, however, raised significant doubts. In social and cultural studies the investigation of the particular often took precedence over a comparative perspective. Interreligious Comparisons in Religious Studies and Theology questions whether religious studies can survive if it ceases to be comparative religion. Can it do justice to a globalized world if it is limited on the specific and turns a blind eye on the general? 

While comparative approaches have come under strong pressure in religious studies, they have started flourishing in Theology. Comparative theology practices interfaith dialogue by means of comparative research. This volume asks whether theology and religious studies are able to mutually benefit from their critical and constructive reflections. Can postcolonial criticism of neutrality and objectivity in religious studies create new links with the decidedly perspectival approach of comparative theology?
In this collection scholars from theology and religious studies discuss the methodology of interreligious comparison in the light of recent doubts and current objections. Together with the contributors, Perry Schmidt-Leukel and Andreas Nehring argue that after decades of critique, interreligious comparison deserves to be reconsidered, reconstructed and reintroduced.



Table of contents / Inhaltsverzeichnis

Contributors
Acknowledgements
Introduction: Andreas Nehring, Perry Schmidt-Leukel

Part 1 Comparison: Contestation and Defence
  • 1 Comparative Methodology and the Religious Studies Toolkit: Paul Hedges
  • 2 Comparison in the Maelstrom of Historicity: A Postcolonial Perspective on Comparative Religion: Michael Bergunder
  • 3 Modes of Comparison: Towards Creating a Methodological Framework for Comparative Studies: Oliver Freiberger
  • 4 Comparison as a Necessary Evil. Examples from Indian and Jewish Worlds: Philippe Bornet 
Part 2 Phenomenology and the Foundations of Comparison
  • 5 Camouflage of the Sacred – Can We still Branch Off
    from Eliade's Comparative Approach? 
    Andreas Nehring
  • 6 The Singular and the Shared: Making Amends with Eliade
    after the Dismissal of the Sacred: 
    Kenneth Rose
  • 7 Religious Practice and the Nature of the Human: Gavin Flood  
  • 8 On All-Embracing Mental Structures:
    Towards a Transcendental Hermeneutics of Religion: 
    Fabian Völker

Part 3 Reciprocal Illumination and Comparative Theology
  • 9 Comparative Theology and Comparative Religion: Klaus von Stosch
  • 10 Reciprocal Illumination: Arvind Sharma
  • 11 On Creativity, Participation and Normativity. Comparative Theology in Discussion
    with Arvind Sharma's
    Reciprocal Illumination: Ulrich Winkler
  • 12 Christ as Bodhisattva – A Case of Reciprocal Illumination: Perry Schmidt-Leukel
Bibliography
Index


Reviews

“To the many critics of religion as a universal phenomenon and of comparative theology as a valid academic project, this collection offers a needed and a multi-faceted response. The contributors make their diverse cases that the complexity and dangers of comparison do not outweigh the possibility, the promise and indeed the urgency of “reciprocal illumination” (Arvind Sharma). This book not only “revisits,” it revitalizes comparative studies and the promise of real learning from real differences.” 

–  Paul F. Knitter, Paul Tillich Professor Emeritus of Theology, World Religions and Culture,
Union Theological Seminary, USA

Interreligious Comparisons in Religious Studies and Theology: Comparison Revisited edited by Andreas Nehring, Perry Schmidt-Leukel is an important and timely contribution to renewed discussions of comparative method in religious studies and in theology. Its twelve chapters provide us with thoughtful and probing analyses of comparative method and its role in the study of religions. The essays range across the field, addressing comparison from historical, phenomenological, cognitive, and theological perspectives. Interreligious Comparisons is a signal contribution to the study of religion, and its essays both build on and challenge current methodological orthodoxies. It will be the go-to resource for those seeking a renewed role for comparative method in the study of religion and in comparative theology.” 
–  Charles D. Orzech, Reader in Religion, Conflict, and Transition Theology and Religious Studies,
University of Glasgow, UK





Montag, 27. Juni 2016

Das Vaterunser - nicht nur für Christen

Hans Martin Barth:
Das Vaterunser - Inspiration zwischen Religionen und säkularer Welt.      
    
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus (Random House) 2016, 222 S.
 --- ISBN 978-3-579-08233-2 ---
In seinem Buch "Das Vaterunser" untersucht Hans-Martin Barth, emeritierter Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Marburg, das Vaterunser auf inter- und a-religiöse Aspekte. Er stellt als Christ die Frage, ob sich eine Möglichkeit des gemeinsamen Betens eröffnen könne. Dabei geht er bewusst in kleinen Schritten vor und untersucht jede Vaterunser-Bitte einzeln.
Am Beispiel des Abschnittes "Vater unser – und kein Vater im Himmel?" soll die Vorgehensweise des Autors veranschaulicht werden.  
Zunächst thematisiert Barth, dass auch nicht-christliche Strömungen sich der Eltern-Symbolik bedienen um ihre Gottheiten anzureden, so z.B. gelten Zeus in der griechischen Mythologie und Odin bei den Germanen als Vaterfigur, wodurch die Unterlegenheit der Menschen, die sich ihren Göttern gegenüber wie Kinder fühlen, ausgedrückt wird. In der biblischen Tradition ist, so Barth, die Vaterfigur nicht als Vater eines Einzelnen, sondern als Vater eines Volkes zu verstehen; so kümmert sich Gott z.B. nicht um den Einzelnen, sondern um das ganze Volk Israel.
Religionspsychologisch lässt sich die Vatersymbolik auf Furcht einzelner Menschen vor Naturkräften zurückführen, die diesen einen göttlichen Vatercharakter zusprechen, um Schutz zu erlangen. Alain de Botton, ein atheistischer Schriftsteller der Gegenwart setzt hier mit seiner Kritik an. Nicht besser sieht es mit der weiblichen Seite der Religion aus. Die Verehrung von Muttergottheiten hält er für eine infantile Form der Religion.
Allerdings ist die Vatersymbolik nicht in allen Religionen vertreten; so kennt der Buddhismus im Sinne des westlichen Theismus keine Götter, und im Islam wird Allah nicht als "Vater" angesprochen.
In den folgenden Abschnitten behandelt Barth eine atheistische Sicht, die einen Gott im Himmel verneint, sowie eine mystische Sicht, die des Transzendierens in der Meditation, und liefert viele Denkanstöße. Als Kernelement stellt sich die Frage heraus, ob das Vaterunser auch dann sinnvoll erscheint, wenn man der Vater-Symbolik kritisch gegenübersteht. Dennoch kommt er zu dem Schluss, dass diese Symbolik mit einem gewissen Maß an Vertrauen, Zuwendung und Geborgenheit einhergeht. Für diejenigen, die es ablehnen, agiert die Anrede einer transzendentalen Persönlichkeit per "Du" ebenfalls auf einer persönliche, vertrauensvollen Ebene.
Hans-Martin Barth zeigt unter Berücksichtigung sowohl verschiedener religiöser Strömungen, als auch atheistischer Sichtweisen, dass das Vaterunser eine viel stärker verbindende Kraft hat, als dass es unterschiedlich Glaubende und Denkende trennt. Das bedeutet, dass das Vaterunser seine Wirkung auch außerhalb des christlichen Denkens entfalten kann. Gerade die Tatsache, dass der Autor zu jeder Bitte unterschiedliche Aspekte hinzuzieht, führt zu einer  sehr differenzierten Auseinandersetzung; dennoch verfolgt er in der Form von Gegenüberstellungen einen roten Faden, der die Argumentation nachvollziehbar macht. Zwar lassen sich nicht auf alle Fragen, die Barth innerhalb seines Textes formuliert, Antworten finden, doch allein die Beschäftigung mit der Thematik in diesem Ausmaß ermöglicht einen persönlichen Standpunkt, der das Vaterunser nicht nur für den christlichen Glauben in Anspruch nehmen kann.
Nicolas Jung und Cornelius Otto
Im Rahmen des Seminars "Mystische Strömungen im Christentum und im Islam"
(TU-Dortmund, Sommersemester 2016)
Verlagsinformation:
Das Vaterunser – ein Vertrauens-Impuls für alle Menschen
Nicht das Glaubensbekenntnis ist allen Kirchen gemeinsam, sondern: das Vaterunser! Ist das Gebet, das alle Christen und Christinnen teilen, noch mehr? Eine Einladung für die Menschheit, für die Anhänger aller Religionen und sogar für die religiös »Unmusikalischen«, dem Leben zu vertrauen?
Hans-Martin Barth fragt nach den Kontexten, in die das Vaterunser im 21. Jahrhundert gestellt ist. Er fragt nach den Erfahrungen und Schwierigkeiten des Betens. Er zeigt Möglichkeiten, das Gebet Jesu mit großen Texten anderer Religionen und sogar mit dem Denken von Religionskritikern in ein Gespräch zu bringen. Deutlich wird: In einer Welt, die den »Vater im Himmel« nicht mehr kennt, ist das Vaterunser eine noch längst nicht ausgeschöpfte Quelle innerer Zuversicht.
·        Das Gebet Jesu - neu entdeckt im Kontext von Weltreligionen und säkularem Denken
·        Ein Ur-Text der Menschheit - tröstend und herausfordernd zugleich

·        Vgl. zum religionsdialogischen Ansatz von Hans-Martin Barth bereits:
Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen. Ein Lehrbuch.
Gütersloh: Kaiser / Gütersloher Verlagshaus 2001, 2008, 3. Aktualisierte und ergänzte Auflage
Rezension von Hermann Barth bei EKD (01.07.2008):
https://www.ekd.de/vortraege/barth/080701_barth_berlin.html
·        Publikationsliste von H.-M. Barth: https://luthertheologie.de/publikationen/

Rz-Barth-Vaterunser, 27.06.2016

Freitag, 17. Juni 2016

Christen des Nahen Ostens. Größe und Tragik

Christian LOCHON: Chrétiens du Proche-Orient.
Grandeur et malheurs
Avant-propos de Mgr Pascal GOLLNISCH,
Préface de Sobhi HABCHI.

Paris: Librairie d'Amérique et Orient /
Jean Maisonneuve 
 2016, 168 pp.  
--- ISBN 978-2-7200-1211-2 --- 
Collection: Itinéraires poétiques, Itinéraires critiques.
dirigée par Sobhi Habchi (CNRS-CRAL-EHESS).





Commentaire de l'éditeur / Verlagsinformation
Dans les huit chapitres de ce livre, le lecteur découvrira le bonheur et la misère, la grandeur et les malheurs des Chrétiens d'Orient : bonheur et grandeur dans leur mission créatrice qui est l'essence même de leur vrai esprit.
Le lecteur attentif découvrira aussi les réalités et les finesses des enquêtes effectuées par l'auteur. En effet, Christian Lochon, homo viator, qui connaît bien la langue du Coran et celle du Christ, montre comment, d'un voyage à un autre, et d'un retour à l'histoire réelle et vécue à une autre histoire toujours menacée, les Chrétiens d'Orient sont d'abord victimes de leurs conditions historiques et géographiques … Le dernier exemple encore vivant est le rôle des Chrétiens d'Orient libanais et syriens depuis la fondation du Collège maronite à Rome en 1584 jusqu'aux mouvements de renaissances arabes modernes avec les émigrés dans les deux Amériques et surtout au Mont Liban comme en Égypte, depuis l'aube du XXe siècle écoulé.
Ce livre est, avant tout, un témoignage qui pousse le lecteur à méditer sur le destin des villes et des peuples "disparus", car l'Histoire a toujours sa logique de conquêtes … et son terrorisme actuel n'est pas nouveau.



Christian Lochon a une double formation en lettres françaises et en arabe à la Sorbonne, à l'École des langues orientales de Paris et à l'Université Saint-Joseph de Beyrouth. Arabisant, sa carrière d'enseignement se déroule en Algérie, Irak, Iran, Liban, et Égypte.
Détaché au Ministère des Affaires étrangères (1964), il assume la direction du Centre culturel français de Bagdad, puis la fonction d'attaché culturel et de coopération technique à Khartoum et à Damas.

À Paris, il a collaboré à l'Institut du Monde Arabe comme conseiller du Président et au Centre des Hautes Études sur l'Afrique
et l'Asie modernes comme directeur de cours. 

Il est actuellement chargé de cours à l'Université Panthéon-Assas
et est examinateur d'arabe pour les concours de l'État.
Membre de l'Académie des Sciences d'Outre-Mer, il publie régulièrement, dans les revues Mondes et Cultures, la Revue d'Études, le Bulletin de l'Œuvre d'Orient

Perspectives et Réflexions,
des articles consacrés au Moyen-Orient et aux Chrétiens orientaux.
Il a publié entre autres: 

--- Les Grandes Civilisations : l'Islam, Paris, Revue des Études, 2007
--- Secrets initiatiques en Islam (avec J.-M. Aractingi), Paris, L'Harmattan, 2008
--- (Dir.): L'Égypte en marche, Revue Eurorient, n° 37, Paris, 2012.

Sommaire / Inhaltsverzeichnis

  • Sommaire complet et la préface --- Avant-propos de Pascal Gollnisch
  • Préface de Sobhi Habchi, Les Chrétiens d'Orient et l'exception maronite
  • Chap. I - Rôle et culture des Chrétiens d'Orient
  • Chap. II - Les Chrétiens d'Orient et la crise du monde
  • Chap. III - Les Chrétiens orientaux et la Chari'a 
  • Chap. IV - Les capitulations franco-ottomanes et le rôle des Chrétiens d'Orient 
  • Chap. V - Un mythe catholique de Babylone 
  • Chap. VI - Les Chrétiens de Turquie, derniers ottomans non musulmans et les Chrétiens d'Iran
  • Chap. VII - Qaraqoche ou la disparition des Chrétiens de la plaine de Ninive 
  • Chap. VIII - L'État islamique et le patrimoine architectural arabe civil et religieux
  • En guise de conclusion
  • Eléments de bibliographie sélective — Index des noms cités.
Einige weitere Titel zum Thema
(mit wichtigen weiterführenden aktualisierten Hinweisen):
  • Raymond Le Coz: Histoire de l'Église d'Orient. Paris: Cerf 1995, 441 pp., tableaux chronologiques
  • René R. Khawam: L'univers culturel des chrétiens d'Orient. Chrétiens d'Irak, d'Iran et de Turquie.
    Paris: Cerf 1987, 235 pp., index
  • Xaxier de Planhol: Minorités en Islam. Géographie politique et sociale.
    Paris: Flammarion 1997, 525 pp., index
  • Martin Tamcke (Hg.): Orientalische Christen zwischen Repression und Migration.
    eiträge zur jüngeren Geschichte und Gegenwartslage. S
    tudien zur Orientalischen Kirchengeschichte Bd. 13. Münster u.a: LIT 2001, 210 S.
  • Jean-Pierre Valognes: Vie et mort des chrétiens d'Orient. Des origines à nos jours.
    Paris: Fayard 1994, 973 pp., index
  • Joseph Yacoub: Babylone chrétienne. Géopolitique de l'Église de Mésopotamie. Paris: Desclée de Brouwer 1996, 334 pp., index
  • Bat Ye'or: Les chrétientés d'Orient entre jihad et dhimmitude. VIIe - XXe siècle.
    Préface de Jacques Ellul. Paris: Cerf 1991, 529 pp., index

Arabische Welt und Arabischer Frühling (aktualisiert)


                                                                         
Die vielfältigen, dramatischen Ereignisse in der arabischen Welt in einen Zusammenhang zu bringen, ist eine nicht leichte Aufgabe, weil den westlichen LeserInnen oft nicht genügend Hintergrundinformationen und sachkompetente Einschätzungen zur Verfügung stehen. Die beiden hier vorgestellten Bücher über die Araber im 21. Jahrhundert und den Arabischen Frühling versuchen, dieses Defizit abzubauen. Im Rahmen des Seminars Vielfalt des Islams – Traditionen und Entwicklungen an der TU Dortmund im Wintersemester 2013/14 diskutierten die Studierenden u.a. die beiden genannten Titel. Daraus entstanden auch zwei Rezensionen, die die vielfältigen sachkundigen Informationen ansprechen. Der Islam- und Politikwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders hat diese beiden Bände zusammen mit kompetenten Fachautoren veröffentlicht: 

Thorsten Gerald Schneiders (Hg.):

1.  Die Araber im 21. Jahrhundert. Politik, Gesellschaft, Kultur.
Wiesbaden: Springer Fachmedien 2013, 443 S., Abb., Tabellen --- ISBN 978-3-531-19093-8 ---


2.  Der Arabische Frühling. Hintergründe und Analysen.
Wiesbaden: Springer Fachmedien 2013, VII, 302 S., Abb.
--- ISBN 978-3-658-01173-4 ---

       
Ausführliche Besprechung: hier

Weitere Titel von Thorsten Gerald Schneiders (Hg.):

Tunesien: Wege zur Freiheit






Donnerstag, 16. Juni 2016

Kurz vorgestellt: Mit und zwischen Christen und Muslimen - Jesus von Nazareth

Streit um Jesus - Muslimische und christliche Annäherungen

Paderborn: Schöningh 2016,
282 Seiten, 3 s/w Abb., 1 s/w Tab., kart.
ISBN: 978-3-506-78256-4

Erschienen in der Reihe:
Band: 21

Verlagsinformationen zum Buch

Die Lehre von Jesus als dem Christus gilt als einer der wichtigsten Streitpunkte zwischen Islam und Christentum. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage ist eine zentrale Aufgabe der Theologie der Gegenwart.
Der Band erkundet Annäherungen beider Religionen an Jesus, die die Rückfragen der jeweils anderen Religion im Blick haben und mit ihr in den Dialog treten. Zu Wort kommen vorwiegend systematische Theologinnen und Theologen beider Glaubensrichtungen, die ausgehend von ihrer jeweiligen Heiligen Schrift und der unterschiedlichen Wahrnehmung von Jesus von Nazaret nach Wegen suchen, das Eigene in einer Weise zu sagen, dass es in ein fruchtbares Gespräch mit der je anderen Religion eintreten kann.
Zwischen den beiden Herausgebern und ihren Teams an den Universitäten Paderborn und Münster entwickelte sich in den letzten Jahren ein intensiver Dialog, der hier dokumentiert und durch exemplarische Beiträge von außen bereichert wird.

Autoren neben Hg.: 
H.M. Legenhausen, D. Asghar-Zadeh, Z.A. Ghaffar, T. Khademalsharieh, W. Krötke,
D. El Omari, R. Bernhardt, B. Nitsche, J. Werbick
 


   

Mittwoch, 15. Juni 2016

Brüderlichkeit als Erbe - Die Geschichte des Alawiyya-Ordens


Cheikh Khaled Bentounes (avec Bruno Solt):
La Fraternité en Héritage.
Histoire d’une confrérie soufie
Paris: Albin Michel 2009, 136 S.
 --- ISBN: 978-2-226 -19112-0 --- 

Brüderlichkeit als Erbe

 Die Geschichte einer Sufi-Bruderschaft 


Die Autoren sind Cheikh Khaled Bentounès, der spirituelle Lehrmeister des Alawiyya- Ordens  in  Zusammenarbeit mit Bruno Solt, Religionswissenschaftler, Schriftsteller und Dozent in der Provence.

Inhalt: Cheikh  Khaled Bentounès berichtet von dem geistigen Erbe, dem Vermächtnis seiner Vorväter als spiritueller Meister des Alawiyya-Ordens. Er erzählt seine Biografie und  seine Familiengeschichte mit den Kriegswirren in Algerien seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Er schildert die Schwierigkeiten der Muslime in Nordafrika,  die Repressalien durch die Regierungen sowie die Diffamierungen in der Presse. Die Vorfahren sind Patrioten und setzen sich für die Befreiung Algeriens ein. Die OAS (Organisation der geheimen Armee) und die FLN (Nationale Befreiungsfront)  kämpfen im Bürgerkrieg (1954-1962) bis zur Unabhängigkeitserklärung durch General Charles De Gaulle. Khaled Bentounès ist an diesem Tag 13 Jahre alt. 

Autor: Scheich Khaled Bentounès ist 1949 im algerischen Mostaganem  geboren. Er wird nach dem Tode seines Vaters vom Rat der Weisen zum Nachfolger und neuen spirituellen Lehrmeister des Alawiyya-Ordens gewählt. Er ist heute als einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des Sufismus anzusehen. Er vertritt ist vor allem das Erbe einer geistigen Bewegung, deren Wurzeln auf die großen Mystiker des Mittelalters zurückgehen. Er gilt als Mann des Friedens, der Moderne und des internationalen Dialogs mit anderen Religionen. Er hat zahlreiche Werke über den Islam und den Sufismus geschrieben.

Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist ihm ein großes Anliegen. Er gehört dem Weltkongress der Rabbiner und Imame an und hat mehrere interreligiös orientierte Vereine in Nordafrika und Europa gegründet.

1975 wird er als Nachfolger seiner Ahnen zum spirituellen Lehrmeister
des Alawiyya-Ordens gewählt.
Scheich Khaled Bentounes
(Foto: AISA)


1978 gründet Scheich Bentounès das  erste Institut,  in dem auch der Koran digitalisiert wurde.

1986 reist er nach Assisi und besucht Papst Johannes Paul II.  
           
1988 trifft er den Dalai Lama in Savoyen, um mit ihm den spirituellen Weg der Alawiyya im Gegenüber zum Buddhismus anzusprechen.

1989 wird er von Papst Johannes Paul II empfangen. Er erhält eine christliche Bibel (hebräische Version der Universität Bar Ilan 1967). Das Institut erarbeitet ein Programm, in dem die verschiedenen Bibelübersetzungen  zusammengefasst werden konnten.

1989 nimmt er auch an der 50 jährigen Zeremonie des Gedenkens
an die Opfer des 2. Weltkrieges teil.

1991 gründet er in Frankreich die muslimischen Pfadfinder (SMF).
In Deutschland wird er Ehrenpräsident der muslimischen Pfadfinder.

2000 ist er Initiator für das Kolloquium „Für einen Islam des Friedens“ bei der UNESCO.

2001 gründet er die Vereinigung AISA ( = Internationale Association Sufi Alawiyya).

2002 referiert er bei der UNESCO Konferenz zum Thema
“Mystische Tradition und interreligiöser Dialog“.

2003 gründet er den französischen Zentralrat der Muslime (CFCM).
Sarkozy war zu dieser Zeit Innenminister.

2007 erhält er in Paris den Ball des Friedens, eine Auszeichnung, 
die u.a. auch Nelson Mandela erhielt.

2010 Konferenz in Genf zur Darstellung des spirituellen Islams.

2010 Verleihung des Tschelebi-Friedenspreises in Werl,
ein Preis für den interreligiösen Dialog zwischen Muslimen, Christen und Juden.   
                                                           
2012 Die AISA gründet die globale Mobilisierungskampagne  für die Vereinten Nationen (INGO-Internationale Nicht-Regierungsorganiastion) für ein Zusammenleben der Völker in Frieden und gegenseitigem Respekt.

2014 Eröffnung des Weltkongresses für Frauen in Oran (Algerien) Bei der Eröffnungsrede legt er eine Petition für die  UNO vor. Er ruft  alle Menschen, die  guten Willens sind, unabhängig vom Geschlecht, Rasse, Nationalität, ethnischer Herkunft, Kultur und Religion  auf, gemeinsam die Welt zu verändern: Eine Welt, deren Grundlage auf einem spirituellen und humanistischen  Erbe beruht, eine Welt der Brüderlichkeit, die die Menschenwürde achtet  und Versöhnung zwischen den Völkern bringt. (Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel nimmt ebenfalls an diesem Kongress teil.)

2015 organisiert die NGO AISA ein internationales Kolloquium in Paris im UNESCO Gebäude anlässlich des 100 jährigen Jubiläums seit der Gründung des Alawiyya-Sufi-Ordens. 


Kindheit, Jugend, Studium: Khaled Bentounès verbringt seine Kindheit  am Ordenssitz seines Urgroßvaters Ahmad al-Alawî (1869-1934), Gründer des modernen Sufi-Ordens  (1911) der Alawiyya in  Mostaganem. Bis zum 5. Lebensjahr erziehen ihn seine Mutter, Großmutter und Stiefmutter, die französisch spricht. Ab dem 4. Lebensjahr besucht er die Koranschule, erhält Musikunterricht und wird 2 Jahre von spirituellen Lehrmeistern ausgebildet.
Seine Spiritualität wird geschult durch Übungen. Jeden Donnerstagabend findet ein Treffen mit theologischen Diskursen und Debatten statt. 
Er hat schon als Kind Erscheinungen vom Propheten Mohammed.
Seine göttliche Aufgabe ist es, die Größe seiner Spiritualität zu beweisen.
 
Er lernt die Koranverse des Tages auswendig und spricht sie dem Vater vor. Khaled stellt Fragen, und der Vater antwortet geduldig, indem er den göttlichen Willen erklärt. Sein Vater lehrt ihn die Entwicklung der Welt und spricht über den Kommunismus, das Leben und die Philosophie. Auf dem göttlichen Weg ist der Stolz der größte Feind.  Freiheit und Verantwortung sind seine wichtigsten Worte.
Das Heranwachsen der Jugendlichen wird dokumentiert mit der Verleihung der Gürtel:

1. Grad: Baumwollgürtel  (Reinheit, Zerbrechlichkeit des Wesens in Zukunft)
2. Grad: Ledergürtel (Härte, Widerstand, und Weichheit, Wille, das Böse zu bekämpfen)
3. Grad: Gürtel aus Wolle (Reife, Weisheit).

Das Wort „Suf“ bedeutet wahrscheinlich Wolle (Sufismus)
und bezieht sich auf die einfachen Wollgewänder der "Sufis".

Es soll der ritterliche Geist „Futuwwa“ vermittelt werden. Diese Werte und Tugenden  sind der Ursprung vor dem Durchbruch des Islam im Sinne der Verteidigung der Schwachen, der Gastfreundschaft und des Friedens.

Der junge Bentounes  begreift immer mehr, wie wichtig es ist, den Koran zu lesen.
Der spirituelle Weg „Tarîqa Alâwiyya“ der Sufi Bruderschaft wurde ihm aufgezeigt von vielen strengen aber milden Erben eines tausendjährigen Geistes.
Er  beinhaltet das kostbare Gedenken, um es Generationen von morgen zu vermitteln.

1967 wird er in den Orden aufgenommen, und die Einführung mit einem Paten vorgenommen.  

1969 wird sein Vater Hadj al-Mahdi bei einem religiösen Fest (Mawlid), die Feier der Geburt des Propheten von der Militärregierung verhaftet und kommt ins Gefängnis. Die Besucher der Koranschule werden registriert. Khaled wird nach Paris geschickt -  in die dortige Alawiyya Bruderschaft. Er beginnt das Studium der Rechtswissenschaften und Geschichte und setzt es in Oxford und Cambridge  fort.

1972 geht er als Geschäftsmann wieder nach Paris. Dort lernt er seine Frau Evelyn, eine Katholikin kennen und lieben. Sie heiraten.

1973 bekommen sie eine Tochter Sophie. Indem er hier ein Tabu brach, ebnete er dem spirituellen Weg  eine Bahn zum Okzident und anderen Feldern.

1975 stirbt sein Vater Hady-al Mahdi (*1928). Der Rat der Weisen setzt sich zusammen. Sie bestimmen die Nachfolge des Meisters und wählen Khaled Bentounès  zum neuen spirituellen Meister, der die Bruderschaft Alawiyya  leiten soll.

Der spirituelle Lehrmeister:
Kahled Bentounès hadert mit diesem Entschluss, aber nach und nach wird ihm klar, dass er seinem Schicksal nicht entkommen kann. Er kehrt nach Algerien zurück und stellt sich seiner Verantwortung. Für seine Frau Evelyn und seine Tochter Sophie kauft er ein Haus in Südfrankreich als Domizil.
Er übernimmt die Regelung des Nachlasses, macht Inventur der Güter und ordnet das Bildarchiv und sorgt für die Bewohner des Ordenssitzes. Alle seine Entscheidungen stimmt er mit den Weisen ab.
Die Bruderschaft gewinnt an Form und Kraft. Langsam weicht die Sorge, und er findet Mitgefühl und Frieden.
Er entdeckt den Weg der Sufis, die Sufi-Tradition (Tarîqa ‘Alâwiyya), getragen von Intuition und Vernunft, den spirituellen Weg, die Subtilität des Mysteriums. Dieser Erkenntnisprozess wird durch seine Reisen und andere Traditionen aus Europa, Indien, Südamerika, Japan verstärkt. Unter anderem spricht er auch mit den Tuareg, den Männern der Wüste.

„Wenn Sie Gott nicht zwischen den Menschen finden, finden sie ihn nirgends.“

„Fragen Sie nicht jemanden nach seiner Religion, sondern welche Wahrheit er sucht.“
„Trifft man  gebildete Juden, Christen oder Moslems, so unterscheidet sie nichts, wenn sie Verse zitieren, so dass Freundschaft, Brüderlichkeit und Liebe gestärkt werden.“  

2009 sagt er ohne zu zögern: „ Ich bin immer noch ein Mensch wie die anderen, aber es ist in mir ein Licht angezündet, das sich jeden Moment verstärken kann. Ich schätze es als Notwendigkeit ein, die Tradition des spirituellen Wegs (Tarîqua) ohne Umschweife ins Moderne zu übertragen“.
  
 „Der Mensch hat eine Kraft der Seele! Wenn er sich ans Universum wendet, wird er es anziehen.  Das heißt, wenn Du es wünschst, kannst Du es!“   
                                                                             
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Quellenangaben
  • Dr. Marcel Carret<Dans l‘intimité du Cheik al-‘Alâwî> id. P.11-12
  • http://aisa.de index.php/cheikh-khald-bentounes 
  • http//aisa-net.com/la_voie_soufie_alawiyya/cheik-khaled-bentounes 
  • http//de.wikipedia.org.wiki/Ahmad_al-Alawi Stand 8.Mai 2016
  • Mostaganem,Alawiyya: you Tube 25.04.2016; Archives de la Zawiyya Alawiyya de Mostaganem
  • http://aisa.de/index.php?view=article &catid=6: ankündigungen… 
  • https:/eric rossacademic.worldpress.com2011/03/alawiyya http.dw.com/de/der Mystische Islam-in Deutschland/ a-151092016
  • www. youtube.com/watch?vF36qpFWRbI
Waltraud Janisch-Sassen 


 im Rahmen des Seminars: Interreligiöse Horizonte:
Mystische Strömungen im Christentum und im Islam – TU-Dortmund

Rz-Bentounès-Fraternité - 15.06.2016