Samstag, 29. Oktober 2016

Ethische Verantwortung für die Zukunft der einen Welt

Ernst Ulrich von Weizsäcker / Daisaku Ikeda: Was sind wir uns wert?
Gespräche über Energie und Nachhaltigkeit
Aus dem Englischen übersetzt von Judith Elze und Katrin Harlaß
Freiburg u.a.: Herder 2016, 184 S. ---- ISBN: 978-3-451-34964-5 ---

Ernst Ulrich von Weizsäcker (geb. 1939) hat sich sowohl als Naturwissenschaftler wie als Politiker einen Namen gemacht. Neben vielen Wissenschaftseinrichtungen, denen er vorstand bzw. noch vorsteht, ist er seit 2012 auch Co-Präsident des Club of Rome. Sein philosophischer Gesprächspartner in diesem Buch ist Daisaku Ikeda (geb. 1928), Präsident der buddhistischen Laienorganisation Soka Gakkai, die ihren Ursprung in Japan hat. Er erhielt für sein Engagement im Blick auf Menschenwürde und Menschenrechte 1983 den Friedenspreis der Vereinten Nationen. 

Weiteres zu Soka Gakkai: hier

Diese beiden weltweit engagierten Persönlichkeiten haben acht ausführliche Gespräche über die Weltverantwortung in ihren unterschiedlichen ökologischen, wirtschaftlichen und friedenspolitischen Dimensionen geführt. Diese in manchem visionär wirkende Gesprächsreihe erschien zuerst im japanischen Literaturmagazin Ushio zwischen Dezember 2011 und Mai 2014 und auch in der japanischen Ausgabe des Journal of Oriental Studies.

Um es vorweg zu sagen: Die Geschichte von Deutschland und Japan besonders im 20. Jahrhundert zeigt viele Berührungspunkte – allerdings nicht nur angenehmer Art, was Kriege und Katastrophen betrifft. Man denke nur an die faschistische „Achse“ Berlin Tokio während im 2. Weltkrieg, die Entwicklung und den Abwurf der ersten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki sowie die Erdbeben und Reaktorunfälle in Japan bis in die jüngste Gegenwart. Solche Erfahrungen nötigen über regionale und nationale Sichtweisen hinauszukommen und die Welt als eine Welt für alle Menschen wahrzunehmen. Wie schon der Reformpädagoge und Gründer von Soka Gakkai Makiguchi Tsunesaburo (1871 - 1944) einforderte, gehören Erziehung und Bildung zu den Kernaufgaben für die Verbesserung der Weltzustände im Sinne einer umfassenden Friedenspädagogik (vgl. S. 21).
Das erfordert nicht nur international sorgfältige analytische Arbeit sondern auch eine ethische Verantwortung, wie sie ebenso Hans Küng in seinem „Projekt Weltethos“ zum Ausdruck gebracht hat.

Die beiden Autoren – gewissermaßen gleichzeitig Wissenschaftler, Philosophen und Zukunftsforscher – diskutierten dieses weite Themenfeld in mehreren „Anläufen“:
1. Im Gespräch Hoffnung und Gesundung geht um die Erkenntnis und Konsequenzen aus den Grenzen des Wachstums angesichts eines ethisch hemmungslosen Kapitalismus.
2. Der Abschnitt Eine Welt ohne Krieg bezieht sich erinnernd auf das Anti-Atomwaffen-Manifest Göttinger Kernwaffenforscher 1957. Das Gespräch bedenkt aber auch die Konsequenzen aus dem Fall der Berliner Mauer 1989, das Ende des Kalten Krieges und japanische Abrüstungsinitiativen.
3. Beim dritten Gesprächsthema Grünes Wachstum geht es um Energie und Klima, das Weizsäcker unter den Titel Faktor Vier: Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch anspricht und als Faktor Fünf zukunftsorientiert analysiert: Nachhaltiges Wachstum und Ressourcenschonung, besonders auch durch Reformen von unten. Angesprochen wird dabei die Planung von DESERTEC, nämlich den Energiebedarf Europas über Solarstrom aus der Sahara abzudecken.
4. Entscheidend sind jedoch geänderte Verhaltensweisen: Genügsamkeit widerspricht keineswegs einem erfüllten Leben. Einfach ist nicht ärmlich! Allerdings ist es unumgänglich, ethische Verantwortung zu praktizieren, und zwar mit dem Verzicht auf ungebremsten Konsum und ausbeuterisches Wachstum um einer gesunden Umwelt willen.
5. In die langfristige Perspektive haben sich seit langem schon verantwortliche Gruppierungen eingeschaltet wie der Club of Rome, der 1972 schon die „Grenzen des Wachstums“ einforderte. Daraus entwickelte sich die Orientierung für ein „nachhaltiges Wachstum“.
Man denke etwa an die UNO-Konferenz zurnachhaltigen Entwicklung in Rio de Janeiro 2012
6. Das immer wieder durchklingende Thema ist ein notwendiges Umweltbewusstsein, das sich global entwickeln muss. Es fängt oft mit kleinen Schritten an vielen Orten an – gerade auch in den Schulen. Umwelterziehung ist darum das Gebot der Stunde im Sinne eines neuen Zeitalters der Aufklärung. Ökonomie und Ökologie müssen in eine umweltbewusste harmonische Balance gebracht werden.
7. Hier schließt sich fast nahtlos das nächste Gespräch an: Soziale und ökologische Gerechtigkeit, das im sog. TLC-Faktor gipfelt: Tender Loving Care = liebevolle Fürsorge (S. 116f). Das bedeutet Rückkehr zum menschlichen Maß und Beendigung des „Marktfundamentalismus“ (S. 122ff) hin zu toleranten und versöhnlichen Gesellschaften und Staaten. Nur so können alle die Grundrechte des Lebens wahrnehmen: Ausreichende Nahrung und sauberes Wasser, Arbeit und Wohnung. Bhutan mit seinem Indikator „Bruttonationalglück“ tritt hier besonders in den Fokus. Hier kommen die im 3. Gespräch schon erwähnten Faktoren Vier und Fünf ins Spiel.
8. Für unsere nachhaltige Zukunft bedeutet dies die Klimaveränderungen nicht nur ernst nehmen, sondern an sinnvollen Verbesserungen arbeiten. Dazu gehört als erstes eine Haltung der Genügsamkeit, die die Gier nach Ressourcen ausbremst, Energien sorgsam einsetzt und Ressourcen wiederverwertet, denn in dieser Welt ist für alle genug da, allerdings nicht für jedermanns Gier (Gandhi, vgl. S. 161).
Zur Bedeutung von Religion        
Noch stärker als Weizsäcker bezieht sich Ikeda immer wieder auf die religiöse Motivation seines Handelns. Das wird z.B. mit einem Buddha-Zitat deutlich, in dem Mitgefühl und Umweltbewusstsein zusammenklingen (S. 95). Der Gedanke des Philosophen Nichiren Daishonin (1222–1282) zu umfassender Gerechtigkeit gewinnt erstaunliche Aktualität: „Die lebenden Wesen und ihre Umgebung sind nicht zwei Dinge, und ein Mensch und das Land, das er bewohnt, sind nicht zwei Dinge“ (S. 117). 
Zum Schluss fasst der japanische Philosoph darum die Hoffnung auf eine glückvolle und friedliche Welt so zusammen: „Ich bin überzeugt, dass es zu den Kernaufgaben und -verantwortlichkeiten von Religion gehört, Perspektiven anzubieten, die uns in den Herausforderungen des Zeitenwandels eine verlässliche Richtschnur und feste Stütze sein können“ (S. 162). Diese Aufforderung, die Frieden stiftenden Kräfte der Religionen intensiver in politische Zusammenhänge einzubringen, müsste im Blick für die Zukunft noch viel deutlicher werden.
Reinhard Kirste
Vgl. das in mancher Hinsicht thematisch verwandte Buch:
·        Michael Gorbatschow / Daisaku Ikeda: Triumph der moralischen Revolution. 
Freiburg u.a.: Herder 2015, 266 S., Personenregister
Verlagsankündigung mit Leseprobe: hier


  Rz-Ikeda-Weizsäcker-Zukunft, 29.10.16   

Donnerstag, 27. Oktober 2016

LETTRE international - Kulturdiskurse und religiöse Herausforderungen

Die deutsche Ausgabe von LETTRE ist gewissermaßen der deutsche Ableger der 1984 in Paris gegründeten Kulturzeitschrift "Lettre Internationale", die vierteljährlich erscheint. Seit 1988 existiert die deutsche Ausgabe von  LETTRE mit überwiegend neuen Beiträgen und sorgsam ausgewählten Fotos. Einige Artiklel werden aus anderen Sprachen und Kulturzeitschriften übersetzt.  Die Herausgeber bezeichnen ihre Publikation als "Europas Kulturzeitung".
In der thematischen Zusammenstellung erinnert LETTRE in manchem an die stärker laizistisch französische Kulturzeitschrift "Revue des Deux Mondes", die zweimonatlich erscheint. 
In den bisher herausgegebenen 114 Nummern von LETTRE (in dem noch immer gewöhnungsbedürftigen Format) kommen neben philosophisch, politisch und künstlerisch orientierten Essays immer wieder Religionen übergreifende Themen zur Sprache.
Religiosität zeigt sich bei der Lektüre in vielen Facetten. Insgesamt geht es um intellektuellen Austausch. Damit ist keine feste Linie vorgegeben, sondern Auseinandersetzung im positiven Sinne wirkt als durchgehende Intention.
Als Beispiele mögen einige wenige Beiträge aus zwei Ausgaben des Jahres 2016 dienen: 
 
Nummer 112 (Frühjahr 2016), 146 S.


  • Priya Basil (Schriftstellerin, geb. 1977 in London): Woher kommst Du?
    Sie vertieft den Gedanken geistiger und kultureller Herkunft und gegenwärtiger Identität.
  • Georg Brunold (Schweizer Journalist,
    geb. 1953):
    Die islamische Spaltung.
    Sunna-Schia-Fronten und der arabisch-iranische Machtkampf

    Die Erkenntnisse als Auslandskorrespondent der NZZ  prägen offensichtlich seinen Beitrag, in dem er aufschlussreich auf die vielen Spannungsebenen der sunnitisch-schiitischen (Theologie-)Geschichte bis in die politisch-gesellschaftlichen Umsetzungen eingeht. Allerdings wäre wichtig gewesen zu erwähnen, dass die Ibaditen im Oman für sich die Bezeichnung "Charidschiten" ( = Die Ausgetretenen) ablehnen. Sie sehen sich weder der Sunna noch der Schia zugehörig.
  • Marco d'Eramo (italienischer Physiker und Soziologe, geb 1947): Erdogans Regime. das türkische Erfolgsmodell und die Versuchung des Faschismus.
    Er beschreibt die politischen Veränderungen hin zu einer religiös-konservativ-rechtsextremen Gesellschaftsstruktur im Kontext mittelöstlicher Konflikte.

Nummer 114 (Herbst 2016), 146 S.
  • Gespräch  - Frank M. Raddatz (Publizist und Dramaturg, geb. 1956) und Johan Simons (Tänzer, Schauspieler, Regisseur, bis 2017 Leiter der Ruhrtriennale, geb. 1946 in den Niederlanden):
    Das Sisyphosspiel. Die Durchblutung des Textes und das Offene der Inszenierung.
    Hier erlebt der Schauspieler gewissermaßen Sisyphos zwischen Probe und Aufführung an sich selbst. Welche Tiefendimension erreicht wird, formuliert Simons u.a. so: "Ich kann mein Leben lang über eine einzige Zeile von Aischylos nachdenken, weil sie mich berührt ... Er spricht etwas in mir an, ohne dass ich ihn gleich verstehe."
  • Gespräch - Jean-Luc Nancy (bedeutender französischer Philosoph, geb. 1940) und Sergio Benvenuto (italienischer Psychoanalytiker und Philosoph, geb. 1948):
    Das Heilige, die Religion. verlangen nach Unendlichkeit - Monotheismen, Riten, Weisheitslehren.
    Blaise Pascal scheint diesen Diskurs mitzusteuern, vielleicht auch der nicht erwähnte Rudolf Otto ("Das Heilige"). Zugleich kommen die unterschiedlichen "Zweige" der Monotheismen mit ihren Extremen zur Sprache: Judentum zwischen Ritual und Philosophie, Christentum zwischen Kirchlichkeit und der eigenen Dekonstruktion, Islam zwischen Absolutheit des Sinns für das Göttliche und Spannung zwischen Philosophie und (rituellem und sozialem) Recht. Das bedeutet praktisch einen signifikanten Unterschied zwischen Praktiken und Glaubensüberzeugungen (S. 106).
  • Henning Christoph (Ethnologe, Fotograf und Journalist, geb. 1944)  und Thomas Knöfel (Arzt, Verleger, Autor, geb. 1858):
    Voodoo in Benin. Die Afrikanische Pistole, der Juju-Man und die untoten Toten.
    Das Gespräch vermittelt lebendige Einblicke in synkretistische Kulte zwischen Magie, Umgang mit Verstorbenen, den Ahnen  Geisterscheinungen, Schadensabwehr und Opferproblematik nicht nur in Benin und macht neugierig auf das Soul of Africa Museum in Essen. 
  • Nedim Gürsel (türkischer Essayist und Reiseschriftsteller, lehrt u.a. an der Sorbonne in Paris, geb. 1951): Das Bild des Propheten.
    Der Bote Allahs im Spiegel christlich-mittelalterlichen Denkens.
    Mit einem Schwerpunkt auf die Islam-Einstellung des Johannes von Damaskus (um 650 - 754) beleuchtet der Autor, wie sich das Bild Mohammeds im Abendland zusehends verschlechtert bis hin zum "falschen Propheten" und "Sohn der Finsternis". Das mittelalterlich-christliche Bild von Muslimen schwankt dabei zwischen Ketzerei und Heidentum. Diese Kampfapologetik hat sich trotz mancher Mäßigungen bis in die Gegenwart erhalten. Dieses falsche Bild des Propheten wurde erst nach und nach im 18. Jahrhundert korrigiert.
Schon dieser  relativ kleine Ausschnitt aus der  Vielfalt der LETTRE-Beiträge zeigt, wie lohnend es ist, sich hier weiter einzulassen. Damit geht die Zeitschrift auch gegen heutige Modetrends: Eine schnelle Lektüre allerdings dürfte nämlich bei diesen Essays einigermaßen unmöglich sein. Vertiefte eigenständige Erkenntnis ist aber ein nicht zu unterschätzendes Ergebnis.

Montag, 24. Oktober 2016

Kurz vorgestellt: Urban Prayers --- Glaube und UnGlaube in der Stadt

Björn Bicker / Andrea Huber:
Was glaubt ihr denn. U
rban Prayers

München: Kunstmann 2016, 272 S. ----- Fotos von  Andrea Huber
--- ISBN 978-3-95614-094-5 ---

Was glaubt ihr denn


Verlagsinformation
Es spricht der Chor der gläubigen Bürger. 
Doch kaum fängt einer an zu reden, da fällt ihm der andere schon ins Wort. 
Der Chor findet keine gemeinsame Sprache und doch ist es ein Chor, 
der ein Gegenüber kennt: die 
Ungläubigen. Globalisierung, Migration und der gleichzeitige Verlust religiöser Bindungen
haben aus unseren Städten Orte der Vielfalt gemacht, religiöse Megacities. 
Aber was glauben die Menschen? Glauben sie, dass ihr Glaube Privatsache ist? 
Glauben die Menschen, dass ihr Glaube politisch ist? 
Glauben sie an die Freiheit der Andersdenkenden, an eine bessere Welt? 
Wie beeinflussen sie das soziale und politische Leben der Stadt? 
Welche Erwartungen haben die Gläubigen an Demokratie und Rechtsstaat?
Es erzählen die gläubigen und ungläubigen Bürger der Städte – der Bruder, 
der Sozialarbeiter, der DHL-Bote, die Lehrerin, die Journalistin. 
Sie erzählen Leilas Geschichte. Doch kaum endet die Erzählung des einen, 
beginnt die der anderen. Das soziale Leben findet eine gemeinsame Sprache – 
es geht um renitente Jugendliche, um soziales Engagement, um Einwanderung, 
um Heimat, um falsche und echte Bilder und den Traum vom wahren Leben. 
Was glauben die Menschen politisch? Lassen sie den anderen ihre Freiheit? 
Arbeiten sie für eine bessere Welt? 
Wie beeinflussen sie das soziale und politische Leben der Stadt? 
Aus einer langen Recherche im religiösen Leben unserer Städte
 ist ein Text entstanden, der für die vielen Stimmen der Wirklichkeit
einen analytischen wie poetischen Resonanzraum schafft.

Präsentation im Rahmen der Ruhrtriennale 2016 (Dialog-Journal): hier

Autorenporträt

Foto zu Björn Bicker
Björn Bicker wurde 1972 geboren und studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik in Tübingen und Wien. Danach arbeitete er am Wiener Burgtheater. Von 2001 bis 2009 war er als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen engagiert. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Künstler...
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"Mich hat interessiert, was für ein Verhältnis haben gläubige Menschen, egal welcher Religion, zu ihrer Stadt, zu dieser Demokratie, zu diesem Gemeinwesen."
Björn Bicker

"Bicker hat einen fabelhaften Text geschrieben, hat dafür Gläubige aller möglichen Konfessionen befragt. Heraus kam ein dichtes Konglomerat, das Handke ebenso ebenbürtig ist wie Jelinek."
Süddeutsche Zeitung

Sonntag, 23. Oktober 2016

Kurz vorgestellt: Götter und Wesenheiten des Windes bei den Mayas

Dioses y seres del viento entre los antiguos mayasDioses y seres del viento entre
los antiguos mayas

Autor: Martha Ilia Nájera Coronado
ISBN: 978-607-02-6376-7
Año / Erscheinungsjahr: 2015
Centro: Centro de Estudios Mayas 
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Verlagsankündigung

La pregunta inicial que se plantea en este libro
es la posible existencia de dioses
y seres sobrenaturales vinculados con el viento
en la cultura maya prehispánica.
Si bien en otras regiones mesoamericanas
es clara la presencia de divinidades asociadas
con este fenómeno meteorológico, como es el caso
de Ehécatl en el centro de México, resulta extraño
que no hubiera en las diversas comunidades que
habitaron el área maya una deidad que lograra
dicha relevancia.
De esta manera, en este libro, la autora explora
diversos dioses que tuvieron entre sus atributos
precisamente al aire en movimiento.
Para ello, primero expone algunas de las
características que, conforme a fuentes
de otras regiones mesoamericanas, podrían
distinguir a un dios del viento,
y con esta herramienta metodológica que parte
del análisis comparativo, presenta una revisión
e interpretación de diversos dioses y animales
que, desde su perspectiva, estarían relacionados
con los distintos vientos.
Así, el libro constituye una contribución original para
la comprensión de diversos aspectos de la religión maya. 

Montag, 17. Oktober 2016

Meister Eckhart und Nikolaus von Kues - Bilder verstehen und transzendieren (aktualisiert)



Harald Schwaetzer und Marie-Anne Vannier
in Verbindung mit Johanna Hueck,
Matthias Vollet und Kirstin Zeyer (Hg.):
Der Bildbegriff bei Meister Eckhart und Nikolaus von Kues.

Texte und Studien zur europäischen Geistesgeschichte, Reihe B, Band 9.
Münster: Aschendorff 2015, 268 S., 24 Abb. im Anhang  
--- ISBN 978-3-402-15996-5 ---
Kurzrezension: hier



Ausführliche Beschreibung
Das äußere Sehen ist nur der Zugang zu einem Teil von Realität, die „in Wirklichkeit“ viel umfassender ist. Für die Mystiker war darum das innere Sehen als Annäherungselement an das Göttliche entscheidend. Dies prägt dann menschliche Gottesbilder in all ihrer Vorläufigkeit und Hoffnungs-Vision. Mit dem Bild ist jedoch immer auch ein bestimmter Ausdruck, also Sprache verbunden. Dadurch gibt es die Möglichkeit, etwas zu benennen, also dem erahnt Gesehenen einen Namen zu geben.   
Die vorliegenden Texte sind aus zwei Tagungen im März 2012 entstanden, die diese „Doppelgesichtigkeit“ zum Ausdruck bringen: In Metz unter dem Titel „Imago in der Rheinischen Mystik“ und in Trier unter dem Titel „Die Namen des Namenlosen. Die Jagden des Nikolaus von Kues nach dem Unnennbaren“. Dass sich hier – besonders im Horizont von Meister Eckhart und Nikolaus von Kues – eine Reihe von Überschneidungslinien und geradezu Spiegelungen finden würden, war im Grunde zu erwarten und macht nun den Blick in die hier vorgelegten Texte besonders reizvoll.

Die Herausgeber und Autoren dieses Sammelbandes sind als Religionsphilosophen bzw. Theologen ausgewiesene Kenner in diesem Themenfeld. Harald Schwaetzer lehrt an  der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues, Marie-Anne Vannier, (katholische) Theologin von der Universität Metz, ist Leiterin der Forschungsgruppe zur Rheinischen Mystik (Équipe de Recherches sur les Mystiques Rhénanes): http://maitre.eckhart.free.fr/base%20ermr/membres_ermr.html            
Mehrere Mitglieder dieser Gruppe sind darum als Autoren in diesem Band vertreten. Die Herausgeberin Marie-Anne Vannier geht im Eröffnungsbeitrag Grund legend auf das Bildverständnis bei den Rheinischen Mystikern ein: Sie sind deshalb Bilderstürmer, weil sie mit ihrem intensiven Bibelbezug zugleich „zur Überschreitung der Bilder aufrufen, um zu dem einzigen Bild zu gelangen, der Ikone“ (S. 16). Dies ist als ein Ausdruck der Vision Gottes (in der Seele) zu verstehen. Mystiker, Maler und Theologen versuchen  das „Eikon“ zu entdecken, zu erjagen … Der Theologe Yves Meesen (Universität Metz) versucht, dieses Bildverständnis am Kommentar Eckharts zum Prolog des Johannesevangeliums und an einer Predigt zu verdeutlichen: Der Mensch ist Ab-Bild des Göttlichen, während für Gott gilt: In ihm „sind das Sein, die Erkenntnis und der Wille in einem solchen Maße vereinigt, dass sie untrennbar sind. Für den Menschen ist diese Vereinigung Finalität …“ (S. 30). Isabelle Raviolo (in der Forschungsgruppe zur Rheinischen Mystik) „liest“ die Fresken Fra Angelicos in San Marco, Venedig, mit der hermeneutischen Hilfe Meister Eckharts. Es ist eine Bildpredigt zur Gottesgeburt in der menschlichen Seele, ein inneres An-Ziehen. Dies lässt sich am Symbol der Maria als Muttergottes zeigen. Der mystischen Anthropologie Heinrich Seuses geht Silvia Bara Bancel (Universität Comillas Madrid) nach. Das mittelalterliche Bildverständnis war ausgesprochen plural zwischen Darstellung und Erzählung. Für Seuse werden wichtig: Vorbild, Zeichnung (Illustration), Sinnspruch (Aphorismus), Darstellung (Figur, Skulptur), Symbol, Name (Vorstellung, Präsentation, Konzept), Idee. Der Mensch, nach dem Bild Gottes geschaffen, folgt auf dem Weg zu Gott seinem „höchsten Abbild“, das ist Jesus Christus. Das höchste Ziel jedoch, die Vereinigung mit Gott, geht auch über dieses Christus-Bild noch hinaus und wird schließlich „sola gratia“ durch „Entbildung“ erreicht. Wird hier auch die große Nähe zu Meister Eckhart deutlich, so bezieht sich Jean Devriendt (Straßburg) auf den Widerspruch im Bildverständnis von Meister Eckhart und Bonaventura. Der berühmte franziskanische Scholastiker und seine Schule halten am Abbild (figura) und an den Spuren (vestigia) fest. Mit dem Dominikaner Eckhart muss man dagegen auch die -„Figuren Christi … und die Täuschungen seiner Spuren verlassen“ (S. 99). Sie werden trans-figuriert.
Den zweiten Bildkommentar in diesem Buch liefert Jean-Claude Lagarrigue (Straßburg) mit den Kreuzigungsdarstellungen von Matthias Grünewald (Isenheimer Altar) unter Berücksichtigung cusanischer Terminologie, besonders von dessen Osterpredigten her: Es ist die Neigung, aus dem Kreuz ein blendendes Bild zu machen – angesichts in Verzweiflung treibender Dunkelheit-Abgründe. Monique Gruber, ebenfalls in der Metzer Forschungsgruppe, bezieht sich auf Heinrich Seuses Stundenbuch der Weisheit. Dort beschreibt er, wie ihm die sapientia erschien und wie sie bildlich ergänzend umgesetzt worden ist. Es bedeutet die Gleichgestaltung mit Christus. Dazu muss man sich nicht nur an der Menschlichkeit Christi orientieren, sondern auch diese mediale Hilfe schließlich loslassen, „verjagen“. Es kommt schließlich sogar auf den Verzicht des inneren Sehens an. Dass solches Sehen vor dem Loslassen auch dieses Handelns nicht unwichtig ist, zeigt sich im Visio-Verständnis von Cusanus. Das hatte durchaus Folgen für die Malerei jener Zeit, wie Elena Filippi (Universität Ferrara) vorführt: „Beim Göttlichen Spiegel haben wir eine fortdauernde spiralförmige rechtsdrehende Bespiegelung zwischen Zentrum und Peripherie des Rades, und diese Widerspiegelung hat die mystische Erfahrung Gottes durch den Menschen zum Ziel; ihr Mittel ist das rasche Durchgehen der einzelnen Schritte – oder Spiegelchen – des christlichen Lebens bis zur Erlangung einer ganzheitlichen Vision, einer Zusammenfügung des Vielen in das eine speculum salvationis“ (S. 136). Man denke hier besonders an das visionäre Radbild des Niklaus von Flüe und an Hieronymus Bosch mit seiner Mesa de los peccatos mortales. Es sind versinn-bildlichte Kreisbewegungen der Todsünde. Wie aber soll man ein Bild des unsichtbaren Gottes erkennen? Der katholische Theologe Klaus Reinhardt (Universität Trier) bietet eine Antwort über den Vers aus Kol 1,15, weil Cusanus die „imago Dei“ von Christus her bestimmt – im Blick auf die menschlich-geschaffene und auf die göttlich-ungeschaffene Seele. Vielleicht ist er von Meister Eckhart dazu beeinflusst worden. Der Autor zitiert aus Eckharts Sermo XI: „So ist also offenbar, dass das Wort aus Gott Vater nach Art des Intellektes und nach Art der natürlichen Ähnlichkeit und des geistigen Bildes hervorgeht“ (S. 149).
Der Mitherausgeber Harald Schwaetzer kommt ähnlich wie Elena Filippi auf die Spiegelungen der menschlichen Seele zu sprechen. Ihm geht es aber mehr um das „Bild des >Spiegels ohne Flecken< als Ausdruck der göttlichen Weisheit“ (S. 158, vgl. Weisheit 7,26): Weil Gott als „non aliud“ (nicht anderes) benannt werden kann, zeigt die Spiegelung im menschlichen Subjekt dessen Endlichkeit an. Diese Endlichkeit erhält durch diese Spiegelung ihre Reinheit. „Subjektivität muss … zu einem reinen Spiegel der Idee werden“ (S. 160). „So wie der vollkommene Spiegel des Logos nichts anderes ist als die vollkommene Seele eines menschlichen Geschöpfs, so ist auch der menschliche Spiegel in der Möglichkeit nichts anderes als der göttliche Logos“ (S. 161).
Die vorliegenden Texte zeigen in unterschiedlicher Weise nicht nur die Bezüge zu Meister Eckhart, sondern auch zur neuplatonischen Tradition der rheinischen Mystik. Die Philosophin Agniezka Kijewska (Universität Lublin) zeigt, wie der berühmte Gelehrte Johannes Scotus Eriugena (9. Jh.) die Unaussprechlichkeit (Ineffabilität) Gottes relational sieht. Weil man Gott nicht benennen kann, weil er in keine Kategorie passt, wird damit seine absolute existentiale und kognitive Transzendenz deutlich. Alle Beschreibungen haben darum nur metaphorischen Charakter (S. 178). Darauf hatte in der Gegenwart übrigens in besonderer Weise der englische Religionsphilosoph John Hick hingewiesen.
Angesichts der Komplexität der cusanischen Gottesnamen versucht Catalina Cubillos Muñoz (Anden-Universität, Chile) eine Systematisierung, die sich allerdings als schwierig erweist: Wie soll man sagen, was Gott ist (quid sit Deus), wenn eigentlich alle Eigennamen Gottes unpassend sind. Aber die göttliche Unaussprechlichkeit verhindert paradoxerweise nicht, Gott in höchst extremer Vorläufigkeit zu benennen (S. 191), und zwar im Sinne der gelehrten Unwissenheit, der docta ignorantia. Damit sind die Benennungen Gottes (wie z.B. das Größte, Dasselbe, Nicht anderes, das Können Selbst) eigentlich keine göttlichen Namen, sondern sprachliche Geheimnisse, die über eine rationale Unterscheidung hinausgehen und damit zugleich die Transzendenz Gottes festhalten. In manchen dieser Überlegungen fühlt man sich durchaus an den großen evangelischen Theologen Karl Barth erinnert.
Ein Gesichtspunkt, der immer wieder thematisiert wurde, erhält im Beitrag von Stephan Grotz (Universität Regensburg, ab September 2015 Kunstuniversität Linz) eine ausführliche Behandlung, nämlich der Zusammenhang von Name und Benennung im Blick auf die theologia negativa, vereinfacht gesagt: Wie lässt sich das Namenlose benennen und das Unbegreifbare begreifen? Cusanus hat gezeigt, dass man danach fragen darf, ja muss! Aber wie kann das angemessen geschehen? Dazu ist also eine besondere Wissensform nötig. Sie beschreibt Nikolaus in der docta ignorantia. Wahres Verstehen ist offenbar nur möglich durch den Zusammenfall der Gegensätze (coincidentia oppositorum). Koinzidenz bedeutet aber keineswegs, dass Gott mit irgendetwas identisch ist. Es wird noch komplizierter: „Absolute Identität meint demnach nicht bloß eine Sich-selbst-Gleichheit unter Ausschluss jeder Andersheit, sondern zugleich den Ausschluss des Gegensatzes, der zwischen beiden Bezugsformen der Identität und der Differenz (Andersheit) besteht“ (S. 211). Gott begründet letztlich alle  Bezugsformen (Relationen). Angesichts der Rationalität solcher Versuchs-Formulierungen der Gottesnamen scheint Poetik hier nicht vorzukommen. Wolfgang Christian Schneider (Universität Hildesheim) sieht das allerdings anders. Er verweist auf die Begrenztheit des kategorialen Denkens, wo das „Es könnte“ (possest), oder das „Nicht Anderes“ (non aliud) letztlich nicht zu verorten ist. Der Logos/die Weisheit, die bei der Erschaffung der Welt schon war, spielt und tanzt vor dem Angesicht Gottes. Sie entzieht sich jedem Zugriff, aber sie lässt sich bereits erahnen. So entsteht ein sinnenhafter Anstoß, „zum Göttlichen sich hinzuspielen“ (S. 226), den Nicht-Weg zu gehen und das Klatschen der einen Hand (wie im Zen-Buddhismus) zu hören.
Mit Giordano Bruno (1548–1600) kommt nun ein weiterer Bezugspunkt zu Nikolaus von Kues ins Spiel, denn für den Dichter-Philosophen fallen im Sinne des Cusaners das Geringste und das Höchste zusammen. In der Komödie „Il Candelaio“ – so schreibt  Gianluca Cuozzo (Universität Turin) stülpt sich der Narr die Maske des Malers über, um die Zweideutigkeit der Wirklichkeit zum Ausdruck zu bringen. Bruno setzt Malerei und Philosophie gleich: „Die Gegenwart  des wahren und ewigen Einen  … manifestiert sich in den Extremen“ (S. 236f). Sie berühren einander – Philosoph, Dichter und Maler ahnen dieses auf ihre Weise.  Einen Blick in die Philosophie des 20. Jahrhundert wirft Kirstin Zeyer (Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte). Sie setzt sich mit Ernst Cassirer (1874–1945) im Zusammenhang seiner Philosophie der symbolischen Formen deshalb auseinander, weil dieser sich mit seinem Menschenverständnis immer wieder auf Cusanus bezieht. Der Kulturphilosoph zeigt nämlich in der Phänomenologie des Geistes, wie die Vielnamigkeit Gottes „in das helle Licht der Sprache“ eintritt (S. 249) – beispielhaft verdeutlicht z.B. bei Isis und bei Allah. Dem Begreifen, Erkennen und Verstehen geht also das Benennen voraus (S. 251). In dieser Weise erkennt sich der Mensch (wie schon Cusanus festhielt) als geistiges Individuum.
Bilanz: Dieses nicht leicht zu lesende Buch ist jedoch deshalb von großer Wichtigkeit, weil hier von zwei zentralen Theologen des Mittelalters eine phänomenale Pluralität und Differenziertheit entwickelt wird. Sie dient dem Versuch, sich dem Geheimnis des Göttlichen anzunähern. Dies geschieht vorläufig und durchaus widersprüchlich, wenn es um Benennung des Göttlichen geht. Chancen und Anregungen mit Hilfe von Metapher, Bild und Symbolik geben Hinweise, dass das Göttliche bei aller Konzeptualisierung nur im Paradox annäherungsweise zugänglich und im Bild metaphorisch ausdrückbar ist.
Dankenswerterweise kann man die in den Aufsätzen angesprochenen Bilder am Schluss des Bandes anschauen – eine wichtige Hilfe angesichts der vielfältigen Verstehensmöglichkeiten  zwischen „Bild“ und „Ikone“.
Um die Autoren wenigstens etwas besser kennenzulernen, wäre eine kurze Vorstellung der Beitragenden  sinnvoll gewesen. Denn die Forschenden zur rheinischen Mystik manifestieren einen wichtigen Abschnitt europäischer Geistesgeschichte – gerade auch im Blick auf gegenwärtige Debatten zur Gottesfrage.

Zur Anthropologie und zum Friedensverständnis des Cusaners:
Paul Richard Blum: Nicholas Cusa und the Anthropology of Peace
In Chapter XI of:  Hans-Christian Günther /  Andrea, Aldo Robiglio (eds.):
The European Image of God and Man
.
A
Contribution to the Debate on Human Rights. Leiden (NL): Brill 2010, S. 271-284  



Zum Verständnis von Trinität, Freiheit und (interreligiösem) Dialog:
Davide Monaco: Nicholas of Cusa: Trinity, Freedom and Dialogue.
Texte und Studien zur Europäischen Geistesgeschichte. Reihe B, Bd. 13.
Münster. Aschendorff 2016, 183 S.
Verlagsinformation: hier


Vgl. auch:

--- Wolfgang Achtner --- Eckharts Bildkritik. Vom Bild zur Bildlosigkeit
- Erkenntnistheoretische, psychologische und theologische Aspekte
  (academia.edu)



Reinhard Kirste,  
Rz-Schwaetzer-Eckhart-Kues-Bild, 31.08.15 , ergänzt: 02.11.2015