Dienstag, 28. Februar 2017

Kurz vorgestellt: Der (vergessene) Islam als Teil Europas


Paderborn: Wilhelm Fink 2016, 533 S. 1 s/w Abb.,
ISBN: 978-3-7705-6135-3

Verlagsinformationen zum Buch
Kann eine innereuropäische Islamgeschichte einfach verschwinden? So haben Historiker, Kulturwissenschaftler und Philologen in Spanien und Frankreich seit den 1990er Jahren zu fragen begonnen. Viele Spezialstudien sind den Spuren dieser Islamgeschichte als Religion, Zivilisation und muslimischer Lebenswelt gefolgt. Ein Bogen spannt sich seit 711 vom Sarazenen-Einfall bis zur »Rückkehr der Morisken« als Arbeitsmigranten im modernen Spanien. Diese Spuren finden sich in Gestalt von Sklaven, Händlern, Diplomaten im Frankenland bis zu den Maghrebinern im heutigen Frankreich. Doch sie treten auch in einer anderen Lektüre der abendländischen Klassiker zutage, schaut man genauer bei Abaelard, Cervantes, Voltaire bis zu Camus und Goytisolo nach. Die Autorin geht der Frage nach, warum dieses Kulturerbe allmählich aus der nationalen und europäischen Geschichtsschreibung verschwunden ist, bis allein die These von der Unverträglichkeit des Islam mit europäischen Werten übrig geblieben zu sein scheint.

Montag, 13. Februar 2017

Kurz vorgestellt: Jüdische Jesus-Forschung heute

Samstag, 11. Februar 2017

Wieder im Blick: Die Bibel und andere Glaubensweisen

S. Wesley Ariarajah: Die Bibel und die Andersgläubigen. Aus dem Englischen von Ulrike Berger.
Frankfurt/M.: Lembeck 1994, 110 S.
--- ISBN 3-87476-300-5 ---
Englische Originalausgabe: 
The Bibel and People of Other Faiths.
Geneva: World Council of Churches (WCC) 1985, 71 S.
--- ISBN 2-8254-0840-9 ---
Vgl auch im Sinne eines Fortsetzungstitels:
Not Without My Neighbour.
Issues in Interfaith Relations
.
RISK Book Series.
Geneva: WCC 1999, 130 pp.
--- ISBN 2-8254-1308-9 ---
 

Das Buch „Die Bibel und die Andersgläubigen / The Bible and the People of Other Faiths“ des aus Sri Lanka stammenden Professors für Ökumenische Theologie S. Wesley Ariarajah zeigt auf, dass der Dialog mit Andersgläubigen auch von der Bibel her zu befürworten ist. 

Der Autor verfasste das Buch zum einen in Bezug auf die gegenwärtige Situation, in der verschiedene religiöse Traditionen immer präsenter werden, zum anderen auf Grund der speziellen Bitte der asiatisch-pazifischen Sektion des christlichen Studentenweltbundes. Denn der Dialog in (Süd-)Ostasien bildet viel stärker als in Europa einen Wesensteil persönlicher religiöser Existenz.
Die Kernfrage, die im gesamten Buch thematisiert wird, lautet, ob es einen Gott oder viele Götter gibt und wenn Letzteres zutrifft, ob diese wählbar sind.
Da es bereits viele Ansätze gibt, wie man in den Dialog mit Andersgläubigen treten kann, ohne dabei die Verwurzelung im eigenen Glauben aufzugeben, widmet sich der Autor bewusst einer komplexen Facette des Themas: Er beschäftigt sich damit, was für eine Rolle die Bibel bezüglich des interreligiösen Dialogs spielt, indem er sich auf diese als Grundlage bezieht, statt die Diskussion wie viele andere an ihr vorbei zu führen. So beabsichtigt er, eine neue Perspektive für den Dialog aufzuzeigen, die einen Gegenpol zu der weit verbreiteten Argumentation von Kritikern bildet, die Bibel als Beleg eines exklusiven Verständnisses zu sehen.
Er betont, dass es ihm lediglich darum geht, neue Wege zu gegenseitigem Verständnis zu eröffnen, statt zu beweisen, dass der interreligiöse Dialog biblisch ist. Seine Ausführungen orientieren sich an den Bibelwissenschaften, indem er vor allem historisch-kritisch mit der Bibel und deren Auslegung umgeht. Gleichzeitig bemüht er sich, alle Aspekte bekennend statt dogmatisch darzulegen. Er richtet sich gezielt an alle Christen im Zusammanhang religiöser Vielfalt. Das geht nicht nur Fachleute an.
Nach dem Vorwort und der Einführung, in denen er diese Absichten und Ziele des Buches darlegt,
folgen 7 Kapitel:
  1. „Kein anderer Gott“
  2. „Zwei Erfahrungen“
  3. „Jesus, der einzige Weg?“
  4. „Biblische Gründe für den Dialog“
  5. „Zeugnis und Dialog“
  6. „Bekenntnis im Dialog“
  7. „Ansätze einer dialogischen Theologie“

Hier führt jeweils bestimmte Bibelstellen an, die seiner Argumentation für den Dialog dienen, wobei er diese stets in die Lehrzusammenhänge der gesamten Bibel stellt und nicht isoliert oder absolut betrachtet.
Allem voran betont er seine Auffassung der Bibel als Glaubenszeugnis aus der persönlichen Sicht der jeweiligen Gläubigen, weshalb andere Religionen ebenfalls nur aus dieser Sicht erwähnt werden.
Zunächst bezieht sich der Autor auf die Schöpfungsgeschichte, welche zum Ausdruck bringt, dass es sich um einen einzigen Gott handelt, der Schöpfer aller Menschen ist. Die Genesis benennt Adam als Prototyp des Menschen an sich. Es geht um die Menschheitsfamilie als solche und nicht nur um Christen; daher ist auch die Rede von einem universalen Bund. Erst ab Genesis 12 geht es speziell um das Volk Israel. Das betrifft die Perspektive auf sich selbst und andere sowie die jeweiligen religiösen Überzeugungen.    
Wenn sich also Israel oder auch ein anderes Volk bzw. eine andere Gruppe usw. als das von Gott erwählte Volk bezeichnet, handelt es sich laut Ariarajah somit lediglich um deren eigenes Selbstverständnis. Dieses Selbstverständnis ist weder objektiv beweisbar oder widerlegbar, noch hat es, außerhalb der betreffenden Gruppe, eine Bedeutung für Andere. Es darf darum auch nicht als Kommentar über Gottes Beziehung zu Anderen gewertet werden. Die Bibel ist Dokument eben dieses Selbstverständnisses, wobei sie von außen betrachtet demnach nur subjektive Erfahrungen beinhaltet.
Nach der Bibel handelt es sich nach der Autor also um einen Gott als Schöpfer aller Völker, der aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen und erlebt wird. Würden Christen dies verleugnen, sind sie nach seiner Lesart in der Konsequenz Polytheisten. Eine Erwählungslehre bzw. das damit zusammenhängende Selbstverständnis eines Volkes kann demnach nur gelten, wenn zum einen von Gott als Schöpfer aller Menschen ausgegangen wird und es sich zum anderen immer nur um eine selbst bezogene und damit nicht für Andere geltende Aussage handelt.
Ein Missverständnis ist es nach Ariarajah jedoch zu denken, alle Religionen seien dieselben, da sich die jeweiligen religiösen Vorstellungen voneinander unterscheiden und somit nicht gleichermaßen wahr sein können. Vielmehr besitzen sie für die jeweiligen Gläubigen eine eigene Wahrheit. Christen sollten Gott also nicht für sich allein beanspruchen, da ein Dialog nur dann entstehen kann, wenn vom biblischen Glauben her ein für alle wirkender Schöpfers zur Grundlage wird.
Diese aus Genesis resultierenden Lehren für das Verhältnis zu Andersgläubigen führt der Autor anschließend immer wieder als Basis innerhalb seines ganzen Buches an.
Nun beschäftigt sich ein Großteil des Buches mit der Rolle von Jesus Christus, der in der Bibel als einziger Weg, als einziger Erlöser und als einziger Mittler dargestellt wird. Der Autor bezieht sich auf diesen Aspekt, indem er bekräftigt, dass es sich bei den genannten absolut erscheinenden Ansprüchen lediglich um persönliche Glaubensaussagen handelt, die nicht im Sinne einer objektiven Wahrheit zu verstehen sind, die für alle gleichermaßen gültig ist.
Schließlich betont Ariarajah, dass der Mensch die absolute Wahrheit schlichtweg nicht erfassen kann. Exklusivansprüche in diesem Sinne würden daher zu Entfremdungen führen. Vielmehr versteht er als Theologe unter einem fruchtbaren Dialog, dass man sich zu seinem Glauben bekennen sollte, jedoch ohne Andere zum eigenen Glauben zu bekehren, also zu missionieren. Dieser Dialog sollte durchaus auch kritische Wahrnehmung des eigenen Glaubens und des Glaubens der Anderen beinhalten. Der Autor zeigt mit seinem Buch, dass diese Art des Dialoges von der Bibel her zu begründen ist:          
  • Zum einen, weil die Bibel inhaltlich nicht nur wertende und abgrenzende Aspekte betont,
    sondern auch zum Dialog aufruft.       
  • Zum anderen weil die Bibel selbst nicht als statisches Gesetzbuch,
    sondern als lebendiges Wort zu verstehen ist,
    das in einer dialektischen Beziehung zum Leser steht. 

Das bedeutet, dass auch der eigene Glaube nur in der ehrlichen Kommunikation auf gleicher Ebene mit dem Anderen Frieden stiftend wirken kann. Nur so können auch Menschen verschiedener Religionen in versöhnter Nachbarschaft zusammenleben.

Weitere Titel von S. Wesley Ariarajah:

Larissa Behrensmeyer, Stella Dietrich, Lara Eileen Lange
im Rahmen des Seminars:
Interreligiöses Lernen mit Heiligen Schriften
und Erzählungen aus dem Weltreligionen
(TU-Dortmund, WiSe 2016/2017)

Rz-Ariarajah-Bibel, 08.02.2017 



Mittwoch, 8. Februar 2017

Kinderbuch: Mit der Welt und Gott verbunden (aktualisiert)


Brunella Baldi (Illustratorin) / Manuela Monari (Autorin):
Der rote Faden.

Aus dem Italienischen. Innsbruck-Wien: Tyrolia 2012, 32 S.
(Bilderbuch für Kinder von 5-7 Jahren)

--
ISBN 978-3-7022-3196-5
Kurzrezension: hier

Mit dem Symbol des roten Fadens nimmt die Erzählerin mit einfachen Sätzen den Kindesalltag aufmerksam und heiter auf: mit Mama und Papa, mit den Tieren, den Sternen, dem Universum ... Die Illustratorin verstärkt dies mit ihren „leisen“ Illustrationen. So hilft dieses Kinderbuch bei der Suche, die intensive Miteinanderbezogenheit der Welt zusammenzudenken. Auf diese Weise entsteht ein Gottesbild, das das Klischee vom alten Mann mit Bart völlig hinter sich lässt und sogar wagt, Gott nicht als Person zu denken – und das auf der Ebene kindgemäßen Verstehens! Denn Gott lässt sich erfahren in der Liebe, in der Vernunft und in der Suche nach der Wahrheit:
„Immer ist dieser Faden da.
Bei den Kirschen und zwischen uns.
Gott ist der rote Faden,
der alles miteinander verbindet.“

In dieses Gottesbild passen alle wohlwollenden Verhaltensweisen der Menschen, die vielfältigen Variationen der Schöpfung, die kleinen und die großen. Die Beziehungen miteinander machen das wahre Leben aus. Deshalb gibt es am Schluss die Empfehlung:
„Ich wünsche euch,
dass ihr immer einen besten Freund habt.
Und ich rate euch:
Macht einen doppelten Knoten in den Faden,
der euch verbindet …
einen Knoten also, der nie mehr aufgeht.“

Goethe hat gewissermaßen das Motto für dieses zarte Saiten anschlagende Buch geliefert: „Was die Welt im Innersten zusammenhält“. Die vielfältigen Verbindungslinien des Lebens in unserer Welt eröffnen eine Gottes-Perspektive, die nicht vorgefasste Muster bereithält, sondern einlädt, Gott in den menschlichen Beziehungen zu entdecken.
Die Florentinerin Brunella Baldi hat ihren künstlerischen Hintergrund in Tanz und Choreographie, die sich inzwischen der Malerei und der Illustration widmet. Sie erhielt nationale und internationale Preise. Besonders zu erwähnen ist die Auszeichnung, die sie für ihre Arbeiten durch das Pädagogische Johann Amos Comenius-Museum in Prag erhielt.
Die Erzählerin Manuela Monari ist eine bekannte italienische Kinderbuchautorin mit Grundschulerfahrung. Sie lebt in Modena und leitet  dort die Kinderbuchhandlung „La bottega di Merlino“, die sie selbst gegründet hat. Sie hat über 20 Bilderbücher verfasst, von denen: „Zero Kisses for me“ (Toronto, Ontario / Plattsburgh, NY 2010) durch die Übersetzung ins Englische wohl am bekanntesten geworden ist.
Eine wunderbare Empfehlung, dieses Buch für sich und mit Kindern zu lesen und anzuschauen – in der Altersgruppe 5 – 95 Jahre!          
Man könnte durchaus alle sieben Jahre dieses Buch erneut zu Hand nehmen und ergänzen. Welche neuen Verbindungen hat der rote Faden für die Lesenden ermöglicht? Wie hat sich der rote Faden durch neue Erkenntnisse und Tröstungen verlängert?


Im Rahmen des Seminars "Interreligiöses Lernen mit heiligen Schriften und Erzählungen aus den Weltreligionen" (TU Dortmund, WiSe 2016/2017) wurde versucht, Intentionen und Schwerpunkte dieses Kinderbuchs in einem Satz bzw. sogar in einem Wort zu formulieren:

Zusammenfassende Sätze:
  • In dem Buch geht es um einen Jungen, der versucht, sein Leben und die dort stattfindenden Aspekte zu fassen und zu begreifen. Das wird sehr kindgerecht dargestellt.
  • Es geht um den Weltzusammenhang und verweist mit dem roten Faden auf Gottes Plan.
  • Es geht darum, den eigenen roten Faden zu finden und zu festigen.
  • Es geht um die Selbstfindung im Leben.
  • Es geht um das Miteinander der Menschen in der Welt.
  • Der rote Faden ist das, was Halt gibt.
Einzelne Gesichtspunkte:
  • Zusammenhalt - Es geht um etwas Verbindendes.
  • Vertrauen als Lebensschwerpunkt.
  • Das Leben in Gottes Händen.
  • Die große Bedeutung und Wirkung von "Beziehung"
Reinhard Kirste
Rz-Monari-Der rote Faden, 01.08.12 , erweitert: 08.02.2017




Dienstag, 7. Februar 2017

Kurz vorgestellt: Im Horizont von Abd-el-Jalil - Franziskanischer Dialog mit dem Islam

Jürgen Neitzert: Muslime und Christen. Franziskanische Erfahrungen und Perspektiven
Franziskanische Akzente, herausgegeben
von Mirjam Schambeck sf  und Helmut Schlegel ofm, Band 13
Würzburg: Echter 2017, 104 S. --- ISBN 978-3-429-04332-2 ---

E-Book: 
ISBN 978-3-429-04908-9 / € 8,99 (D) (PDF)
ISBN 978-3-429-06328-3 / € 8,99 (D) (ePub)


Begegnung mit dem Islam - 
Franziskanische Friedensdialoge

Verlagshinweise und weiter Informationen:
Mit dem Zuzug von Muslimen nach Europa stellen sich neue und große Herausforderungen für die Gesellschaften und für die Kirchen. Insbesondere die Franziskaner schauen hierbei auf eine Jahrhunderte lange, auf Franziskus selbst begründete Tradition des Miteinanders zurück.
Jürgen Neitzert stellt sowohl die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und Christen als auch die kritischen Punkte und die Chancen des Dialogs heraus. Er berichtet von konkreten Erfahrungen der Begegnung und zeigt Möglichkeiten des Dialogs in der Theologie, im täglichen Umgang miteinander und im gemeinsamen Handeln auf.
Exemplarisch und wegweisend wird das Bild von  Jean-Mohammed Abd-el-Jalil (geb. 1904 in Fes, gest. 1979 in Villejuif bei Paris) gezeichnet. Er stammte aus einer marokkanischen islamischen Familie. Nach seiner Konversion zum Christentum trat er in den Franziskanerorden ein. Er gehörte beim 2. Vatikanischen Konzil zu den Promotoren der Konzilserklärung "Nostra Aetate", die ein neues Verhältnis der Katholischen Kirche  zum Islam und anderen nichtchristlichen Religionen eröffnete.
Autor:

Jürgen Neitzert ofm, geboren 1959, exam. Krankenpfleger, Studium der Islamwissenschaft, Philosophie und Soziologie sowie der Interkulturellen Pädagogik; u.a. Mitglied der Islamkommission des Weltordens der Franziskaner (1987-1993); seit 1994 Leiter des Jugendtreffs  Köln-Vingst der Franziskusstiftung, die sich besonders um muslimische Migrantenjugendliche kümmert.






Montag, 6. Februar 2017

Ibn al-Farid: Reisewege der Seele (aktualisiert)



Ibn al-Farid: Der Diwan. 
Mystische Poesie aus dem 13. Jahrhundert.
Aus dem Arabischen übersetzt

und herausgegeben von Renate Jacobi. 

Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel-Verlag (Suhrkamp)
Berlin 2012, 407 S., mehrere Register

--- ISBN 978-3-458-70037-1 ---
Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Der Diwan des Ibn al-Farid lenkt den Blick auf einen der herausragenden Vertreter des späteren Sufismus und der arabischen Poesie. Er hieß mit vollem Namen: Ibn al-Farid, ‘Umar ibn ‘Ali Abu'l-Qasim al-Misri al-Sa’di. Er wurde 1181 in Kairo geboren und starb auch dort im Jahre 1235. Er wurde wegen seiner herausragenden Persönlichkeit und verinnerlichten Sprache geradezu als Heiliger verehrt. Er lässt sich in seiner gelebten Spiritualität und sprachlichen Ausdruckskraft durchaus mit Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz und Angelus Silesius vergleichen. Ibn al-Farid entstammte einer Gelehrtenfamilie aus Hama in Syrien, wanderte jedoch nach Ägypten aus. Schon früh kam er mit dem Sufismus in Berührung und übte sich in asketischen Praktiken und intensiven Anbetungsübungen. 
15 Jahre blieb er nach dem Tod des Vaters in Mekka, ehe er nach Kairo zurückkehrte. Später machte er sich mit seinen beiden Söhnen noch einmal auf die Pilgerreise nach Mekka, wo sie sich Sufi-Gruppen anschlossen. Sie sollen dort Shihab al-Din Umar as-Suhrawardi (1145-1234), d.h. dem Neffen des Ordensgründers der Suhrawardiyya, begegnet sein.
Während seiner letzten Jahre in Kairo hatte Ibn al-Farid großen Einfluss auf das spirituelle Leben Kairos. Er wohnte nicht nur in der Nähe der Al-Azhar Universität, sondern seine Wohnung entwickelte sich auch zu einem mystischen Zentrum mit Koran-Rezitationen, theologischen Gesprächen und intensiven mystischen Gebeten, den dhikrs. 
Es sei daran erinnert, dass der ayyubidische Sultan al-Malik al-Kamil (um 1180–1238) angesichts des Kreuzzugs von Kaiser Friedrich II. (1194–1250) mit diesem in intensiven Verhandlungen stand. Und allein durch diplomatisches Geschick beider erhielt Friedrich II. 1229 das Königreich Jerusalem – mit ausdrücklicher Bestätigung durch den Ayyubiden-Sultan.
Der Diwan des al-Farid beginnt mit den Kassiden“. Der Dichter bezieht sich dabei auf die arabisch-poetische Tradition der Beduinenpoesie mit ihrer Symbolik. Eine Kasside beschreibt lyrisch und variantenreich immer wieder den Schmerz der Trennung von der Geliebten und den Freunden.
„Denn wenn die Liebe treu ist, scheint der Aufschub schön. Ich schwöre bei der Heiligkeit des Bundes, den ich niemals löste. Und bei dem Band, das unsere Hände bindet und unlöslich ist: Im Zorn der Trennung und im Frieden der gestillten Sehnsucht bist du in meinem Herzen, es ist niemals frei von dir.“ (S. 64)

Geradezu unvermittelt wird die räumliche Trennung zu einer Seelenreise, in der ebenfalls Liebe und Leiden dicht beieinander liegen. Die Texte verweisen schnell über das menschliche Empfinden hinaus in göttliche Dimensionen. Liebessehnsucht und Trennungsschmerz machen die Begrenztheit menschlichen Lebens offenbar, die es zu überwinden gilt.
Im folgenden Weinlied bricht die Symbolik von Wein und Weinstock so durch, dass die Trunkenheit durch den wahren Wein den Begrenzungen durch die Zeit keine Macht mehr gibt. Man kann ahnen, dass angesichts solch kühner Verse engstirnige Fromme „Ketzerei“ riefen. Dies musste sich noch bei der Betrachtung seiner spirituellen Reisebeschreibung „Die Ordnung des Weges“ verstärken, denn auf dem Weg zur Vereinigung mit dem Göttlichen, wo Ich und Gott verschmelzen, wird das wahre Selbst lichtvoll erfasst. Erfahrungen der Gottesliebe brechen in den (Schöpfungs-)Manifestationen des Kosmos durch, in Bildern von Gefährdung und von Gnade. Dies geschieht in einer sprachlichen Ästhetik, der es gelingt, sich dem Geheimnis der Überwindung von Dualität anzunähern. Die organisierten Religionsformen spielen dabei kaum noch eine Rolle.
Als ich den Spalt geschlossen hatte und die Risse in der Einheit, entstanden durch die Eigenschaften, sich zusammenfügten, als nichts mehr blieb, was zwischen mir und der Gewissheit vertrauter Liebe zur Entfremdung führen konnte, erkannte ich, dass wir in Wahrheit beide eins sind, vorbei die Trennung, wie die Nüchternheit der Einheit es beweist“ (S. 114).

Ich frage mich bei den Stufen der „Weg-Ordnung“ sogar, ob sich nicht trotz der unterschiedlichen Sprachstile bei dem Poeten al-Farid und dem bereits 1191 in Aleppo hingerichteten iranischen Mystiker-Philosophen Shahab ad-Din Yahya al-Suhrawardi (1153-1193) eine innere Nähe auftut. Der Poet redet von Stufen eines seelischen Reiseweges, der Philosoph spricht von der Seelenwanderung ins reine Licht (vgl. die Rezension zu dessen „Philosophie der Erleuchtung“: http://buchvorstellungen.blogspot.de/2013/01/v-behaviorurldefaultvmlo.html).
Wie dem auch sei, der ausführliche Kommentar zum Buch ist eine Hinführung zu dem großen Mystiker, was sein Leben, Denken und Wirken betrifft: „Prägungen“ durch intuitive Erkenntnis (S. 155ff). Durch die Erläuterungen lässt sich al-Farids Weg zur Einheit, der „unio mystica, über die verschiedenen Stufen leichter nachvollziehen. Zum Verständnis der Textdetails gibt es dann noch einen Verskommentar.
Auch wenn der Rezensent die Übersetzung nicht unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten beurteilen kann, so gelingt doch im lesenden Nachvollzug der vorgelegten Übersetzung ein Eintauchen in die mystische Tiefe des Ibn al-Farid. Man kann der Islamwissenschaftlerin Renate Jacobi darum nur dankbar sein, dass sie sich nicht nur der Mühe einer offensichtlich sehr sorgfältigen Übersetzung unterzogen hat, sondern dem Mystiker Ibn al-Farid sowohl in seiner Weiterbearbeitung arabischer Poetik-Traditionen methodisch wie inhaltlich nachgegangen ist. Den Lesenden eröffnet sich mit der bildreichen Sprache eine Welt, die aus dem Alltäglichen heraus in die Tiefe wahren Seins führt. Die innere Nähe zu christlichen MystikerInnen macht Ibn al-Farid zugleich zu einem Brückenbauer zwischen Orient und Okzident, und zwar in glaubwürdiger Authentizität über Religionsgrenzen hinweg. Ich wünschte mir, dass Ibn al-Farid mit seiner interreligiösen Perspektive stärker im christlich-islamischen Gespräch wirksam wird.

Reinhard Kirste

Rz-Ibn al-Farid,
zuerst veröffentlicht: 17.01.13

Freitag, 3. Februar 2017

Dorothee Sölle und Christiane Singer: Transformationen des Lebens im Schatten des Todes

Dorothee Sölle: Mystik des Todes. Ein Fragment.
Stuttgart: Kreuz 2003 (4. Aufl. 2004), 155 S.
--- ISBN 978-3-7831-2322-7 ---

Schon bei der Arbeit an ihrem für sie wichtigsten Buch  "Mystik und Widerstand" (1997) begannen Aufzeichnungen zur "Mystik des Todes". Dieses Buch konnte sie nicht mehr vollenden, weil sie im April 2003 starb. In der dem Buch beigefügten Traueransprache rückte die Bischöfin Bärbel-Wartenberg-Potter die Zielsetzung Dorothee Sölles ins Zentrum: „Sie wollte im Tod ein Tropfen im Meer der Liebe Gottes werden, das genüge ihr, sagte sie. Das war ihr mystisches Todesbild. Denn auch ein Tropfen vermehrt die Kraft des unendlichen Meeres, auch ein Tropfen tritt ein in die Tiefe des Seins“ (S. 153). Die Worte Meister Eckharts werden hier aktualisiert hörbar und erinnern an die Stationen eines spirituellen Weges, der in ihrem Buch „Die Hinreise“ (1975) zum ersten Mal offenkundig wird. Gewissermaßen durch die eigene Lebenserfahrung geläutert, klingt  bei ihr immer wieder hindurch:  Gott geschieht im Leben und im Sterben, das heißt dann letztlich nichts anderes, als dass das wahre Ziel unseres Daseins im Hineingehen in Gott liegt. „Wenn wir Gottes Immanenz in unserem Leben wahrnehmen und bejahen können, mit anderen Worten, wenn wir Heiligkeit erfahren, weil Gott sich in unserem Leben ereignet, dann kann das auch im Sterben erfahren werden.“ (S. 122) „Gott kann anwesend sein, auch wenn unsere Zeit zu Ende geht“ (S. 124). 

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In ähnlicher Weise wirken zwei andere Bücher, die die bekannte französische Literaturwissenschaftlerin Christiane Singer (1943-2007) geschrieben hat:

1. "Zeiten des Lebens. Von der Lust, sich zu wandeln".
München: Diederichs 1991, 1992, 2. Aufl., 160 S. -- ISBN 3-424-01070-7 --
Hier geht die Autorin den Stationen der Lebensreise vom Beginn im Mutterleib bis ins Alter nach. 
Vgl. dazu die Besprechung im Portal "Lebe-Liebe-Lache"

2"Alles ist Leben.
Letzte Fragmente einer langen Reise"
 

München: Bertelsmann (Random House) 2008,
btb 74247, 2011, 143 S. --- ISBN 978-3-442-74247-9 --- 


Christiane Singer (geb. 1943 in Marseille, gest. 2007 in Wien) ist in Frankreich durch ihre Romane und Essays bekannt geworden. Der auch in Deutsch erschienene Roman "La mort Viennoise" (1978) - "Der Tod zu Wien" (1996) befasst sich bereits mit den spirituellen und ethischen Dimensionen des Lebens.

Ihr letztes Buch enthält Aufzeichnungen angesichts des Todes: Sie wirken fast wie ein Schlusskapitel von "Zeiten des Lebens".
Es ist ein Tagebuch der besonderen Art entstanden.
Die Lesenden werden zu mitdenkenden Begleitern, wenn Christiane Singer sowohl verzweifelnd (z.B. S. 64ff) als auch bewusst, dankbar annehmend, die Diagnose "unheilbar krank" verarbeitet (S. 72ff). Da ihr vermutlich nur noch wenige Monate zum Leben bleiben, schreibt sie kontinuierlich dieses Begleitbuch des Abschieds. Es bewegt und fasziniert zugleich, weil für Christiane Singer trotz der körperlichen Niederlagen, der Schmerzen und des nahenden Endes das Leben voller Wunder bleibt. Noch mehr, sie akzeptiert bewusst den Tod als Teil des Lebens im Sinne einer Transformation. Das nimmt ihr die Angst.  "Ich habe die unendliche Liebe in mir strömen lassen, die ich selbst im schlimmsten Moment meines Abstiegs empfunden hatte"
(S. 43). Sie weiß: Tod und Verlassenheit sind nicht das Ende (S. 46). Die Kraft des Lebens über das Sterben hinaus soll auch anlässlich ihres Todes durch das Pflanzen einer Linde verdeutlicht werden (S. 49). Denn dem Menschen ist das Leben verheißen, nicht der Tod (S. 63). "Ich bin nur eine LEBENDE auf Reisen zwischen den Welten " (S. 73). Das bedeutet das Loslassen des bisherigen Lebens. Sie erlebt auf vielen inneren Wanderungen die Schwelle zwischen "Hier" und "Dort", ähnlich dem, was die Mystiker immer wieder beschrieben haben - in der Spannung von Liebe, Leiden und Tod: "Irgendetwas in mir hat beharrlich das Gefühl, dass es das Wichtigste ist, bis zum Ende zu preisen, bis zum Ende zu feiern ... Damit von allem, was ich gewesen bin, zum Schluss nur noch die Stimme bleibt, die DICH preist" (S. 120). Diese neue Erfahrung gibt den Blick frei nach "dort". Die Autorin schließt das Logbuch ihrer irdischen Lebensreise ab und sagt: "Ab morgen, besser gesagt, von diesem Augenblick an, ist alles neu. Ich gehe weiter meinen Weg". Es ist nunmehr der Tag ihrer Geburt (S. 137).

Es ist gut, dass Christiane Singer in diesem Reise-Tagebuch ihre Erfahrungen mit uns geteilt hat (S. 137). Sie geben wichtige Anhaltspunkte für die Höhen und Tiefen des eigenen Lebens, dessen irdisches Ende der Tod, aber nicht Ziel des Lebens ist. Vielmehr bedeutet Tod einen Durchgang, eine Transformation irdischer Wirklichkeit. Die Aus-Sicht auf den Tod bedeutet Ein-Sicht in das Leben  ...