Dienstag, 28. März 2017

Dialog-Empfehlung: Begegnung von Bibel und Koran

  Karl-Josef Kuschel

  Die Bibel im Koran

  Grundlagen für das interreligiöse Gespräch


  Ostfildern: Patmos 2017, 672 S.

  ISBN: 978-3-8436-0726-1

 Verlagsinformation:
 Eine wissenschaftliche und persönliche Summe: 
  fasst in diesem Band seine zwei Jahrzehnte währenden Studien zum 
  Thema Bibel und Koran zusammen: neu bearbeitet
und vor allem um 
  die Erträge der neuesten Forschungen zum Koranverständnis 
  erweitert. 
Gründliches Basiswissen ist Voraussetzung für eine Kultur 
  des Austausches zwischen Juden, Christen und Muslimen, die auf 
  wechselseitigem Respekt gründet und Vertrauen wachsen lässt. 
  Zu  diesem Ziel, vom konfrontativen hin zu einem vernetzten Denken 
  zu  finden, ist das Buch des engagierten Gelehrten selbst ein wichtiger   Beitrag. 

Aus dem Inhalt: 
»Wir Kinder Abrahams« / Wie den Koran im Gegenüber zur Bibel verstehen? / Adam: Gottes Risiko Mensch / Mose – der »ewige Konflikt«: Gottesmacht gegen Menschenmacht / Maria und Jesus: Gottes Zeichen für alle Welt / Was Muslime und Christen eint und trennt


Ausführliche Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis: hier

Titel zum Thema von Karl-Josef Kuschel
- bereits in den "Ein-Sichten" besprochen:



 

Die Römischen Götter und das Christentum (aktualisiert)



Badisches Landesmuseum (Hg.): Imperium der Götter: Isis – Mithras – Christus.
Kulte und Religionen im Römischen Reich

Darmstadt: Konrad Theiss 2013, 480 S. über 580 Abb., 4 Karten.
--- ISBN 978-3-8062-2871-7
Begleitband zur
Ausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe--- 16.11.2013–18.05.2014 ---
Link: 
http://www.landesmuseum.de/website/Deutsch/
Sonderausstellungen/Aktuell/Imperium_der_Goetter.htm
Kurzrezension: hier

Ausführliche Besprechung
Mit dieser Ausstellung im Schloss Karlsruhe ist es dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe besonders schön gelungen, die sich gegenseitig beeinflussende Göttervielfalt im Römischen Reich (Schwerpunkt: 3. nachchristliches Jahrhundert) zu veranschaulichen. Die didaktische Zusammenstellung der Exponate aus bedeutenden Museen Europas, aber auch aus deutschen Fundorten, zeigen eine multireligiöse Vielfalt ungeahnten Ausmaßes. Der Gang durch die Ausstellung und den aufwändig gestalteten Begleitband wird deshalb so spannend, weil in der Entwicklung des Christentums im Römischen Imperium göttliche Grundmuster in den wachsenden christlichen Glauben einfließen. Es sind Bilder und Symbole, die das Christentum bis heute geprägt haben. Deshalb verbinden sich in den Mysterienkulten und den Erlösungsvorstellungen im Kontext von Isis, Mithras und Christus grundlegende faszinierende Menschheitserfahrungen.
Dem Bassin des Mittelmeeres entsteigt gerade nach der Zeitenwende eine Götterwelt, ein Pantheon, das in vielen Variationen im gesamten lateinisch sprechenden Europa und auch im römischen Deutschland seinen Niederschlag und eine große Zahl Anhänger findet. Dass schließlich das Christentum den Sieg gegenüber den anderen Göttern davon trägt, hat sicher nicht nur mit der politischen Konstellation seit Kaiser Konstantin zu tun, sondern auch mit der Faszination der aus dem Osten eingewanderten Religionen. Ihre vieldeutigen Mythologien, Initiationsriten geheimer und okkulter Art, ihre Opfer- und Essensrituale, überhaupt ihre Kultpraktiken, lockten die Menschen an – praktizierter Glaube angesichts des mysterium tremendum et fascinans (Rudolf Otto).   
Neben den Museumsfachleuten mit ihrem Direktor Harald Siebenmorgen haben viele kompetente Religionswissenschaftler, Kirchenhistoriker, Archäologen und Experten römischer Kulturgeschichte an  der Ausstellung und dem ansprechenden Begleitband mitgewirkt, so z.B. Jan Assmann, Christoph Auffarth, Philippe Borgeaud, Walter Burkert, Richard Gordon, Christoph Markschies und Christian Witschel. Ihnen ist es zu danken, dass neben den über 340 Exponaten die Zusammenhänge differenziert entwicklungsgeschichtlich dargestellt werden. So lässt sich gut zusammendenken, welche Gestalten und Erlösungstypen in Isis, Mithras und Christus sichtbar werden. Das geschieht in fünf Themenkreisen:
1.  Kultentwicklungen im Römischen Reich
Religiöses Denken und sakrales Handeln ist im Alten Rom polytheistisch geprägt, aber die Transformationen angesichts des riesigen Kulturraums „Römisches Imperium“ zeigen die große Flexibilität im religiösen Kontext. Die aus dem Osten kommenden Erlösungskulte mit ihren Mysterien (unter Einbeziehung Griechenlands) spielen dabei eine immer größere Rolle. Sie werden übrigens durch Augustus so geschickt eingebunden, dass sie für den Kaiserkult quasi instrumentalisiert werden und die kaiserliche Macht stärken. Durch religiöse Kommunikation lassen sich politische Entscheidungen gezielt vorantreiben. Unter Einbeziehung von Franz Cumonts (1868–1947) Forschungsarbeiten bedenken die Autoren dieses Abschnittes auch Sichtweisen Roms auf den „Orient“.
2.  Der Einfluss der machtvollen Göttinnen: „Die Große Mutter“ (Magna Mater / Kybele) und Isis
Mit den machtvollen orientalischen Mutterkulten kommt eine wichtige und entscheidende Komponente für die weitere religiöse Entwicklung im Römischen Reich zum Tragen. Die keineswegs liebliche „ Mutter der Götter“ von Anatolien über Griechenland bis Rom beeinflusst den gesamten Mittelmeerraum und sogar noch Britannien. Die Archäologie hat eine Fülle von Heiligtümern nachgewiesen. Natürlich gab es kulturelle Anpassungen und Entschärfungen wie die Typik der Göttin Kybele/Artemis/Diana zeigt. Aber es fehlte schon damals nicht an Kritik an den teilweise orgiastischen (Opfer-)Riten des Mutterkultes und angesichts des jugendlichen Attis, des Geliebten der Kybele. Das antike Ostia ist ein besonders herausragendes Beispiel dieses Kultes.             
Aus dem Iran wandert Mithras mit dem Stieropfer ein, und sein Kult entwickelt sich zu einer der volkstümlichsten religiösen Bewegungen. Von Ägypten „mischt“ sich Isis in die Göttinnen-Herrschaft ein. In ihren vielfältigen Erscheinungsformen steigt sie schließlich zur Göttin aller Völker im Römischen Imperium auf.

Isis,
Museum Capitolinum
(Wikipedia)
Ihre moralischen und asketischen Forderungen, nehmen ihre Adepten gern im täglichen Kult auf sich, weil sie so wahre Freiheit erlangen. Auch Isis hat einen Gefährten, ursprünglich Osiris, nun Serapis – der Gott, der aus dem Geist des Stiers geboren wird. Dieser Stier spielt schon in bisherigen Traditionen eine wichtige Rolle.

3.  Der Opfergedanke im Mithraskult und bei Jupiter Dolichenus
Mithras tötet den Stier (Louvre Lens)
Der Mithraskult gewann mit seinem (Stier-)Opfergedanken nicht nur unter den Soldaten der römischen Legionen von Ost bis West eine herausragende Bedeutung, sondern inkulturierte sich auch in das variantenreiche römische Götterpantheon, wie der Kult um Jupiter Dolichenus zeigt. Dass Mithras auch noch mit diesem höchst populären römischen Göttereine Verbindung einging, sei hier nur am Rande erwähnt (vgl. S. 267-293). Das in der Ausstellung nachgebaute Mithräum von S. Maria Capua Vetere lässt etwas vom göttlichen Geheimnis und seiner Erlösungs-Faszination erahnen, Hier führten „Mystagogen“ mit unterschiedlichen Weihegraden ein und ermöglichen die spirituelle Teilnahme: (Stier)-Opfer und Kultmahl mit dem Sonnengott „Sol“. Aber auch die Wundertaten des Mithras werden gebührend gewürdigt. Angesichts dieses so populären Kultes hat die Wissenschaft über Herkunft, Entstehung und theologischer Bedeutung unterschiedliche Theorien entwickelt. Vielleicht zeigen diese Differenzen jedoch zugleich, dass dieser Kult nie eine einheitliche dogmatische Linie hatte.
So konnten auch Elemente des Mithraskultes, besonders im Blick auf das Heilige Mahl, im Christentum ebenfalls zentrale Bedeutung gewinnen. Allerdings setzte sich der christliche Kult gegen Mithras mit aller Schärfe zur Wehr – und letztlich mit Erfolg.
4.  Das monotheistische Judentum
und das sich ausbreitende Christentum in der römischen Antike
Ein besonderer Blick muss in diesem Zusammenhang auf das Judentum geworfen werden, weil im Römischen Reich von Anfang an ein Monotheismus im Gegenüber zur Göttervielfalt mit all ihren Wandlungen steht. Immerhin vermutet man in diesem Weltreich zur Zeitenwende 5-6 Millionen Juden, was etwa 10% der Gesamtbevölkerung ausmacht (S. 310). Die Kriege der römischen Kaiser gegen die jüdischen Aufstände, besonders die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. durch Titus, werden zu Eckpunkten jüdischen Geschichtsverständnisses. Dieses muss sich zugleich gegen das aufkommende Christentum abgrenzen und umgekehrt. Immerhin entwickelten die Kaiser in der Regel einen modus vivendi; und besonders im Osten blühte jüdisches Leben, wie die Funde im Zusammenhang mit der Synagoge im multireligiösen Dura Europos am Euphrat (heutiges Syrien) zeigen.
Das Christentum begann im Römischen Reich in der Spannung von Abgrenzung und teilweiser Integration. Der Siegeszug erst im 4. Jahrhundert brachte nach kurzer religiöser Kultfreiheit im Imperium Romanum schließlich allen „heidnischen“ Kulten ein (teilweise grausames) Ende. Einzelne pagane Restaurationsversuche sind eher als letztes Aufflackern der alten Religionen zu werten. Besonders aufregend war der epochale Einschnitt im Jahre 392, als in Alexandria, dem Hauptkulturort des Gottes Serapis, die ihm geweihte Tempelanlage einem christlichen Mob zum Opfer fiel (S. 367ff). Schließlich war Serapis Reichsgott: in ihm verschmolzen der Apis-Stier (der sterbend in Osiris aufersteht), der Gott Osiris mit Isis und dem Horusknaben sowie schließlich Zeus-Jupiter im Gegenüber zum Todesgott Hades bzw. Pluto. Christus tritt gewissermaßen gegen Apis, Osiris und Serapis an und nimmt deren Plätze gewaltsam ein. Bei aller Abwehr des „Heidnischen“ lassen sich dennoch im Erlösungsverständnis des populären Götterimperiums – mit der Großen Mutter bzw. Isis, dann Mithras, Jupiter und Serapis – Konvergenzen zu zentralen christlichen Glaubensinhalten aufweisen. Und Maria als „Mutter Gottes“ hat bis in die Ikonografie hinein Züge der Isis übernommen. Dies wird allerdings in der Ausstellung nicht thematisiert.
Isis
mit dem Horusknaben,
vermutlich "Spätes Reich"
 
Auch wenn die Dinge im Einzelnen sehr differenziert liegen: Christentum und Mithraskult zeigen auch eine große Nähe zueinander. Nicht umsonst steht im Vorwort des Buches der berühmte Satz des Religionshistorikers Ernest Renan wie ein Motto (S. 5): 
"Wenn das Christentum aufgrund zufälliger Ereignisse in seiner Ausbreitung gehemmt worden wäre, wäre die westliche Welt mithrasgläubig geworden.“ 

Wie man es auch wendet: Das Christentum erwuchs letztlich aus dem religiösen Pluralismus Roms, und zwar durch Transformationen und synkretistische Verschmelzungen, die sich bis in die Architektur hinein aufzeigen lassen. Weil auch die Katakomben als christliche Zufluchtsorte in ihrer märtyrerhaft-legendarischen Überhöhung und die Wandlung der Christusbilder von den Autoren untersucht werden, eröffnet sich ein teilweise ungewohnter Blick auf die sich wandelnden theologischen Bildkonzepte von der (unterirdischen) Friedhofskirche bis zur sakralen Säulenbasilika. 
So kann man im Katalog und natürlich noch deutlicher beim Gang durch die Ausstellung der Christenbewegung „nachgehen“, wie sie von bescheidenen Anfängen in den gesamten Mittelmeerraum vordringt und über die römische Reichskirche schließlich Weltreligion wird.
Domitilla-Katakombe Rom: Christus als Lehrer
(Artothek "Eule der Minerva)

5.  Die Wirkungen „orientalischer“ Kulte
vom Mittelalter über die Renaissance bis in die Moderne
Bei so vielen verbindenden religiösen Elementen, die das Römische Imperium aus sich entließ, führen die Autoren und Ausstellungsmacher noch einige wirkungsgeschichtliche Besonderheiten vor, in denen das griechisch-römische Erbe weiterlebt. Da findet sich Mithras in einen mittelalterlichen Kardinalspalast in Rom, Isis war in Pompeji zu Hause, wie man schon bei Ausgrabungen in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts entdeckte. Isis und Osiris begegnen schließlich neu auflebend in der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Dass die ägyptischen Mysterien bereits im 18. Jahrhundert geradezu Mode wurden, hat keineswegs nur mit Mozarts Zauberflöte zu tun. Katakomben, Märtyrer, Christenverfolgungen bewegen Dichter und bildende Künstler bis heute. Hier wird z.T. das Bild einer Urkirche lebendig, die es so sicher nicht gab, die sich aber nicht als politisch einflussreiche Reichskirche, sondern als Kirche aus dem Geist der Armut verstehen will.
Bilanz
Den Planern und Arrangeuren der Ausstellung sowie den kompetenten und didaktisch engagierten wissenschaftlichen AutorInnen des Begleitbandes gelingt es, die religiöse Vielfalt im Römischen Reich mit dem Aufbrechen neuer sich durchsetzender Kulte darzustellen. Sie zeigen, wie auf solch religiös-pluralem Boden schließlich das Christentum Durchsetzungskraft und weltgeschichtliche Oberhand gewann. Mit diesem umfassenden Begleitband zur Ausstellung bleibt für alle religiös und geschichtlich Interessierten auch nach dem Ende der Karlsruher Ausstellung ein übersichtlicher und bleibend lohnender Fundus zurück. Er ermöglicht allen mehr oder weniger Gläubigen die eigene Religionsgeschichte besser zu verstehen. Wir wären heute in Europa religiös, theologisch und geistesgeschichtlich nicht diejenigen, die wir geworden sind, wenn es das politische Römische Imperium mit seinem Imperium der Götter nicht gegeben hätte.  

Dieser Titel wurde von der Interreligiösen Bibliothek zum Buch des Monats April 2014 ausgewählt.
Reinhard Kirste

Ergänzende Anregungen
für den Unterricht  in "Planet Wissen": 
Woran glauben die Römer?

Ergänzende Literatur zu MITHRAS (Mithra)

  • Zur Bedeutung des Stiers ind er Mythologie rund um das Mittelmeer 
  • Paul de Breuil: Les Dieux de l'ancien Iran aux saints du bouddhisme, du christianisme et de l'islam
    Paris: Dervy 1989, 
    p. 51-64
  • Manfred Clauss: Mithras. Kult und Mysterien.
    München: C.H. Beck 1990, 215 S., Abb., Register
  • D. Jason Cooper: Mithras. Mysteries and Initiation Rediscovered.
    York Beach (Maine, USA): Samuel Weiser 1996, 177 pp., index
  • Franz Cumont: Die Mysterien des Mithra.
    Ein Beitrag zur Religionsgeschichte der römischen Kaiserzeit.

    Autorisierte deutsche Ausgabe von Georg Gehrich.
    Darmstadt: WBG 1981, 5. Aufl., 248 S., Register
  • Richard C. Foltz: Spirituality in the Land of the Noble.
    How Iran Shaped the World's Religions.
    Oxford: One World 2004, p. 32-33
  • Albert de Jong: Traditions of the Magi.
    Zoroastrianism in Greek & Latin Literature.
    ---
    Religions in the Graeco-Roman World, Vol 133. --- Leiden a.o.: Brill 1997, p 284-301
  • Rheinisches Landesmuseum Bonn (Hg.): Von den Göttern zu Gott.
    Frühes Christentum im Rheinland. Ausstellungskatalog.

    Tübingen / Berlin: Wasmuth 144 S., Abb.
  • Harald Strohm: Mithra oder: Warum >Gott Vertrag<
    beim Aufgang der Sonne in Wehmut  zurückblickte.

    Paderborn: Fink 2008, 380 S., Namenregister
  • Démètre Théraios (dir.): Zarathoustra et renouveau chrétien de l'Europe.
    Hommage à Paul de Breuil.

    Paris: Guy Trédaniel  1996, S. 151-172 (Jean Haudry)

 Rz-Imperium-Götter, 31.03.14, bearb. 18.01.16


Freitag, 24. März 2017

Maimonides: Versöhnung von Glaube und Vernunft - Sehnsucht nach der Weisheit

Géraldine Roux: Maïmonide ou la nostalgie de la sagesse.  
Maimonides oder das Heimweh / die Sehnsucht nach der Weisheit
Coll. Points Sagesses 310.
Paris: Éditions Points (Seuil) 2017, 208 pp
 --- ISBN 978-2-7578-1630-1 --- 
Die Philosophieprofessorin Géraldine Roux ist zugleich Direktorin des Raschi-Instituts in Troyes. Der Name des berühmten Rabbiners und Talmud-Gelehrten Raschi von Troyes (1040–1105) steht für bahnbrechende hermeneutische Leistungen zum Bibel- und Talmud-Verständnis – mit großem Einfluss sogar auf christliche Exegeten.

Géraldine Roux hat sich als Kennerin mittelalterlicher Philosophie und besonders der Werke des Moses Maimonides (1135/1138–1204) schon länger einen Namen gemacht. Ihre Veröffentlichungen zu diesem Thema kreisen immer wieder um die Fragen von Glaube und Vernunft, Wissen und Weisheit.       Das hat sie besonders in ihrem Buch über den Horizont des Wissens bei Maimonides verdeutlicht: Vom Propheten zum Weisen - Du prophète au savant. L’horizon du savoir chez Maïmonide. Paris, Cerf, 2010, 359 pp. --- Vgl. dazu die Rezension von Anna Caiozzoin : Médiévales 64 / printemps 2013: Temporalités de l'Égypte: https://medievales.revues.org/7032 

--- Mehr zur Person von Géraldine Roux: hier


Das vorliegende Taschenbuch komprimiert nun in präziser Weise Leben und Werk des großen jüdischen Philosophen. Die Lesenden brauchen keine speziellen Sachkenntnisse. Sie können sich gut in die biografische und geistige Entwicklung dieses Brückenbauers zwischen Bibel, Talmud und griechischer Philosophie hineindenken. Wichtige Texte werden kommentierend zitiert. In einem persönlich eingefärbten Vorwort schreibt die Autorin von der eigenen Faszination, die Maimonides bei ihr auslöste: Wege des Verstehens zu eröffnen, ohne fertige Lösungen bei der Hand zu haben. Denn diesem Weisen gelang es, eine gemeinsame Sprache zu finden, die es Philosophie und Religion erlaubte, miteinander zu kommunizieren (S. 11).


In der EinleitungEin vorwärts treibendes Heimweh“ („Une nostalgie propulsive“) geht die Autorin zuerst den Legenden zur Biografie des Maimonides im Kontext der Kreuzfahrerzeit nach. Es sind Spannungen und Widersprüche, die sich zum Teil aus seinen Tora- und Talmud-Interpretationen ergeben. Sie beschreibt weiterhin im Rahmen seines Lebens die Entwicklung seiner theologisch-philosophischen Konzepte, aber auch seine konkreten religiösen und politischen Empfehlungen, basierend auf einem komplexen Verständnis jüdischen Glaubens. Die Zielrichtung des Buches liegt in der ausführlichen Darstellung des „Führers der Unschlüssigen“ bis hin zu der bleibenden Frage, wie weit eine Intellektualisierung des Glaubens gehen kann bzw. muss.

Géraldine Roux geht im 1. AbschnittJahre des Umherrirrens („Les années d’errance: de Fostat au Maroc“) – auf die Diskriminierungs- und Verfolgungssituation der spanischen Juden im 12. Jahrhundert ein, die durch die almohadische Eroberung ausgelöst wurde. Maimonides plädiert: Wer in solcher Bedrohungssituation seine Glauben verbirgt oder gar abfällt, sollte jedoch milde behandelt werden.
Im 2. Abschnitt – Neubegründung der Wissenschaft vom Gesetz, die Ankunft in Ägypten („Refonder la science de la Loi, l’arrivée en Égypte“) – zeigt die Autorin, wie Maimonides ein Politik-Projekt für die jüdischen Gemeinschaften entwickelt. In der reformierenden Restaurierung des von Gott gegebenen Gesetzes und im Erfinden einer gemeinsamen Sprache für Philosophie und Religion setzt er neue Möglichkeiten dialogischer Begegnung frei. Das geschieht angesichts messianischer Versuchungen und apokalyptisch zunehmender Hoffnungen. Mit den drei Kronen Keter Torah – Krone des Gesetzes,  – Keter Kehuna – Krone der priesterlichen Weihe und Keter Malkhut – Krone des Königtums ( = die des Davidssohnes und Messias) stellt er eine Entwicklung dar, deren Ende noch nicht gekommen ist. Der Messias als König, Prophet, Lehrender ist eine orientierende Symbolfigur, die allen Völkern gilt. Die Tora-Auslegung selbst eröffnet universale Weite.
Im 3. Abschnitt – Ratlosigkeit und Revolte („Perplexité et révolte“) ist der Ausgangspunkt die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und der eigenen Konditionierung. Letztlich kann nur der Geist allein die Notwendigkeiten des Körpers regeln, und zwar durch ein mentales Training, das durch philosophische Meditation und ein asketisches Leben ermöglicht wird. Aber wenn die Harmonie von Körper und Seele das zu erreichende Lebensziel sind, warum sprechen dann schmerzvolle Fakten und das Leiden dagegen? Zur Präzisierung dieser Probleme beschäftigt sich Maimonides mit der Physik des Aristoteles. Hier werden nämlich grundlegende Begriffe definiert, die zum Verstehen im Leben gebraucht werden, nämlich Raum, Zeit und Ursache. An der Geschichte des biblischen Hiob ergeben sich u.a. zwei Fragen: Was ist das für eine göttliche Vorsehung, wenn der Gerechte leidet? Was spielt sich vor dem himmlischen Gerichtshof im Blick auf Hiob ab (Kap. 2), als der Teufel sich dorthin einlädt? (vgl S. 99ff und S. 95–98, als Textauszug: hier)

Für Maimonides wirken die weisen Talmudlehrer selbst ratlos. Rabbinische Dispute verhindern eine legitime Orientierung und ein angemessenes Konzept zum Verstehen. So geht Maimonides in seinen Kommentaren zu Mischna und Tora und im berühmten Führer der Unschlüssigen, der Ratlosen bzw. Verwirrten eigenständig dn aufbrechenden Problemen nach. Géraldine Roux fasst diese nicht auf eine Linie zu bringenden Grenzerfahrungen so zusammen: Die Perplexität, die Ratlosigkeit wird zum Instrument, die Begrenztheit des Verstandes anzuerkennen und die Unfähigkeit der Vernunft zu akzeptieren. Zugespitzt: „Die dogmatische Vernunft verdammt die Tür zur Metaphysik und mit derselben Geste, die aus ihr hervorgegangenen Wissenschaften“ (S. 119).
Die Ratlosigkeit kommt nicht aus der Annahme eines verzweifelten Gewissens angesichts der Beschränktheiten des Verstandes (intelligence). Denn diese Begrenzungen sind objektiv, „der Fehler liegt in dem schlechten Gebrauch des Verstandes“ (aaO).
So ist die Unschlüssigkeit/die Ratlosigkeit nicht sinnlos, sie ist vielmehr eine Durchgangsstation, eine Vorbereitung, um die Sinnlosigkeit zu überwinden. Die Schleier, die über den Geheimnissen des Lebens lagen, werden ansatzweise gehoben. der Weg durch die (symbolische) Wüste nach dem inneren Zusammenhalt von Immanenz und Transzendenz wird zum initiatischen Weg, zum Weg der Weisheit, der in die Gotteserkenntnis mündet.
Im 4. Abschnitt – Der Weg der Weisheit („Le chemin de la sagesse“)kommen die vergessenen Lebenswurzeln des Judentums, nämlich die Geheimnisse der Tora zur Sprache. Wie kann man jüdische Weisheit wiederfinden, wenn man das Lernen und den Unterricht vergessen hat? Es muss also ein Weg eröffnet werden, um den Talmud mit den philosophischen Ideen zu versöhnen – noch umfassender: Wie kann man Glaube und Vernunft in Harmonie bringen? Darum ist eine „innere“ Führung notwendig, die mit äußeren quasi lexigrafischen Beschreibungen des Lebens beginnt und metaphorisch und allegorisch weiterschreitet und so wieder Licht zum Verstehen der Tora bringt. Es ist zugleich ein Weg der Negation. Er offenbart die Trennlinie zwischen Gott und Mensch. Das bedeutet, Gott kann man nicht irgendwelche positiven Attribute zuordnen, diese signalisieren ja fehlende Vollkommenheit. Nur durch Negation kann man sich den verborgenen Wahrheiten annähern. Dies ist eine Methode bewusster Beschränkung menschlichen Verstehenwollens. Konkret: die Offenbarung des Gottesnamens an Mose (Exodus 3) ist für Maimonides „die Offenbarung einer auf sich selbst bezogenen Identität, welcher der ontologische Beweis seiner Existenz ist“ (S. 158), also kein begrifflicher Name, sondern eine Umschreibung: „Ich bin, der ich bin, ich werde sein, der ich sein werde.“(Ex 3,14). Auf diesem Wege gelangt der „unschlüssige/perplexe Weise“ über mehrere Glaubens-Stationen (dégrés de croyances, S. 176) von der naiven Anbetung zu einem wahrhaften Kult („culte suprème“, S. 166). Gesetz und Tora sind hier Ausdruck einer universalen Vernunft unter Einbeziehung der menschlichen Vernunft mit ihren äußeren, auch religiösen Begrenztheiten. Auch die anderen Religionen haben Defizite, aber sie werden zu Weggenossen im Blick auf den Monotheismus und die fundamentale Rationalität des Gesetzes (S. 171).             
Das Ziel ist also nicht die Wiederherstellung eines äußeren (in der Vergangenheit zerstörten Tempels in Jerusalem), sondern die Liebe Gottes im Sinne eines Tempels in einem selbst. Praktisch geschieht das durch die stufenweise Annäherung an das göttliche Gesetz, wodurch sich die eigene Ignoranz in Erkenntnis verwandelt.
Als Schlussfolgerung bedenkt die Autorin die Nachwirkungen des Maimonides („La postérité de Maïmonide“) in der Geschichte der Philosophie, besonders was Baruch de Spinoza (1632–1677) und Moses Mendelssohn (1729–1786) betrifft. Maimonides, der Vater des philosophischen jüdischen Rationalismus, hat viele weitere mehr rationalistische Richtungen und verinnerlichte Frömmigkeitsformen angestoßen. Die Dualität in seinem „Führer der Unschlüssigen“ jedoch ist nur oberflächlich. Denn es geht um eine verinnerlichte Praxis des Gesetzes. Maimonides hat ermöglicht, sich auf die sufische Tradition einzulassen, die zugleich in eine jüdische Praxis integriert ist. Und die von ihm geprägte Haskalah, die jüdische rationale Bildung, brachte in der Folgezeit eine Annäherung an eine besondere jüdische Aufklärung hervor, die in der Tiefe die moderne deutsche Philosophie beeinflusste.
Bilanz:
In präziser Weise und gut nachvollziehbar zeichnet Géraldine Roux für jede/n an der Geistesgeschichte Europas Interessierte/n die bahnrechende Leistung dieses Meisters nach. Maimonides gelang es, die metaphysischen Probleme damaliger Wissenschaft so in eine philosophische Aufklärung zu bringen, dass die Religion darin einen glaubwürdigen Platz finden konnte – beeindruckende Etappen auf dem Weg von Glauben und Wissen zur Weisheit. Es wäre schön, wenn dieses Buch auch in einer deutschen Ausgabe erscheinen könnte.
Mehr zu Leben und Werk von Maimonides  (mit Textbeispielen):      
https://textmaterial.blogspot.de/2017/03/moses-maimonides-die-versohnung-von.html
Reinhard Kirste
Rz-Roux-Maimonide, 24.03.17   

Philosophie im spanischen Mittelalter - Literaturauswahl (aktualisiert)

Averroës-Statue Córdoba
(Wikipedia)
Die Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Araber entwickelte sich zu einer kulturellen Hochblüte unter islamischer Herrschaft. Das kam nicht nur den islamisch-jüdisch-christlichen Beziehungen zugute, sondern auch der Philosophie. Die Wissenschaftler aller Religionen übersetzten nicht nur die wichtigen Werke der griechischen Antike, besonders Aristoteles, sondern führten auch deren Denkansätze eigenständig weiter.
Sie spielen für die Diskurse im christlichen Europa und der abendländischen Philosophie eine nicht zu unterschätzende Rolle, wie der Aufschwung der Universitäten in Italien mit Neapel und Bologna, Frankreich mit Paris und England mit Oxford  zeigen. 

Vgl. Liste der Universitätsgründungen: hier


Weitere Bezugspunkte:

Neben vielen wichtigen Persönlichkeiten ragen im mittelalterlichen Spanien diese Philosophen besonders heraus: 

Literaturauswahl zur mittelalterlichen Philosophie
 auf der Iberischen Halbinsel 
  • Islamische Philosophie (Wikipedia)
  • Jüdische Philosophie (Wikipedia)
  • Klaus Samuael Davidiwicz: Von Maimonides bis Fackenheim.
     
    In: DAVID. Jüdische Kulturzeitschrift (abgerufen 17.07.2016)
  • Association freudienne internationale (dir.):
    Le Colloque de Cordove. Ibn Rochd, Maïmonide,
    Saint Thomas ou la filiation entre foi et raison.
    Castelnau-Le-Pez (France):
    Climats 1994, 532 pp.
  • Angel  Sáenz-Badillos / Judit Targarona-Borrás:
     Diccionario de Autores Judios
    (Sefarad. Siglos X–XV).
    Córdoba: Almendro 1988,  227 pp., índice
     
    ( = Lexikon jüdischer, sephardischer  Autoren,
    z.B.: Maimonides, Salomo ibn Gabirol, Mosche ben Esra)
  • Peter Adamson: Philosophy in the Islamic World.
    A history of philosophy without any gaps. Vol. 3
    Oxford Univ. Press (UK) 2016, 544 pp.
  • Roger Arnaldez: Averroès, un rationaliste en Islam. Paris: Balland 1998 
  • Maurice-Ruben Hayoun: Maïmonide ou l’autre Moïse. Pocket.
     
    Paris: Univers Poche 2013, 2ème édition
  • Reinhard Kirste: Dialog der Religionen im Mittelalter - Ramon Llull und Mallorca
  • Reinhard Kirste: Dialog mit den Religionen und den Wissenschaften,
    Vgl. bes. Das Buch vom Heiden und den drei Weisen.
      
  • Oliver Leaman: Moses Maimonides. London/New York: Routledge 1990
  • Ralph Lerner: Maimonides' Empire of Light. Popular Enlightenment in an Age of Belief.
    Chicago / London: The University of Chicago Press 2000, XIII, 217 pp., indices
  • Jacob Neusner: The Transformation of Judaism.
    From Philosophy to Religion.
    Baltimore/London: J.Hopkins 1999, 2nd edition


  • Géraldine Roux: Maïmonide ou la nostalgie de la sagesseSagesses 310. Paris: Points (Seuil) 2017, 196 pp., glossaire
    Ausführliche Besprechung: hier
  • Esther Seidel: Das Rationale und das Mystische
    in al-Andalus
     
    aus: 
    Religionen im Gespräch, Bd. 5 (RIG 5).
    Balve: Zimmermann 1998, S. 267-279f 
  • Iman Sodibjo: Understanding Religion: The Contribution of Ibn Rushd.  
    In: Mourad Wahba / Mona Abousenna (eds.): Averroës and the Enlightenment. Amherst, NY (USA): Prometheus Books 1996, S. 79–90
  • Dominique Urvoy: Averroès. Les ambitions d’intellectuel musulman. 
    Paris: Flammarion 1998, S. 156f.163ff
  • Elliot R. Wolfson: