Sonntag, 30. Dezember 2018

Karl-Josef Kuschel schreibt über Helmut Schmidt, Sadat und die Religion (aktualisiert)


An die freundschaftliche Verbundenheit der beiden Politiker Helmut Schmidt (1918-2015) und Anwar as-Sadat (1918-1981) erinnern sich gewiss noch viele. Weniger bekannt dürfte sein, wie sehr die beiden die Fragen zur Bedeutung der Religion für das gesellschaftliche Leben in ihrer interreligiösen Tragweite angesprochen haben.
Karl-Josef Kuschel, der bekannte Tübinger Theologe für Kultur und interreligiösen Dialog,
zeigt in diesem Buch ausführlich, welchen Einfluss die interreligiöse und auch politisch realisierte Haltung Sadats auf Helmut Schmidts eigenes Denken gewonnen hat. Kuschel erinnert darum auch daran, dass ausgerechnet der Friedensvertrag Ägyptens mit Israel zur Ermordung von Sadat 1981 führte.


Karl-Josef Kuschel: "Dass wir alle Abrahams Kinder sind". 
Helmut Schmidt begegnet Anwar as-Sadat. 
Ein Religionsgespräch auf dem Nil. 
Ostfildern: Patmos 2018, 240 S., Abb. --- 
ISBN: 978-3-8436-1096-4 --- 
Verlagsinformation: hier

Ein Gespräch über dieses Buch mit Karl-Josef Kuschel
in der Frankfurter Rundschau vom 24.12.2018:

"Nicht nur Christen kennen eine heilige Nacht".

INHALTSVERZEICHNIS

Prolog:
Eine Lehr- und Sternstunde auf dem Nil
 I. Helmut Schmidt und der „Deutsche Herbst“ 1977
      1. Der RAF-Terror in Deutschland
      2. Im moralischen Dilemma: Der Fall Schleyer und die Folgen
      3. „Gott helfe uns“: Versäumnis und Schuld, 20. Oktober 1977
      4. Ein „erschütternder Besuch“:  Auschwitz, 23. November 1977
      5. Der „Nato-Doppelbeschluss“ und die Friedensbewegung
6. „Ich bin kein sonderlich religiöser Mensch“
7. Helmut Schmidts „Christentum“
8. Die Entdeckung der ethischen Potentiale der Weltreligionen
9. Zwei lutherische und drei katholische „Ratgeber“
II. Ägyptens Lage unter Anwar as-Sadat
     1. Verschwörung  und Gefangenschaft: der junge Sadat
     2. Sadats Islam: Schöpfungsdankbarkeit und Liebesmystik
     3. Vier Kriege gegen Israel: der Präsident zieht die Konsequenzen
      4. Die „Brotunruhen“ 1977 – ein prekäres Jahr
      5. Der Präsident in der Kritik und das Attentat vom 6. Oktober 1981
III. Sadats Friedensreise nach Israel: November 1977
1. Machtwechsel in Israel: Menachem Begin: 17. Mai 1977
      2. Ein Treffen der „Grossen Fünf“ in Jerusalem?
      3. Sadat kommt nach Jerusalem: 19. Nov. 1977
      4. „Nach Gottes Willen“: Sadat vor der Knesset: 20. Nov. 1977
      5. „Nur mit Juden und Christen“: Sadats  beziehungsoffener Islam
      6.  „Kein Separatfrieden“, aber ...:  Forderungen an Israel
      7. Was Sadat Israel politisch anbietet
     8. Eine lebensgefährliche Reise in abrahamischem Gottvertrauen
      9. Von Jerusalem nach Camp David und Oslo: Brüchiger  Frieden
    10. Was bleibt an Hoffnung? Jimmy Carters „The Blood of Abraham“
IV. Helmuts Schmidts Reise an den Nil: Dezember 1977
1. Auf  Staatsbesuch in Ägypten
       2. „Mit Weitblick“ und „persönlichem Mut“: die Tischrede in Kairo
       3. Das Besuchsprogramm: Luxor – Assuan  - Abu Simbel
4. Das „Sadat-Narrativ“ und seine Funktionen
       5. „Und sprachen über Gott...“: Helmut Schmidts „Notizen
V. Das  Religionsgespräch auf dem Nil: Bleibende Erkenntnisse
     1. Der Sinai – Ursprungsraum des Monotheismus
     2. Abraham – Vater des Glaubens für drei Religionen
     3. Die „seltsame Geschichte“ von Hagar, der Ägypterin
     4. Hagar, Ismael und die Wallfahrt nach Mekka
     5. Von Adam bis Moses: Gemeinsame Propheten
     6. „Ihr Europäer wisst das alles nicht“: Helmut Schmidt prüft nach
     7. Was Rabbis, Priester und Mullahs den Menschen vorenthalten
     8. Ein Gegennarrativ von der Geschichte des Islam in Europa
     9. Die Bedrohung des Weltfriedens durch Bevölkerungsexplosion
    10. Für eine „Erklärung der Menschenpflichten“: Der InterAction Council
    11. Unterstützung des „Projektes Weltethos“
    12. Ein Pilgerort für Juden, Christen und Muslime: Sadats Plan
    13.  Ein „religiöser Komplex auf dem Sinai“: Ein Aufruf von
           Mohammed Anwar el-Sadat 2018
    14. Mord an Friedensstiftern: Anwar as-Sadat und Jitzchak Rabin
    15. Jehan Sadat, Leah Rabin: Zwei Frauen kämpfen für den Frieden
     16. Frieden: Sadats Pyramide! Henry Kissingers Psychogramm

Epilog:
Was Helmut Schmidt Sadat verdankt
   Ich habe ihn geliebt ...“
   Zwei konträre Weisen des Umgangs mit Religion
   Die Weltreligionen als Faktoren einer Weltfriedenspolitik
   „Kinder Abrahams“: Ernstnehmen gemeinsamer Wurzeln
   Zorn über Religionsvertreter
   Lernbereitschaft im Blick auf Koran und Islam
   Eine exemplarische Lehr- und Sternstunde


  

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Jesus als Verkünder des göttlichen Heils - bei Christen und Muslimen (aktualisiert)

Griechische Christus-Ikone, 16. Jh.
Byzantinisches Museum Athen (Ausschnitt)
Jesus ist im Islam als unmittelbarer Vorläufer von Mohammed als letztem Propheten von hoher Wertschätzung geprägt. Denn Jesus gehört zum Heilsweg der Muslime.  Das gibt dem christlich-islamischen Verhältnis eine besondere Bedeutung. Trotzdem lassen sich scheinbar koranische und christliche Jesusbilder nicht miteinander in Einklang bringen. Die Differenzen wurden durch die Polemiken um den wahren Glauben in der Geschichte noch weiter verschärft. Nur wenige christliche Theologen wie z.B. Ramon Llull und Nikolaus von Kues versuchten einen friedfertigen Zugang zur Nachbarreligion.
Vgl. Auseinandersetzung und Dialog mit dem Islam im christlichen Mittelalter: hier


Darum sind alle Versuche, die dogmatischen Gräben zu überbrücken, nicht zu unterschätzende Hoffnungszeichen.

1. Die mystische Tradition des Islam, der Sufismus 
Buchcover: Jesus wird von
zwei Engeln nach
Damaskus gebracht (16. Jh.)
Museum Türkischer und
Islamischer Kunst, Istanbul

  • Faouzi Skali / Eva de Vitray-Meyerovitch:
    Jésus dans la tradition soufie
    .
    Préface de Jean-Louis Girotto.
    Spiritualités vivantes 271. 

    Paris. Albin Michel [2004] 2013, 168 pp.
    --- ISBN 978-2-226-24658-5 ---
    Zu Jean-Louis Girotto, vgl. seinen Beitrag:
    Traces de soufisme en Europe occidentale
    (Dinul Qayyim-Blog, 28.05.2014)



    Islamische Fundamentalisten gehen davon aus, dass das Jesusbild der Christen pervertiert ist. Aber die Geschichte zeigt, dass selbst konservative Theologen Jesus einen zentralen Platz in der islamischen Spiritualität einräumen: Er wird als "Siegel der Heiligkeit" wahrgenommen, während Mohammed das "Siegel der Prophetie" ist. Für den Sufismus wird Jesus als spiritueller Meister und Seelenführer angesehen, denn Jesus lebte in einer besonders innigen Freundschaft und Nähe mit Gott. Faouzi Skali und Eva de Vitray Meyerovitch, zwei der wichtigsten französischsprachigen Spezialisten im Sufismus, spiegeln koranische Jesustexte an mystischen Aussagen von Rumi, al-Ghazali und Ibn Arabi. So entsteht ein Jesusbild, das sein Zentrum im Mysterium der göttlichen Liebe hat. 
    Dieser Beitrag ist insofern ungewöhnlich, weil dies die einzige Zusammenarbeit zwischen den beiden Autoren darstellt, dem muslimischen Anthropologen und Ethnologen Faouzi Skali (geb. 1953) und der später zum Islam konvertierten Islamwissenshaftlerin Eva de Vitray-Meyerovitch (1909-1999). Die erste Ausgabe dieses Gemeinschaftswerks erschien 1985. Hier liegt eine stark erweiterte Ausgabe vor.  In dieser werden noch Maria, die Mutter Jesu und Johannes der Täufer sowie seine Eltern untersucht. So treten noch die Bedeutsamkeit von Prophezeiung, Heiligkeit und Wunder in der spirituellen Tradition des Islam hervor. Die Nähe von Christentum und Islam findet damit einen schönen Ausdruck und lädt aktuell zu einem weiterführenden Dialog der beiden Monotheismen ein.

2. Neuansätze im christlich-islamischen Dialog


In den vergangen Jahrzehnten hat es durch christlich-islamische Begegnungen in der Theologie bisher so nicht gekannte durchaus ermutigende Ansätze gegeben.
Das beeindruckendste Beispiel haben jedoch zwei Theologen, der Muslim Mouhanad Khorchide (Münster) und der Christ Klaus von Stosch (Paderborn) geliefert. Nicht nur wird die Entwicklungsgeschichte des koranischen Jesusverständnisses nachverfolgt, sondern die Autoren haben auch den gesamten Text gemeinsam verantwortet, d.h. zum ersten Mal ein konsequent interreligiöser Beitrag zur Bedeutung Jesu: 



Es lohnt ergänzend auch ein Blick auf diejenigen Titel, in denen ebenfalls neben einer sachlichen Herangehensweise das Interesse für ein Religionen übergreifendes Jesusverständnis mehr oder minder stark zum Ausdruck kommt:

Jesus im Koran und in den islamischen Traditionen – Titel zum Thema (in Auswahl)
  • Mohammed und Jesus auf dem Weg zum Propheten Jesaja - eine Bildbetrachtung
  • A. Alem: Mohammad dans la Bible et Jésus dans le Coran. Paris: Éditions DAZ 1989, 347 pp.
  • Muhammad‚’Ata ur-Rahim / Ahmad Thomson: Jesus. Prophet of Islam.
    Elmhurst, NY: Tahrike Tardsile Qur’an [1977] 2003, 335 pp. revised editon
  • Zur Bedeutung des BARNABAS-EVANGELIUMS im christlich-islamsichen Dialog
  • Martin Bauschke: Der Sohn Marias. Jesus im Koran. Darmstadt: Lambert Schneider (WBG) 2013, 200 S.
    >>> Ausführliche Rezension: hier
  • Ahmed Deedat: Christus im Islam. Alexandria (Ägypten): Conveying Islamic Message Society o.J., 86 S.
  • Ahmed Deedat: Crucifixion ou cruci-fiction? Beyrouth, Liban: Éditions Baker 1992, 96 pp.
  • Michel Dousse: Marie, la musulmane. Paris. Albin Michel 2005, 268 pp.
  • Míkel de Epalza: Jesus zwischen Juden, Christen und Muslimen.
    Interreligiöses Zusammenleben auf der Iberischen Halbinsel (6.–17. Jahrhundert).
     Hg.: Reinhard Kirste. Frankfurt/M.: Lembeck 2002, 303 S.
    >>> Mehr zum Autor, ausführliche Rezension und das Buch als PDF-Datei
  • Mark A. Gabriel: Jésus et Mahomet. Profondes différences et surprenantes ressemblances.
    Rom
    anel-sur-Lausanne: Ourania 2007, 303 pp.
  • Kamel Hussein: La Cité inique. Récit philosophique.
    Traduction de l’arabe et introduction de Roger Arnaldez,
    préface de Jean Grosjean.
    Paris: Sindbad 1973, 159 pp.

    >>> Eine muslimische Erzählung zum Krafreitag -  Rezension: hier
  • Elsa Sophia von Kamphoevener: Islamische Christuslegenden. Fromme Legenden des Islams. Zürich: Arche 1963, 55 S.
  • Tarif Khalidi: Der muslimische Jesus. Aussprüche Jesu in der arabischen Literatur.Düsseldorf: Patmos 2001, 230 S.
             --- Englisches Original: The Muslim Jesus. Cambridge, Mass. (USA): Harvard University Press 2001
    --- Französische Übersetzung: Un musulman, nommé Jésus. Paris. Albin Michel 2003
  • Wolfgang Klausnitzer: Jesus und Muhammad. Ihr Leben, ihre Botschaft. Eine Gegenüberstellung. 
    Freiburg u.a.: Herder 2007, 215 S., Personenregister
  • Karl-Josef Kuschel: Weihnachten und der Koran. Düsseldorf: Patmos 2008, 158 S.
    >>> Rezension: hier
  •  Karl-Josef Kuschel: Juden, Christen und Muslime. Herkunft und Zukunft.
    Düsseldorf: Patmos 2007.
    Fünfter Teil: Maria und Jesus oder: Zeichen Gottes für die Welt, S. 462-534
  • Karl-Josef Kuschel: Die Bibel im Koran. Grundlagen für das interreligiöse Gespräch.
    Ostfildern: Patmos 2017, 672 S. 
    >>> Informationen: hier
  • OddbjØrn Leirvik: Images of Jesus Christ in Islam. Introduction, Survey of Research, Issues of Dialogue. Studia Missionalia Upsaliensia LXXVI. Uppsala: Swedish Institute of Missionary Research 1999, 269 pp., index of authors 
  • Christian Makarian: Le Choc Jésus Mahomet. Paris: J.C. Lattès 2008, 329 pp.
  • Sulaiman Mufassir: Jesus in the Qur’an.Indianapolis, Indiana (USA): American Trust Publications 1978, 4th printing, 13 pp.
  • William E. Phipps: Muhammad and Jesus. A Comparison of the Prophets and Their Teachings.
     
    New York: Continuum 1996, XI, 304 pp., index 
  • Günter Riße: „Gott ist Christus, der Sohn der Maria“. Eine Studies zum Christusbild im Koran. Begegnung.
    Kontextuell-dialogische Studien zur Theologie der Kulturen und Religionen, Bd. 2.  
    Bonn: Borengässer 1989, 275 S.
  • Neal Robinson: Christ in Islam and Christianity.
    Albany, NY. State Univ. New York Press 1991, X, 235 pp., index
     
  • Olaf H. Schumann: Der Christus der Muslime.
    Christologische Aspekte in der arabisch-islamischen Literatur.
    Kölner Veröffentlichungen zur Religionsgeschichte, Bd. 12.
     Köln-Wien: Böhlau 1988, 2. Aufl., 294 S.
  • Faouzi Skali / Eva de Vitray-Meyerovitch: Jésus dans la tradition soufie.
    Spiritualités vivantes 271.

    Paris. Albin Michel [2004] 2013, 168 pp. (s.o.)
  • Klaus von Stosch / Mouhanad Khorchide (Hg.):
    Streit um Jesus – Muslimische und christliche Annäherungen.

    Beiträge zur Komparativen Theologie, Bd. 14. Paderborn: Schöningh 2016, 282 S.

    >>> Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: hier
CC


Sonntag, 23. Dezember 2018

Monika und Udo Tworuschka: Buddha, Jesus und Mohammed - vergleichende Begegnungen

 Cover mit "Bildern" der Religionsstifter,
Mohammed in der meist traditionellen Darstellung
mit einem Gesichtssschleier

Monika & Udo Tworuschka:
Die großen Religionsstifter.
Buddha, Jesus und Muhammad
- ein Vergleich
 
Stuttgart: Metzler 2018, 230 S., 6 Abb.
--- ISBN 978-3-476-04776-2 --- 

--- Auch als e-Book erhältlich
Inhaltsverzeichnis
und ausführliche Leseprobe: hier

--- English summary at the end of the review
--- Résumé français au bout du compte rendu

Das Ehepaar Tworuschka hat sich schon seit langem einen Namen in der internationalen Religionswissenschaft gemacht. Sie haben eine Fülle von Publikationen herausgebracht. 
Aber die beiden haben bei allem fachwissenschaftlichen Engagement zugleich ein religionspädagogisches Interesse. Dies kommt in dem vorliegenden Buch besonders zum Ausdruck. Biografien und Lebensbeschreibungen über den Buddha, Jesus und Mohammed  gibt es  auf dem Markt in praktisch nicht zu übersehender Fülle. Das eine Mal tritt das Legendarische stärker hervor, das andere Mal die rekonstruierende Historie. So haben sich bis in die Gegenwart die verschiedensten Bilder über die drei Religionsstifter verbreitet.
Das Autorenpaar beschreibt darum unter Heranziehung der Originalquellen, worum es den drei herausragenden Persönlichkeiten der Geschichte wohl gegangen ist. Dazu muss auch die Geschichte der Vorurteile im Westen im Blick auf Mohammed und Buddha ein Stück weit aufgerollt werden (S. 9-21).
Unabdingbar ist, dass die Quellen im Sinne historisch-kritischer Aufarbeitung zur Sprache kommen (S. 23-59). Dabei darf die damalige Umwelt (S. 61-76)  - kulturell, politisch und religiös - auf keinen Fall außer Acht gelassen werden .

Soweit so gut und auch nicht so ungewöhnlich, aber was ist an diesem Buch nun anders?
Neu ist das Konzept der beiden Autoren, die drei  Religionsstifter thematisch aufeinander zu beziehen. Sie können sich dabei auf die Tradition der Religionsvergleichung in der Religionswissenschaft berufen. Einwände verschiedenster Art haben oft im Hintergrund das Vorurteil der Höherwertigkeit einer Religion gegenüber einer anderen - verbunden mit der Angst vor Relativierung des eigenen (christlichen) Glaubensverständnisses. 
"Der religionsgeschichtliche Vergleich führt einerseits dazu, Gemeinsamkeiten zwischen Eigenem und Fremden herauszuarbeiten, andererseits Eigenes und Fremdes zu profilieren ... Der Religionsvergleich trägt zur Relativierung bei; denn zahlreiche religionsgeschichtliche Erscheinungen verlieren dadurch ihre Singularität" (S. 5).

Natürlich kann man Religionen nicht als Ganzes miteinander vergleichen, aber die Fokussierung auf bestimmte Aspekte im Leben und Wirken von Buddha, Jesus und Mohammed lohnt sich, denn dadurch werden Grundfragen menschlichen Daseins sichtbar. Ihnen kann letztlich niemand ausweichen: Die Zyklen des irdischen Lebens zwischen Geburt und Tod, aber eben auch das "Darüberhinaus" - entweder im Kreislauf der Wiedergeburten bis zum Eingehen ins Nirvana oder aber die Zielbestimmung in der unendlich liebenden Gottesfülle. Die Gedanken einer über den Tod hinauswachsenden Hoffnung haben natürlich auch erhebliche Rückwirkungen auf das Verhalten im Hier und Jetzt.

1. Der erste thematische Abschnitt beschreibt die herausragenden Besonderheiten und Varianten zur Empfängnis, der Bedeutung der Mutter und der Geburt der Religionsstifter (S. 77-90). "In den Stifterbiographien setzt an charakteristischen Wendepunkten die fromme Legende an, die für die Gläubigen oft hoch bedeutsam ist" (mit den Details dazu S. 79f).

2. Kindheit, Jugend und frühe Jahre der Religionsstifter (S.  91-99): Auch hier mischt sich sehr bald in der jeweiligen religiösen Tradition das Historische mit dem Legendarischen. Als Beispiel sei ein Motiv aus der Geburt Mohammeds genannt: "Als Muhammad geboren wird, verkünden die Engel diese Freudenbotschaft. Aus der Brust seiner Mutter Amina bint Wahb dringt ein wunderbares Licht bis zu den Schlössern Basras, und es bricht eine Heilszeit an"
(S. 90)
.


3.
Die Wende im Leben der Religionsstifter
 (S. 101-114): Interessant ist, dass die älteren Quellen aller drei Religionsstifter die wundersamen Begebenheiten bei der Geburt für nicht so bedeutsam halten. Ähnliches gilt auch noch für ihre Kindheits- und  Jugendjahre. Biografische Zusammenhänge sind noch lückenhaft.

4. Dann zeichnet sich einschnitthaft die Wende im Leben der Religionsstifter ab (S. 101-114): "Bei allen drei Stiftern tritt die Wende im mittleren Alter ein: Buddha war zwischen 29 und 35 Jahre, Jesus [etwa] 30 Jahre, Muhammad ungefähr 40 Jahre"
(S. 102f). Berufungen bzw. das Erwachen/die Erleuchtung beim Buddha sind mit einem Auftrag an die Menschen verbunden, der jedoch dämonisch oder von der menschlichen Umgebung in Frage gestellt wird, ehe 

5
. das
öffentliche Auftreten in den Mittelpunkt rückt (S. 115-133).
Dadurch sammeln sich auch um die Verkünder der neuen Botschaft Jünger und Jüngerinnen. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis spielt durchgehend eine wichtige Rolle, das durchaus mit Problemen und Anfeindungen aus der Umgebung behaftet sein kann. Hier zeigen sich erhebliche Differenzierungen: der Buddha als "Raddreher", der eine weltliche Herrscher-Karriere ablehnt und Jesus, der das Himmelreich nicht als politische Befreiungsaktion erwartet. Dagegen tritt Mohammed, der Prophet, schließlich als Staatsmann auf. Dieser wird in spiritueller und politischer Hinsicht als Vorbild verehrt, was in der Geschichte des Islam eine kritische Betrachtung seiner auch problematischen gesellschaftlichen Entscheidungen oft schwierig macht. Im Blick auf die Nähe zum Christentum fällt jedoch die große Wertschätzung auf, die Abraham, Moses und verstärkt Jesus zuteil wird.
6.  Betrachtet man nun die Lehre der Religionsstifter  (S. 135-157), so ist diese von vornherein universal im Sinne eines Heilsweges. "Buddha lehrt die Befreiung aus Dukkha [sc. aus dem Leiden] mit Hilfe der >vier edlen Wahrheiten< und des >edlen achtfachen Pfads>. Jesus verkündet die Teilhabe am Reich Gottes, und Muhammad wurde von Gott mit der Huda, der >Rechtleitung< geschickt" (S. 135). Von daher zeigen die Autoren, wie die Haltung der Religionsstifter ethisch bis in die Gegenwart weiter wirkt. Dies betrifft die Einstellung zu politischen Strukturen und zum Staat, den Umgang mit wirtschaftlichen Fragen im Horizont von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sowie die Eingrenzung von Gewalt bis hin zum völligen Gewaltverzicht. Gerade hier sind die Konsequenzen aus den religiösen Ableitungen bis in die Gegenwart ausgesprochen heftig. Dies gilt übrigens für alle drei Religionen.

7.
 Die Wunder (S. 169-177): Von allen drei Religionsstiftern werden Wunder erzählt, die in gewisser Weise ihre Autorität und ihre Authentizität (göttlich) legitimieren. Hier ist nicht selten eine gewisse Vorsicht gegenüber einer extremen Wundergläubigkeit zu spüren. Zugleich zeigt sich im Wunderverständnis insgesamt eine erstaunliche Verstehensbreite, z.T. symbolisch, kosmologisch, visionär oder psychologisch. Besonders deutlich ist dies bei der Nachtreise des Propheten Mohammed, (S. 185-187).
Bei den Wundern - und das ist nicht unwichtig - müssen allerdings keineswegs immer außermenschliche Kräfte am Werke sein.

8
. Das
 
Sterben und der Tod der Religionsstifter (S. 169-177) zeigen sich sehr unterschiedlich. Der historische Buddha stirbt im hohen Alter, wahrscheinlich an einer Lebensmittelvergiftung, Jesus wird mit etwa 30 Jahren hingerichtet, und Mohammed stirbt unerwartet mit etwa 60 Jahren - ohne seine Nachfolge geregelt zu haben.

9.
Noch auf eine letzte (bereits bei Mohammed erwähnte) Besonderheit der drei Religionsstifter richten die Autoren ihr Augenmerk im Abschnitt:
Himmelsreise, Aufstieg in den Himmel, Himmelfahrt  (S.
 199-177). Diese "Reisen"  gehören zur "dominanten mythischen Konstellation der späten klassischen Antike" (S. 179, Zitat Alan F. Segal). Sie spielt für den Buddha keine Rolle, während sie bei Jesus und bei Mohammed erheblichen Raum einnimmt und einen esoteriologischen Zusammenhang anzeigt. Gnostiker Schamanen, Esoteriker aller Couleur betonten und betonen damit die vom Irdisch-Körperlichen befreiende Aufstiegsmöglichkeit zum Himmel.

Eine Art Bilanz bildet der Schlussabschnitt: Hier geht es um die Bilder, die sich die jeweils glaubende Gemeinde von ihrem Stifter macht (S. 189-202). Es sind tatsächlich mannigfache Vorstellungen, die mit ihren variierenden Aspekten in unterschiedlichen Zeitepochen verstärkt in den Blick kommen: Der Weg zur Buddhanatur bzw. zur Vervollkommnung, die Religionsstifter als Sozialreformer, Gesellschaftsverbesserer, Heilbringer, aber:
"Alle drei gerieten in Konflikt zu der religiösen Tradition, in der sie aufwuchsen, waren Zweifel und Versuchungen ausgesetzt" (S. 203). So ist auch die Orientierung der Gläubigen nur bedingt eine konsequente Nachfolge. Und die Themenvielfalt der Überlieferungen (gerade auch beim Propheten Mohammed) ermöglicht viele Deutungen, die nicht selten  ein fundamentalistisches Achtergewicht gewinnen. Dies gilt natürlich auch für das Christentum. Allerdings ist selbst der Buddhismus nicht davor gefeit, wie die Auseinandersetzungen in Myanmar zeigen. 

Zusammenfassung
In dieser angenehm zu lesenden Präsentation von Buddha, Jesus und Mohammed, lässt sich übersichtlich nachlesen, dass diese drei großen Persönlichkeiten ("Religionsstifter") durch ihren Glauben und durch ihr Leben die Welt wesentlich verändert haben. Die thematischen Gegenüberstellungen beziehen sich auf wichtige Lebensphasen. Dies findet man in der religionswissenschaftlichen Literatur bisher kaum. Insofern bietet dieses Buch gerade für ein grundlegendes Verstehen sachgemäße Zugangsweisen. Für das interreligiöse Lernen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eröffnen sich hier ausgesprochen sinnvolle Möglichkeiten.
Es sei noch formal angemerkt, dass durch das zweifarbige Layout der Texte die Zitate und ergänzenden Dokumenteleicht (wieder-)zu finden sind. 


English Summary
In this pleasant-to-read presentation of Buddha, Jesus and Muhammad,we see, that these three great personalities ("founders of a religion") have changed essentially the world by their faith and their lives. The thematic comparisons refer to important phases of their life. This can be found up to now rarely in the specialist literature of Religious Studies. In this respect, this book provides competent access to just basic understanding. Here  very meaningful opportunities  have been opened for interreligious learning of children, adolescents and adults 
It should be noted formally that the two-color layout of the texts makes it easy to
(re-)find the quotations and supplementary documents.

Résumé français
Dans cette présentation de Bouddha, Jésus et Mahomet - agréablement à lire -  il est facile de comprendre que ces trois grandes personnalités ("fondateurs d'une religion") ont changé essentiellement le monde par leur foi et leur vie. Les comparaisons thématiques se réfèrent aux phases importantes de leur vie. Cela se ne trouve guère dans la littérature spécialisée de la science des religions. À cet égard, ce livre fournit un accès approprié pour une compréhension constitutive. Ici s'ouvrent des possibilités adequates pour l'étude interreligieux des enfants, des adolescents et des adultes.
On peut noter formellement que la maquette bicolore des textes facilite à (re-)trouver les citations et les textes complémentaires.


Freitag, 21. Dezember 2018

Ari van Buuren: Biografisch-meditative Einsichten (aktualisiert)

Der niederländische evangelische Pfarrer Drs. Ari van Buuren (geb. 1945) arbeitete als Gemeindepfarrer und Krankenhausseelsorger. Eine wichtige Phase seines Berufslebens bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2009 war die Leitung der Seelsorge-Abteilung (Department of Spiritual Care) am Universitätskrankenhaus Utrecht
(UMC = University Medical Center).
Er wirkte dort auch als Gestalttherapeut und multikultureller Berater in enger Kooperation mit evangelischen, katholischen, muslimischen und humanistischen KollegInnen. 

Auf seine Initiative hin wurde ein interreligiöser Gebetsraum im Krankenhaus eingerichtet, das "Stiltecentrum" - Filmbericht: hier (YouTube)

Mehr zur Bedeutung von "Spiritual Care": hier

Bis Anfang 2018 gehörte er auch zum Leitungsgremium der United Religions Initiative (URI) der Niederlande. Er ist weiterhin im interreligiösen Dialog auch international engagiert. 

2015 hat Ari van Buuren ein Buch im Sinne von
Lebens-Spiegelungen herausgebracht: 

 

'Stemsleutels' - bespiegelingen over woord, stemen taal

= Spiegelungen von Wort,  Stimme und Sprache
- eingebunden in persönliche Lebenserfahrungen.


Nijmegen (NL): Valkhofers Pers 2015
--- ISBN 978-905625-452-0



TUNING PEGS - Stimmig werdende Wegmarken
The pasture of life
 loses my eagerness --- she now nourishes me 

Das Weideland des Lebens --- verliert meine eifernde Ungeduld --- es nährt mich nun

Tuning Pegs is like a mosaic of reflections on the wonder of language.

It offers a variety of biographical, meditative and poetic insights, inspired by Antje Krog’s, Rumi’s and Fairoez’s writings. The range of topics is wide: from Hand Keilson’s analysis of Hitler’s voice, to praying at Yahya’s shrine in Damascus, and the Ubuntu philosophy of Desmond Tutu.

Tuning Pegs reflects the author’s experiences as a spiritual care giver, theologian and gestalt therapist. In 2014 he successfully underwent neurosurgery on a part of the brain near the speech center. This procedure and his subsequent recovery has also influenced his texts and poems.

In his diary entries the author has a frank dialogue with illness and shares his personal experiences while in the Middle East.

Tuning Pegs closes with a tribute to the rainbow.
The river of life consists in the interaction of riverbed and flow. While working in the field of psychiatry the author discovered the value of imagery. In interreligious dialogue words are different yet identical.
What is our contribution to the future of society? Tuning Pegs offers an overture.