Freitag, 28. September 2018

Christliche Islamtheologie als dialogischer Zugang zu wechselseitigem Verstehen

Anja Middelbeck-Varwick: 
Cum Aestimatione
Konturen einer christlichen Islamtheologie

Münster: Aschendorff 2017, 387 S. 
--- ISBN 978-3-402-13169-5 --- 
„Mit Wertschätzung“
gegenüber dem Islam konzipiert
Anja Middelbeck-Varwick in ihrer 
vorliegenden Habilitationsschrift eine christliche Islamtheologie, die eine konfrontative Grundhaltung durch eine dialogische ersetzen möchte. Diese Bereitschaft und Fähigkeit zum
Dialog zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie nicht mehr allein nach universalen Heils-, Wahrheits- und Geltungsansprüchen fragt, sondern, bedingt durch veränderte Verständigungsinteressen, ein wechselseitiges Verstehen befördern möchte (50). 

Nur über eine solche Hermeneutik des wechselseitigen Verstehens kann zu einer positiven Haltung der Differenz gefunden werden, die es erlaubt auch Differenzen in zentralen Glaubensfragen, so beispielswiese die „Jesulogie des Koran“ (149f.) oder die christliche Beurteilung Mohammads, zu behandeln (210). Somit kann gerade die Anerkennung der Differenz als Zeichen der Hochachtung gegenüber dem Dialogpartner gedeutet werden (46).
Ihren Ausgang und ihr Fundament findet diese dialogische Haltung
im Neuaufbruch des II. 
Vaticanums, insbesondere in der „Magna Charta der christlich-muslimischen Beziehungen“, der Erklärung Nostra Aetate (28). Interessant in Bezug auf eine christliche Islamtheologie ist hier die Erkenntnis, dass das Konzil neben sehr wertschätzenden Aussagen über den Islam die beiden größten „offenbarungstheologischen Klippen“ umschiffte: so finden sich weder Aussagen zur Offenbarungsschrift noch zum Propheten Muhammad. Middelbeck-Varwick deutet dieses Schweigen als bewusst inkludierte Leerstelle, die einerseits Raum für weitere Verständigung lässt, andererseits aber, insbesondere beim heutigen Stand der christlich-muslimischen Beziehungen, pointiertere theologische Positionen erfordert (21f.). 


Vor diesem Hintergrund sind die konsequente Betonung des mutualen Inklusivismus bzw. der erkenntnistheoretischen Prämisse, dass Verstehen einerseits stets bedeutet, das zu Verstehende in ein eigenes Vorverständnis zu integrieren (53) und andererseits die Begegnung mit der anderen Religion den eigenen Glauben nie ohne Spuren des Fremden hinterlässt (45) interessante systematische Aspekte des Bandes, da sie einen möglichen Weg für eine derartige weitere Verständigung und Pointierung aufzeigen.
Konkrete Ansatzmöglichkeiten einer solchen weitergehenden Verständigung sieht die Autorin beispielsweise in der christlichen und muslimischen Anthropologie und Ethik. In beiden Religionen wird der Mensch als auf Gott hingeordnet verstanden, weswegen wahres Menschsein-Können anthropologisch in der Anerkenntnis dieser Verwiesenheit auf Gott begründet ist (229f.). 

Die ethische Konsequenz hieraus ist sowohl im Islam wie im Christentum eine Lebensgestaltung, die sich weniger in der Beurteilung konkreter Einzelhandlungen erschöpft, sondern vielmehr darin, den Menschen auf die Gemeinschaft mit Gott auszurichten (358). 
Neben weiteren systematischen Anregungen bietet „Cum Aestimatione“ außerdem detaillierte Studien zu theologischen Einzelfragen und zeigt in der Kombination beider lohnenswerte Felder für die Weiterarbeit an einer christlichen Islamtheologie auf.
Bernhard Kohl / Toronto
Zuerst erschienen in academia.edu

Asma Lamrabet und die Frage nach der Gleichheit der Frauen im Islam


Eine wichtige Wissenschaftlerin im Zusammenhang
der Genderproblematik und moderner
Koran-Hermeneutik ist 
Asma Lamrabet
(geb. 1961 in Rabat, Marokko).
Sie arbeitete als Medizinerin im l’Hôpital Avicennes von Rabat. Zwischen 1995 und 2003 war sie auch als Freiwillige in öffentlichen Krankenhäusern Spaniens und Lateinamerikas beschäftigt, besonders in Santiago de Chile und in Mexiko.  Seit mehreren Jahren widmet sie sich der Ungleichkeit von Frauen in islamischen Gesellschaften.
Sie wirkt bei zahlreichen Konferenzen zu diesem Thema mit und hat auch eine Reihe wichtiger Bücher zur islamsischen Gender-Debatte veröffentlicht.
Bis vor Kurzem leitete sie das Centre d' Études féminines en Islam in Rabat.
Der Druck der Fundamentalisten auf ihre Arbeit brachte sie jedoch dazu, 
als Direktorin zurückzutreten, um nicht ständig in die Querelen im Zusammenhang einer  für Frauen angemessenen Koranauslegung hineinzugeraten.
Hier ihr Communiqué de presse: hier (April 2018) 

Mehr zu Asma Lamrabet auf ihrer Webseite ,
mit ihren Veröffentlichungen (französisch): hier




Femmes et hommes dans le coranQuelle égalité?  
Frauen und Männer im Koran. Welche Gleichheit?
Paris: Editions al-Bouraq 2012, 240 pp.

Der Islam gilt weithin als eine Religion, die die Frauen unterdrückt und sie von der Emanzipation fernhält. Diesem Stereotyp widerspricht Asma Lamrabet, indem sie die spirituelle Botschaft des Korans aus seinen juristischen und dogmatischen Auslegungs-Verengungen befreit. Das vorliegende Buch ist darum eine Einladung, die Beziehungen zwischen Frauen und Männern neu zu durchdenken, und zwar auf der Basis der schriftlichen Quellen des Islam, also von Koran und Sunna. Insgesamt geht es darum, eine humane Koran-Hermeneutik im Spiegel der menschlichen Universalwerte zu entwickeln. Patriarchale Denkmuster sind von daher aufzubrechen. So geht es darum, die von Gott gewollte Gleichheit zwischen Frauen und Männern praktisch zu verwirklichen. Angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Umwälzungen ist es  besonders notwendig, auf der Basis der spirituell-religiösen Kräfte gesellschaftliche Verantwortung und Frieden stiftendes Verhalten zu betonen. Nur so kann auch eine versöhnende Annäherung zwischen Orient und Okzident gelingen.

"L’islam est la religion qui opprime les femmes, et entrave inévitablement leur émancipation"… telle est l’image de l’islam aujourd’hui. Un stéréotype récurrent … Pourtant, ce n’est pas l’islam en tant que message spirituel qui opprime les femmes mais bien les différentes interprétations et dispositions juridiques entérinées depuis des siècles par des idéologies savantes, qui, faute d’avoir été réformées, ont fini par supplanter le texte sacré, et se transformer en des lois religieuses immuables. 
Ce livre invite à un exercice de réflexion sur l’éthique relationnelle entre hommes et femmes, telle qu’elle est conçue par les sources scripturaires de l’islam. Il se veut une tentative de "déchiffrage" et de "discernement" de certains concepts coraniques en faveur de l’égalité entre hommes et femmes.
Tout en se référant essentiellement à la dimension coranique, mais aussi à l’exemple prophétique, cette analyse ne perd jamais de vue l’ensemble des autres données sociopolitiques et culturelles en cours à ce moment de l’histoire. 
Il s’agit de revenir à l’essentiel du message spirituel de l’islam concernant les relations humaines, et de réfléchir sur les innombrables passages qui soulignent l’importance de la responsabilité partagée, du soutien mutuel, du respect convergent entre l’homme et la femme. Des valeurs, tellement simples, tellement belles, réitérées dans cette langue coranique profonde, mais que les cœurs n’ont pas retenues, et que des mentalités hermétiques ont évincé dans les recoins de l’histoire. Des valeurs humaines, réellement universelles, qui nous font cruellement défaut aujourd’hui dans notre quotidien chamboulé par les soubresauts d’une modernité confuse et en perte de repères.



Montag, 24. September 2018

Denis Diderot: Die Spannung von Vernunft und Religion


Denis Diderot (1713-1784):
Die Unterhaltung eines Philosophen
mit der Marschallin de Broglie
wider und für die Religion.

Aus dem Französischen übersetzt
und mit Addenda von Hans Magnus Enzensberger

Berlin: Friedenauer Presse 2018, 30 S.
---
ISBN 978-3-932109-84-3 ---

Der französische Originaltext: hier
Er entstand vermutlich 1776 in den Niederlanden. 
Der kleine Verlag „Friedenauer Presse Berlin“ zeichnet sich dadurch aus, dass seit 1973 Essay-Hefte erscheinen, die wichtige Themen gesellschaftskritisch ansprechen. Es sind nicht selten Kabinettstücke intensiver Auseinandersetzung mit den Grundproblemen des Menschseins.
In dem vorliegenden Essay erleben wir ein Gespräch des atheistischen Philosophen Crudeli mit der ursprünglich nicht genannten Marschallin de Broglie. Hinter Crudeli lugt natürlich der Aufklärer Diderot hervor. Die Marschallin dagegen präsentiert sich als gläubige Katholikin. Ihr versucht Crudeli die Sinnlosigkeit der Religion nachzuweisen, indem er existentiell bohrende Fragen stellt: 

Wieso lohnt es sich, im Diesseits auf vieles zu verzichten, nur damit man unter Umständen eine Belohnung im Himmel erhält? Was würde sich eigentlich im irdischen Leben ändern, wenn man nicht an ein Jenseits glaubte, ja wenn man sogar ohne Glauben leben würde? Und gerade bei einer Weltschöpfung durch Gott kommen heftige Zweifel auf, sofern man diese Geschichte nur logisch weiterdenkt.

Dieser Streit über die Religion geschieht scheinbar ganz oberflächlich mit Scherzen und Anekdoten. Hinter der zur Schau getragenen Leichtfüßigkeit hat die Vernunft zwar nicht die vollständige Oberhand, aber der aufklärende Zweifel fängt an zu wirken …

Um eine Ahnung von der Art dieses Gesprächs zu bekommen, hier ein kleiner Auszug:
Crudeli: „Für Sie ist es ein verlockender Gedanke, sich ein Wesen vorzustellen, das zu Ihren Häuptern wohnt, Sie auf der Erde wandeln lässt und Ihre Schritte festigt. Erhalten Sie sich den hohen Beschützer Ihrer Vorstellungen, der Ihnen zuschaut und für Ihre Handlungen ein Vorbild abgibt.
Die Marschallin: „Sie haben, wie ich sehe, nicht den Ehrgeiz, mich zum Unglauben zu bekehren …
Crudeli: Ich möchte, dass jeder auf seine Weise denkt, vorausgesetzt, dass er mir die meine überlässt. Wer fähig ist, sich von seinen Vorurteilen zu befreien, der hat es nicht nötig, sich aufklären zu lassen.
Marschallin: Glauben Sie denn, dass der Mensch ohne Aberglauben leben kann.
Crudeli: Nein. Nicht, solange er unwissend und ängstlich ist …“
Hans Magnus Enzensberger merkt zu diesem anonym geschriebenen Essay an: Diderot hatte freundschaftliche Kontakte zum russischen Gesandten in Paris und Den Haag und fungierte auch als Mittelsmann der Bildankäufe für die Zarin Katharina II. So nutzte er die Möglichkeit, diesen Essay gewissermaßen in seinen Kunstkommentaren etwas zu verstecken: „Ohne seine italienische Maskerade hätte Diderot es kaum wagen können, seinen Dialog über die Religion zu veröffentlichen. Doch dem Versteckspiel war keine lange Dauer beschieden. Einem Journalisten namens Métra gelang es bald, das Geheimnis zu lüften“ (S. 25). Für Diderot hatte dies jedoch trotz der letzten Jahre des Ancien Régime keine persönlichen Konsequenzen.
Es lohnt sich, diesen originellen Text erneut zu lesen, denn dem Geist der Aufklärung muss angesichts zunehmender Akzeptanz rechtsextremen Gedankenguts unbedingt mehr Gehör verschafft werden.
English Summary
We follow here a conversation between the atheistic philosopher Crudeli and the originally not mentioned Madame Marshal de Broglie. Behind Crudeli we recognize Denis Diderot, the proponent of the Enlightenment. The Marshal, on the other hand, presents herself as a devout Catholic. Crudeli tried to prove her the futility of religion by asking existentially boring questions.
This dispute about religion seems to be superficial with jokes and anecdotes. Reason does not have the complete upper hand, but the enlightening doubt begins to be effective …
It is worth to read this smart text again, because the spirit of the Enlightenment must be given more voice in the face of an increasing acceptance of right-wing extremist ideas.

Weitere Schriften

·     Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern / Über die Frauen. Zwei Essays.
Aus dem Französischen übersetzt von Hans Magnus Enzensberger.
Berlin: Friedenauer Presse 1992, 32 S.

Diderot beklagt: "Warum habe ich ihn nicht behalten? Er passte mir so gut, dass ich mich ausnahm wie von Künstlerhand gemalt. Der neue, steif und förmlich, macht mich zur Schneiderpuppe? Ich sehe aus wie ein reicher Tagedieb, man sieht mir nicht mehr an, wer ich bin..."

·     Philosophische Schriften (Hg. Alexander Becker)
Frankfurt/M: suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2084,
2013, 281 S.
Infos und Leseprobe:
https://www.suhrkamp.de/buecher/philosophische_schriften-denis_diderot_29684.html

·     Die Nonne. Roman. Frankfurt/M.: Insel TB 1973 (9. Aufl.), 325 S.
Vollständiger Text in „Projekt Gutenberg“:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-nonne-663/1
·     Dies ist keine Erzählung. Aufklärerische Geschichten.
Berlin: Die Andere Bibliothek. Edition Holbach 2018, 240 S.

Details:
https://www.die-andere-bibliothek.de/Extradrucke/Dies-ist-keine-Erzaehlung::756.html
·     Rameaus Neffe. Ein Dialog. Frankfurt/M. Fischer TB, 2008, 160 S.
Mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Rameaus_Neffe
Reinhard Kirste 
 Rz.Diderot-Religion, 25.09.18 


Samstag, 22. September 2018

Miteinander und interreligiös im Kindergarten feiern

Schon länger bemühen sich PädagigInnen aus Wissenschaft und Praxis sach- und kindgemäße Möglichkeiten für das interkulturelle Lernen im Kindergarten bereit zu stellen. Der Don-Bosco-Verlag hat eine ganze Reihe von Materialien dazu veröffentlicht.
Details: hier
Hierher gehören auch interreligiöse Materialien, die besonders Feste und Feiern in den Blick nehmen. In diesem Rahmen erschien bereits 2015:
Naciye Kamçılı-Yıldız / Şenay Biricik / 
Katharina Kammeyer / Claudia Tombrink:     
Kinder feiern Ramadan. Ein interreligiöses Praxisbuch für den Kindergarten
.              
München: Don Bosco 2015, 96 S., farbig illustriert, inklusive einem Downloadcode für Zusatzmaterial wie Bastelvorlagen, bildhafte Erzählvorlagen, Elternbriefe u.ä.

Rezension: hier
Hinzu kamen Praxisanregungen, denen man anspürt, dass sie schon in einer Reihe von Kindergruppen ausprobiert wurden, u.a.: 
Opferfest - Bildkarten zum Erzähltheater/Kamishibai (Frühjahr 2018) --- Rezension: hier

Nun folgt ein weiteres Praxisbuch, das für die Kinder im Kindergarten
geradezu einen Fest-Rhythmus im Laufe des Jahres eröffnen kann: 


--- Viola M. Fromme-Seifert (Erzbistum Paderborn)
--- Naciye Kam
çılı-Yıldız (Universität Paderborn)
--- unter Mitarbeit von Stefanie Poritzki (Kath. Familienzentrum St. Hedwig Iserlohn):
    Miteinander feiern. Die 7 schönsten Feste für interkulturelle Kita-Gruppen
München: Don Bosco 2018, 149 S. 96 S., farbig illustriert, inklusive einem Downloadcode für umfangreiches Zusatzmaterial 


Man erhält hier neben den methodisch übersichtlich dargestellten Praxisanleitungen auch wiederum die wichtigsten Informationen zum gesellschaftlichen bzw. religiösen Hintergrund des betreffenden Festes. Der Schwerpunkt liegt wieder auf Christentum und Islam. In diesem Buch sind es - mit dem Herbst beginnend: Erntedank, Sankt Martin, Weihnachten, Ostern, Ramadan, Opferfest.

Das Zusatzmaterial ist wiederum so konkret praxisorientiert erarbeitet, dass es dazu einlädt, mit Kindern immer wieder ausprobiert zu werden:

Und noch eine schöne Besonderheit aus der "Praxiskiste" - die Gebetskarten im 
interreligiösen Kontext sind sprachlich ganz auf Kindergartenkinder eingestellt:
und ermöglichen entsprechende Körperbewegungenbeim Gebet.


Gebetskärtchen-Set: 32 Karten mit Begleitheft

Beispiel eines Gebetskärtchens und Anleitung
für die Körperbewegung


Material zu Advent und Weihnachten für das Erzähltheater








Mittwoch, 19. September 2018

Leo Trepp: Das Judentum besser verstehen - aus der Vergangenheit lernen



Gunda Trepp: Der letzte Rabbiner. Das unorthodoxe Leben des Leop Trepp.
Darmstadt: Theiss (WBG) 2018, 280 S., Abb., Bibliografie, Glossar

ISBN 978-3-8062-3818-1  (Erscheinungstermin: 11.10.2018)



Verlagsinformation
Leo Trepp war bis zu seinem Tod im Jahr 2010 der letzte Rabbiner, der noch in der Zeit der Nationalsozialisten amtiert hatte. Schon bald nach der Schoah kehrte er regelmäßig nach Deutschland zurück. Er half, neue jüdische Gemeinden zu etablieren, lehrte, trat in einen intensiven interreligiösen Dialog und schrieb das meistverkaufte deutschsprachige Buch zum Judentum.

Leo Trepp: Die Juden. Volk, Geschichte Religion [1987 u.ö.].
Reinbek b. Hamburg: Rowohlt TB 1998, 414 S. --- Rezension: hier


Frei von Schuldzuweisungen unterhielt er Zeit seines Lebens einen Dialog mit jungen nichtjüdischen Deutschen. Die neue Generation trug für ihn, wenn auch keine Schuld, so doch die hohe Verantwortung, aus der Vergangenheit zu lernen, um in der Gegenwart richtig zu handeln. Dazu gehörte aus Trepps Sicht auch, sich aktiv Wissen über Kultur und Ethik der Juden anzueignen, um neuem Antisemitismus vorzubeugen. 




Seine Frau Gunda Trepp
 führt in dieser Biographie die unvollendete Autobiographie ihres Mannes mit ihren eigenen Erinnerungen zusammen. Daraus entsteht ein Bild von Leo Trepp, das ihn auch acht Jahre nach seinem Tod wieder lebendig erscheinen lässt. 
Leo Trepp wächst in einer neo-orthodoxen Familie in Mainz auf, in der Theaterbesuche und klassische Literatur ebenso zum Alltag gehören wie Torastudium und Synagogenbesuche. Nach Promotion und Rabbinerausbildung amtiert er als letzter Landesrabbiner in Oldenburg, unter den kritischen Blicken der Nationalsozialisten, die bald, bis auf zwei Mitglieder, seine gesamte Familie ermorden sollen. Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen 1938 entkommt Leo Trepp zuerst nach England und geht dann in die USA. 
Das Buch beschäftigt sich nicht nur mit der schleichenden Entwicklung hin zur Diktatur in der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Herrschaft, mit der er als Rabbiner direkt konfrontiert war, sondern erzählt von dem, was man als Vermächtnis der deutschen Juden bezeichnen kann, nämlich mit dem Weg, ein fruchtbares Leben in zwei Kulturen zu führen. Das galt nicht nur für die Juden, die eher säkular und assimiliert waren, sondern ebenso für die Orthodoxen, die religiöse Gesetze strikt einhielten und sich genauso aktiv der Kultur und Politik ihrer Heimat widmeten. Ein guter Staatsbürger, so hatte schon der Begründer der deutschen Orthodoxie, Samson Raphael Hirsch, gelehrt, muss seine Kultur nicht verlassen. Im Gegenteil, er kann mit den Ideen und Gedanken seiner Religion und Ethik die Kultur seines Landes befruchten, und umgekehrt. Im Hinblick auf heutige Diskussionen um Heimat, Leitkultur und Identität ist eine Auseinandersetzung mit diesen Gedanken hochaktuell. 
Leo Trepp riet muslimischen Vertretern auf einer von ihm angeregten Konferenz in Hamburg bereits in den siebziger Jahren, sich diesen Weg der religiösen deutschen Juden anzusehen und so etwas wie einen Islam für Deutschland und Europa zu entwickeln. Was die Bürger eines Landes neben der Verständigung auf eine Verfassung und auf die für alle geltenden Gesetze eint, ist dieses: Sie müssen sich, so war Trepp fest überzeugt, mit aller Kraft für dessen Wohl und Zukunft engagieren und dafür arbeiten. Sie müssen nicht nur Bürger, sie müssen Bürgen für ihr Land sein, wie er in einer Rede sagte. 

Die Autorin: 
Gunda Trepp hat nach Jurastudium und Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule als Anwältin und als Journalistin für Zeitungen wie den Spiegel, die FAZ und die Berliner Zeitung gearbeitet. Sie lebt heute als Autorin in San Francisco und Berlin.

Rainer M. Schießler - Kirchenreform "von unten": Empathie und Weltoffenheit (aktualisiert)

Rainer Maria Schießler: Himmel, Herrgott, Sakrament.
Auftreten statt austreten
.
München: Kösel (Random House) 2016, 11. Aufl., 256 S.
--- ISBN 978-3-466-37147-1 ---
Der Titel könnte wie ein echter bayerischer Fluch wirken. Die Anspielung ist ja auch gewollt, aber dem beliebten Pfarrer zweier Münchner Gemeinden geht es um mehr als nur um öffentlichkeitswirksame Rhetorik. Ihm liegt der christliche Glaube am Herzen, lässt er doch schon einen „Geschmack“ des Himmels erahnen, wenn man sich auf Gott in irgendeiner Weise einlässt. Nun verkündigt der Pfarrer die frohe Botschaft oft mit unkonventionellen Mitteln. Während sich an vielen Orten die Kirchen leeren, muss sich Rainer Schießler keine Sorgen machen. Seine Gottesdienste sind ein Anziehungsmagnet für Gläubige und weniger Gläubige. Er bringt das Altgewohnte und oft Gehörte in einen unerwarteten Zusammenhang, wenn er z.B. am Heiligabend mit den Besuchern nach der Christmette den Geburtstag Jesu mit einem Sektempfang feiert. 


Man merkt es: Schießler möchte die Kirche sinnlicher und anfassbarer machen. das gilt nicht nur im Blick auf die Sakramente (Taufe, Beichte, Kommunion, Firmung, Hochzeit, Beerdigung). Dazu gehört auch, Kirche "mitten in der Welt" zu (er-)leben, z.B. als kellner auf dem Münchner Oktoberfest, bei locker-ernsten Gespächen im Radio und Fernsehen und auch beim Engagement für Flüchtlinge. Die vielen Geschichten und Anekdoten, der 56jährige erzählt, sind aber nicht nur zum Schmunzeln.
Seine bisherige Biografie weist neben den „Erfolgen“ auch manche Tiefen auf. Manchmal hängt es damit zusammen, dass der begeisterte Motorradfahrer sich über kirchliche Konventionen und dogmatische Verengungen kühn hinwegsetzt, wie beispielsweise sein mitfühlender Umgang mit homosexuellen Gläubigen oder aus der Kirche Ausgetretenen.
Sein Motto ist: „Du musst die Leut mögn!“ (S. 114). Gelernt hat er in seinem Nebenjob offensichtlich das Taxifahren auch eine „Haltemarke“ angesichts der ihn belastenden Ausbildung im Priesterseminar.
Schießler erinnert daran, dass sein Wunsch, Priester zu werden, sich für ihn in einem ersten „Anlauf“ als Mönch bei den Kapuzinern als Sackgasse herausstellte. Aber einer der Mönche wird in seiner Bescheidenheit und Demut für ihn zum Lehrer und Vorbild (S. 42–45). So steht Schießler zu seinem Entschluss, (zölibatärer) Priester zu werden; die Nächstenliebe Jesu treibt ihn an und bestätigt ihn auch. Aus der eigenen Erfahrung von einer „Karriere nach unten“ möchte er jedem angehenden Seelsorger empfehlen, „nachts Taxi fahren in einer Großstadt oder als Wiesnbedienung arbeiten. Da lernst du alles fürs Leben – egal, welchen Beruf du später ausübst … das ist der Hauptgrund meines Hierseins. Seelsorge“ (S. 244).

Nach mancher Hürde durch den Weg in die Kirchengemeinden, zuerst als Lernenender in Bad Kuhlgrub, dann Rosenheim und Giesing und schließlich München, hat er auch sehen müssen, dass er eigentlich nirgendwo Wurzeln schlagen kann, weil der Bischof ihn jederzeit abberufen kann. Auch hier dürfte ein Grund liegen, dass  selbst er, der sein Priestersein mit ganzen Herzen auslebt, oft allein und völlig einsam dasteht. So hat er durchaus unter dem Zwangszölibat zu leiden, und das “Nachhausekommen“ in seine ungemütliche Dienstwohnung verstärkt diese Einsamkeit. Wer sorgt sich denn wirklich um die Seele des Seelsorgers? „Im Zölibat ist da niemand, der auf dich wartet. Da ist keine Wärme. Spätabends steh ich manchmal so im Zimmer und höre dem Rauschen des Verkehrs zu. Dann kommt diese Bitterkeit. Dreiundzwanzig Jahre Einsamkeit in dieser Wohnung – so lange währt jetzt die Zwangsehe mit dieser Dienstwohnung. Und mit diesem Gefühl setze ich vermutlich die Tradition meiner Vorgänger fort, die hier nichts anderes empfunden haben können als ich: Leere“ (S. 32).
Bei allen Belastungen aber schlägt die antreibende Liebe Jesu zu den Menschen bei ihm immer wieder durch. Sie bleibt die lebendige Motivation, ehrlich, kreativ und nah an den Menschen die Barmherzigkeit Gottes im Alltag wie am Sonntag deutlich werden zu lassen und so auch Trost, Vergebung und Hoffnung zu vermitteln.
Angesichts der Erfahrung mit Sterbenden, besonders auch geprägt durch den Tod seiner Mutter (S. 82–85), wird ihm das Loslassen an jedem Abend in der Komplet deutlich: „Sie steht für das Loslassen all der Niederlagen, aber auch all der schönen Erfolge des Tages. Du musst alles hergeben …Gibt es den guten Tod? Ich finde, jeder Tod ist gut, weil er das Leben vollendet“ (S. 252). So will er, der lebensvolle Priester, das Leben bewusst loslassen können, wenn es an der Zeit ist. Für das Leben danach muss er sich keine Sorgen machen, die Verantwortung hat ihm Christus abgenommen, aber: „Ich habe jedoch eine Verantwortung für das Leben davor. Wir müssen jetzt leben. Hier und heute. Hier und heute entscheiden wir, ob das Leben Himmel oder Hölle wird“. Das geschieht wie Jesus es vorgelebt hat durch „bedingungslose Liebe“ – zu andern Menschen wie zu dir selbst und zum Leben“ (S. 253). Und weil dieses Leben ständige Veränderung ist, gilt es, sich nirgendwo festzuklammern oder gegen den Strom (in die Vergangenheit) zurückzuschwimmen: „Gehst du nicht mit der Zeit – dann vergehst du mit der Zeit“ (S. 97): Das gilt für den einzelnen Menschen wie auch für Institutionen und eben auch für die Kirche. Schießler macht deutlich, dass dies nicht Anpassung an den „Zeitgeist“ ist, sondern kreative Umgestaltung und dabei bewusst an die „Ränder“ zu gehen, wie Papst Franziskus das ausgedrückt hat (S. 17). „Die Apologeten des Gestrigen und der angeblich reinen Lehre raunen immer, die katholische Kirche müsse aufpassen, dass ihr Anspruch auf absolute Wahrheit nicht verwässert wird. Aber es gibt keine absolute Wahrheit, die Menschen aufstellen können! Wir Katholiken müssen lernen, dass wir nur ein Versuch, ein Weg von vielen sind – auch wenn die Botschaft der Liebe vermutlich eine der stärksten ist und mehr gebraucht wird im Wertekanon denn je“ (S. 21). Das ist ein gutes Wort auch für die evangelische Kirche angesichts mancher Jubiläums-Feier zum Thesenanschlag von 1517 !

Wer schmunzelnd und zugleich nachdenklich Schießlers „Lebensreportage“ mit den eingestreuten Reflexionen gefolgt ist, kann sich nur wünschen: Wir brauchen mehr solche Pfarrer/innen und Seelsorger/innen, dann wird die Kirche nicht nur bunter, sondern auch glaubwürdiger.

Das neue Buch von Rainer Maria Schießler:
Jessas, Maria und Josef. Gott zwingt nicht, er begeistert.
München: Kösel (Random House) 2018
Verlagsinfo, Inhaltsverzeichnis, Leseprobe: hier

Reinhard Kirste (ev. Pfarrer) 
CC

Samstag, 15. September 2018

Theologien des Südens - eine Zwischenbilanz unter postkolonialen Aspekten

Juan José Tamayo: Teologías del Sur.
El giro descolonizador


= Theologien des Südens - eine Abkehr vom Kolonialismus

Madrid: Editorial Trotta 2017, 252 S.
- ISBN 978-84-9879-707 ---
  • Verlagshinweis: hier
  • Zusammenfassung in Spanisch
    am Ende des deutschen Textes
  • Englische Zusammenfassung am Ende
    der Überprüfung
Der Madrider Religionswissenschaftler Juan José Tamayo (geb. 1946) hat schon mit seinen bisherigen Veröffentlichungen gezeigt, dass Theologie Wege des Dialogs aus kultureller und dogmatischer Enge ermöglichen muss, um auf die Herausforderungen der Gegenwart glaubwürdig zu reagieren. 

Mit diesem Buch zieht der Autor eine vorläufige Bilanz. Er lässt den immer noch gepflegten religiösen Eurozentrismus hinter sich,
um afrikanische, asiatische lateinamerikanische,
schwarz-amerikanische Konzepte der Theologie vorzustellen.
Dies geschieht beschreibend, aber zugleich mit einem ethischen Impetus. So werden die immer noch existierenden Kolonialismus-Strukturen auf dem südlichen Teil der Erde offenbar. Sie sind leider konstitutives Element der Moderne.


Um die bisherige Denkrichtung generell zu ändern, konzentriert sich Tamayo unter den Stichworten Feminismus, Ökologie und Option für die Armen als fundamentale Herausforderungen der Gegenwart. Der Blick auf soziale und religiöse Hegemonien auf Kosten der Ausgegrenzten nötigt zur Parteinahme: gegen Patriarchismus,
(Neo)-Kolonialismus, neoliberaler Kapitalismus, Rassismus, Umweltzerstörung, Krisis der Demokratie und Fundamentalismen aller Art. Die Zielrichtung seines Buches geht von der Kritik an bisherigen (christlichen) Religionskonzepten hin zu einer [indigenen] Theologie, die menschenfreundliche Ethik und visionäre Weltverantwortung zusammenbindet.

1.  Kritik an Religionen, die die Vorherrschaft
     über andere religiöse Traditionen ausüben
Tamayo zeigt, wie das Aufkommen und die Ausbreitung der monotheistischen Religion des Christentums zu Absolutheitsansprüchen geführt hat, die auch militärisch-politisch durchgesetzt wurden. Diese religiösen Hegemonien haben zugleich Unterdrückungsmechanismen produziert. Das gilt für das mittelalterlich-katholische Paradigma ebenso wie für das kolonialistische Christentum in Lateinamerika, Afrika und Asien. Der zur Schau gestellte Exklusivismus mit absoluter Heilswahrheit machte das Christentum unfähig, auf den Reichtum der anderen Religionen dialogisch einzugehen. Schließlich wurde auch die islamische Welt in der Neuzeit durch die kolonialen Eroberungen der westlichen Welt untergeordnet. Christentum und Okzidentalismus sind insgesamt eine problematische Einheit eingegangen. So lässt sich eine hegemoniale Typologie des monotheistischen Christentums gegenüber den „polytheistischen“ und „kleinen“ indigenen religiösen Traditionen aufdecken. Tamayo bezieht sich dazu mehrfach auf die monotheistisch-kritische Position von Jan Assmann. Aus der theologischen Schieflage „Nord-Süd“ sind darum neue Theologien als Gegenpositionen mit den Schwerpunkten Gerechtigkeit und Befreiung entstanden. Besonders hervorzuheben ist hier die 1976 in Daressalam gegründete  Ecumenical Association of Third World Theologians (EATWOT).  Sie ist sehr schnell zu einer globalen Vereinigung religionsökumenisch orientierter christlicher TheologInnen geworden.

2.  Theologische Aufbrüche und post-koloniale Theologien
Die theologischen Veränderungen in Richtung eines Pluralismus zeigten sich auch in der westlichen Welt. Dazu gehört ein Teil der liberalen Theologen des 19. Jahrhunderts und dann besonders die Existenztheologien des 20. Jahrhundert. Tamayo klassifiziert sie als hermeneutisch unter aktualisierten Auslegungskriterien der Glaubensquellen. Damit wird die Auslegung verstärkt interkulturell, interreligiös, feministisch, praktisch-ethisch, ökologisch, anamnetisch (im Sinne von Erinnerung an die Ausgegrenzten), utopisch, symbolisch, ökonomisch-politisch und nicht mehr kolonialistisch. Er sieht diese Konzepte im Horizont der Befreiung von bisherigen übergeordneten Abhängigkeiten. Barmherzigkeit wird als gemeinsames Element aller Religionen gesehen. Die Religionswissenschaft wird dabei zum kritischen Element für die methodische und interdisziplinäre Arbeit der Theologie (S. 60–62). Ich hätte mir gewünscht, dass neben wichtigen Protagonisten wie Rudolf Bultmann, Paul Tillich, Dietrich Bonhoeffer und Karl Rahner  auch John Hick genannt worden wäre. Insgesamt zeigt sich eine ökumenische Weite, aus der postkoloniale Theologien erwachsen, die zu überregionalen Netzwerken werden. Treibende Elemente sind die Wahr-Nehmung und die Bedeutung des Anderen in seiner Andersheit. Sie gilt es, ernst zu nehmen und theologisch umzusetzen. Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. versuchten, diese Tendenz disziplinarisch zu bremsen, indem sie Theologen der Befreiung, pluralistische und feministische Theologen/Theologinnen abstraften, z.B. Leonardo Boff, Tissa Balasuria und Jacques Dupuis. Aber die post-kolonialen Theologien des Südens wirken trotzdem eminent kritisch-gesellschaftlich und politisch. Nach dieser Positionsbestimmung folgt nun eine genauere Differenzierung postkolonialer Theologien in den Abschnitten 3-7.

3.  Afrikanische Theologien
In diesem Kapitel beleuchtet der Autor auf dem Hintergrund der (traumatischen) kolonialen Vergangenheit Afrikas die Wirkungen des Christentum als imperialer Religion. Umso aufregender muten von daher die Aufbrüche „schwarzer“ christlicher Theologien an mit einer Vielfalt religiöser Glaubensüberzeugungen. Diese lebt von einer konsequenten (afrikanischen) Kontextualität, in der Konzepte von Befreiung (z.B. auch gegen die Apartheid), Einbeziehung der Frauen und Aufnahme traditionaler Religionen eine wesentliche Rolle spielen. Hier hätte noch der islamische Befreiungstheologe Farid Esack zu Wort kommen können. Denn es entstehen Theologien in bewusster Loslösung von europäischen Einflussnahmen, aber in zugleich aktualisierender Wertschätzung von einigen europäischen Theologen wie Dietrich Bonhoeffer. Zur Verdeutlichung seiner Zielrichtung geht Tamayo ausführlich auf den Ubuntu-Kult der Bantu-Völker ein. Diese Tradition ist geprägt von einer Interdependenz, auf der Grundlage einer spirituellen Lebensweise. Kennzeichen sind Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Empathie und die Selbstverständlichkeit des Miteinander-Teilens.

4.  Die „Schwarze Theologie“ in den USA
Sie ist in den USA auf dem Hintergrund des weißen Rassismus entstanden.
Martin Luther King auf christlicher Seite und Malcom X auf islamischer Seite werden zu einer unüberhörbaren Herausforderung für die Veränderung der nordamerikanischen Gesellschaft im Sinne von Gleichheit und Gerechtigkeit. Tamayo verfolgt diese Entwicklung von 1966 bis in die 80er Jahre des 20. Jh.s.
 
Dann geht er noch auf aktuelle Tendenzen ein, in denen wiederum die Verbindung zu den Theologen der 3. Welt (EATWOT) hergestellt wird. Hier zeigt sich der Zusammenhang von „Schwarzer Theologie und Theologie der Befreiung auch unter feministischen Gesichtspunkten sehr deutlich.
„Die schwarze Gemeinschaft möchte in dieser Weise zum Ausdruck bringen, dass sie mit vollem Recht einen Teil der Gottesherrschaft bildet  und dass sie die Bevormundung der weißen Superioritätsansprüche zurückweist“ (S. 119, eig. Übers.).

5.  Asiatische Theologien
Der Blick nach Asien macht die dortige Vielfalt religiöser Traditionen ebenfalls offenkundig. Es handelt sich um ein“ religiöses Pluriversum“ (S. 125f) in soziökonomischen Kontexten. „Jede Sprache und jede Kultur bringt die asiatischen Völker in Kontakt mit den religiösen Erfahrungen in ihrem Leben und mit den fundamentalen Wahrheiten der Religionen“ (S. 125f). Das führt zu einem neuen Paradigma, wie der Kongress der 3. Welt-Theologen 1979 in Sri Lanka hervorhob: „Die Theologinnen und Theologen … wertschätzen den Reichtum der hauptsächlichen religiösen Traditionen Asiens positiv: Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum. Das gilt ebenso für ihre jeweilige Philosophie wie für ihre künstlerischen Manifestationen, ihre Mythen, Riten und Legenden“ (S. 129, eig. Übers.). Unter dem Vorzeichen der Befreiung geht Tamayo dann noch auf die indische Dalit-Theologie, die Minjung-Theologie Südkoreas (im Kontext des Konfuzianismus) ein. Es sind Theologien des Kampfes/Streits, in denen auch lateinamerikanische Einflüsse wirksam werden. Die verschiedenen Vertreter sehen sich als gleichwertige Partner, also im Sinne einer islamischen, hinduistischen, buddhistischen, konfuzianischen, jüdischen und palästinensische Variante einer Theologie der Befreiung. Um nur einige wenige Namen zu nennen: in Indien Ashgar Ali Engineer (1939–2010), in Südasien
Aloysius B. Chang, auf jüdischer Seite auch im Blick auf Palästina Marc H. Ellis
und Naim Stefan Ateek.
Christliche TheologInnen wie Aloysius Pieris, Michael Amaladoss, Kwok Pui-Lan
und Hyun Kyun Chung zeigen, wie sich ihre Konzepte bewusst auf Zusammenhänge einlassen, und zwar auf Säkularisierung, Gender-Problematik, Religion der Ahnen.
So werden zugleich pluralistische Ansätze interreligiös vertieft.

6.  Lateinamerikanische Theologien
Erst jetzt kommt Tamayo auf die in der 2. Hälfte des 20.Jh.s bedeutende lateinamerikanische Theologie der Befreiung zu sprechen. Diese von Konservativen gern schon totgesagte und päpstlich unterdrückte Richtung hat jedoch durch Papst Franziskus einen neuen Aufschwung erhalten. Ihre Promotoren sind z.T. auch in Deutschland bekannt geworden: Gustavo Gutierrez, José Mará Arguedas, Leonardo Boff, Jan Sobrino, Dom Helder Cámara, Ernesto Cardenal, Pedro Casaldáliga. Es war und ist eine Theologie unter ethischen Prämissen und Bewertungen. Die Option für die Armen hat von Anfang an dazu geführt, dass die Befreiungstheologen Analysen des Marxismus bewusst aufnahmen. Allerdings sahen sie sich selbst nicht als Marxisten, was jedoch der Vatikan behauptete. Aber man kann Theologie nicht ohne kritischen Umgang mit dem kapitalistischen Neoliberalismus glaubwürdig betreiben. Den Armen die Armut und die Ausgrenzung nehmen, ist darum eine theologische Notwendigkeit. So „hat die Theologie der Befreiung die dogmatischen Sicherheiten der Vergangenheit verlassen. Sie hat sich auf den Weg unerforschter komplexer Bereiche gemacht. Sie hat aufgehört,  den Wegen ermüdender Wiederholungen zu folgen und hat sich vielmehr neuen Pfaden im religiösen Denken geöffnet“ (S. 179, eig. Übers.). 
Zu den neueren Richtungen gehört auch die schwarze feministische Theologie Lateinamerikas und der Karibik. Sie nimmt u.a. kultische Elemente des Candomblé, 
des Voodoo, der Santería und des Lumabalú auf (S. 186f).  Angesichts des Geschlechterverhältnisses geht sie durchaus ungewohnte Bahnen (z.B. zur Homosexualität). Diese Theologien sind zugleich Öko-Theologien, weil ihnen die Bewahrung der Erde ein zentrales Anliegen ist. Diese Konzepte sind durch die Verbindung zu den indigenen und neuen Kulten religionspluralistisch angelegt – oft mit poetischer Kraft wie bei Rubem Alves (S. 202f).
Die lateinamerikanische Variante von EATWOT(= ASETT) bietet hier eine offene Plattform für den Diskurs. Dass dies alles nicht ohne Brüche mit den europäischen Theologien geschieht, liegt angesichts des ethischen Impetus dieser Befreiungskonzepte auf der Hand. Das trifft selbst solchen Tendenzen nahestehende Theologien wie die Theologie der Hoffnung von Jürgen Moltmann und die politische Theologie von Johann Baptist Metz. Darauf hat besonders Enrique Dussel aufmerksam gemacht (S. 209-211).

7.  
Das gemeinsame Gute für die Erde und die Menschlichkeit

Das Schlusskapitel ist der indigenen Theologie des Andenraumes  gewidmet –
 Sumak Kawsay – das gute Leben. Es ist zu verstehen im Sinne „einer Kosmovision und einer Ethik des  harmonischen Lebensstils im Einklang mit der Mutter Erde, der Natur, dem Kosmos, den Ahnen, den Brüdern und Schwestern der [übrigen] Gemeinschaften und aller menschlichen Wesen“ (S. 215, eig. Übers). Die indigenen Völker werden durch ihr ganzheitliches Lebensverständnis in einer globalisierten, neo-kapitalistischen modernen Welt mehr und mehr zu einer kritischen Kraftreserve. Es ist eine Weise des Kommunismus, der in seinem Humanismus Karl Marx durchaus nahesteht. Hier ließe sich durchaus eine Brücke zur UNO Menschenrechtserklärung von 1948 schlagen. Aber auch Papst Franziskus hat mit seiner Enzyklika Laudato si‘ (2015) einen ermutigenden Weg formuliert, der die Spaltungen in der Weltgesellschaft vom Evangelium her heilen könnte.

Bilanz
Dieses Buch ist für alle jene eine Ermutigung und Empfehlung, die für eine Gesellschaft arbeiten, in der sich Theologie widerständig zeigt, um Vorherrschaften abzubauen und den „Raubtierkapitalismus“ in die Schranken zu weisen. Es ist die Herausforderung, die Gleichwertigkeit aller Menschen im Horizont unterschiedlicher Religionen und Kulturen praktisch umzusetzen. Das ist mehr als nur ein neuer Denkhorizont. Von hier aus muss der Transfer in den Alltag hinein geschehen, an dem die Wahrheit solcher Theologien offenkundig wird. Tamayo hat mit seiner konsequenten Betonung der „Theologien des Südens“ nicht nur die Option für die Armen angemahnt, sondern auch das Engagement für eine gerechte Welt und ein Leben in versöhnter Verschiedenheit.
Eine deutsche Übersetzung dieses spannenden Ganges durch theologische Aufbrüche des Südens wäre sehr zu wünschen! Vielleicht würde auf diese Weise zugleich der theologische Dialog über die Pyrenäen hinweg endlich verstärkt.

Resumen en español
Este libro es un estímulo y una recomendación para todos aquellos que trabajan para una sociedad en la que la teología opone resistencia para reducir las supremacías y poner dique al "capitalismo del depredador". Es el desafío de transferir en práctica la igualdad de todas las personas en el horizonte de las diferentes religiones y culturas. Esto es más que solo un nuevo horizonte de pensamiento. A partir de aquí, la transferencia a la vida cotidiana tiene que suceder, donde la verdad de tales teologías se vuelve obvia. Tamayo, con su constante énfasis en las "teologías del Sur", no solo ha llamado a la opción por los pobres, sino también al compromiso con un mundo justo y una vida de diversidad reconciliada.

English summary
J.J. Tamayo, researcher in religious studies at the university of Madrid Carlos III, has shown with his recent publications that theology can free itself from cultural and dogmatic narrowness in order to respond  to the challenges of the present. In his new book: "Teologías del Sur. El giro descolonizador"  (Madrid: Trotta 2017). In this renunciation of all forms of colonialism he leaves each religious Eurocentrism behind and looks with  engaged interest  to African, Asian Latin American and Black American concepts of theology. He reveals the still-existing colonial structures on the southern part of the world. Unfortunately these are a constitutive element of modernity. To change the mindset in general, Tamayo focuses on feminism, ecology, and option for the poor as the fundamental challenges of the present time. Social and religious hegemonies to the disadvantage of the marginalized people obliges him to stand up against patriarchy, (neo) -colonialism, neo-liberal capitalism, racism, environmental destruction, crisis of democracy and fundamentalism of all kinds. The aim of his book is based on criticism of previous (Christian) religious concepts. The way must be opened to a theology with human-friendly ethics and visionary global responsibility. Therefore it is necessary to learn in the West from the [indigenious] theologies of liberation which have been developed in the South.
Reinhard Kirste

Rz-Tamayo / Südliche Theologien