Dienstag, 15. November 2016

Europäische Muslime und die Gülen-Bewegung


Paul Weller / Ihsan Yilmaz (eds.): European Muslims, Civility and Public Life: Perspectives On and From the Gülen Movement.
London / New York: Continuum 2012, XXXIV, 255 S., Indices
In der Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Islam spielen die verschiedenen muslimischen Strömungen und Organisationen eine wichtige Rolle. Vieles kann von einem größeren Publikum kaum eingeschätzt werden. Und islamfeindliche Vorurteile machen immer wieder die Runde. Bisher eher zurückhaltend trat eine dennoch sehr weit verbreitete Organisation auf, die den türkisch-islamischen Prediger Fethullah Gülen zum inneren Promotor hat. Sie stellt Bildung und Erziehung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. In Deutschland wird inzwischen die Öffentlichkeitswirksamkeit dieser Bewegung stärker wahrnehmbar [1].

So erstaunt nun das vorliegende Buch zuerst deshalb, weil es um die Gülen-Bewegung in Großbritannien geht. Der Islam des Vereinigten Königreichs ist jedoch viel stärker von südostasiatischen Einwanderern aus den ehemaligen Kolonien geprägt als von Muslimen mit türkischem Hintergrund. Aber Anlage und Struktur dieser Zusammenstellung machen deutlich, dass es um den „europäischen“ Islam geht und um die damit entstandenen und weiter sich entwickelnden Herausforderungen. So ist das Buch letztlich von der Hauptfrage geleitet, welche Rolle die Gülen-Bewegung im Spannungsfeld von europäischen Zivilgesellschaften spielen dabei haben kann.

Leider geraten beim Blick auf den Islam allzu oft Terrorismus und Attentate in den Vordergrund. Man denke nur an den Bombenanschlag auf einen Vorortzug in Madrid (2003), Ermordung von van Gogh (2004) sowie die Terrorattacken auf den öffentlichen Nahverkehr in London (2005). Angesichts einer Untersuchung zur Gülen-Bewegung muss darum der Frage nachgegangen werden, wie den Herausforderungen durch den islamistischen Terrorismus adäquat und von den Quellen der islamischen Religion her begegnet werden kann und welche theologischen und pädagogischen Ansätze Fethullah Gülen und „seine“ Bewegung dafür bieten. Zum Leitmotiv avanciert dabei Fethullah Gülens Verständnis von dar al-hizmet = das Haus, der Bereich, das Land der menschlichen Dienste. Dies setzt er gegen das traditionell islamische Verständnis von dar al-harb = Land des Krieges und der Gegner des Islam und dar al-islam = Land des durch den Islam als Religion geprägten Friedens (vgl. S. XXV, 19, 73). Letztlich geht es um das gemeinsame Gute („common good“).

--- Die Herausgeber erweisen sich für solche orientierenden Einschätzungen als besonders kompetent:  
Paul Weller ist Professor für interreligiöse Beziehungen an der Universität Derby und Forschungsdirektor für „Commercial Development“ an der dortigen Erziehungswissenschaftlichen Fakultät [2]. Er ist auch Mitglied der Interreligiösen Arbeitsstelle (INTR°A). Er hat umfassende Beiträge zur Multireligiosität veröffentlicht [3].
Ihsan Yilmaz ist Assistenzprofessor für Politische Wissenschaft an der Fatih Universität in Istanbul und zugleich Direktor des Postgraduierten-Programms für politische Wissenschaft und Internationale Beziehungen und hat in London und Oxford neben postgraduierten Studien Politik, Sozialwissenschaften und Islamisches Recht gelehrt.
--- Die einzelnen BeiträgerInnen mit türkischem, armenischem, südostasiatischem, britischem, niederländischem und belgischem „Hintergrund“ bringen gesellschaftliche und soziale (Länder-)Schwerpunkte in den Blick und beleuchten dazu die kulturell-religiösen Wirkungen Fethullah Gülens. Dies geschieht in vierfacher Gliederung:
--- Im 1. Teil werden darum die Voraussetzungen untersucht, die Fethullah Gülen selbst gelegt hat. Dazu bedarf es neben dem Blick auf das öffentliche Leben und die Frage der muslimischen Identität auch einer genaueren (linguistischen) Analyse der Texte von Gülen und von ihm nahe stehenden Autoren. Der Korrelation von Islam, Türkei und Europa wird hier besonders wichtig (P. Weller, G. Celik, Y. Aslan, Sh. Hettiarachchi).
--- Der 2. Teil konzentriert sich auf den Zusammenhang von Zivilgesellschaft und islamischem Aktivismus Besonders spannend ist der Vergleich der zu realisierenden Islam-Vorstellungen in Europa zwischen dem eher konservativen, aber Dialog offenen Fethullah Gülen und dem sich moderat modern präsentierenden Tariq Ramadan (W. Krause, E. Toguslu, A. Pashahayan).
--- Bildungs- und Friedens-Aktivitäten als „strategische“ Aufgabe der Gülen-Bewegung zeigen sich im
3. Teil unter dem Stichwort der Weltverantwortung und Weltbürgerschaft, und zwar mit Beispielen aus den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und Nordirland. Auch kommt die Rolle der türkischen Minoritäten mit ihren kulturellen und religiösen Impulsen in die multiethnisch anders geprägten europäischen Länder zur Sprache
(T. Peppinck, E. Demir, M.F. Tetik, J. Lacey).
--- Teil 4 nimmt die Herausforderung durch den islamistischen Terrorismus auf. Hier lässt sich die klare Strategie der Gülen-Bewegung hervorheben, die sich gegen jegliche Gewalt wendet und sich von der eigenen Glaubenstradition bewusst für friedliche Begegnung unterschiedlicher kultureller und religiöser Gruppierungen einsetzt. Das Schlüsselwort heißt in diesem Zusammenhang Bildung mit Hilfe der Schule, der Universität, der Medien und der Erwachsenenbildung. So könnte die Gülen-Bewegung durchaus ein Partner für politisches Handeln in Konfliktsituationen werden (P. Weller, Y.A. Aslandoğan, B. Cinar, St. Wright, A. Hussain, I. Yilmaz).
--- Die Bilanz, die beide Herausgeber am Schluss ziehen, fällt darum trotz manch kritischer Nachfragen einiger Autoren insgesamt positiv aus: „The movement … has the capacity to be more effective in its ambitions for greater world peace and individual and social development“ (S. 208). Von daher lässt sich auch für die deutsche Situation folgern, dass mit der Gülen-Bewegung Ressourcen entstanden sind, die für eine friedliche multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft auf Zukunft hin produktiv wirken könnten.

Neuere Titel in deutscher Sprache zur Gülen-Bewegung 
  • Walter Homolka / Johann Hafner / Admiel Kosman / Ercan Karakoyun (Hg.):
    Muslime zwischen Tradition und Moderne.
    Die Gülen-Bewegung als Brücke zwischen den Kulturen.
    Freiburg u.a.: Herder 2011
  • Ursula Boos-Nünning / Christoph Bultmann / Bülent Ucar (Hg.):
    Die Gülen-Bewegung zwischen Predigt und Praxis.
    Münster: Aschendorff 2011
  • Helen Rose Ebaugh: Die Gülen-Bewegung. Eine empirische Studie.
    Aus dem Amerikanischen von Wilhelm Willeke. Freiburg u.a.: Herder 2012
 Interview: Fethullah Gülen im ausführlichen Gespräch mit der FAZ (FAZ online vom 06.12.2012)


Anmerkungen
1.)  Vgl. dazu die Rezension und Information auf der Rezensionsseite „Ein-Sichten“: http://ein-sichten.blogs.rpi-virtuell.net/2011/09/20/fethullah-gulen-und-die-gulen-bewegung-islam-auf-dem-bildungsweg/
2.)  Vgl. das Projekt der Universität Derby "Religion und Gesellschaft": http://www.derby.ac.uk/religion-and-society
3.) Zu den Publikationen von P. Weller (http://www.derby.ac.uk/religion-and-society) u.a.: Time for a Change: Reconfiguring Religion, State and Society (London 2005) / Religious Diversity in the UK: Contours and Issues (London 2008), A Mirror for our Times. ‘The Rushdie Affair’ and the Future of Multiculturalism. (London 2009).
Rezension:
http://www.rpi-virtuell.net/workspace/users/535/Rezensionen/Rz-Weller.pdf

                                                                                      Reinhard Kirste, aktualisiert 30.04.2014 

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