Freitag, 13. Oktober 2017

Facetten von Gurus und "vollkommenen Meistern" - Shirdi Sai Baba und Sathya Sai Baba

Chandra Bhanu Satpathy:
Shirdi Sai Baba und andere vollkommene Meister.

Aus dem Englischen übersetzt von Dietrich Kebschull.
Odisha, Indien: Vision Printers 2014, 146 S., Abb.,
(etwas defizitäres) Glossar.
Originaltitel: Shirdi Sai Baba and other Perfect Masters. Sterling Publishers 2001

Der Autor C.B. Satpathy Ji (geb. 1948 in Chuttuck, Orissa, Indien), der sich selbst als Guru Ji versteht, arbeitete bis zu seiner Pensionierung 2008 im Polizeidienst. Bereits als Kind kam er mit den Besonderheiten indischer Gurus und deren oft erstaunlichen Wundertaten in Berührung. Besonders aber beeindruckte ihn der Guru Shirdi Sai Baba. Es handelt sich hier um einen Ausdruck der Verehrung. Das gilt generell für die Ehrentitel-Verbindungen mit: Shri, Sai, Baba und dann auch kombiniert: Shri Sainath Maharaj.[1] Der Verehrte wurde 1838 oder 1856 in Shirdi (nahe Mumbai/Bombay) geboren, darum auch sein Name Shirdi Sai Baba. Er starb 1918 ebendort.
Die Bedeutung der „vollkommenen Meister“
Über diesen Meister hat Sapathy nun ein Buch verfasst. In seinem Glaubensverständnis sieht er ihn in das göttliche Wirken aller „vollkommenen Meister“ eingebunden. Diese spiegeln in besonderer Weise das Selbst Gottes in ihrer Person wieder. Im Buch wird einleitend einiges zu den vollkommenen Meistern, den Sadgurus, erläutert: Sie planen und bewirken Ereignisse, die die Welt verändern, was man z.B. an Mose, Jesus, Mohammed und Guru Nanak sehen kann. Die Sadgurus schreiben unsichtbar Geschichte (S. 13), haben aber immer auch Vermittler, um die Vollkommenheit in der Welt zu erreichen. Das sind dann Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi oder Paramahansa Yogananda (1893–1952).
Autor und Übersetzer: Von Shirdi Sai Baba bewegt sein
Mehr und mehr taucht Satpathy in diese Welt der Gurus ein. Er wird schließlich Anhänger von Shirdi Sai Baba. Seit 1989 steht er auch an der Spitze der gleichnamigen Bewegung in der ganzen Welt. Die von diesem Guru ausgehenden Wirkungen beziehen sich nicht nur auf eine meditative Spiritualität der Anhänger, sondern verändern auch umgebende Gesellschaft. Inzwischen gibt es mehr als 200 Tempel in Indien und auch im Ausland, in denen Shirdi Sai Baba verehrt wird. Eine Reihe von Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser und Veterinärkliniken tragen seinen Namen, weil sie den Grundsätzen, Lehren von Shirdi Sai Baba folgen und diese auch durch soziale und schulische Hilfsprojekte gesellschaftlich umsetzen. C.H. Satpathy wirkt dabei als intensiver Promotor. Dazu publizierte er zahlreiche Bücher, Artikel und CDs in verschiedenen Sprachen. Es liegt ihm daran, dass alle Anhänger (devotees) von Shirdi Sai Baba umfassend über den Meister informiert sind und jeden Tag auch seine Texte meditieren. Der Shri Sanath Sai Baba Trust organisiert und koordiniert alle mit dem großen Meister zusammenhängenden Aktivitäten.[2]
Interessanterweise sah sich auch der teilweise sehr umstrittene Sathya Sai Baba (1926–2011)[3], der auch im Westen durch seine „Wunder“ (besonders mit heiliger Asche) sehr bekannt wurde, als Reinkarnation von Shirdi Sai Baba. Allerdings geht das Buch auf diesen Zusammenhang nicht ein.
Der Übersetzer, Dietrich Kebschull ist ein anerkannter Ökonom und Vermittler von Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien sowie Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er lebt seit über 25 Jahren in Indien. Ihn fasziniert die direkt mit dem Alltag verbundene intensive Gläubigkeit der Inder, wie er im Vorwort betont. Die deutsche Übersetzung der Geschichten um Shirdi Sai Baba und einiger weiterer Gurus wird von C.P. Satpathy aus der Sicht eines Verehrers geschrieben und ist darum eher als eine Art Glaubenszeugnis zu lesen.
Shirdi Sai Baba – Leben und Wirkung
Nun weiß man allerdings kaum etwas über Sai Babas Herkunft, seine Eltern und seine Familie, auch nicht, wie er mit seinem originalen Familiennamen hieß.  „Sai Baba“ ist ein Ehrentitel für einen Avatar[4] sowie für einen spirituellen Lehrer und Meister. Im Buch erfahren die Leser/innen nun die Annäherungen an das „Heiligen-Bild“ des Shirdi Sai Baba. Als junger Mann mit etwa 16 Jahren trat er zum 1. Mal in Shirdi auf und meditierte weltabgewandt und in strenger Askese unter einem Neembaum (Niembaum). Für die Menschen dort war es höchst erstaunlich, dass er schon in seiner Jugend durch extreme Bußübungen sein Leben gestaltete. Zwischendurch war er einige Zeit fort und kam dann für immer in seine Heimatstadt zurück, in der er auch viele Wunder tat. Dazu gehört besonders, dass er Menschen mit heiliger Asche (von Verstorbenen) heilte. Heute kommen zum Schrein des Heiligen – so sagt der Autor – täglich etwa 30.000 Menschen.
Im Hauptkapitel des Buches (S. 25-82) versucht der Autor den Lesenden Shirdi Sai Baba näher zu bringen. Dies geschieht – sehr persönlich beschrieben – zuerst durch eine Kassette, die sich Satpathy auslieh. Eine Art innerer Berufung wurde später die Lektüre einer Biografie des Meisters von Shri Sai Satcharita, die der Autor auf dem Weg nach Shirdi las (S. 73-77). Es ist eine Lebensbeschreibung, die er in höchsten Tönen lobt und die ihn tief bewegt.[5] Die Besonderheit von Shirdi Sai Baba hebt Satpathy nun dadurch heraus, dass er nicht nur auf die früheren Leben des Meisters verweist, sondern auch, dass dieser bereits in seinem Leben seinen Körper für drei Tage verließ und dann zurück in das „normale“ Leben trat. Aber die Wirkungen gehen auch über sein irdisches Leben weit hinaus: Das zeigt sich in der Einführung des Urs-Festes, das jährlich am Todestag des Sufi-Heiligen Khwaaja Muin-du-Din Chishti (1141-1230) in Ajmer (Rajasthan) gefeiert wird. Hinzu kam eine sog. Sandel-Prozession; und dann wurden die Feierlichkeiten (des Urs-Festes) in das Rama Navami (Geburtstagsfest des Gottes Rama) geändert. Bei diesem Fest spielt die Sandelpaste eine wesentliche Rolle. Sie wird in eine große Schale getan und in einer Prozession mit Trommeln und Zimbeln zu einem der Schreine, dem Dwarkamai (eine Moschee), getragen. Die Mauern werden dann mit dieser Paste bestrichen. Hier taucht auch wieder der Neembaum (Niembaum) auf, unter dem der Heilige in seiner Jugend meditiert hatte. Dieser Baum gilt in Indien generell als heilig. Seine Wirkstoffe werden auch in der westlichen Medizin und im Pflanzenschutz sehr geschätzt.[6]
Die Festrituale zeigen sehr schön die tolerante und interreligiöse Haltung von Shirdi Sai Baba, weil die Gebetsorte aller Religionen für ihn heilige Orte waren und alle Religionen Offenbarungen des Göttlichen erleben – hier besonders im Blick auf Hindus, Muslime und Parsen. Das kam auch immer wieder in den Reden und Handlungen des Meisters zum Ausdruck.
In die Wirktradition von Shirdi Sai Baba wächst der Autor auch durch mancherlei, auch erstaunliche Begegnungen und Wunder hinein, bis er schließlich die Führung der Sai-Baba-Bewegung übernimmt. Erfüllt vom immerwährenden Geist Sai Babas weiß er, dass die Anhänger des Gurus ihn in großer körperlicher Gestalt sehen, sozusagen der materialisierte göttliche Geist und damit „Purusha“, der wahre Mensch, der keine Eltern braucht, um geboren zu werden, ähnlich wie Jesus, der von der Jungfrau geboren wurde! Der Autor weicht den Fragen zu solchen Wundern allerdings aus, indem er auf die Wirkungen von Jesus und Shirdi Sai Baba gleichermaßen verweist, sind sie doch angetreten, um das Leiden der Menschen zu mildern! (S. 58f)
Vollkommene Meister/innen und Heilige (S. 85–142)
Satpathy stellt in der 2. Hälfte des Buches weitere heilige Persönlichkeiten vor, „vollkommene Meister“, aus verschiedenen Epochen. Er bringt sie direkt und indirekt mit Shirdi Sai Baba in Verbindung. All diese Heiligen spielen offensichtlich für die spirituelle Entwicklung des Autors eine besondere Rolle.
Hier handelt es sich um Kurzbiografien von Heiligen, deren irdisches oder „geistiges“ Wirken sich meist an bestimmten Orten mit entsprechenden Tempeln und Schreinen in Indien und teilweise auch im Ausland lokalisieren lässt. Es handelt sich um die mystisch geprägte Muslima Hazrat[7] Babajan (ca. 1820-1931!) und den kaum bekannten Sarmad (17. Jh.). Ihm wurde ähnliches nachgesagt wie dem Sufi, Husain ibn Mansur Al-Hallaj (858–922), der wegen seiner Worte „Ich bin Gott“ bzw. „ich bin göttlich“ in Bagdad hingerichtet wurde.
Weiterhin kommen zur Sprache:
Shri Akkalkot Majaraj (gest. 1878), Shri Gajanan Maharaj (gest. 1910), Hazrat Baba Tazuddin (1861–1925) und schließlich Kashinat Govind Upasani, der als Shri Upasani Maharaj (1870–1941) bekannt wurde. Er gilt als Inkarnation von Shirdi Sai Baba/Shri Sainat Maharaj, denn er war gewissermaßen der spirituelle Ziehsohn des Meisters und erreichte schließlich auch die Göttlichkeit (S. 142).

Bilanz
Vor uns liegt eine biografische Reise, die Shirdi Sai Baba im Kontext der religiösen Welt Indiens zeigt. Es ist ein Universum, das sich scheinbar/anscheinend mit der (westlichen) Moderne und ihrer Technisierung bestens verträgt. Mythen und reale Geschichten bleiben für den westlichen Betrachter zuweilen in unauflöslicher Spannung. Viele Inder sehen dies offensichtlich nicht so und wohl auch nicht der Übersetzer.
Die Wundergeschichten im Verlauf der Darstellung von Shirdi Sai Baba erinnern dabei in ihrer Art und Typik in vielem an die Wunder Jesu. Man meint beinahe, dass die Zeit stehen geblieben ist und sich Jesus und der indische Guru direkt begegnen. Dadurch werden natürlich alle kritischen Nachfragen zu den außerordentlichen Heilungen, den Naturwundern (z.B. Wasser in Öl verwandeln) und anderen ungewöhnlichen Handlungen ausgeblendet.
Allerdings muss man bedenken, dass das religiöse Indien für viele Menschen im Westen zuerst extrem fremdartig anmutet. Dennoch bietet gerade diese tief verinnerlichte Religiosität auch für den westlichen Menschen eine Faszination und fordert zum Nachdenken heraus. Könnte es nicht auch sein, dass rationalistische oder historische Kritik bestimmte Zusammenhänge der Wirklichkeit in einer Art Zerrbild des Verstandes sieht? Deshalb bringt es nichts, diese Geschichten einfach in den Bereich der Esoterik, des Okkultismus, der Zauberei oder gar der Tricks abzuschieben. Natürlich gibt es unter den Gurus auch Scharlatane und öffentlichkeitswirksame „Schausteller“ ihrer von der Gottheit bewirkten Taten. Wer jedoch Indien erlebt hat, weiß um die Faszination der Extreme, in die die Religion voll integriert ist. So lässt sich Kritik eigentlich nur dort festmachen, wo nach dem Zweck der Wunder gefragt wird. Die Evangelien berichten, dass es Jesus nicht um die Wunder als solche ging, sondern um die Ankündigung der Herrschaft Gottes, des Himmelreiches. Da „passieren“ Wunder oft mehr als erläuterndes Ereignis am Rande wahrer Gotteserkenntnis. So ist für die heutige (christliche) Theologie das Wunder viel stärker Symbol und Ausdruck für zuweilen auch Ungewöhnliches, was unter der Optik eines mythischen Weltbildes sich als göttliches Eingreifen erklären lässt. Hinzu kommt, dass große Persönlichkeiten in vielem über die bürgerliche Alltäglichkeit hinausragen. Das gilt sicher auch für Shirdi Sai Baba und die weiteren vom Autor im Buch  genannten Heiligen.
Nun gibt es im deutschsprachigen Bereich gar nicht sehr viel wissenschaftliche Literatur zu den im Buch genannten spirituellen Meistern mit ihren Predigten und Wundern. Auch die Angaben im Internet weisen (noch) erhebliche Lücken auf.
So wünschte man, dass dieser Lebensgeschichte des Guru, die mit der Brille des Verehrers geschrieben wurde, vielleicht eine achtsame, kritische Untersuchung folgen könnte. Sie müsste die frag-würdigen Hintergründe und Einseitigkeiten der Devotees ansprechen und könnte damit ein „realistischeres Bild“ von Shirdi Sai Baba zeichnen.

Mehr zu Shirdi Sai Baba und Blick auf Sathya Sai Baba
Reinhard Kirste

Rz-Satpathy, 14.01.2015, bearb. 13.07.2017
Druckfassung erschienen in "Orientalistische Literaturzeitung" (OLZ)





[1]  Shri (Shree, Sri) = höfliche Anrede für „Herr“ oder auch für „Heiliger“ / Sai = [persisch] Heiliger / Baba = [Hindi] „Vater bzw. Mutter“/ Maharaj, Kurzform von Maharaja (Maharadscha) = [Sanskrit] großer Herrscher
[2]  Vgl. Shri Saibaba Sansthan Trust in Shirdi: https://www.shrisaibabasansthan.org/INDEX.HTML
(abgerufen, 11.01.15)
[3]  Sathya = Wahrhaftigkeit / Wahrheit; vgl. dazu den interessanten Bericht eines Sathya Sai Baba Nahestehenden, in dem die Kritikpunkte aufgegriffen werden: http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/enthuellungen/armin-risi/sathya-sai-baba-1926-2-11-eine-hintergrundanalyse-der-kontroversen-und-kritiken.html (angerufen 13.01.15)
[4]  Avatar – ein Wiederkommender: Er ist eine Manifestation des höchsten göttlichen Prinzips, Brahman. Im Avatar kommt dieser göttliche Aspekt in der Gestalt eines Tieres oder eines Menschen immer wieder zum Vorschein. Man kann auch von einer Inkarnation der göttlichen Kraft reden, vgl. auch Anm. 1.
[5]  Diese Biografie von Shri Sai Satcharita ist auch im Internet vollständig verfügbar: http://www.saibaba.org/saisatc.html (abgerufen, 11.01.2015)
[6]  Mehr zum Neembaum (Niembaum) bei eGrain: http://www.egrainag.de/2.html (abgerufen 11.01.15)
[7]  Hazrat, abgekürzt: Hz., Titel für Verehrungswürdigkeit, bedeutet im islamisch-persisch-südindischen Raum etwa = „göttliche Gegenwart“ = seine/ihre Heiligkeit

Mittwoch, 26. Juli 2017

Peter Sloterdijk zwischen (Un-)Glauben und Aufklärung

Peter Sloterdijk
Nach Gott - Glaubens- und Unglaubensversuche

Nach Gott
Leseprobe »Bestellen »

Berlin: Suhrkamp 2017, 
364 Seiten
ISBN: 978-3-518-42632-6 
Auch als eBook erhältlich

Verlagsinformation
Die Konsequenzen aus dem Satz »Gott ist tot«

In seinem epochemachenden Buch Globen, in dem die Globalisierung
von ihren Anfängen bis zur (vorläufigen) Entfaltung Ende des 20. Jahrhunderts
beschrieben wird, kennzeichnet Peter Sloterdijk Gott »als schlechthin
höchste Quelle von Versicherungsschutz«.
Diese in allen (zumindest monotheistischen) Religionen gültige Annahme
setzt Paradoxien frei, die vom Mittelalter bis in die Neuzeit
verheerende Konsequenzen hatten:
der seit der Jahrhundertwende triumphierende Fundamentalismus
ist die schlimmste Auswirkung.
Welche Entwicklungen sind jedoch mit dem spätestens
seit Ende des 19. Jahrhunderts virulenten Satz »Gott ist tot« verbunden?
Ist er ein Philosophem ohne reale Effekte?
Ist er die Beschreibung eines Mentalitätswandels?
Ist er eine Diagnose des Geschehenden?
Ist er als Prognose zu begreifen, die alle interreligiös
begründeten Auseinandersetzungen beendet?
Peter Sloterdijk zieht in seinem neuen Buch zum ersten Mal
alle Konsequenzen aus dem Satz »Gott ist tot«.
Dabei kommen die Bereiche der aktuellen Theologie und Philosophie
ebenso ins Spiel wie die mörderische Politik der Gegenwart
oder die unmittelbaren kulturellen und
wissenschaftlich-technischen Entwicklungen.



Zur Wirkungsgeschichte des Zisterzienser-Ordens (aktualisiert)

Neu:
LVR-Landesmuseum Bonn (Hg.): Die Zisterzienser: Das Europa der Klöster.
Darmstadt: Theiss (WBG) 2017, Abb., Glossar --- Rezension in Vorb.

Details zur Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum (LVR) Bonn: hier (bis 18.01.2018)

Klosterkirche Marienrode (Hildesheim)
Immo Eberl: Die Zisterzienser.
Geschichte eines europäischen Ordens.
Stuttgart: Thorbecke 2002, 616 S.
Details zur Neuauflage 2007: hier
In der europäischen Kulturentwicklung ist der Zisterzienser-Orden ein Phänomen. Er breitete sich als klösterliche Reformbewegung im 12. Jahrhundert geradezu rasant in ganz Europa aus. Sein entscheidender Promotor ist Bernhard von Clairvaux (ca. 1090 - 1153). Ein Blick in die deutschen Landschaften - besonders östlich der Weser - markiert eindrucksvoll, wie sich aus einer oft menschenfeindlichen Natur durch  Landkultivierung und Architektur Zivilisation entwickelte und gleichzeitig prägend wirkte. Dazu trug auch in erheblichem Maß der weibliche Zweig des Ordens bei.
Vor uns liegt nun eine Gesamtdarstellung der Ordensgeschichte; die nicht bei der Frühzeit stehen bleibt, sondern die Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart auszieht. Es ist eine ausgesprochen sorgfältig recherchierte und umfassend aufgebaute Arbeit, der man allerdings noch ein ausführliches Register gewünscht hätte, um die verschiedenen Aspekte der Ordensgeschichte und Klöster auch über "Quereinstiege" leichter zu finden als in dem nur grobe Überblicke gewährenden Inhaltsverzeichnis. Dies schiene mir umso wichtiger, als die Geschichte des Zisterzienserordens auch über Europa hinaus bedacht wird. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Ordensgeschichte im nord- und ostdeutschen Raum sowie in Osteuropa und Skandinavien noch mehr zur Sprache gekommen wäre. Vielleicht geschieht das jedoch durch die weitere Arbeit des Autors.
Der Rezensent war übrigens mehrere Jahre Pfarrer in Hildesheim, zu dessen Gemeinde das von  Morimond (http://www.cistercium.info/kloster-m/morimond.html) gegründete, später der Hannoverschen Klosterkammer unterstellte Zisterzienserkloster Marienrode http://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Marienrode gehörte. Inzwischen hat sich dort ein Benediktinerinnen-Konvent http://www.kloster-marienrode.de/kloster/index.html angesiedelt, der die alte klösterliche Tradition wieder aufgenommen hat.
Das Gesamtkonzept des Autors Immo Eberl (Leiter des Stadtarchivs Ellwangen/Jagst und apl. Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Tübingen, kein Ordensmitglied!) geht von den Anfängen in Frankreich und der Schlüsselrolle des Bernhard von Clairvaux hin zu der langsam sich aufbauenden Favoritenrolle, die der Orden bei Fürsten, Grafen und Wirtschaftsleuten bis hin zum Vatikan spielte. Dabei kommen jedoch die Beschreibungen von Spiritualität, Architektur, Kunst, Wissenschaft und Liturgie im Orden keineswegs zu kurz, ja nehmen das Hauptgewicht im vorliegenden Buch ein.
Spannend ist, wie die ersten Entwicklungsphasen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts durch andere Tendenzen bereits im Spätmittelalter und in der Reformationszeit abgelöst werden, wie aber auch innere Streitigkeiten der verschiedenen Observanzen und das sich ändernde Weltbild durch Barock, Aufklärung und Säkularisation schließlich den Orden in den Niedergang und teilweise Auslöschung drücken. Dem folgt erst am Ende des 19. Jahrhunderts ein langsamer Wiederaufstieg, in der die strenge Observanz (vgl. S. 499ff) letztlich die höhere Attraktivität hat, unabhängig davon, dass der Orden zu allen Zeiten gut mit den jeweils modernen Kommunikationsmitteln umzugehen wusste und weiß (Manuskriptverbreitung, Buchdruck, Internet). – Dieses Buch macht es deutlich: Der Zisterzienserorden wird auch in Zukunft zu den gesellschaftlichen Reformkräften gehören, wenn auch nicht so plakativ wie im Mittelalter.

Weiteres zu Marienrode

Die Rezension des Buches von Immo Eberl erschien zuerst in:
Reinhard Kirste / Paul Schwarzenau / Udo Tworuschka (Hg.):
Wegmarken zur Transzendenz.
Religionen im Gespräch, Bd. 8 (RIG 8). Balve: Zimmermann 2004, S. 458-459 


Reinhard Kirste --- Rz-RIG8-Eberl-Cist,
bearbeitet 06.10.2015, 24.07.2017
 Mehr zum Zisterzienerorden: hier 
Altenberger Dom. Westfenster
Zisterzienser-Literatur im Klosterladen Eberbach
 Frankreich

Pauline de PrévalUne saison au Thoronet. 
Carnets spirituels.
Paris: Seuil 2015, 208 S.
«Il est des lieux qui vous habitent à peine y avez-vous pénétré et  ne vous quittent plus qu’ils ne vous aient transfiguré.
» Ainsi, pour  Pauline de Préval, de l’abbaye cistercienne du Thoronet. À l’écoute  du cantique de pierre et de lumière qui continue de s’y élever, la  jeune femme médite tout ce que ce lieu et les mystiques qui l’ont  inspiré peuvent encore insuffler à notre temps, à quelles  interrogations, angoisses ou espérances  ils continuent de répondre ... «


Julie Roux (réd.): Les Cisterciens.
Vic-en-Bigorre: MSM 1998, 2005, 225 S., Abb.


L'aventure cistercienne débute en 1098, lorsque Robert de Molesme, Albéric et Etienne Harding, animés par la volonté d'un retour à la Règle de saint Benoît, fondent, en un lieu appelé Cistels, leur Novum Monasterium. Avec Bernard de Clairvaux, l'Ordre de Cîteaux multiplie ses fondations. Appréciés des pouvoirs religieux et politiques, grands organisateurs, ceux que l'on a appelés les moines blancs façonnent une théologie mystique originale, tout en ouvrant de nouvelles voies à l'art et à l'architecture. Aujourd'hui encore, les fils spirituels des fondateurs de l'Ordre, membres de la grande famille cistercienne, continuent à en écrire l'histoire.


Paris: Collège des Bernardins






 ----- ehemalige Universität

     der Zisterzienser in Paris

Le Collège des Bernardins


 

 

 


Le Collège des Bernardins (dir.):
Préface: André Vingt-Trois ---
hors série , numéro 370  (septembre 2008)




Samstag, 22. Juli 2017

Koran-Übersetzungen in europäischen, türkischen und ostafrikanischen Kontexten (aktualisiert)

Christian Mauder / Thomas Würtz /
Stefan Zinsmeister (Hg.):
Koran in Franken. Überlegungen und Beispiele
 für Koranrezeption in fremden Kontexten.

Judentum – Christentum – Islam.
Interreligiöse Studien Bd. 15.
Würzburg: Ergon 2016, 199 S.
 --- ISBN 978-3-95650-220-0 ---


Buch des Monats April 2017
der InterReligiösen Bibliothek (IRB)


Wenn man den Titel „Koran in Franken“ hört, löst dies sicher zuerst Verwunderung aus. Mit diesem Thema beschäftigte sich eine Tagung im Jahre 2011. Bei genauerem Nachdenken hat man schon eine Ahnung, und die Herausgeber bestätigen es (S. 9): Der Dichter und Begründer der Orientalistik, der Franke Friedrich Rückert (1788 – 1866), wurde zu einer Art Leitmotiv: Rückert gelang es mit seiner Übersetzung von Teilen des Korans, die Poesie dieser Heiligen Schrift mit bewusst deutschen Rhythmen zur Sprache zu bringen. Dieser Versuch ist bisher einzigartig geblieben. Die berühmte Orientalistin Annemarie Schimmel war davon überzeugt, dass Rückerts „Über-Setzung“ immer noch die beste aller deutschen Übertragungen sei.
Das Buch wurde von drei jüngeren Theologen und Islamwissenschaftlern herausgegeben. Der Geschäftsführer der Rückert-Gesellschaft, Rudolf Kreutner, hat in seinem Geleitwort Friedrich Rückert als Übersetzer selbst sprechen lassen. Die vorliegenden Beiträge bieten allerdings keine koranische Regionalgeschichte, sondern sie zeigen vielmehr, wie die Rezeption des Korans in unterschiedlichen regionalen und kulturellen Kontexten eine eigene Dynamik entwickelt. Das wird durch den Untertitel bereits deutlich.
So wird nach einleitenden Überlegungen natürlich ein fränkischer Schwerpunkt gesetzt, um von dort weitere Kontexte zu berücksichtigen und Übersetzungen, z.B. das Türkische oder das Swahili einzubeziehen.
Damit man aber die Bedeutung Frankens für Koranübersetzungen seit dem Ende des Mittelalters wirklich wahrnimmt, stellt der Erlanger Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin unter dem Titel: Der Koran in Franken [deutsche] Übersetzungen des arabischen Originals vor. Er erläutert dazu die historischen Hintergründe und auch eine gewisse Offenheit der lutherischen Theologie gegenüber dem Koran. Letztere hängt mit der Wirkung von Georg Calixt (1586–1656) zusammen. Er war von Melanchthons Theologie und dem Humanismus gleichermaßen beeinflusst. Er lehrte an der damals bedeutenden Universität Helmstedt.
Die vollständige erste deutsche Koran-Ausgabe erschien 1616 in Nürnberg von Salomon Halbmeier, 1623 ebenfalls in Nürnberg von Salomon Schweigger; eine Latein-Übersetzung 1543 in Basel von Johannes Oporinus. Eine Überarbeitung der Schweiggerschen Ausgabe erfolgte 1559 wieder in Nürnberg. Im 18. Jahrhundert fällt zuerst die Übersetzung der englischen Ausgabe des Schotten Alexander Ross „The Alcoran of Mahomet“ (1649) ins Gewicht. Sie benutzte der aus Nürnberg stammende lutherische Theologe David Nerreter (1703) für seine Verdeutschung und Widerlegung. Der Schweinfurter Sprachgelehrte Friedrich Rückert wird dann intensiv gewürdigt: Seine „Koranübersetzung ist vor allem deshalb so einzigartig, weil sie sich in Stil, Rhythmus und Sprachklang engstens an das Original anlehnt und ihm meisterhaft nachempfunden ist“ (S. 33). So sieht man sehr klar, dass Franken für die Übertragungen des Korans ins Deutsche eine wesentliche Bedeutung gewonnen hat.
Gewissermaßen einen kleinen Praxistest dazu unternimmt der Bochumer Islamwissenschaftler Dara Alani: Eine sprachliche Untersuchung der vielschichtigen Erzählung über das Abraham-Opfer (Genesis 22, Sure 37). Als ein im Koran geoffenbarter Text wird die Notwendigkeit deutlich, zum Verstehen alle zur Verfügung stehenden sprachanalytischen und hermeneutischen Methoden zu nutzen.
Was haben der „Koran in Franken“ sowohl mit der modernen arabischen Literatur wie dem religiösen Erbe gemeinsam? fragt die Berliner Islamwissenschaftlerin Susanne Enderwitz.  Sie erinnert an die allegorische Deutung koranischer Mythologie im 20.Jh. Zur Konkretion zieht sie literarische Beispiele aus Ägypten heran: Nagib Mahfus, Taha Husain und ´Ala al-Aswani. Sie stehen alle auf der Seite eines aufgeklärten und sufisch gefärbten Islam und geraten dadurch in Gegensatz zu den herrschenden (diktatorischen) Machteliten. Zu hoffen bleibt, dass die arabische Literatur stark genug ist, die Rückschläge nach dem arabischen Frühling zu verkraften und weiterhin Impulse für die Zukunft zu setzen.
Der Spezialist für das orientalische Christentum, Martin Tamcke (Universität Göttingen), unterzieht den Koran einer transkulturellen hermeneutischen Prüfung aus christlicher Sicht. Hier gilt zuerst die Verschiedenheit von Christentum und Islam festzuhalten. Der Autor hinterfragt die gängige Meinung des Christentums als Buchreligion. Vergleiche zwischen Bibel und Koran sind auch deshalb schwierig, weil der Koran den Anspruch hat, unmittelbar Gottes Wort zu sein. Eine interreligiöse Zwiesprache im Sinn von Martin Buber erscheint als die angemessenste Möglichkeit (S. 76). Das Ziel wäre also ein gemeinsames Lernen am Koran, „das der Verschiedenheit Rechnung trägt und doch geprägt ist von der Suche nach dem Gemeinsamen“ – im Sinne gemeinsamer religiöser Basis (S. 77).
Das 19. Jahrhundert brachte für die Kunst(lehre) des Übersetzens einen wichtigen Schub. Hans-Peter Pökel (Freie Universität Berlin) geht in seinem Beitrag Lost Translation – Der fremde Koran im neunzehnten Jahrhundert von Friedrich Schleiermachers hermeneutischem Konzept aus. Die Schwierigkeiten des Übersetzens als Übertragen in die Gegenwart wirken sich natürlich entsprechend auf das Verständnis des Korans aus. Das haben auch der französisch-israelische Schriftsteller André Chouraqui und der Philosoph Walter Benjamin betont. Denn welcher Bedeutungsgehalt soll vermittelt werden? Die Koran-Editionen des 19. Jh.s zeigen zwar immer wieder ins Spiel kommender negativer Vorverständnisse, aber es gibt auch ein positives Bemühen: Man will den Koran innerhalb der drei monotheistischen Glaubensdokumente sachgemäß verorten und anerkennt damit die geistige Nähe der drei Religionen.
Ausführlich bearbeitet Thomas Würtz (Katholische Akademie und FU Berlin) Chancen und Schwierigkeiten deutscher Koranübersetzungen an Sure 21,107. Hier steht der Gedanke der Barmherzigkeit jeweils im Mittelpunkt. Der Autor macht sich die Mühe, die Übersetzungen von 1616 (Salomon Schwaigger) bis 2009/2010 (Milad Karimi, Hartmut Bobzin) nachzuverfolgen. Er wirft dann noch einen Blick auf Koranübersetzungen in Englisch, Französisch, Türkisch und Persisch. Weil das Übersetzungsgeschehen mehr sein muss als bloße Mitteilung, müsste im Grunde  der Koran in der neuen Sprache auch neu klingen (S. 153).
Unter türkischen Vorzeichen zeigt Hüseyin  Ağuiçenoğlu (PH Weingarten) wie das absolute Koranverständnis als geoffenbartes Wort Gottes im Osmanischen Reich Übersetzungen des Heiligen Buches lange verhinderte. Erst 1841 erschien eine türkische Ausgabe. Die Entstehung des (säkularen) Nationalstaates verdrängte das Arabische. Der arabische Originaltext des Korans wurde dadurch zur Ritualsprache. Mit dem Ende des republikanischen Deutungsmonopols erfuhr die Koranexegese in der Türkei eine beachtliche Viefalt. Das sich in letzter Zeit wieder verschärfende Problem ist jedoch, dass neben dem kemalistisch-laizistischen Islam die traditionell-islamistische Korandeutung zunehmend an Boden gewinnt. Die Auffassungen der Diyanet-Behörde haben hier jeweils Deutungshoheit. Im Jahre 2011 verweist der Autor allerdings noch zurückhaltend auf zunehmende Absolutheitsansprüche.
Ähnlich stellt sich auch die Situation der Swahili-Übersetzungen dar, wie John Chesworth (Universität Birmingham) beschreibt: The Quran in Swahili Translations, Tensions and Teachings. Seine Beispiele stammen aus der Küstenregion Ostafrikas und aus Sansibar. Die religiösen Lehrer in Lamu, Mombasa und Sansibar misstrauten Swahili-Übersetzungen des Korans aus ähnlichen Überlegungen, wie sie auch Hüseyin  Ağuiçenoğlu benannt hat. Interessanterweise erschienen die ersten Übersetzungen auf Seiten des Christentums und der als nicht orthodox angesehenen Ahmadiyya: 1923 in England (!). dann 1953 und 1969 in Nairobi: Weitere Übersetzungen erschienen in Dubai 1995 und 2003 in Daressalam, die 2. Aufl. 2008 in Qom, Iran (also aus schiitischer Perspektive). Immerhin, die Muslime an der Küste Ostafrikas konnten nun den Koran in ihrer Sprache leichter verstehen. Dies bedeutete zugleich auch eine bessere Verständigung für die Begegnung von Christen und Muslimen unter Heranziehung ihrer Glaubensurkunden in der Volkssprache.
Eine interessante Tendenz erwähnt der vom Autor nicht herangezogene Religionswissenschaftler Klaus Hock (Universität Rostock). Er hatte schon 1987 (Köln u.a.: Böhlau) in seiner Studie „Gott und Magie im Swahili-Islam“ die flexible Haltung dieser ostafrikanischen Variante des Islam betont: „Der Islam hat es nicht nötig, neue religiöse Ausdruckformen aus sich selbst heraus zu setzen, da ihm viele Formen traditioneller Religiosität in Regionen außerhalb des islamischen Zentrum kompatibel sind.“ (aaO S. 153). Vgl. Rezension des Buches in "Ein-Sichten"
Bilanz
Das Buch macht insgesamt deutlich, dass die Begegnung mit dem Koran in deutscher Sprache die grundsätzlichen Fragen einer sich ändernden Koranrezeption aufwirft. Die verschiedenen kulturellen Bedingungen und Geschichtsentwicklungen dürfen dabei nicht außer Acht gelassen werden.
Der Weg vom arabischen Original in die Volks- und Landessprachen hat auch eine Veränderung islamischer Vorstellungen zur Folge. Darin zeigt sich nicht nur die Flexibilität des Islam als „Volksreligion“, sondern auch die Anpassungsfähigkeit und Transfer-Notwendigkeit, um den Glauben authentisch, überzeugend und aktualisierend unter den jeweiligen Zeitbedingungen zu leben. Das sei allen Fundamentalisten ins Stammbuch geschrieben !

Aktuell:
Politischer Islam in Ostafrika (Länderbericht KAS, 21.07.2017) 
Reinhard Kirste

Rz-Mauder-Koran in Franken, 31.03.2017