Montag, 15. August 2022

Fethi Benslama - Analysen zum radikalisierten Islam (völlig überarbeitet und aktualisiert)

Fethi Benslama wurde  am 31. August [1951 (?)]1961 in Tunis geboren. Er kam 1972 nach Frankreich und studierte dort Psychologie und Psychopathologie  an der Universität Paris VII und zugleich Anthropologie an der  École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS). Dort wurde er stark von dem Psychoanalytiker Georges Devereux beeinflusst. 

Nach dem Abschluss seiner Studien arbeitete er zwischen 1985 und 2000 als klinischer Psychologe und forschte über die Gesundheit von Migranten und ihren Bezug zur modernen Medizin. Inzwischen ist er Professor für Psychoanalyse an der Universität Diderot in Paris. 

Er gilt als einer der wichtigsten französischsprachigen Forscher zu den Strömungen des Islamismus. Er ist Mitglied der tunesischen Akademie der Wissenschaften sowie Autor zahlreicher Bücher über Psychoanalyse und den Islam in seinen individuellen, historischen und gegenwärtig sozialen Ausprägungen. 
In Frankreich erschien im Frühjahr 2016:
Un furieux désir de sacrifice. Le surmusulman. Paris: Seuil 2016, 151 pp. 


Deutsche Ausgabe: Der Übermuslim.
Was junge Menschen in die Radikalisierung treibt
 

--- Berlin: Matthes & Seitz 2017, 160 S.

Verlagsinformation: hier 

Fethi Benslama / Farhad Khosrokhavar: LE JIHADISME DES FEMMES.
 
[ = Der Djihadismus der Frauen]
Paris. Seuil 2017, 112 pp. --- Rezension: hier

Zum systematischen Verstehen:
 La psychoanalyse à l'épreuve de l'islam.
Paris: Flammarion 2013

Mit Leseprobe und Inhaltsverzeichnis

Deutsch: Wie der Islam die Psychoanalyse auf die Probe stellt.
Berlin: Matthes & Seitz 2017, 350 S.
Diese in französisch bereits 2013 erschienene analytische Untersuchung zum Islam ist inzwischen zu einem Standardwerk zum besseren Verstehen islamistischer Strömungen geworden. Von den Anfängen bis in die Gegenwart wird die Unterordnung der Politik unter die Religion zum Problem - und auch zur gesellschaftlichen Gefahr. Hier steht der Islam auch psychoanalytisch auf dem Prüfstand.

Übrigens lohnt bereits ein Blick in den schon 1998 herausgegebenen Titel
(als Taschenbuch 2004), gewissermaßen eine grundsätzliche Vorarbeit zu diesen weiteren Veröffentlichungen: 

Fethi Benslama / Nadia Tazi (dir.): La virilité en islam
(= über männliche Dominanz im Islam)
La Tour d'Aigues: Édition de l'Aube 2004, 275 pp.
 


Vgl. in  diesem  Zusammenhang  auch Olivier Roy, u.a. mit dem Buch:
Le djihad et la mort. Paris: Seuil 2016, 171 pp.: 

Deutsche Ausgabe „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors.Aus dem Französischen von Christiane Seiler. München: Siedler  2017
Als beunruhigendes Beispiel der Analysen von Fathi Benslama sei an Salman Rushdie erinnert, dessen Roman "Die satanischen Verse" zur permanenten Lebensbedrohung geworden sind.



Engel - mit und ohne Flügel - Kleine Einblicke in Religion und Kunstgeschichte (aktualisiert)

Angels can fly because they take themselves
 so lightly.

G.K. Chesterton (1874-1936),
englischer Schriftsteller

Die Vielfalt des Themas "Engel" ist unüberschaubar, aber immer wieder faszinierend.
Der Alttestamentler Claus Westermann  (1909-2000) schrieb vor Jahrzehnten ein kleines Büchlein:
Claus Westermann:
Gottes Engel brauchen keine Flügel.
Stuttgart: Kreuz-Verlag 1978, 126 S.
Dort hat er geradezu genial das Engel-Thema auf den Punkt gebracht (aaO S. 9):
"Käme kein Engel mehr, dann ginge die Welt unter. Solange Gott die Erde trägt, schickt er seine Engel. Die Engel sind älter als alle Religionen - und kommen auch noch zu den Menschen, die von Religion nichts mehr wissen wollen".
Ausgehend vom Wort
 "Engel", das wörtlich übersetzt "Bote" bedeutet, stellt Westermann die vielen Typisierungen von Engeln dar, ihre Stärke und ihre Schönheit, - ihre Gestaltformen mit und ohne Flügel, ihre Gewänder, ihre "Werkzeuge", z.B. kriegerisch mit dem Schwert und Frieden anstimmend mit Musikinstrumenten oder im Chor singend. Sie zeigen an, dass sie von einer anderen Welt kommen - Boten des Lebens und Boten des Todes.  Als Boten Gottes, als Kommen seines Glanzes, seiner Nähe, seines Trostes, seiner Botschaften und Warnungen erscheinen sie in vielen ebenso schönen wie dramatischen Geschichten der Bibel. Nicht immer werden dabei Namen genannt wie Gabriel oder Michael, oft heißt es einfach "der Engel Gottes".
Westermann betrachtet die biblischen Engelgeschichten und gibt den Lesenden eine sachgemäße Orientierung. Sein Buch stellt - lange vor dem modernen "Engel-Boom" verfasst - eine solide, spannende und hilfreiche "Engel"-Einführung im Horizont der Bibel dar. 
Im Rahmen einer Unterrichtsgestaltung erschien von Susanne Drewniok
im
"Loccumer Pelikan" , Nr. 02/2001 (Hg.: Religionspäd
agogisches Institut Loccum) ein Unterrichtsvorschlag zum Thema "Engel", der sich besonders an Schülerinnen und Schüler der 4. und 5. Klasse richtet. Dort hat die Autorin die biblischen und kunsthistorischen Bezüge im Blick auf die Engel knapp und übersichtlich herausgearbeitet:
Biblisch-theologische Überlegungen
>Die christlichen Vorstellungen vom Sein und Wirken der Engel basieren auf den älteren religiösen Erfahrungen der Frühkulturen des Mittelmeerraumes.< In vielen Religionen finden sich Vorstellungen von Engeln in Tier- oder Menschengestalt und mit Flügeln versehen. Sie sind Wesen, die Göttern oder höheren Mächten dienen. „Die biblisch-christliche Tradition von den Engeln steht somit in einem großen religionsgeschichtlichen Zusammenhang." Nach Westermann werden in der Bibel mit dem Begriff Engel zwei Arten von Wesen bezeichnet, die ganz verschiedenen Vorstellungskreisen angehören: die Boten Gottes einerseits und die himmlischen Wesen in Gottes Hofstaat andererseits. Engel sind zu verstehen von ihrer jeweiligen Aufgabe her. Ob sie existieren, wie sie aussehen, ob sie Flügel haben oder nicht, ist dabei überhaupt nicht wichtig. Entscheidend ist, was sie mit den Menschen tun, denen sie begegnen: Sie reden (Lk 2), schützen (Gen 19), begleiten (Mt 4), führen (Ex 14), aber sie kämpfen (Gen 32) und töten (2.Kö 19) auch. Und sie lassen die Menschen nach einer Begegnung verändert zurück.
 „Es sind nicht dieselben Augen, die den Engel fortgehen sehen, wie die, die ihn kommen sehen. Das Entscheidende geschah dazwischen: Ihre Augen wurden aufgetan."
Engel überwinden die Distanz zwischen den Menschen und Gott, die Begegnungen mit ihnen sind eigentlich Gottesbegegnungen. Engel ereignen sich in ihrer Funktion. Über die Begegnung mit einem Engel ermöglicht Gott einem Menschen eine Veränderung seiner Wahrnehmung, das Treffen einer Entscheidung oder einen Impuls zum Handeln.
In der Bibel treffen Engel die Menschen in Alltagssituationen an, bei der Arbeit, vor dem Zelt, auf einem Weg. Sie deuten darauf hin, dass in diesen Situationen Gott am Wirken ist. Engel sind eine Möglichkeit, Gott zu begegnen.
Die Vorstellung von Engeln, besonders von Schutzengeln, ist vielen heutigen Menschen vertraut. Der Autoaufkleber „Fahre nicht schneller, als dein Schutzengel fliegen kann!" ist durchaus akzeptiert, und löst auch bei Menschen, die sich selbst als nicht-religiös bezeichnen, kein überlegenes Lächeln aus. Vielleicht hat sich der Schutzengel in unserer Gesellschaft aus dem Kontext christlicher Tradition herausgelöst und wird von vielen Menschen als säkulares Symbol für den Wunsch nach Bewahrung wahrgenommen.

Kunstgeschichtlicher Überblick
Der Barlach-Engel in der Antoniter-Kirche, Köln

Engel werden seit dem späten vierten Jahrhundert als geflügelte Wesen, meist mit zwei Flügeln und einem Nimbus dargestellt. „Sie sind Jünglinge oder Männer, meist von einer ihre Würde betonenden besonderen Höhe der Gestalt; bekleidet sind sie mit leuchtend weißen Gewändern, den Zeichen der vollkommenen Reinheit ..." Als Boten Gottes tragen sie manchmal einen langen Botenstab in der Hand und um den Kopf ein Stirnband. Bei der Verkündigung an Maria wird dem Engel häufig ein Lilienzweig in die Hand gegeben. „Im Mittelalter und der Frührenaissance werden die Engel zunehmend androgyn oder mädchenhaft dargestellt." Ab jetzt finden sich auch immer mehr musizierende Engel. Kinderengel und geflügelte Engelköpfe (Ausdruck ihrer „Nicht-Leiblichkeit") kommen ab dem 12. Jahrhundert vor. Im Barock treten sie dann als Putten in Erscheinung. „Im 19. Jahrhundert erfuhr die Darstellung des persönlichen Schutzengels (vor allem von Kindern) einen starken Aufschwung." Eine der aussagekräftigsten Gestalten des 20. Jahrhunderts ist Barlachs schwebender Engel seines Ehrenmals im Güstrower Dom.
Die Cherubim erscheinen als Personifikation der Allmacht Gottes bereits ab dem sechsten Jahrhundert. Sie sind die Hüter des versperrten Paradieses, die Wächter der Bundeslade und als tetramorphe (viergestaltige) Wesen die Träger des Thrones Gottes. Als sechsflügelige Wesen mit vielen Augen sind die Seraphim dargestellt. Ihre Aufgabe ist die Anbetung Gottes. Die vier Erzengel, die Fürsten unter den Engeln, haben Namen und bestimmte Funktionen: Michael nimmt den höchsten Rang ein. Er wird als Krieger, Überwinder des Teufels und Seelenwäger im Endgericht dargestellt. Raphael ist vor allem Beschützer und Begleiter guter und leidender Menschen. Gabriel ist der Engel der Verkündigung. Uriel wurde mit dem Engel identifiziert, der am Grab Christi erschien.
Weitere Hinweise:
Universität Duisburg-Essen, Institut für Ev. Theologie (2007):
Literaturauswahl zum Thema "Engel" >>>

HimmelsErscheinung

 Creative Commons -- CC




Sonntag, 14. August 2022

Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Berlin - EZW-Texte - mit Downloads

 EZW-Texte
Die Schriftenreihe zu Religion und Weltanschauung
Die „EZW-Texte“ bieten ausführliche Informationen zu ausgewählten Themen. Ab dem Jahr 2022 stellen wir Ihnen die EZW-Texte (pro Jahr drei bis sechs Hefte) in digitaler Form zur Verfügung. Der Abonnementversand per Post wurde zum Jahresende 2021 aus Kostengründen eingestellt.
Künftig können Sie ein digitales Abonnement abschließen oder die Hefte im Einzeldruck beziehen („print on demand“).


Link zur EZW und zu den Publikationen >>>

Zugang zu den bisherigen Heften
  • Die gedruckten EZW-Texte (bis zur Nummer 273) 
    können Sie hier nach wie vor kostenlos bestellen.

Samstag, 13. August 2022

Rezensionsarchiv der InterReligiösen Bibliothek (IRB): Autoren - Texte - Themen - Buchreihen (Open Access)

 


Zugang zu allen Besprechungen

Acces to all presentations

Blog-Ein-Sichten -
Buch- und Medienvorstellungen
der InterReligiösen Bibliothek (IRB)





Thematische Einblicke, Buchreihen 

BÜCHERARCHIV mit Downloads

Freitag, 12. August 2022

Ahmad Milad Karimi: Be-Gründungen islamischer Theologie im Horizont der Moderne (aktualisiert)



Ahmad Milad Karimi (geb. 1979 in Kabul) gehört zu den wichtigsten reformorientierten Islamwissenschaftlern der Gegenwart. Er stammt ursprünglich aus Afghanistan. Als Theologe, Dichter und Koranübersetzer  entwickelt er im inneren Dialog zwischen Glaube und Wissenschaft eine eigenständige, islamische Theologie. Mit ihrer Hilfe ist zugleich an achtsamer Transfer in die Gegenwart möglich. Hier liegt auch die Motivation, sowohl den interreligiösen Dialog voranzutreiben, als auch die Herausforderungen der Moderne bewusst aufzunehmen.

Als Wissenschaftler und Poet verbindet er Quellenforschung  mit theologisch-religionspädagogischer Lehre, seit Juli 2016  in seiner Funktion als stellvertretender Leiter des
Zentrums für islamische Theologie (ZIT) der Universität Münster. 
As publizistische Basis hat er auch den Verlag Kalam in Freiburg gegründet.
Dort escheinen wichtige wissenschaftliche Beiträge im Horizont islamischer Theologie, Philosophie und Religionspädagik
Mehr Informationen: hier >>>


Milad Karimi: Gespräche im Schweizer Fernsehen: 
Sternstunde Religion | SRF Kultur


Ahmad Milad Karimi: HINGABE. 
Grundfragen der systematisch-islamischen Theologie. 

Freiburg/Br. : Rombach 2015, 2. korr. und überarb. Aufl., 215 S.
--- ISBN 978-3-7930-9823-2 ---

Der vorliegende Band hat eine längere Entwicklungsgeschichte hinter sich. Er bildet die systematische Aufarbeitung von Beiträgen und Diskussionen, die dieser umfassend denkende islamische Theologe z.T. schon vor seiner Berufung nach Münster in Freiburg geführt hat. Das hat den Vorzug, dass er auch einzelne Positionen islamischer Theologie kritisch hinterfragt, und zwar im Zusammenhang von Glaube und Identität, in der Annäherung an das Geheimnis Gottes und in einem Offenbarungsverständnis, das die menschliche Erfahrung zum Ausgangspunkt macht. Ein weiterer Vorzug ist, dass hier zugleich ein dialogischer Ansatz vorliegt, der islamisches Glaubensverständnis an westlichen philosophischen und theologischen Positionen spiegelt. Dadurch gelingt Karimi eine theologische Brückenfunktion zwischen Ost und West, die er in eine fragende Kritik kleidet: „Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit die Rede von einer theologischen Erkenntnis gerechtfertigt ist? Wie ist aber diese Erkenntnis überhaupt möglich und mithin kommunikabel?“  (S. 17).

Die Grundlage des Glaubens, der Koran, und die Beachtung der Tradition (Sunna) bilden in diesem Buch das spirituelle Zentrum. Den Autor hindert dies jedoch keineswegs daran, sich bewusst als kritischer Ausleger zu verstehen, dessen Hermeneutik methodischen, exegetischen und historischen Kriterien standhalten muss. So ist auch die islamische Theologie (übrigens von Anfang an) dem Logos und nicht dem Mythos verpflichtet. Der Rezensent fühlt sich an Rudolf Bultmanns Forderung zur „intellektuellen Redlichkeit“ erinnert. Insgesamt versucht Karimi, eine genuin islamisch-theologische Anthropologie zu konzipieren. Was hier bereits erahnt werden kann und sich im Grundlagenteil herausschält, ist eine sachliche Nähe zur Hermeneutik westlicher Philosophie und christlichen Theologie. Immer wieder wird darum der Lesende u.a. an Aristoteles, Kant, Hegel und an Sören Kierkegaard verwiesen. Darüber hinaus spürt man, dass Karimi von seiner eigenen theologischen-spirituellen Tradition eine innere Nähe zu Plotin, den neuplatonisch-mystischen Strömungen zum Ausdruck bringt. Attar, Rumi, al-Ghazali, an-Nasafi und al-Kindi kommen entsprechend zur Sprache.


Im Abschnitt I: Glaube und Identität entwickelt er unter Bezug auf die islamische Tradition, aber auch mit Hinweis auf Martin Heidegger eine auf Existenz / Ek-sistenz bezogene Glaubenslehre. Diese lässt sich nicht endgültig dogmatisch fixieren. Um es mu’tazlitisch zu sagen: „Wir erringen unseren Glauben in jedem Augenblick mit unserer Handlung“ (S. 38). Gott in seiner Offenbarung wird als das Unbedingte vom Herzen wahrgenommen (S. 57) und entzieht sich der Verfügungsgewalt der ratio (S. 58). Friedrich Schleiermacher und Paul Tillich scheinen hier nicht fern zu sein …


Gott und Differenz, der Abschnitt II, hebt die wesensmäßige Unterscheidung von Gott und Mensch hervor. Karimi betont zugleich den Ursprung des Menschen von Gott her aufgrund der Schöpfung. M.a.W. man kann nicht von Gott reden, ohne vom Menschen zu reden. Unter Bezug auf Kierkegaard und Jaspers betont er: Das Verhältnis des Menschen zu sich selbst „ist „die Bedingung seiner Möglichkeit zu Gott“ (S. 74). Der Mensch existiert im Grunde nur in Bezug auf Transzendenz (S. 76). Darin liegt zugleich die Notwendigkeit der Frage nach Gott. Nun lebt der Mensch nicht für sich allein, sondern von Bezügen, er lebt entscheidend von seiner Möglichkeit her, er lebt vom Anderen. „Damit geht die Einsicht einher, dass der Bezug des Menschen zu Gott, worum willen er überhaupt existiert, in Wahrheit der Bezug zu seinem eigenen Selbst ist“ (S. 81). Das kann nicht über den Verstandesbeweis verifiziert werden, sondern durch entsprechendes Verhalten – als Hingabe und Dienst für Gott. Die folgenden Passagen werden allein schon deshalb spannend, weil Karimi sich hier offensichtlich auf Gedankengänge einer theologia negativa (was Gott nicht ist …) einlässt, wie sie die rheinischen Mystiker – Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse – zum Ausdruck gebracht haben. Die menschlichen Gottesbilder werden zu nichts (zu-nichte) gemacht. Gott entzieht sich allen menschlichen Kategorien und bleibt namenlos (so wie auch in der Begegnung des Mose mit JHWH, dem „Ich bin, der ich bin,“ im brennenden Dornbusch, Ex. 3). Aber Karimi will hier nicht stehenbleiben und betont Gott als die absolute Einheit (was sicher unterstützend Ibn Arabî, aber auch Heinrich Seuse so sagen würden). Gott lässt damit in seiner reinen Identität keinerlei (differenzierende) Anschauung zu. Wie sind von daher die Eigenschaften und seine Offenbarung zu sehen? Karimi kommt darauf noch zu sprechen. Hier wehrt er sich erst einmal gegen den (klassischen) Pantheismus. Angesichts der „reinen Unmittelbarkeit“ Gottes soll aber doch gefragt werden, ob nicht eine pan-en-theistische Annäherungsweise an das transzendente Geheimnis Gottes deshalb möglich sein könnte. Im andern Falle droht Gott im Nebel der Metaphysik zu verschwinden, so dass man mit dem Kratylos bei Platon und Ludwig Wittgenstein nur noch schweigen kann.



Gottes Absolutheit sieht für Karimi so aus, dass die Überschreitung des Endlichen zum Unendlichen hin noch keine Annäherung an seine Transzendenz bedeutet. Daraus muss folgen, dass Gott in seiner Essenz und Transzendenz die Immanenz mit umfasst. Ob das wirklich jeglicher (christlicher) Trinitätstheologie zuwiderläuft (vgl. S. 96), sei deshalb hier angefragt, weil auch in der mittelalterlichen christlichen nicht mit einem Personenbegriff im heutigen Sinne gearbeitet wird. Die damit nicht behobene Schwierigkeit, von Gott zu reden, wird u.a. mit der Verhältnisbestimmung von Potenz und Akt angegangen: Gottes unendliche Möglichkeit (potentia) enthält und eröffnet eine bestimmte „Realisierung“ (actus), denn auch nach Aristoteles ist das Unendliche noch nicht realisiert. Das lässt sich christlich vielleicht sogar korrelativ-trinitarisch formulieren. Allerdings scheint die islamische Theologie (von den Mu‘taziliten abgesehen) generell eine Potenzialität in Gott nicht zuzulassen (S. 168). Vorläufig aber folgert Karimi in der Wechselbestimmung von Endlichem und Unendlichem (ganz im Sinne Hegels): „Gott ist nicht einfach jenseitig oder diesseitig, sondern ortlos im Ganzen gegenwärtig“ (S. 106f) und in diesem Sinne mit der Welt verbunden. Wenn Gott also in keiner Weise zu vereinnahmen ist (also inkommensurabel). Von daher wird es spannend, wie von den Attributen/Eigenschaften Gottes theologisch zu reden ist, da ja hier auf eine innere Differenzierung abgehoben wird. Die verschiedenen Denkschulen des Islam haben dieses Problem gesehen und unterschiedlich beantwortet, denn es muss Gottes Einheit angesichts seiner Attribute festgehalten werden. Da Widersprüche allein der erkennenden Vernunft zukommen (so Hegel), kommt man aus diesen auch faktisch nicht heraus. Immerhin: Gottes Eigenschaften sind als ewig anzusehen. Wie aber sieht die Vermittlung hin ins Menschliche aus? Warum erschafft Gott die Welt und warum ist nicht vielmehr nichts? (S. 140). Gott als der unbewegte Beweger nach Aristoteles ist für Karimi auch der Eckpunkt, dass Gott nur als (ewig) Handelnder gedacht werden kann. 


Er bringt aus dem Nichts das Nichts zum Sein (S. 146).

Die Offenbarung Gottes – Abschnitt III wirft von dem Gesagten her das Problem auf, dass die Mitteilung Gottes scheinbar im Widerspruch zu seiner Einheit steht. Christlich würde man sagen, Gott entäußert sich! Dem Islam als Offenbarungsreligion „geht es um die Enthüllung des Verborgenen im expliziten Akt einer kommunikativen Zuwendung“ (S. 175). Sie scheint nicht nur möglich, sondern geradezu notwendig zu sein. Die Einheit Gottes wird aber dennoch vollständig gewahrt, weil Gott in sich keinen Unterschied kennt (S. 182). Nur der Verstand will immer wieder Trennungen durchsetzen und beweist damit nur seine Endlichkeit. Die Offenbarung entspricht darum per definitionem nicht dem verstandesmäßigem Zugang (S. 181). Wenn nun aber Gottes Wort menschlich vernehmbar wird, erhebt sich die Frage, wie dies geschieht. Am Beispiel des Propheten Mohammed lässt sich zeigen, dass die existentielle Erfahrung unabdingbar ist und Mohammed zum konstitutiven Moment dieser Offenbarung und damit zum Vorbild wird (S. 191). Nun hat aber der dem Propheten Mohammed geoffenbarte Koran durchaus verschiedene Wahrnehmungsaspekte, wie aus den jeweiligen Passagen (übrigens auch in der Bibel) deutlich wird. Das ist weit entfernt von jeglicher theoretischen Ableitung. Daraus folgt, eine notwendige Vergegenwärtigung der Offenbarung an Mohammed. Als Rezitation des Korans wird sie „immerfort und immer wieder neu“ wiederholt (S. 190). Das hat zugleich ästhetischen Charakter: Im Koran als Ereignis wird das Erscheinen der Schönheit Gottes erlebt. Und im Akt des Glaubens avanciert die Offenbarung des Korans zur Quelle des Lebens“ (S. 198f).

Bilanz

Beim Lesen dieses Buches geschieht etwas Erstaunliches: Hier kommen wichtige Denker der philosophischen und theologischen Tradition aus Islam und Christentum ins Gespräch, ohne dass religiöse Grenzziehungen noch relevant sind. Da geht es nicht mehr um die Positionierung in der jeweiligen Tradition, sondern um die Schwierigkeit etwas von dem zu sagen, was sich nicht sagen lässt: Erkenntnisversuche hin zum Transzendenden und zur Begegnung mit Gott. Aber angesichts der Begrenzungen menschlichen Denkvermögens wird die Spannung von annähernder Vernunft und zukommender Offenbarung (durch das Wort des Korans) nicht nur deutlich, vielmehr eröffnet sich auch eine Dimension der Erfahrung von Wahrheit, die allerdings auch eine Kunstlehre des Verstehens (Friedrich Schleiermacher) voraussetzt. Anders formuliert: An der Wahrheitsfrage orientiertes Verstehen setzt eine darauf bezogene Methode voraus. (vgl. Hans-Georg Gadamer). Angesichts solcher Wahrheitszugänge zeigt sich die Ratio in ihrer Beschränktheit. Erfahrungen des „von dort“ lassen sich nur annäherungsweise, aber immerhin in poetischer Schönheit „hier“ ausdrücken.

Milad Karimi hat sich mit diesem Buch intensiv nicht nur auf die Vielfältigkeit islamischer Philosophie und Theologie eingelassen, sondern auch auf westliche Denktraditionen und Hermeneutiken unter der systematischen Voraussetzung der „Hingabe“. Es gelingt ihm in dieser Darstellung ein ost-westlicher Brückenschlag im Kontext von Glauben und Verstehen. Das haben in dieser Weise bisher nur wenige geleistet. Zumindest Abdoldjavad Falaturi (1926–1996) sei hier in Erinnerung gebracht.

Vgl. z.B. seinen Beitrag: Überlegungen zu den Quellen der Philosophie und Religion.
Abgedruckt in: Reinhard Kirste / Paul Schwarzenau / Udo Tworuschka (Hg.): Interreligiöser Dialog zwischen Tradition und Moderne. Religionen im Gespräch, Band 3 (RIG 3).
Balve: Zimmermann 1994, S. 13–24: 
https://docs.google.com/file/d/0B35EiO88xc00MmU0YkNjTklpSkU/edit?pref=2&pli=1

Eine systematische Theologie – bezogen auf Koran und Bibel – die wirklich die antiken, mittelalterlichen und neuen Denktraditionen aufnimmt, hat das Zeug zur Versöhnung in glaubender Verschiedenheit. Die geschichtsphilosophisch und theologisch angelegte Diskussion der unterschiedlichen Denkvoraussetzungen hebt wichtige Orientierungspunkte heraus. Sie ermöglichen, die verschiedenen Glaubenszugänge in islamischen und christlichen Theologien besser zu verstehen. Karimis Buch ist ein wichtiger Schritt dorthin.


Weitere Titel und Beiträge von Milad Karimi

  • Grundmuster islamischer Denktraditionen in neuem Licht --- 
    Licht über Licht. Dekonstruktion des religiösen Denkens im Islam 
  • Freiburg: Karl Alber (Herder) 2021, 952 S. - Das Werk ist Teil der Reihe: 
     falsafa. Horizonte islamischer Religionsphilosophie 1


  • Herausgeber von falsafa 

    Jahrbuch für islamische Religionsphilosophie /
    Yearbook for Islamic Philosophy of Religion




    Rz-Karimi-Hingabe, bearb. 04.05.2018  u.ö.