Freitag, 20. Januar 2017

Jan Assmann zur Gewaltproblematik des Monotheismus

Cover: Totale Religion

Jan Assmann Totale Religion

Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung


Picus Verlag, Wien 2016

ISBN 9783711720450

Gebunden, 184 Seiten, 20,00 EUR


KLAPPENTEXT

Die weltweite Bedrohung durch religiös motivierten Terrorismus und Gewalt scheint größer zu sein als je zuvor. Kann es sein, dass das radikale Antlitz des Islamismus nicht so sehr die Eigenheit einer bestimmten Religion ist, sondern auf eine Gemeinsamkeit aller monotheistischen Varianten verweist? Der Ägyptologe und Kulturtheoretiker Jan Assmann geht dem möglichen Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft und dem absoluten Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religionen nach. Dabei geht es nicht um die Frage, ob der Monotheismus sich historisch mit Gewalt durchgesetzt hat, sondern erstens, warum er die Geschichte seiner Durchsetzung in den biblischen Texten in so brachialen Formen der Gewalt erinnert und dargestellt hat, und zweitens, unter welchen historischen Bedingungen diese Sprache der Gewalt in Taten umschlägt.


Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.01.2017

Rezensent Michael Stallknecht steht Jan Assmanns Revision seiner These vom potenziell gewalttätigen Monotheismus kritisch gegenüber. Assmanns Differenzierung in einen "Monotheismus der Treue" und einen "Monotheismus der Wahrheit" kann er folgen, ebenso seiner Betonung, dass Gewalt keineswegs eine notwendige Konsequenz des Monotheismus ist. Spätestens jedoch, wenn der Autor den totalitären Zug von Religion mit Carl Schmitts Totalitarismustheorie zu analysieren versucht, wird Stallknecht mulmig zumute. Die Parallele zwischen den von Assmann herangezogenen jüdischen Quellen und einem Theoretiker des Nationalsozialismus erscheint dem Rezensenten "geschmacklich fragwürdig" und argumentativ vage. Wie sich Fragen zur Gewalt in der Religion tabufrei und differenziert diskutieren lassen, kann ihn der Autor allerdings allemal lehren.

Mittwoch, 18. Januar 2017

Anderen Religionen in Erzählungen begegnen - Zugänge für Kinder und Erwachsene (aktualisiert)

Es handelt sich hier um eine sprachlich, bildlich und sachkompetent herausgegebene interreligiöse Sachbilderbuch- und Nacherzählungsreihe. Sie erschien in den Jahren 1994 bis 1997 in den Verlagen Kaufmann und Klett.

GESCHICHTEN VOM HIMMEL UND DER ERDE
1. Autor/in; 2. Illustrator/in,
Übersetzerin aus dem Französischen: Daniela Nussbaum-Jacob
 --- jeweils 40 Seiten pro Band mit vielen farbigen Abbildungen ---

Eine Übersicht und Kurzkommentierung
aller Bücher: hier


Diese ursprünglich französisch erschienene Bilderbuchreihe mit Geschichten aus verschiedenen Traditionen vereinigt drei religionsdidaktische Aspekte in besonderer Weise: 
  1. Die Geschichten lesen sich leicht. Sie sind gerade für Kinder gut geeignet,
    aber nicht nur!
  2. Die Bilder sind mehr als Illustrationen, sondern regen die eigene Fantasie an.
  3. Zum Verständnis der jeweiligen Religion ist am Schluss ein knappes, aber gut orientierendes Sachkapitel angefügt.
Leider ist diese Reihe vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich.
Studierende eines Seminars an der TU Dortmund (WiSe 2016/2017) kommentieren und nacherzählen die hier vorgelegten Geschichten und Sachinformationen.

Hinduismus
--- Ausführliche Besprechung: hier
--- Neue Nacherzählung: hier 
   Buddhismus
Bearbeitung: Nacherzählung: hier


Judentum / Christentum / Islam / traditionale Religionen



Nacherzählungsvariante: hier
Heitere Kinderbuchvariante: hier
"An der Arche um acht"



Nacherzählung für Sek I (Klasse 5/6)



Liste der Gleichnisse
und Bildreden Jesu: hier



>>> Präsentation: hier






Zwei Legenden - noch einmal neu erzählt




Bildpräsentation
 mit Folgerungen für die Sekundarstufe II






   
Religiosität in Afrika


--- Buchvorstellung: hier
--- Erneut nacherzählt 
























Míkel de Epalza - Promotor des Iberischen Trialogs in der Geschichte (aktualisiert)



Ein wichtiger Vorreiter zum Verstehen der  multikulturellen und multireligiösen Geschichte der Iberischen Halbinsel war der Religionswissenschaftler und Arabistik-Spezialist Míkel de Epalza Ferrer (1938-2008) von der Universität Alicante. Seine international  geschätzten Forschungen zur Mittelmeer-Geschichte in der Auseinandersetzung von Christen, Muslimen und Juden sind bis heute in Deutschland wenig bekannt. 



In diesen Zusammenhang gehört auch die langjährige Herausgeberschaft des 
Jahrbuchs Sharq al-Andalus ( = orientalisches Andalusien) zu Studien der
 “Mudéjares” und der “Moriscos”. 
  • Mudéjares waren Muslime, die unter christlicher Herrschaft ihre Religion weiter ausüben konnten.
  • Morisken waren z.T. zwangsgetaufte Muslime unter christlicher Herrschaft
    und Nachfahren der Muslime nach der Conquista 1492).

Mit einigen weiteren Fachkollegen übersetzte Epalza zum ersten Mal den
Koran ins Katalanische (2008) --- Details in spanischer Sprache: hier

Publikationen von Míkel de Epalza in deutscher Sprache 
Weitere Texte
  • Artikel von Míkel de Epalza (Auswahl, spanisch)
  • Míkel de Epalza / Suzanne Guellouz: Le Cid. Personnage historique et littérarire.
    Paris: Maisonneuve & Larose 1983, 261 S.
    mit 65 Originaltexten
  • Überlegungen zum religiösen Pluralismus und zur Toleranz
    auf der Iberischen Halbinsel im Mittelalter

    --- (RIG 4/1996, S. 365-378)
  • Arabisch-spanische Symbiose –
    der Schriftsteller Anselm Turmeda / At-Tardjuman
    (RIG 5/1998, S. 280-292)
  • García Gómez und die Autorschaft des Barnabas-Evangeliums
    (RIG 6/2000, S. 85-97)
  • Situationen von sozioreligiöser "Konversion"
    in den iberischen Gesellschaften vom 5.-20. Jahrhundert
    (RIG 6/2000, S. 169-181)
  • Die Aktualität von Anselm Turmeda
    in der islamisch-christlichen Polemik in Frankreich und in Katalonien
    (RIG 6/2000, S. 182-192)   
 

Montag, 16. Januar 2017

Studien zur Spiritualität in Geschichte und Gegenwart ---- ein Jahrbuch

Studies in Spirituality Edition 26/2016

 Titus Brandsma Instituut

Editor:


Copyright © 2017 Titus Brandsma Instituut.
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Verlag / Publisher: Peeters, Leuven (B) 

Below are the titles of the contributions in the upcoming Studies in Spirituality 26. There is also an overview of the summaries of all contributions.

Articles:

Bernd Jaspert
‘Spiritualität’ in deutschen theologischen Lexika des 21. Jahrhunderts
Henk Barendregt
Keys to Two Intimacies – Mathesis and Mysticism
Janet Ruffing
‘They Say that We Are Wound with Mercy Round and Round’ –The Mystical Ground of Compassion
Marie Baird
Toward a Kenotic Model of Spiritual Subjectivity
David T. Bradford
Mystical Process in Isaac the Syrian – Tears, Penthos, and the Physiology of Dispassion
Ben Schomakers
An Eternal Incorrigible Metaphysician – Decoding the Christology of Pseudo-Dionysius the Areopagite
Rachel Elior
The unknown mystical history of the festival of Shavu’ot
Martina Roesner
Producing Life – Meister Eckhart, Postmodern Spirituality, and the ‘Poverty of Thought’
Michael McGlynn
The Salmon of Knowledge, The Cloud of Unknowing, And Other Accounts of Instant Knowing
Neil Pembroke
Ironic Imagination and Luther’s Mystical Bridal Imagery
Timothy W. O’Brien
‘Con Ojos Interiores’ – Ignatius of Loyola and the Spiritual Senses
Elissa Cutter
Eating and Drinking Condemnation – Jansenist and Puritan Spiritualities of Communion
Thomas Quartier
Spirituality: Engagement and Reflection – Dialogical Explorations among Practitioners and Intellectuals
Bin Song
Political Mysticism and Political Theology of Dorothee Sölle
Peter Jansen, Jan van der Stoep, Jozef Keulartz & Henk Jochemsen
Notions of the Sublime – A Case Study into Layers of Depth in Experiences of Nature
Daniel Meyer-Dinkgräfe
Holistic Experience of Opera and the International Opera Theater (IOT)
Book notices
On the authors


 

Sonntag, 15. Januar 2017

Kirchenreform "von unten": Empathie und Weltoffenheit

Rainer Maria Schießler: Himmel, Herrgott, Sakrament.
Auftreten statt austreten
.
München: Kösel (Random House) 2016, 11. Aufl., 256 S.
--- ISBN 978-3-466-37147-1 ---
Der Titel könnte wie ein echter bayerischer Fluch wirken. Die Anspielung ist ja auch gewollt, aber dem beliebten Pfarrer zweier Münchner Gemeinden geht es um mehr als nur um öffentlichkeitswirksame Rhetorik. Ihm liegt der christliche Glaube am Herzen, lässt er doch schon einen „Geschmack“ des Himmels erahnen, wenn man sich auf Gott in irgendeiner Weise einlässt. Nun verkündigt der Pfarrer die frohe Botschaft oft mit unkonventionellen Mitteln. Während sich an vielen Orten die Kirchen leeren, muss sich Rainer Schießler keine Sorgen machen. Seine Gottesdienste sind ein Anziehungsmagnet für Gläubige und weniger Gläubige. Er bringt das Altgewohnte und oft Gehörte in einen unerwarteten Zusammenhang, wenn er z.B. am Heiligabend mit den Besuchern nach der Christmette den Geburtstag Jesu mit einem Sektempfang feiert. 

Man merkt es: Schießler möchte die Kirche sinnlicher und anfassbarer machen. das gilt nicht nur im Blick auf die Sakramente (Taufe, Beichte, Kommunion, Firmung, Hochzeit, Beerdigung). Dazu gehört auch, Kirche "mitten in der Welt" zu (er-)leben, z.B. als kellner auf dem Münchner Oktoberfest, bei locker-ernsten Gespächen im Radio und Fernsehen und auch beim Engagement für Flüchtlinge. Die vielen Geschichten und Anekdoten, der 56jährige erzählt, sind aber nicht nur zum Schmunzeln.
Seine bisherige Biografie weist neben den „Erfolgen“ auch manche Tiefen auf. Manchmal hängt es damit zusammen, dass der begeisterte Motorradfahrer sich über kirchliche Konventionen und dogmatische Verengungen kühn hinwegsetzt, wie beispielsweise sein mitfühlender Umgang mit homosexuellen Gläubigen oder aus der Kirche Ausgetretenen.
Sein Motto ist: „Du musst die Leut mögn!“ (S. 114). Gelernt hat er in seinem Nebenjob offensichtlich das Taxifahren auch eine „Haltemarke“ angesichts der ihn belastenden Ausbildung im Priesterseminar.
Schießler erinnert daran, dass sein Wunsch, Priester zu werden, sich für ihn in einem ersten „Anlauf“ als Mönch bei den Kapuzinern als Sackgasse herausstellte. Aber einer der Mönche wird in seiner Bescheidenheit und Demut für ihn zum Lehrer und Vorbild (S. 42–45). So steht Schießler zu seinem Entschluss, (zölibatärer) Priester zu werden; die Nächstenliebe Jesu treibt ihn an und bestätigt ihn auch. Aus der eigenen Erfahrung von einer „Karriere nach unten“ möchte er jedem angehenden Seelsorger empfehlen, „nachts Taxi fahren in einer Großstadt oder als Wiesnbedienung arbeiten. Da lernst du alles fürs Leben – egal, welchen Beruf du später ausübst … das ist der Hauptgrund meines Hierseins. Seelsorge“ (S. 244).
Nach mancher Hürde durch den Weg in die Kirchengemeinden, zuerst als Lernenender in Bad Kuhlgrub, dann Rosenheim und Giesing und schließlich München, hat er auch sehen müssen, dass er eigentlich nirgendwo Wurzeln schlagen kann, weil der Bischof ihn jederzeit abberufen kann. Auch hier dürfte ein Grund liegen, dass  selbst er, der sein Priestersein mit ganzen Herzen auslebt, oft allein und völlig einsam dasteht. So hat er durchaus unter dem Zwangszölibat zu leiden, und das “Nachhausekommen“ in seine ungemütliche Dienstwohnung verstärkt diese Einsamkeit. Wer sorgt sich denn wirklich um die Seele des Seelsorgers? „Im Zölibat ist da niemand, der auf dich wartet. Da ist keine Wärme. Spätabends steh ich manchmal so im Zimmer und höre dem Rauschen des Verkehrs zu. Dann kommt diese Bitterkeit. Dreiundzwanzig Jahre Einsamkeit in dieser Wohnung – so lange währt jetzt die Zwangsehe mit dieser Dienstwohnung. Und mit diesem Gefühl setze ich vermutlich die Tradition meiner Vorgänger fort, die hier nichts anderes empfunden haben können als ich: Leere“ (S. 32).
Bei allen Belastungen aber schlägt die antreibende Liebe Jesu zu den Menschen bei ihm immer wieder durch. Sie bleibt die lebendige Motivation, ehrlich, kreativ und nah an den Menschen die Barmherzigkeit Gottes im Alltag wie am Sonntag deutlich werden zu lassen und so auch Trost, Vergebung und Hoffnung zu vermitteln.
Angesichts der Erfahrung mit Sterbenden, besonders auch geprägt durch den Tod seiner Mutter (S. 82–85), wird ihm das Loslassen an jedem Abend in der Komplet deutlich: „Sie steht für das Loslassen all der Niederlagen, aber auch all der schönen Erfolge des Tages. Du musst alles hergeben …Gibt es den guten Tod? Ich finde, jeder Tod ist gut, weil er das Leben vollendet“ (S. 252). So will er, der lebensvolle Priester, das Leben bewusst loslassen können, wenn es an der Zeit ist. Für das Leben danach muss er sich keine Sorgen machen, die Verantwortung hat ihm Christus abgenommen, aber: „Ich habe jedoch eine Verantwortung für das Leben davor. Wir müssen jetzt leben. Hier und heute. Hier und heute entscheiden wir, ob das Leben Himmel oder Hölle wird“. Das geschieht wie Jesus es vorgelebt hat durch „bedingungslose Liebe“ – zu andern Menschen wie zu dir selbst und zum Leben“ (S. 253). Und weil dieses Leben ständige Veränderung ist, gilt es, sich nirgendwo festzuklammern oder gegen den Strom (in die Vergangenheit) zurückzuschwimmen: „Gehst du nicht mit der Zeit – dann vergehst du mit der Zeit“ (S. 97): Das gilt für den einzelnen Menschen wie auch für Institutionen und eben auch für die Kirche. Schießler macht deutlich, dass dies nicht Anpassung an den „Zeitgeist“ ist, sondern kreative Umgestaltung und dabei bewusst an die „Ränder“ zu gehen, wie Papst Franziskus das ausgedrückt hat (S. 17). „Die Apologeten des Gestrigen und der angeblich reinen Lehre raunen immer, die katholische Kirche müsse aufpassen, dass ihr Anspruch auf absolute Wahrheit nicht verwässert wird. Aber es gibt keine absolute Wahrheit, die Menschen aufstellen können! Wir Katholiken müssen lernen, dass wir nur ein Versuch, ein Weg von vielen sind – auch wenn die Botschaft der Liebe vermutlich eine der stärksten ist und mehr gebraucht wird im Wertekanon denn je“ (S. 21). Das ist ein gutes Wort auch für die evangelische Kirche angesichts mancher Jubiläums-Feier zum Thesenanschlag von 1517 !

Wer schmunzelnd und zugleich nachdenklich Schießlers „Lebensreportage“ mit den eingestreuten Reflexionen gefolgt ist, kann sich nur wünschen: Wir brauchen mehr solche Pfarrer/innen und Seelsorger/innen, dann wird die Kirche nicht nur bunter, sondern auch glaubwürdiger.

Reinhard Kirste (ev. Pfarrer) 
--- Rz-Schießler, 15.01.17   CC

Dienstag, 10. Januar 2017

Franziskus von Assisi und der Islam

Franziskus versucht
Al-Kamil zu bekehren
Darstellung: 15 Jh
. (Wikipedia)
Franz von Assisi (1181/82 - 1226) hat nicht nur für ein glaubwürdiges christliches Leben, sondern auch für die interreligiöse Begegnung wichtige Impulse gegeben. Denn eine intensiv nachwirkende Begegnung mit dem Islam fand in der äußerst konfliktreichen Kreuzzugszeit statt, und zwar während des 5. Kreuzzugs 1219 mit
El-Kamil, dem Sultan von Ägypten. Statt des anfänglichen Missionierungsversuchs des hl. Franz setzt sich der friedliche Austausch durch. Der Arme aus Assisi, der "Poverello," entgrenzt" sein bisheriges Gottesverständnis. Entsetzt äußert er sich über die Brutalitäten der Kreuzfahrer.
Die Franziskaner haben diesen Impuls in der Gegenwart verstärkt fortgesetzt. Davon zeugt das Buch:
Adrian Holderegger / Mariano Delgado / Anton Rotzetter (Hg.): Franziskanische Impulse für die interreligiöse Begegnung. Stuttgart: Kohlhammer 2014, 295 S.,
Personenregister -
-- ISBN 978-3-17-023277-8 ---

Hier wird nicht nur eine Tagung aus dem Jahre 2012 an der Universität Freiburg (Schweiz) dokumentiert, sondern neben den verschiedenen Missions-Initiativen in der  weiteren Geschichte auch bewusste interreligiöse Begegnungen "auf Augenhöhe" vorgestellt, z.B. mit der schon 2005 gegründeten "Damietta Friedens-Initiative."


Die deutsche Franziskaner-Provinz hat auf ihrer Homepage
das genannte Buch kommentiert: hier 


Weitere wichtige Titel zum Thema: 

Ergänzende Literatur zur Wirkungsgeschichte:


Eine Anregung, das Leben des hl. Franz nachzuerzählen: 
BERTON, Georges / PLACE, François: Der mit den Vögeln sprach. 
Eine Erzählung über Franz von Assisi. Geschichten vom Himmel und der Erde.
Lahr: Kaufmann / Stuttgart: Klett 1996, 40 S., Abb.




Montag, 2. Januar 2017

600 Jahre Niklaus von Flüe - ein "anstößiger" Heiliger --- Buch des Monats Januar 2017

Coverbild: Brunnenfiguren
von Hugo Imfeld (1916-1993)
in Stalden (Obwalden)
Roland Gröbli, Thomas Wallimann-Sasaki
Heidi Kronenberg, Markus Ries (Hg.):
Mystiker, Mittler, Mensch. 600 Jahre Niklaus von Flüe.
Vorwort von Charles Morerod, Gottfried Wilhelm Locher.
Zürich: TVZ 2016,  388 S., Abb.
--- ISBN 978-3-290-20138-8 ---
Der 600. Geburtstag des berühmten Schweizer Einsiedlers Niklaus von Flüe prägt das Jahr 2017 mit vielen Veröffentlichungen und Veranstaltungen. Mehrere Titel sind schon seit einiger Zeit auf dem Markt (s.u.). Der TVZ-Verlag hat eine offizielle Gedenkpublikation herausgebracht, die der Trägerverein 600 Jahre Niklaus von Flüe und die Bruder-Klausen-Stiftung (Sachseln am Sarner See, Zentralschweiz) in die Wege leitete.
Diesen Band haben zusammengestellt: 

Dr. phil. Roland Gröbli , Präsident des wissenschaftlichen Beirats «600 Jahre Niklaus von Flüe» , Heidi Kronenberg,  Journalistin und Redakteurin im Bereich Gesellschaft/Religion, Prof. Dr. Markus Ries, Prorektor, Professor der Theologischen Fakultät der Universität Luzern, Dr. theol. Thomas Wallimann-Sasaki, Leiter des Sozialinstituts KAB Schweiz, unabhängiger Theologe.
Die 60 Autorinnen und Autoren kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen: Christliche und islamische Theologen verschiedener Richtungen, Historiker, Politiker, Sozialpädagogen, Lehrer, Sachbuchautoren, Journalisten, Künstler sowie Frauen und Männer mit eigenständiger spiritueller Praxis.
Diese Vielfalt ist bereits ein Zeichen dafür, dass Niklaus von Flüe (1417–1487) offensichtlich nichts von seiner spirituellen Faszination verloren hat. Es ist fast eine Art ökumenischer Heiligenkult, der sich hier entwickelt hat.
Niklaus als frommer Asket blieb auch nach seiner regional-politischen Karriere  ein Botschafter des Friedens. Vgl. Flüeli-Ranft:
http://www.flueliranft.ch/#bruder-klaus
Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang seine Frau Dorothee Wyss: http://www.bruderklaus.com/?id=553. Sie trug den Entschluss ihres Mannes im Jahre 1467 in erstaunlicher Weise mit – auch gegenüber Anfeindungen: Sie sagte damit JA - am Anfang zu seinen Ämtern, dann zu seinem Beten und Fasten. Es war eine JA zu seinem durch Visionen geprägtes, oft seltsames Verhalten - JA zu seinem Ringen mit Gott und damit auch JA zu seinem Leben als Eremit.
Im Stile des berühmten Radbildes von Bruder Klaus teilt sich das Buch in 6 „Speichen“ (= Abschnitte), die das Wesen und die Wirkungsgeschichte dieses intensiven Gottsuchers beschreiben. Die Texte konzentrieren sich auf sein oft extremes (mystisches) Erleben zwischen Abgeschiedenheit, ekstatischer Vision und Dienst am anderen. Verehrung dieses „Heiligen“ und wissenschaftliche Erforschung einer herausragenden Persönlichkeit stehen sich dabei nicht im Wege, wie die 6. Speiche zeigt. 
Die Herausgeber haben dieses Gedenkbuch in den Dreiklang von  Mystiker, Mittler, Mensch gestellt. Darum kann Roland Gröbli resümieren: „Niklaus von Flüe gehört bis heute zu den wirkungsmächtigsten Leitfiguren der Schweiz. Er ist ein Vorbild in Mystik und Spiritualität, Gesellschaft und Politik sowie als Mensch mit seinen Stärken und Schwächen“ (S.40).
Die Vielfalt dieses umfangreichen Bandes mit einigen thematischen Überschneidungen lässt sich in wenigen Worten einer Besprechung nicht nachzeichnen. Deshalb seien aus den einzelnen „Speichen“ hier diejenigen Schwerpunkte hervorgehoben, die die Weite und Ungewöhnlichkeit des Denkens, Fühlens und Handelns ausdrücken.“
Speiche 1: Dialog (S. 43–96)
als gesellschaftliche Herausforderung und Chance. Angesichts der Unehrlichkeiten des politischen Systems, der Frage nach Gottesrecht und Menschenrecht  scheint Niklaus' Weggang aus dem Oberwaldnerland (sogar mit Zustimmung seiner Frau Dorothee) auch eine Flucht ins Religiöse zu sein (Thomas Wallmann-Sasaki, S. 44 und Klara Obermüller, S.51). Die BeiträgerInnen des Buches kommen darum immer wieder – und völlig zu Recht – auf die Bedeutung der Ehefrau Dorothee für die spirituelle Entwickung ihres Ehemanns zu sprechen. Insgesamt darf aber nicht vergessen werden, dass Bruder Klaus sowohl durch seine beachtlichen Versuche des gesellschaftlichen Konflikt-Schlichtens als auch durch sein konsequentes spirituelles Leben faktisch zu einem Friedensheiligen geworden ist (Cornelio Sommaruga, S. 61ff / Guido Baumgartner, S. 68-72). 


Speiche 2: Verehrung (S. 99–164). Hier geht es weniger um die Selig- und dann Heiligsprechung des Niklaus von Flüe (1947) als vielmehr um die Motive seiner weiterwirkenden Verehrung. Das dürfte nicht nur eine Schweizer Besonderheit sein. Die Autoren erzählen, wie sie Bruder Klaus heute begegnen: 
  • Durch die Wanderung in die Ranft zur Einsiedelei
  • durch nachdenklich machende spirituelle Begegnungen
  • im Museum Bruder Klaus  in der "zuständigen" Ortsgemeinde Sachseln
  • durch Elemente der Verehrung im Tessin
  • durch den Weg zur Wachendorfer Kapelle (Eifel)
  • durch Friedensprojekte an verschiedenen Orten: in Indonesien, Israel/Palästina, Costa Rica, Österreich und im Libanon -  in Verbindung mit Charbel Makhlouf (1828-1898)
Speiche 3 behandelt die Religion (S. 167–206) aus der Sicht verschiedener christlicher Konfessionen, Religionen und im Zusammenhang seiner Friedensaktivitäten. Es ist spannend zu sehen, wie man die sog. „Vorhersage der Glaubensspaltung katholisch und reformiert gleichermaßen für die eigenen - Zwecke benutzte (S. 169 f). Davon ist heute nichts mehr zu spüren, vielmehr hat Niklaus von Flüe auch islamische Hochachtung gewonnen, was besonders mit seinen Friedensaktivitäten innerhalb der Eidgenossenschaft zusammenhängt. Dieser Friedenswille führte Niklaus auch 1481 aus der Einsiedelei heraus nach Stans, um dort einen Konflikt zwischen verschiedenen eidgenössischen Parteien betend und redend beizulegen. Das erinnert die Islamwissenschaftlerin  Rifa’at Lenzin an den irakischen Ayatollah Ali al-Sistani (geb. 1930), der 2004 ein Blutvergießen in Najaf (Südirak) verhinderte. Insgesamt rückt Bruder Klaus in den Horizont von Mahatma Gandhi und Martin Luther King (S. 176). Persönliche asketische und heitere Spiritualität einerseits und Friedensarbeit andererseits gehören offensichtlich zusammen. Es wird aber auch an die dunklen Stunden und Erfahrungen des Scheiterns im Leben von Bruder Klaus erinnert, die seinen besonderen Weg begleiten. Beeindruckend bleibt bei all seinen Bemühungen der konsequent friedliche Weg, der auch den Rechtsverzicht möglich macht – eine bewusst christliche Option. Darauf verweist Guido Estermann von der Pädagogischen Hochschule Schwyz (S. 205f).
Speiche 4: Mystik (S. 209–244) spricht das Thema an, das viele zuerst ins Zentrum des Verständnisses von Bruder Klaus stellen (würden). Die hier versammelten Beiträge beziehen Schwerpunkte mit ein, die die vielfältige Spiritualität in ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Wirksamkeit zum Ausdruck bringen: Stille, Zwiesprache und Offenheit für Gott, Radikalität und Freundlichkeit, Mystik und Politik. Der evangelische Pfarrer Christoph Hürlimann zeigt die visionären Orientierungspunkte für den Weg des Niklaus von Flüe, die durch die Zeit seiner persönlichen Krise geprägt sind: „ … der Aufbruch als Pilger am St. Gallustag (dem 16. Oktober), die nächtliche Erfahrung von Liestal … wenige Tage später die Rückkehr in die engste Heimat und schließlich seine Niederlassung im nahegelegenen Ranft als Eremit“ (S. 213). Der Jesuit Christian M. Rutishauser  hebt dieses Paradox von abgeschiedener Meditation und Aktion besonders heraus (S. 226ff). So kann man mit dem Priester Nicolas Butter nicht nur von der „heiligen Narrheit“ im Befolgen des Evangeliums reden, sondern auch von der Kraft des Gebets, die zu politischen Veränderungen führen kann. In manchem erinnert gerade dieser Abschnitt auch an die politische Theologin und Mystikerin  Dorothee Sölle (1929–2003), die mit ihrem Leben dieses Paradoxon von Mystik und Widerstand zum Ausdruck brachte  
(vgl. ihr Buch. „Mystik und Widerstand. Du stilles Geschrei“. München: Piper 1999).
Dass Bruder Klaus viele Wirkungen in der Malerei (z.B. vom Radbild bis zum  Hungertuch), im Film, im Theater und in der Musik hervorgebracht hat, beschreibt die Speiche V: Kunst (S. 247-282). Man denke nur an die starke mit Bruder Klaus verbundene Symbolik von Kreuz, Rad und das Jetzt als Kreuzungspunkt von Zeit und Ewigkeit. Der Medienwissenschaftler Charles Martig merkt an, dass im Bereich der Kunst diese spirituelle Persönlichkeit oft beeindruckend, aber auch missverständlich dargestellt wird.
Schließlich kommt in Speiche 6 die Wissenschaft (S. 285–372) zum Zuge. Nun gibt Markus Ries (Universität Luzern) zu bedenken, dass Gewaltfreiheit  im Mittelalter kein Wert an sich war (S. 291).  Die Mahnungen  zum Frieden von Mailand und das Engagement von Bruder Klaus bei weiteren innerschweizerischen Auseinandersetzungen (alle  zwischen 1480 und 1483 formuliert) wurden in den geschichtlichen Beschreibungen des 15./16. Jahrhunderts nicht genügend gewürdigt.
Aber man erinnert sich wieder an diesen Friedensstifter in den konfessionellen Spaltungskonflikten des 16. Jahrhunderts. Und natürlich muss auch Wilhelm Tell ins Spiel gebracht werden. Der Historiker und herausragende Niklaus-Biograf Pirmin Meier bezieht sich in seinem Beitrag auf den Landschreiber Hensli Schriber aus Obwalden (15. Jh.). Meier zeigt ausführlich im Horizont der „kalten Räte der Frauen“ und den „heißen Ratschlägen der Männer“, welche Spannungen die innere Schweiz zu jener Zeit erschütterten. So werden Wilhelm Tell und Niklaus von Flüe quasi zu zwei Symbolgestalten, zu „ Polen“, zwischen denen die eidgenössischen Werte von Frieden und Freiheit oft unter höchst widrigen Umständen umgesetzt wurden. Aber Bruder Klaus hatte neben seinen Ratgeberqualitäten und Friedensimpulsen noch etwas Unheimliches „anscheinend Verrücktes“. „Sobald man diesen schlichten Klaus von Flüe packen und wie zu allen Zeiten für irgendwelche Zwecke beanspruchen will, verflüchtigt er sich, ehe man es bemerkt“ (S. 307). Dass "Zäune" im späteren Verständnis von  Bruder Klaus eine wichtige Interpretationsrolle spielen, beschreibt der Berner Historiker und Politiker Josef Lang auf dem Hintergrund der dem Einsiedler zugeschriebenen Äußerung, „man solle die Zäune nicht zu weit“ machen. Gemeint sind nationale, soziale und polizeiliche Zäune, die in der Reformationszeit und Nachreformationszeit bis in die Nationalismen des 20. Jahrhunderts eine große Rolle spielten. Die Wirkung dieses Wortes zeigt Schwierigkeiten, Bruder Klaus politisch einzuordnen. Dadurch werden Herrschende und Beherrschte, Konservative wie Liberale gleichermaßen in Frage gestellt.
Verschiedenartige Themen folgen: Der Musikwissenschaftlers Angelo Garovi  untersucht den Bruderklausen-Gesang von 1488 ­– vom spätmittelalterlichen Choral zum reformierten Kirchenlied. Anschließend bespricht der Abt Urban Federer die ritualisierte Erinnerung von Bruder Klaus in Einsiedeln. Er erweitert sie um einige ökumenische „Vorblicke“. Überhaupt: Bruder Klaus und die Protestanten: Schon zu Lebzeiten wurde er gewürdigt und je nach religiöser Position vereinnahmt, obwohl der „Heilige“ unerschütterlich katholisch blieb. So reagiert auch die Geschichtsschreibung bereits im 16./17. Jahrhundert entsprechend, mit weiteren historischen „Inszenierungen“ im 18./19. Jahrhundert (S. 327f). Kulturkampf, Klassenkampf und Heiligsprechung, dies alles durchläuft die geschichtliche Sicht auf Bruder Klaus. Der Historiker Hannes Steiner mahnt deshalb, die vorreformatorische Geschichtsschreibung ernster zu nehmen (S. 330f). Katholischerseits spielen natürlich die „Wunder“ des Einsiedlers, besonders in der Frömmigkeitskultur des 17./18. Jh.s mit den Klaus-Reliquien  eine große Rolle. 
Die z.T. politisch vereinnahmte „Heiligenverehrung“ prägt das katholische Milieu zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg. Der „inoffizielle Schutzpatron“ mit seinen Kultstätten in der Zentralschweiz bleibt eine „polyvalente Erinnerungsfigur, Mythos und Faszinosum“, wie der Historiker Urs Altermatt schreibt (S. 343–355).
Immerhin haben sich inzwischen viele Kirchen und Kapellen der Schweiz unter dem Patrozinium des Bruder Klaus zu Orten der Meditation und Andacht auch für kirchlich Fernerstehende entwickelt, besonders nach der Heiligsprechung 1947 (so der Theologe Urban Fink-Wagner).
Ein Resümee für das Gedenkjahr wird im Schlussabschnitt „Mehr Ranft“ gezogen (S. 374-380): Gedenken als Anstoß für Projekte und Initiativen auf den verschiedenen Ebenen: Bruder Klaus als Impulsgeber für tiefe menschliche Werte, echte Begegnungen und Bescheidenheit.
Bilanz: Vermutlich ist es gerade diese „Mischung“ bei Niklaus von Flüe, die seine Faszination bis heute ausmacht: Sie zeigt sich in seinem (extrem) visionären Wesen, Denken und Glauben einerseits und in seiner spirituell geprägten politischen Wirksamkeit andererseits. Von daher scheint sich die Motivation zu speisen, die Menschen unterschiedlicher Herkunft veranlasst, ihn als Vorbild zu nehmen – in der innigen Verbindung von einem meditativen, einfachen, geheimnisvollen Leben und gesellschaftlicher Verantwortung. Ein anschauliches und zugleich spannendes Buch, das viele historische Zusammenhänge ausleuchtet und zugleich in den Berichten viele persönliche Erfahrungen der Autoren durchscheinen lässt.
Alle Beiträge des Gedenkbuchs «Mystiker. Mittler. Mensch», die aus dem Französischen oder dem Italienischen übersetzt worden sind, können im Original heruntergeladen werden. Darüber hinaus enthalten beide Büchlein weitere grundlegende Beiträge aus der offiziellen Gedenkausgabe.
Weitere Informationen und Bücher (mit Rezensionen) zu Niklaus von Flüe
https://buchvorstellungen.blogspot.de/2016/06/zur-erinnerung-1417-2017-600-jahre.html
Reinhard Kirste
Rz-Niklaus-Flüe-600 Jahre, 01.01.2017