Sonntag, 20. Januar 2019

Georges Corm: Mittelmeer und Mittlerer Osten ---------- Versuche, eine Region zu verstehen !

Aus "Les Cahiers de l'islam" (16.07.2017)
"Le monde arabe est dans un chaos mental absolu".
Die arabische Welt ist ein einem absoluten mentalen Chaos.
Der libanesische Historiker, Ökonom und Politiker Georges Corm 
(geb. 15.06.1940 in Alexandria) studierte  von 1958 bis 1961 am Institut für politische Studien in Paris und promovierte 1969 über öffentliches Recht an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät von Paris.

1962 kehrte er in den öffentlichen Dienst im Libanon zurück und war von 1998 bis 2000 libanesischer Finanzminister. 
In Vorträgen, Seminaren und Konferenzen versucht er konsequent, die Mentalitäten und Umbrüche der arabischen Welt und für den Westen verstehbar zu machen.
Er lehrte von 1969 bis 1985 an mehreren libanesischen Universitäten und ist seit 2001 Professor an der Saint Joseph Universität in Beirut.
Seine zahlreichen Bücher über die Geschichte des Nahen Ostens und zu gegenwärtigen Konflikten im Mittelmeerraum gehören zu den wichtigsten Analysen zum Verstehen der arabischen Welt.


 La nouvelle question d'Orient.
Paris: La Découverte 2017, 319 pp.

--- Verlagsinformation,
Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: hier

--- Gesamte Rezension in
 "liens socio - lectures" 2017: hier 

In dieser Besprechung in "liens socio - lecture 2017 betont Émilien Légendre u.a.:
"Das Chaos der Gewalt im Nahen Osten beruht auf einem "mentalen Chaos", das sich aus dem Ende der Konfrontation der beiden Blöcke während des Kalten Krieges ergibt. Nach 1990 nahm nämlich die Hybris der westlichen Welt einer einzigen Weltordnung ihren Lauf, als gäbe es nur eine einzige Weltordnung. Damit wurde ein neuer Typus des Imperialismus ausgeübt, ein >humanitärer Imperialismus<. Dieser sieht sich im Recht auf Einmischung in der mittelöstlichen Region. Hier liegt eine sehr kritische Reflexion vor, denn der Autor macht die Vereinigten Staaten und überhaupt die NATO-Mitglieder weitgehend für die Gewalt verantwortlich, die die arabische Welt erschüttert. In diesem Buch schlägt Corm darum eine konzeptionelle Arbeitsveränderung für eine verbessertes Verstehen des Nahen Ostens vor. Damit soll die Rationalität wieder in eine öffentliche Debatte eingebracht werden, die scheinbar von emotionalen Reaktionen [auch im Westen] dominiert wird."

--- Gesamte Rezension (französisch): hier


Pensée et politique
dans le monde arabe     
Contextes historiques
et problématiques XIX-XXIe siècle.
Paris: La Découverte 2015, 346 pp.

In dieser Arbeit stellt der Autor die vielfältigen Facetten des politischen Denkens in der arabischen Welt seit dem 19. Jahrhundert dar. Hier zeigen sich neben dem der von vielen Kulturen geprägten Geschichte auch die Kontroversen dieses Denkens in seiner großen Vitalität prägen. Das alles muss zugleich im Horizont der historischen Umbrüche gesehen werden, die die arabische Welt wesentlich veränderten. Vorherrschaften wie die des Osmanischen Reiches zusammen. Der 1. Weltkrieg und die damit zusammenhängenden weiteren Konflikte veränderten die die geopolitischen und sozioökonomischen Strukturen des gesamten Mittleren Ostens.  Die von außen einwirkenden Mächte drängten eigenständige arabische Denkkonzepte an den Rand, weil nun politisch, militärisch und akademisch beeinflusst auch bestimmte arabische Regime sich von ihren westlichen Beschützern instrumentalisieren ließen. Dem Autor gelingt es durch diese umfssende Analyse zum einen hervorzuheben, wie wichtig es ist sich mit der Komplexität arabischen Denkens auseiandnerzusetzen.
Zum anderen sollte die dynamik Kraft duieses denekns nichht untershätzt werden sowohl in ihrer kritishen und profanen Wirkung, gerade weil sie dem Klischee einer politisch-religiösen Brüchigkeit in keine r Weise entspricht. 

Pour une lecture profane des conflits.         
Sur le «retour du religieux» dans les conflits contemporains
du Moyen-Orient.

Collection "Cahiers libres", Paris: La Découverte 2015,
280 pp.

Der Leser wird hier intensiv herangeführt, sich mit der Logik des Krieges zu befassen. Nur so lässt sich ansatzweise verstehen, wie und warum immer wieder neue Konflikte aufbrechen. Das gilt besonders für den Nahen und Mittleren Osten. Seit dem Ende des Kalten Krieges werden die verschiedenen Gruppierungen und Regionen auseinandergerissen. Die These vom "Kampf der Kulturen" und der Auseinandersetzung mit dem islamistischen "transnationalen" Terrorismus verdeckt die hintergründig wirkenden Mechanismen zu immer neuen Gewaltausbrüchen. Die Verteidigung sog. westlicher Werte in den Krisengebieten (z.B. Afghanistan und Irak) wurden seit den 1990er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit sog. gerechtfertigten Kriegen begründet. So wurde (und wird) Gedächtnis und Geschichte manipuliert, um geopolitische Interessen der „global players“ durchzusetzen, jedoch mit dem Anspruch, in der internationalen Ordnung zugleich religiöse Werte zu verteidigen, statt eine gezielte Anwendung des Völkerrechts in Konfliktsituationen durchzusetzen.
Der Schwerpunkt der Argumentation von Georges Corm liegt auf der Notwendigkeit einer säkularen Konfliktanalyse angesichts dieses „zivilisatorischen Fanatismus". Dieser kann aber keine Antwort auf eine Gewaltpolitik sein, die ihr antiwestliches Auftreten religiös mit „dem Islam“ legitimiert. Politisch-religiös motivierte Konflikte brauchen eine säkulare Deutung im Horizont der Laizität, der demokratischen Freiheiten, und zwar durchaus in der republikanischen Version „à la française“.
Vgl. dazu bereits seinen Beitrag: "Da la Palestine à l'iran.
Révoltes et refus au nom de l'islam"

= Von Palästina bis zum Iran. Revolten und Verweigerung im Namen des Islam
Le Monde Diplomatique. Mars 2006

Weitere Literatur 1989 - 2010 
  • L'Europe et l'Orient : de la balkanisation à la libanisation: histoire d'une modernité inaccomplie.
    Paris: La Découverte [1989, 2001] 2003
    --- Verlagsinformation: hier
    --- Rezension in Persée:  Yves Gonzales-Quijano 1990: hier
  • Conflits et identités au Moyen-Orient (1919-1991). Paris: Arcantère 1992 Le Nouveau Désordre économique mondial. Paris: La Découverte 1993
  • Le Moyen-Orient. Collection "Dominos"
    Paris: Flammarion 1993  
  • Histoire du pluralisme religieux
     dans le bassin méditerranéen.
    Paris: Geuthner 1998
  • La Méditerranée, espace de conflit, espace de rêve.
    Paris: Harmattan 2001 --- Verlagsinformation: hier
  • Le Liban contemporain : histoire et société.
    Paris: La Découverte [2003, 2005] 2012
  • Orient-Occident, la fracture imaginaire
    Paris: La Découverte [2002] 2004

    Deutsch: Missverständnis Orient.
     Die islamische Kultur und Europa.
    Zürich: Rotpunkt 2004, 180 pp.
    --- Rezension in Deutschlandfunk, 20.09.2004: hier
  • La Question religieuse au xxie siècle. Géopolitique et crise de la post-modernité. Paris: La Découverte 2006
  • Le Proche-Orient éclaté
    (1956–2012). Paris: Gallimard [2002] 2007
  • Histoire du Moyen-Orient de l'Antiquité à nos jours
    Paris: La Découverte 2007
  • L'Europe et le mythe de l'Occident.
    La construction
    d'une histoire. 
    Paris: La Découverte 
    --- Verlagsinformation, Inhaltsverzeichnis,
    weitere Titel von G. Corm: hier
     






Le Nouveau Gouvernement du monde.
Idéologies, structures, contre-pouvoirs
Essais no. 390. Paris: La Découverte 2013
--- Verlagsinformation / Inhaltsverzeichnis: hier
Dieses Buch ist ein Handbuch, um sich über die Probleme und die Veränderungen zu informieren, die durch die Globalisierung entstanden sind. Zugleich eröffnet es Perspektiven für die Zukunft.
Es versteht sich bewusst als Zusammenfassung verschiedener Themenfelder im Horizont von Ökonomie, Gesellschaftswissenschaften und Politik. Corm beschreibt diese unvermeidlichen Veränderungen, die aber nicht dogmatisch verengt geführt werden dürfen, vielmehr zu Wirtschaftsreformen ermöglichen müssen. 

Dazu gehört eine Sensibilisierung im Blick auf Korruption und ein konsequentes Umdenken angesichts der Verschwendung von Ressourcen. Dies kann nur unter Berücksichtigung größerer räumlicher Zusammenhänge geschehen. Rezension (französisch) - "liens socio - lectures" 2010: hier         

                                                                       

                         

Daisaku Ikeda - Soka Gakkai und Jazz als Weltmusik

  • Herbie Hancock,
  •  

  • Daisaku Ikeda,
  •  
  • Wayne Shorter 

  • Weisen des Lebens. 
    Improvisationen über Jazz, Buddhismus und Glück


      Aus dem Englischen von Judith Elze
      und Kathrin Harlaß

      • Freiburg: Herder 2018, 240 S., Abb.
        --- ISBN 978-3-451-38286-4 ---

      --- English summary at the end of the review
      --- Résumé français au bout du compte rendu

      Daisaku Ikeda (geb. 1928) ist nicht nur in seinem Heimatland Japan ein bekannter Schriftsteller und Vortragsredner. In den USA und Europa wurde sein Auftreten  dadurch intensiv wahrgenommen, dass er seit 1975 als Präsident  der japanisch-buddhistischen Bewegung Sōka Gakkai International (SGI) konsequent für eine Kultur des Friedens arbeitet.  Er tut dies auf der Basisi des Nichiren-Buddhismus. Die dazu organisierten Konferenzen und Diskussionen kreisen darum immer wieder um die Themen Friedenspädagogik, Kulturzusammenhänge und interkulturelle Erziehung und Bildung, besonders für die junge Generation. Aus diesem Grunde traf sich Ikeda auch mit vielen berühmten Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Religion, z.B. mit Michail Gorbatschow (1990)Nelson Mandela (1990), Ernst Ulrich von Weizsäcker(2011-2014) und Johan Galtung (1995). 
      Um seine vielen Veröffentlichungen in deutscher Sprache bemüht sich der deutsche Zweig von Soka Gakkai (SGI-D) . Der neueste Titel ist wiederum aus Gesprächen entstanden, dieses Mal mit den berühmten US-amerikanischen Jazzmusikern Herbie  Hancock (geb. 1940) und Wayne Shorter (geb. 1933). Sie vermitteln eine tiefe Übereinstimmung im Blick auf die große Bedeutung der Musik als Weltmusik für Versöhnung und Frieden über kulturelle, politische und religiöse Gräben hinweg. Dass alle drei Autoren sich auf den (Nichiren-)Buddhismus als Lebensorientierung berufen, gibt dem Buch insofern eine besondere Zielrichtung, weil als kontinuierliches Element die heilsame Wirkung buddhistischen Lebens angesprochen wird - nämlich das Verletzende und Negative in positive Energie umzuwandeln.  Natürlich findet sich noch genug Zeit, um über die Geschichte des Jazz und seine Bedeutung für die Gegenwart zu sprechen. Die Gesprächssituationen bringen natürlich auch manche Wiederholung. Dadurch kommt jedoch immer wieder das, was die Autoren im Tiefsten bewegt, in unterschiedlichen Aspekten zur Sprache: Der Buddhanatur gemäß zu leben und gesellschaftlich zu wirken. 
      Die hier vorliegenden Aufzeichnungen sind von September 2010 bis Dezember 2011 zuerst als Serie  in der japanischen Soka-Gakkai-Zeitung Shimbun erschienen und dann zusammengefasst in Englisch als Buch veröffentlicht worden. Aktualisierte Ergänzungen sind mit den Autoren abgestimmt worden
      Die 10 Abschnitte des Buches stellen eine Art künstlerischer, spiritueller und verantwortungsbereiter Reise dar, die die drei Autoren auf je ihre eigene Weise wahrnehmen. Thematisch verbinden sie Erfahrungen aus ihrer Lebensgeschichte. Es sind oft prägende Ereignisse in der Begegnung mit anderen Persönlichkeiten. Hinzu kommen grundsätzliche Überlegungen mit bewusster Zukunftsorientierung.
      Für Ikeda ist der Pädagoge 
      Josei Toda (1900 - 1958) sein Mentor und Vorbild.
      1. Jazz, entstanden aus dem Volk: "Jazz ist ein kreativer Prozess, er ist eine dialogische Improvisation, mit der wir die oberflächlichen Zwänge von Dogmen, Dekreten und Mandaten durchbrechen können" (Shorter, S. 15).
      2. Jazz und Bürgerrechte: "Viele Jazzmusiker haben Musik komponiert, die sich auf verschiedenste Weise mit der Bürgerrechtsbewegung befasst. Manche Stücke zeichnen anschaulich die Proteste gegen die Rassendiskriminierungen nach. Andere verkörpern hoffnungsvolle Visionen einer Zukunft ohne Vorurteil" (Hancock, S. 39).
      3. Von innen heraus spielen: "Meine Beziehung zu meinem Saxophon hat etwas Geheimnisvolles. Wenn ich es spiele, verschmelze ich mit ihm. Wir werden eins, wie enge Freunde" (Sorter, S. 67)
      4. Das Unmögliche ist möglich: "Mentor und Schüler befinden sich auf einer gemeinsamen Reise, die niemals endet (Ikeda, S. 89) ... Für uns, die wir unser Leben dem Mystischen Gesetz widmen, ist jeder Tag bis in alle Ewigkeit ein Neubeginn, jeder Tag ist Neujahr" (Ikeda S. 93).
      5. Geduld und Beharrlichkeit: "Junge Menschen so heranzubilden, dass sie uns irgendwann überflügeln, macht uns in der Tat zu Gärtnern. Ein schöner Vergleich" (Ikeda, S. 99). "In der Welt der Musik ist es meiner Meinung nach wichtig, dass dieser Dialog mit dem Unbekannten in aller Einfachheit geführt wird" (Shorter, S. 106).

      6. Entschlossener Dialog: "Wir alle müssen auf unserem Lebensweg zahlreiche Prüfungen bestehen. Der buddhistischen Lehre zufolge ist eines der Acht Leiden der Kummer, uns von denen trennen zu müssen, die wir lieben" (Ikeda, S. 123). "Wir müssen die Menschen inspirieren, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, damit sie begreifen, dass wir einander brauchen und dass keiner von uns wirklich glücklich sein kann, wenn nicht alle Menschen glücklich sind (Hancock, S. 133).

      7. Für immer gute Freunde: "Ich selbst bin zu der Erkenntnis gelangt, dass wir diesen Fehler [sc. Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945] niemals wiederholen dürfen. Dass es unabdingbar ist, eine Welt der Gewaltlosigkeit zu gestalten ... (Hancock, S. 139). "Es ist natürlich schwer, die Mauern des Vorurteils niederzureißen, die jemand gegenüber der Religion aufgebaut hat. Aber wir können sie durchbrechen, wenn wir in allem, was wir tun, authentisch sind"
      (Hancock, S. 135).

      8. Der lange Weg ist der kurze Weg: "Wir müssen endlich anfangen, voneinander zu lernen, Negatives in Positives umzuwandeln und, wie wir es im Buddhismus ausdrücken, Gift in Medizin zu verwandeln" (Shorter, S. 171 - auch in Erinnerung an den 11.09.2001 formuliert).

      9. Afrika auf dem Vormarsch: "Man könnte sagen, dass die afrikanische Musik eine Hymne an das Leben ist, durchströmt von der Freude an der Schöpfung ... Im 21. Jahrhundert wird die ganze Welt von der Seele Afrikas lernen, und die Welt wird durch die Kraft Afrikas verändert werden"
      (Ikeda, S. 190).

      10. Die volle Verantwortung für die Zukunft: "Der Jazz wurde aus dem unbeschreiblichen Leid geboren, das die Afroamerikaner ertragen mussten, und wird heute nicht mehr nur in den USA geschätzt, sondern auf der ganzen Welt. So groß ist die Kraft der Kultur" (Ikeda, S. 203). Eine Flut kreativer Energie muss sich [in der Musik und auch im Jazz] entfalten, mit jeder einzelnen Welle größer und mächtiger werden und sich in alle Bereiche der Gesellschaft ergießen" (Shorter, S. 212).

      Zusammenfassung
      Der Präsident der japanisch-buddhistischen Richtung Soka Gakkai, Daisaku Ikeda (geb. 1928), begegnet in diesen aufgezeichneten Gesprächen den legendären Jazz-Musikern Herbie Hancock und Wayne Shorter. Auch sie gehören Soka Gakkai an und praktizieren den Nichiren-Buddhismus. Diese freundschaftlich-improvisierten Gespräche zielen darauf, die versöhnende Kraft der Musik im Horizont der buddhistischen Lehre, dem Dharma, neu zu durchdenken und von daher Kraft für eine Zukunft des Friedens zu entwickeln. An Beispielen aus ihrem Leben und wichtigen positiven, aber auch negativen Lebenserfahrungen vergegenwärtigen diese Weltmusiker zusammen mit ihrem "spiritus rector" Ikeda in gewisser Weise, was die Königin Shrimala, eine Anhängerin des historischen Buddha, als verbindliche Orientierung für ihr Leben ansah: 
      1. Ermutigung für andere Menschen zu sein - durch Freundlichkeit und Mitgefühl.
      2. Menschen mit dem Not Wendenden -  dem Notwendigen - zu versorgen.
      3. Für andere einzutreten.
      4. Sich mit anderen zusammenzuschließen und mit ihnen gemeinsam Heilsames zu erarbeiten (S. 217).
      Diese Grundhaltung versuchen die Autoren als Musiker und Schriftsteller mit ihren Möglichkeiten zum Ausdruck zu bringen und auf diese Weise die Vision einer friedlichen Zukunft durch Bildung und Dialog ansatzweise Wirklichkeit werden zu lassen.

      English Summary
      The president of the Japanese Buddhist movement Soka Gakkai, Daisaku Ikeda (born 1928), meets the legendary jazz musicians Herbie Hancock and Wayne Shorter. The encounters are recorded conversations. The artists also belong to Soka Gakkai and practice Nichiren Buddhism.
      These friendly-improvised talks intend to rethink the reconciling power of music in the horizon of Buddhist teaching, the Dharma, and therefore to develop the power for a future of peace. These world musicians tell examples of their live with important positive but also negative experiences. They do this together with their "spiritus rector" Ikeda. 
      They present in a certain way what Queen Shrimala, a follower of the historical Buddha, treated as a binding orientation for her life:
      1. Encouraging others - through kindness and compassion.
      2. To provide people with things which turn misery - i.e. the necessary for life.
      3. To stand up for others.
      4. To associate with others and to work together with them to help others (p. 217).

      The authors try to express this attitude as musicians and writers with their possibilities, and in this way they want to realize with first steps the vision of a peaceful future  through education and dialogue.

      Résumé français
      Le président du mouvement bouddhiste japonais Soka Gakkai, Daisaku Ikeda (né en 1928), rencontre les musiciens de jazz légendaires Herbie Hancock et Wayne Shorter. Les textes sont des conversations enregistrées. Les artistes appartiennent aussi à la Soka Gakkai et pratiquent le bouddhisme de Nichiren. Leurs entretiens amicaux et improvisés ont pour but de repenser le pouvoir réconciliant de la musique à l’horizon de l’enseignement bouddhiste, le Dharma, et donc de développer le pouvoir pour un avenir de paix. Utilisant des exemples tirés de leur vie et  avec des importantes expériences positives mais aussi négatives, ces musiciens du monde, ainsi que leur "spiritus rector" Ikeda, ont présente d'une certaine manière ce que la reine Shrimala, adepte du Bouddha historique, considérait comme une orientation impérative de sa vie:
      1. Encourager les autres - par amabilité et compassion.
      2. Fournir aux gens les choses qui sont nécessaires pour la vie -
          c'est à dire de tourner la misère.

      3. Intervenir pour les autres.
      4. S'associer aux autres et travailler avec eux pour aider les autres (p. 217).
      Les auteurs tentent d'exprimer cette attitude comme musiciens et écrivains avec leurs possibilités.  Ils essaient réaliser ainsi avec les pas premiers la vision d'un avenir pacifique par éducation et dialogue.

      London / East Haven, CT:
      Pluto Press 1995, 172 pp., index

      Reinhard Kirste


      Daisaku Ikeda / Ernst Ulrich von Weizsäcker ------- Ethische Verantwortung für die Zukunft der einen Welt

      Ernst Ulrich von Weizsäcker / Daisaku Ikeda:
      Was sind wir uns wert?
      Gespräche über Energie und Nachhaltigkeit
      Aus dem Englischen übersetzt von Judith Elze und Katrin Harlaß
      Freiburg u.a.: Herder 2016, 184 S. ---- ISBN: 978-3-451-34964-5 ---

      Ernst Ulrich von Weizsäcker (geb. 1939) hat sich sowohl als Naturwissenschaftler wie als Politiker einen Namen gemacht. Neben vielen Wissenschaftseinrichtungen, denen er vorstand bzw. noch vorsteht, ist er seit 2012 auch Co-Präsident des Club of Rome. Sein philosophischer Gesprächspartner in diesem Buch ist Daisaku Ikeda (geb. 1928), Präsident der buddhistischen Laienorganisation Soka Gakkai, die ihren Ursprung in Japan hat. Er erhielt für sein Engagement im Blick auf Menschenwürde und Menschenrechte 1983 den Friedenspreis der Vereinten Nationen. 


      Weiteres zu Soka Gakkai: hier

      Diese beiden weltweit engagierten Persönlichkeiten haben acht ausführliche Gespräche über die Weltverantwortung in ihren unterschiedlichen ökologischen, wirtschaftlichen und friedenspolitischen Dimensionen geführt. Diese in manchem visionär wirkende Gesprächsreihe erschien zuerst im japanischen Literaturmagazin Ushio zwischen Dezember 2011 und Mai 2014 und auch in der japanischen Ausgabe des Journal of Oriental Studies.

      Um es vorweg zu sagen: Die Geschichte von Deutschland und Japan besonders im 20. Jahrhundert zeigt viele Berührungspunkte – allerdings nicht nur angenehmer Art, was Kriege und Katastrophen betrifft. Man denke nur an die faschistische „Achse“ Berlin Tokio während im 2. Weltkrieg, die Entwicklung und den Abwurf der ersten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki sowie die Erdbeben und Reaktorunfälle in Japan bis in die jüngste Gegenwart. Solche Erfahrungen nötigen über regionale und nationale Sichtweisen hinauszukommen und die Welt als eine Welt für alle Menschen wahrzunehmen. Wie schon der Reformpädagoge und Gründer von Soka Gakkai Makiguchi Tsunesaburo (1871 - 1944) einforderte, gehören Erziehung und Bildung zu den Kernaufgaben für die Verbesserung der Weltzustände im Sinne einer umfassenden Friedenspädagogik (vgl. S. 21).
      Das erfordert nicht nur international sorgfältige analytische Arbeit sondern auch eine ethische Verantwortung, wie sie ebenso Hans Küng in seinem „Projekt Weltethos“ zum Ausdruck gebracht hat.

      Die beiden Autoren – gewissermaßen gleichzeitig Wissenschaftler, Philosophen und Zukunftsforscher – diskutierten dieses weite Themenfeld in mehreren „Anläufen“:
      1. Im Gespräch Hoffnung und Gesundung geht um die Erkenntnis und Konsequenzen aus den Grenzen des Wachstums angesichts eines ethisch hemmungslosen Kapitalismus.
      2. Der Abschnitt Eine Welt ohne Krieg bezieht sich erinnernd auf das Anti-Atomwaffen-Manifest Göttinger Kernwaffenforscher 1957. Das Gespräch bedenkt aber auch die Konsequenzen aus dem Fall der Berliner Mauer 1989, das Ende des Kalten Krieges und japanische Abrüstungsinitiativen.
      3. Beim dritten Gesprächsthema Grünes Wachstum geht es um Energie und Klima, das Weizsäcker unter den Titel Faktor Vier: Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch anspricht und als Faktor Fünf zukunftsorientiert analysiert: Nachhaltiges Wachstum und Ressourcenschonung, besonders auch durch Reformen von unten. Angesprochen wird dabei die Planung von DESERTEC, nämlich den Energiebedarf Europas über Solarstrom aus der Sahara abzudecken.
      4. Entscheidend sind jedoch geänderte Verhaltensweisen: Genügsamkeit widerspricht keineswegs einem erfüllten Leben. Einfach ist nicht ärmlich! Allerdings ist es unumgänglich, ethische Verantwortung zu praktizieren, und zwar mit dem Verzicht auf ungebremsten Konsum und ausbeuterisches Wachstum um einer gesunden Umwelt willen.

      5. In die langfristige Perspektive haben sich seit langem schon verantwortliche Gruppierungen eingeschaltet wie der Club of Rome, der 1972 schon die „Grenzen des Wachstums“ einforderte. Daraus entwickelte sich die Orientierung für ein „nachhaltiges Wachstum“. 
      6. Das immer wieder durchklingende Thema ist ein notwendiges Umweltbewusstsein, das sich global entwickeln muss. Es fängt oft mit kleinen Schritten an vielen Orten an – gerade auch in den Schulen. Umwelterziehung ist darum das Gebot der Stunde im Sinne eines neuen Zeitalters der Aufklärung. Ökonomie und Ökologie müssen in eine umweltbewusste harmonische Balance gebracht werden.
      7. Hier schließt sich fast nahtlos das nächste Gespräch an: Soziale und ökologische Gerechtigkeit, das im sog. TLC-Faktor gipfelt: Tender Loving Care = liebevolle Fürsorge (S. 116f). Das bedeutet Rückkehr zum menschlichen Maß und Beendigung des „Marktfundamentalismus“ (S. 122ff) hin zu toleranten und versöhnlichen Gesellschaften und Staaten. Nur so können alle die Grundrechte des Lebens wahrnehmen: Ausreichende Nahrung und sauberes Wasser, Arbeit und Wohnung. Bhutan mit seinem Indikator „Bruttonationalglück“ tritt hier besonders in den Fokus. Hier kommen die im 3. Gespräch schon erwähnten Faktoren Vier und Fünf ins Spiel.
      8. Für unsere nachhaltige Zukunft bedeutet dies die Klimaveränderungen nicht nur ernst nehmen, sondern an sinnvollen Verbesserungen arbeiten. Dazu gehört als erstes eine Haltung der Genügsamkeit, die die Gier nach Ressourcen ausbremst, Energien sorgsam einsetzt und Ressourcen wiederverwertet, denn in dieser Welt ist für alle genug da, allerdings nicht für jedermanns Gier (Gandhi, vgl. S. 161).

      Zur Bedeutung von Religion        
      Noch stärker als Weizsäcker bezieht sich Ikeda immer wieder auf die religiöse Motivation seines Handelns. Das wird z.B. mit einem Buddha-Zitat deutlich, in dem Mitgefühl und Umweltbewusstsein zusammenklingen (S. 95). Der Gedanke des Philosophen Nichiren Daishonin (1222–1282) zu umfassender Gerechtigkeit gewinnt erstaunliche Aktualität: „Die lebenden Wesen und ihre Umgebung sind nicht zwei Dinge, und ein Mensch und das Land, das er bewohnt, sind nicht zwei Dinge“ (S. 117). 
      Zum Schluss fasst der japanische Philosoph darum die Hoffnung auf eine glückvolle und friedliche Welt so zusammen: „Ich bin überzeugt, dass es zu den Kernaufgaben und -verantwortlichkeiten von Religion gehört, Perspektiven anzubieten, die uns in den Herausforderungen des Zeitenwandels eine verlässliche Richtschnur und feste Stütze sein können“ (S. 162). Diese Aufforderung, die Frieden stiftenden Kräfte der Religionen intensiver in politische Zusammenhänge einzubringen, müsste im Blick für die Zukunft noch viel deutlicher werden.
      Reinhard Kirste
      Vgl. das in mancher Hinsicht thematisch verwandte Buch:
      ·        Michael Gorbatschow / Daisaku Ikeda: Triumph der moralischen Revolution. 
      Freiburg u.a.: Herder 2015, 266 S., Personenregister
      Verlagsankündigung mit Leseprobe: hier


        Rz-Ikeda-Weizsäcker-Zukunft, 29.10.16   

      Samstag, 19. Januar 2019

      FRANKEICH: Aufklärung, Laizismus und Religionen (aktualisiert)

       
      Centre Pompidou Metz

      In Frankreich spielt die Laizität laïcité - gesellschaftlich eine tragende Rolle. Religionen und Religiosität sind damit viel eindeutiger als in Deutschland der Privatsphäre zugeordnet. Dennoch gibt es nicht nur durch die Migration aus islamischen Ländern, sondern auch durch die Zunahme von Anhängern anderer Religionen, besonders des Buddhismus, eine veränderte multikulturelle Landschaft. Sie gibt dem religiösen Pluralismus in der französischen Gesellschaft einen neuen Stellenwert. 

      Die Debatten innerhalb der Sciences humaines et sociales treten damit verstärkt in den gesellschaftlichen Vordergrund.
                         
      Übersicht
      1. Frankreich - Aufklärung - Laizismus - Religionen 
      2. Einzelveröffentlichungen (Literaturauswahl)
      3. Sammelbände, Zeitschriften Materialhefte

      1.  Aufklärung - Laizismus - Religionen 
      >>>>
      Aktuelle Informationen und Debatten bei:

      2.  Einzelveröffentlichungen
      (Autoren A-Z) mit Informationen 

      zum Download
      3.  Sammelbände, Zeitschriften
      und Materialhefte zum Themenbereich