Freitag, 13. Oktober 2017

Facetten von Gurus und "vollkommenen Meistern" - Shirdi Sai Baba und Sathya Sai Baba

Chandra Bhanu Satpathy:
Shirdi Sai Baba und andere vollkommene Meister.

Aus dem Englischen übersetzt von Dietrich Kebschull.
Odisha, Indien: Vision Printers 2014, 146 S., Abb.,
(etwas defizitäres) Glossar.
Originaltitel: Shirdi Sai Baba and other Perfect Masters. Sterling Publishers 2001

Der Autor C.B. Satpathy Ji (geb. 1948 in Chuttuck, Orissa, Indien), der sich selbst als Guru Ji versteht, arbeitete bis zu seiner Pensionierung 2008 im Polizeidienst. Bereits als Kind kam er mit den Besonderheiten indischer Gurus und deren oft erstaunlichen Wundertaten in Berührung. Besonders aber beeindruckte ihn der Guru Shirdi Sai Baba. Es handelt sich hier um einen Ausdruck der Verehrung. Das gilt generell für die Ehrentitel-Verbindungen mit: Shri, Sai, Baba und dann auch kombiniert: Shri Sainath Maharaj.[1] Der Verehrte wurde 1838 oder 1856 in Shirdi (nahe Mumbai/Bombay) geboren, darum auch sein Name Shirdi Sai Baba. Er starb 1918 ebendort.
Die Bedeutung der „vollkommenen Meister“
Über diesen Meister hat Sapathy nun ein Buch verfasst. In seinem Glaubensverständnis sieht er ihn in das göttliche Wirken aller „vollkommenen Meister“ eingebunden. Diese spiegeln in besonderer Weise das Selbst Gottes in ihrer Person wieder. Im Buch wird einleitend einiges zu den vollkommenen Meistern, den Sadgurus, erläutert: Sie planen und bewirken Ereignisse, die die Welt verändern, was man z.B. an Mose, Jesus, Mohammed und Guru Nanak sehen kann. Die Sadgurus schreiben unsichtbar Geschichte (S. 13), haben aber immer auch Vermittler, um die Vollkommenheit in der Welt zu erreichen. Das sind dann Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi oder Paramahansa Yogananda (1893–1952).
Autor und Übersetzer: Von Shirdi Sai Baba bewegt sein
Mehr und mehr taucht Satpathy in diese Welt der Gurus ein. Er wird schließlich Anhänger von Shirdi Sai Baba. Seit 1989 steht er auch an der Spitze der gleichnamigen Bewegung in der ganzen Welt. Die von diesem Guru ausgehenden Wirkungen beziehen sich nicht nur auf eine meditative Spiritualität der Anhänger, sondern verändern auch umgebende Gesellschaft. Inzwischen gibt es mehr als 200 Tempel in Indien und auch im Ausland, in denen Shirdi Sai Baba verehrt wird. Eine Reihe von Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser und Veterinärkliniken tragen seinen Namen, weil sie den Grundsätzen, Lehren von Shirdi Sai Baba folgen und diese auch durch soziale und schulische Hilfsprojekte gesellschaftlich umsetzen. C.H. Satpathy wirkt dabei als intensiver Promotor. Dazu publizierte er zahlreiche Bücher, Artikel und CDs in verschiedenen Sprachen. Es liegt ihm daran, dass alle Anhänger (devotees) von Shirdi Sai Baba umfassend über den Meister informiert sind und jeden Tag auch seine Texte meditieren. Der Shri Sanath Sai Baba Trust organisiert und koordiniert alle mit dem großen Meister zusammenhängenden Aktivitäten.[2]
Interessanterweise sah sich auch der teilweise sehr umstrittene Sathya Sai Baba (1926–2011)[3], der auch im Westen durch seine „Wunder“ (besonders mit heiliger Asche) sehr bekannt wurde, als Reinkarnation von Shirdi Sai Baba. Allerdings geht das Buch auf diesen Zusammenhang nicht ein.
Der Übersetzer, Dietrich Kebschull ist ein anerkannter Ökonom und Vermittler von Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien sowie Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er lebt seit über 25 Jahren in Indien. Ihn fasziniert die direkt mit dem Alltag verbundene intensive Gläubigkeit der Inder, wie er im Vorwort betont. Die deutsche Übersetzung der Geschichten um Shirdi Sai Baba und einiger weiterer Gurus wird von C.P. Satpathy aus der Sicht eines Verehrers geschrieben und ist darum eher als eine Art Glaubenszeugnis zu lesen.
Shirdi Sai Baba – Leben und Wirkung
Nun weiß man allerdings kaum etwas über Sai Babas Herkunft, seine Eltern und seine Familie, auch nicht, wie er mit seinem originalen Familiennamen hieß.  „Sai Baba“ ist ein Ehrentitel für einen Avatar[4] sowie für einen spirituellen Lehrer und Meister. Im Buch erfahren die Leser/innen nun die Annäherungen an das „Heiligen-Bild“ des Shirdi Sai Baba. Als junger Mann mit etwa 16 Jahren trat er zum 1. Mal in Shirdi auf und meditierte weltabgewandt und in strenger Askese unter einem Neembaum (Niembaum). Für die Menschen dort war es höchst erstaunlich, dass er schon in seiner Jugend durch extreme Bußübungen sein Leben gestaltete. Zwischendurch war er einige Zeit fort und kam dann für immer in seine Heimatstadt zurück, in der er auch viele Wunder tat. Dazu gehört besonders, dass er Menschen mit heiliger Asche (von Verstorbenen) heilte. Heute kommen zum Schrein des Heiligen – so sagt der Autor – täglich etwa 30.000 Menschen.
Im Hauptkapitel des Buches (S. 25-82) versucht der Autor den Lesenden Shirdi Sai Baba näher zu bringen. Dies geschieht – sehr persönlich beschrieben – zuerst durch eine Kassette, die sich Satpathy auslieh. Eine Art innerer Berufung wurde später die Lektüre einer Biografie des Meisters von Shri Sai Satcharita, die der Autor auf dem Weg nach Shirdi las (S. 73-77). Es ist eine Lebensbeschreibung, die er in höchsten Tönen lobt und die ihn tief bewegt.[5] Die Besonderheit von Shirdi Sai Baba hebt Satpathy nun dadurch heraus, dass er nicht nur auf die früheren Leben des Meisters verweist, sondern auch, dass dieser bereits in seinem Leben seinen Körper für drei Tage verließ und dann zurück in das „normale“ Leben trat. Aber die Wirkungen gehen auch über sein irdisches Leben weit hinaus: Das zeigt sich in der Einführung des Urs-Festes, das jährlich am Todestag des Sufi-Heiligen Khwaaja Muin-du-Din Chishti (1141-1230) in Ajmer (Rajasthan) gefeiert wird. Hinzu kam eine sog. Sandel-Prozession; und dann wurden die Feierlichkeiten (des Urs-Festes) in das Rama Navami (Geburtstagsfest des Gottes Rama) geändert. Bei diesem Fest spielt die Sandelpaste eine wesentliche Rolle. Sie wird in eine große Schale getan und in einer Prozession mit Trommeln und Zimbeln zu einem der Schreine, dem Dwarkamai (eine Moschee), getragen. Die Mauern werden dann mit dieser Paste bestrichen. Hier taucht auch wieder der Neembaum (Niembaum) auf, unter dem der Heilige in seiner Jugend meditiert hatte. Dieser Baum gilt in Indien generell als heilig. Seine Wirkstoffe werden auch in der westlichen Medizin und im Pflanzenschutz sehr geschätzt.[6]
Die Festrituale zeigen sehr schön die tolerante und interreligiöse Haltung von Shirdi Sai Baba, weil die Gebetsorte aller Religionen für ihn heilige Orte waren und alle Religionen Offenbarungen des Göttlichen erleben – hier besonders im Blick auf Hindus, Muslime und Parsen. Das kam auch immer wieder in den Reden und Handlungen des Meisters zum Ausdruck.
In die Wirktradition von Shirdi Sai Baba wächst der Autor auch durch mancherlei, auch erstaunliche Begegnungen und Wunder hinein, bis er schließlich die Führung der Sai-Baba-Bewegung übernimmt. Erfüllt vom immerwährenden Geist Sai Babas weiß er, dass die Anhänger des Gurus ihn in großer körperlicher Gestalt sehen, sozusagen der materialisierte göttliche Geist und damit „Purusha“, der wahre Mensch, der keine Eltern braucht, um geboren zu werden, ähnlich wie Jesus, der von der Jungfrau geboren wurde! Der Autor weicht den Fragen zu solchen Wundern allerdings aus, indem er auf die Wirkungen von Jesus und Shirdi Sai Baba gleichermaßen verweist, sind sie doch angetreten, um das Leiden der Menschen zu mildern! (S. 58f)
Vollkommene Meister/innen und Heilige (S. 85–142)
Satpathy stellt in der 2. Hälfte des Buches weitere heilige Persönlichkeiten vor, „vollkommene Meister“, aus verschiedenen Epochen. Er bringt sie direkt und indirekt mit Shirdi Sai Baba in Verbindung. All diese Heiligen spielen offensichtlich für die spirituelle Entwicklung des Autors eine besondere Rolle.
Hier handelt es sich um Kurzbiografien von Heiligen, deren irdisches oder „geistiges“ Wirken sich meist an bestimmten Orten mit entsprechenden Tempeln und Schreinen in Indien und teilweise auch im Ausland lokalisieren lässt. Es handelt sich um die mystisch geprägte Muslima Hazrat[7] Babajan (ca. 1820-1931!) und den kaum bekannten Sarmad (17. Jh.). Ihm wurde ähnliches nachgesagt wie dem Sufi, Husain ibn Mansur Al-Hallaj (858–922), der wegen seiner Worte „Ich bin Gott“ bzw. „ich bin göttlich“ in Bagdad hingerichtet wurde.
Weiterhin kommen zur Sprache:
Shri Akkalkot Majaraj (gest. 1878), Shri Gajanan Maharaj (gest. 1910), Hazrat Baba Tazuddin (1861–1925) und schließlich Kashinat Govind Upasani, der als Shri Upasani Maharaj (1870–1941) bekannt wurde. Er gilt als Inkarnation von Shirdi Sai Baba/Shri Sainat Maharaj, denn er war gewissermaßen der spirituelle Ziehsohn des Meisters und erreichte schließlich auch die Göttlichkeit (S. 142).

Bilanz
Vor uns liegt eine biografische Reise, die Shirdi Sai Baba im Kontext der religiösen Welt Indiens zeigt. Es ist ein Universum, das sich scheinbar/anscheinend mit der (westlichen) Moderne und ihrer Technisierung bestens verträgt. Mythen und reale Geschichten bleiben für den westlichen Betrachter zuweilen in unauflöslicher Spannung. Viele Inder sehen dies offensichtlich nicht so und wohl auch nicht der Übersetzer.
Die Wundergeschichten im Verlauf der Darstellung von Shirdi Sai Baba erinnern dabei in ihrer Art und Typik in vielem an die Wunder Jesu. Man meint beinahe, dass die Zeit stehen geblieben ist und sich Jesus und der indische Guru direkt begegnen. Dadurch werden natürlich alle kritischen Nachfragen zu den außerordentlichen Heilungen, den Naturwundern (z.B. Wasser in Öl verwandeln) und anderen ungewöhnlichen Handlungen ausgeblendet.
Allerdings muss man bedenken, dass das religiöse Indien für viele Menschen im Westen zuerst extrem fremdartig anmutet. Dennoch bietet gerade diese tief verinnerlichte Religiosität auch für den westlichen Menschen eine Faszination und fordert zum Nachdenken heraus. Könnte es nicht auch sein, dass rationalistische oder historische Kritik bestimmte Zusammenhänge der Wirklichkeit in einer Art Zerrbild des Verstandes sieht? Deshalb bringt es nichts, diese Geschichten einfach in den Bereich der Esoterik, des Okkultismus, der Zauberei oder gar der Tricks abzuschieben. Natürlich gibt es unter den Gurus auch Scharlatane und öffentlichkeitswirksame „Schausteller“ ihrer von der Gottheit bewirkten Taten. Wer jedoch Indien erlebt hat, weiß um die Faszination der Extreme, in die die Religion voll integriert ist. So lässt sich Kritik eigentlich nur dort festmachen, wo nach dem Zweck der Wunder gefragt wird. Die Evangelien berichten, dass es Jesus nicht um die Wunder als solche ging, sondern um die Ankündigung der Herrschaft Gottes, des Himmelreiches. Da „passieren“ Wunder oft mehr als erläuterndes Ereignis am Rande wahrer Gotteserkenntnis. So ist für die heutige (christliche) Theologie das Wunder viel stärker Symbol und Ausdruck für zuweilen auch Ungewöhnliches, was unter der Optik eines mythischen Weltbildes sich als göttliches Eingreifen erklären lässt. Hinzu kommt, dass große Persönlichkeiten in vielem über die bürgerliche Alltäglichkeit hinausragen. Das gilt sicher auch für Shirdi Sai Baba und die weiteren vom Autor im Buch  genannten Heiligen.
Nun gibt es im deutschsprachigen Bereich gar nicht sehr viel wissenschaftliche Literatur zu den im Buch genannten spirituellen Meistern mit ihren Predigten und Wundern. Auch die Angaben im Internet weisen (noch) erhebliche Lücken auf.
So wünschte man, dass dieser Lebensgeschichte des Guru, die mit der Brille des Verehrers geschrieben wurde, vielleicht eine achtsame, kritische Untersuchung folgen könnte. Sie müsste die frag-würdigen Hintergründe und Einseitigkeiten der Devotees ansprechen und könnte damit ein „realistischeres Bild“ von Shirdi Sai Baba zeichnen.

Mehr zu Shirdi Sai Baba und Blick auf Sathya Sai Baba
Reinhard Kirste

Rz-Satpathy, 14.01.2015, bearb. 13.07.2017
Druckfassung erschienen in "Orientalistische Literaturzeitung" (OLZ)





[1]  Shri (Shree, Sri) = höfliche Anrede für „Herr“ oder auch für „Heiliger“ / Sai = [persisch] Heiliger / Baba = [Hindi] „Vater bzw. Mutter“/ Maharaj, Kurzform von Maharaja (Maharadscha) = [Sanskrit] großer Herrscher
[2]  Vgl. Shri Saibaba Sansthan Trust in Shirdi: https://www.shrisaibabasansthan.org/INDEX.HTML
(abgerufen, 11.01.15)
[3]  Sathya = Wahrhaftigkeit / Wahrheit; vgl. dazu den interessanten Bericht eines Sathya Sai Baba Nahestehenden, in dem die Kritikpunkte aufgegriffen werden: http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/enthuellungen/armin-risi/sathya-sai-baba-1926-2-11-eine-hintergrundanalyse-der-kontroversen-und-kritiken.html (angerufen 13.01.15)
[4]  Avatar – ein Wiederkommender: Er ist eine Manifestation des höchsten göttlichen Prinzips, Brahman. Im Avatar kommt dieser göttliche Aspekt in der Gestalt eines Tieres oder eines Menschen immer wieder zum Vorschein. Man kann auch von einer Inkarnation der göttlichen Kraft reden, vgl. auch Anm. 1.
[5]  Diese Biografie von Shri Sai Satcharita ist auch im Internet vollständig verfügbar: http://www.saibaba.org/saisatc.html (abgerufen, 11.01.2015)
[6]  Mehr zum Neembaum (Niembaum) bei eGrain: http://www.egrainag.de/2.html (abgerufen 11.01.15)
[7]  Hazrat, abgekürzt: Hz., Titel für Verehrungswürdigkeit, bedeutet im islamisch-persisch-südindischen Raum etwa = „göttliche Gegenwart“ = seine/ihre Heiligkeit

Dienstag, 22. August 2017

Multikulturalität und Multireligiösität auf der Iberischen Halbinsel im Mittelalter - Ergänzende Literaturliste mit Rezensionen (aktualisiert)



    • Roger Arnaldez: A la croisée des trois monothéismes.Une communauté de pensée au Moyen-Age.
      --- 
      Paris: Albin Michel  1993, 447 pp., index
    • Abdurrahman Badawi: La transmission de la philosophie grecque
      au monde arabe. 
      Études de Philosophie Médiévale LVI --- Paris: J. Vrin 1987, 2ème éditom, revue et augmentée, 213 pp. 
    • Études de Philosophie Médiévale
    • Literatur von und über MAIMONIDES  (in Vorb.)
    • L. Benavides Barajas: Al-Andalus. El cristiansmo, 
      mozárabes y muládies. Dulcinea 1995, 119 pp., illustraciones
    • Christoph Bürgel (Fabian Käs, Hg.): Ärztliches Leben und Denken im arabischen Mittelalter.
      Leiden (NL): Brill 2016, 510 pp.
    • Alvaro Campaner y Fuertes: La Dominación Islamita en las Islas Baleares.
      --- 
      Prológo de G. Rossello Bordoy ---  Informe crítico: Francisco Codera y Zaidin. 

      Palma de Mallorca: Govern Balear / Miquel Font 1989, 2. Aufl., 327 S. 
      (ausführliches Inhaltsverzeichnis)
    • Jessica A. Coope: The Martyrs of Córdoba. Community and Family Conflict
       in an Age of Mass Conversion.
      Lincoln (USA)/ London: University of Nebraska Press 1995, XIV, 113 pp., index
      Frank R. Trombley: Inhaltliche Zusammenfassung, in:

      Journal of Early Christian StudiesVolume 4, Number 4, Winter 1996pp. 581-582
    • Louis Cardillac (dir.): Tolède, XIIe - XIIIe. Musulman, chrétiens et juifs: Le savoir et la tolérance.
      Paris: Autrement - Série Mémoires, no. 5, 991, 277 pp., annexes
  •  
  • Pierre Guichard / Denis Menjot (dir.): Pays d'Islam et Monde Latin. Xe - XIIIe siècle.
    Textes et documents. Collection d'histoire et d'archéologie médiévales 8.
    Presses Universitaires de Lyon 2000, 295 pp.
  • Serge Gruzinski: Quelle heure est-il là-bas?
    Amérique et islam à l'orée des Temps modernes.

    Paris: Seuil 2008, 227pp.

    [Übersetzungen bereits in mehrere (außereuropäische) Sprachen]

    Amerika und der Islam am Beginn der Moderne
    Blicke vom Osmanischen Reich in die Neue Welt und
    von Mexiko auf das Türkische Imperium ---
    Rezension: hier
  • Wiebke Deimann:
    Juden, Christen und Muslime im mittelalterlichen Sevilla.

    Religiöse Minderheiten unter muslimischer und christlicher Dominanz
    (12.-14. Jh.) 
    Berlin: LIT 2012
    ---
    Rezension von Wolfram Drews, Universität Münster
    --- Rezension von Christoph Auffarth, Universität Bremen 
  •  
  • Hussein Fancy: The Last Almohads.
    Universal Sovereignty between North Africa and the Crown of Aragon.
    Medieval Encounters 19 (2013), 102-136
  • Godfrey Goodwin: Islamic Spain. Architectural Guides for Travellers. London: Penguin 1990, , 150 pp., index
  • Frank Griffel: “Theology Engages With Avicennan Philosophy:
    al-Ghazālī’s Tahāfut al-falāsifa and Ibn al-Malāḥimī’s Tuḥfat al-mutakallimīn.”
    In: Sabine Schmidtke (ed.): Oxford Handbook of Islamic Theology.
    Oxford University Press 2016, pp. 435-455
    mit
    Inhaltsverzeichnis aller Artikel des Handbuches
  •  Raúl Gomez-Ruiz, S.D.S.  Mozarabs, Hispanics and the Cross. 
    ---- Maryknoll, NY: Orbis 2007, XVII, 252 pp., index
  • Leonard Patrick Harvey: Islamic Spain 1250 to 1500.
    The University of Chicago Press [1990] 1992, 370 pp., index
  • Peter Christian Jacobsen (Hg. und Übersetzer):
    Die Geschichte vom Leben des Johannes, Abt des Klosters Gorze
     (Lothringen).
      
    Monumenta Germaniae Historica ... editi 81. Wiesbaden: Harrassowitz 2016, X, 629 S. 
    (mit dem Bericht der Legationsreise nach Córdoba im Auftrag Ottos I.)
  • Jean Jolivet: Philosophie médiévales arabe et latine.
    Études de Philosophie Médiéval LXXIII. Parus: J. Vrin 1995, 320 pp.
  • Gerd Kampers: Geschichte der Westgoten. Paderborn: Schöningh 2008
  • Daniel G. König: Arabic Islamic Views of the Latin West:
    Tracing the Emergence of Medieval Europe.Oxford University Press (UK) 2015, 446 pp.
    Review by Harry Munt (University of York)
    --- In: Institute of Historical Research London
  • Carlos  Laliena /  Philippe Senac: Musulmans et Chrétiens dans le Haut Moyen Age: 
    Aux Origines de la Reconquête Aragonaise. Voies de l'Histoire. 
    Montrouge (F): Minerve 1991, 215 S., Register
  • Abdelwahab Meddeb / Benjamin Stora (dir.):
    Les relations entre juifs et musulmans. Des origines à nos jours.
    Paris: Albin Michel 2013, 1200 S., etwa 250 Abb.
    --- Ausführliche Verlagsinformation
  • Alain de Libera: La philosophie médiévale. Paris: PUF  1993, 527 pp., ,index
    Rezension von Hissette Roland (Persée 1998, vol. 96, no. 2, pp. 310-313)
  • Alain de Libera: Penser au Moyen Âge. Paris: Seuil 1991, 413 pp., index ----- Deutsche Ausgabe: Denken im Mittelalter. München: Wilhelm Fink 2003, 310 S.

    • MEYERSON, Mark D.: The Muslims of Valencia in the Age of Fernando and Isabel.
      Between Coexistence and Crusade.
      Berkeley, CA u.a.: Univ. of California Press 1991, _XII, 372 S., Register, Abb.
     
  • Christophe Picard: Le Portugal musulman (VIIIe-XIIIe siècle). Occident d'al-Andalus 
    sous domination islamique. ---  Paris: Maisonneuve & Larose 2000, 422 pp., index
  • Christophe Picard: la mer des califes
    Une histoire de la Méditerranée musulmane
    (VIIe - XIIe siécle)
    Paris: Seuil 2015, 371 S. Karten, Zeittafeln, Personenregister
  • David Peláez Portales: La Administración de Justicia en la Espana musulmana.
    Córdoba: El Almendro 1999, 127 pp.
  •  James M. Powell (ed.): Muslims under Latin Rule. 1100 - 1300. 
    Princeton University Press 1990, 221 pp., index
  • María Roso Menocal: L'Andalouse arabe. Une culture de la tolérance. 
    VIIIe - XVe siècle.

    Collection Mémoires, no. 92. Paris: Éditions Autrement 2003, 247 pp.
    --- Rezension in: La Cliothèque, 06.09.2003
  • Diego R. Sarrió Cucarella: Muslim-Christian Polemics
    across the Mediterranean.

    The Splendid Replies of Shihāb al-Dīn al-Qarāfī (d. 684/1285).
    --- Leiden: Brill 2015, XII, 368 pp. 

    Verlagshinweise: hier
  • Philippe Sénac:  Charlemagne et Mahomet en Espagne
    (VIIIe - IXe siècles)
     --- Collection "Folio Histoire". Paris Gallimard 2015, 437 p.
  • TUCOO-CHALA, Pierre: Quand l'Islam était aux portes des Pyrénées.
    De Gaston IV le croisé à la croisade des Albigeois (XIe - XIIIe siècles).
    Biarritz (Frankreich): J & D Editions 1994, 285 S., Abb. Karten 

  •  Abdel Magid Turki: Théologiens et juristes de l'Espagne musulmane – aspects polémiques. Islam d'hier et auhoud'hui,  Bd. 16.
    --- 
    Paris: Maisonneuve & Larose 1982, 373 S.
  • Dominique Urvoy: Penseurs d’Al-Andalus. La vie intellectuelle a Cordove et Seville
    au temps des empires berbers 
    (Fin Xie siècle – début XIIIe siècle).
    Paris: CNRS / Presses Universitaires du Mirail 1990, 212 S., index des auteurs
  • Dominique Urvoy: Les penseurs libres dans l'islam classique. L'interrogation sur la religion chez les penseurs arabes indépendants. Paris: A. Michel 1996 . – Taschenbuchausgabe bei  Champs / Flammarion, TB 528, 2002.  
  • Monika Walter: Der verschwundene Islam?
    Für eine andere Kulturgeschichte Westeuropas.

    Paderborn: W. Fink 2016, 533 S., Autorenverzeichnis
    Besprechung in Deutschlandradio Kultur ---  (09.11.2016)--- Ausführliche Rezension in Vorbereitung

Sonntag, 20. August 2017

Islamische (Zerr-)Spiegelungen im deutschen Blickfeld

Alfred Schlicht: Gehört der Islam zu Deutschland?
Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis.
Zürich: Orell Füssli 2017, 232 S. -- ISBN 978-3-280-05644-8 --
Die These des vormaligen Bundespräsidenten Christian Wulff „Der Islam gehört zu Deutschland“, hat eine Debatte angeheizt, die sich seitdem nicht mehr gelegt hat. Ablehnung und Skepsis gegenüber dem Islam kennzeichnen einen großen Teil der deutschen Bevölkerung. Die dramatischen politischen Veränderungen in der Türkei und die hohe Zustimmung zur Politik Erdogans bei den Menschen mit türkischen Hintergrund in Deutschland haben ganz sicher nicht zur Verbesserung dieser beunruhigenden Werte beigetragen – im Gegenteil.
In einer solchen gesellschaftlichen Krisensituation ist man gespannt, wenn sich ein Kenner muslimischer Länder zu diesem Themenkomplex äußert. Alfred Schlicht hat als Orientalist und deutscher Diplomat viele Jahre im Nahen Osten gelebt. Die Städte Sana’a, Beirut, Kairo und Amman sind ihm besonders vertraut. Er hat dadurch auch hautnah erlebt, wie der Koran zur Rechtfertigung von Gewalt und Terror von bestimmten islamischen Gruppen missbraucht wurde.
So beginnt das Buch im 1. Kapitel mit einer Art kritischem Koran-Kommentar unter Heranziehung von Sure 9,28: „Die Ungläubigen sind Schmutz“. Allerdings lässt sich angesichts der „Flexibilität“ der arabischen Sprache fragen, ob man diese Formulierungen als wörtliche Zitate ausgeben darf. Nach diesem Paukenschlag geht der Autor differenzierter mit der Stellung von Andersgläubigen und Ungläubigen unter islamischer Herrschaft um.
Dass selbst das Dhimmi-System im heutigen Sinne keine Gleichberechtigung von religiösen Minderheiten ist, liegt auf der Hand (S.17). Und es ist leider ebenfalls richtig, dass der Salafismus als Frucht extrem konservativer Koran-Auffassung für Andersgläubige nichts Gutes erwarten lässt.


Im 2. Kapitel erläutert Schlicht dschihad als „Heiligen Krieg“, was aber nicht der Wortbedeutung entspricht: vielmehr ist dschihad Anstrengung, und nur bei der Bedrohung des Glaubens darf Gewalt ausgeübt werden. Darum kann man auch die schwierige Unterscheidung zu Dar al-Harb (Haus des Krieges) und Dar al-Islam (Haus des Friedens) nicht so zusammenfassen: „Ein dauerhafter Frieden mit der nichtislamischen Welt ist im islamischen Staats- und Völkerrecht nicht vorgesehen“ (S. 24). Der Grund ist geradezu banal: Das islamische Recht ist generell nicht endgültig fixiert und wird regional sehr unterschiedlich ausgelegt. Dass islamische Herrscher ihre Eroberungsfeldzüge religiös begründeten (ähnlich wie die Christen) zeigt nur, dass der Koran eben auch militant interpretiert werden kann – bis hin zum islamistischen Terrorismus.

Im 3. Kapitel hinterfragt der Autor dann die Friedenstendenzen im Islam. Dass Koran und Sunna in Geschichte und Gegenwart auch gewalttätig ausgelegt wurden und werden, ist leider wahr und verschärft dadurch Tendenzen in einem Islamverständnis, das von der Abgrenzung gegenüber dem Westen lebt und offensichtlich auf Ausgegrenzte erhebliche Faszination ausübt. Hier wäre eine genauere Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Entwicklungslinien islamischer Geschichte einerseits und mit Mouhanad Khorchide andererseits hilfreich gewesen (bes. S. 45), geradeweil es im Islam keine Deutungshoheit – auch zum Thema Gewalt  gibt.

Das 4. Kapitel beschäftigt sich der Autor mit Variationen des wirklich gefährlichen islamistischen Terrors: Al-Kaida, Boko Haram, Al-Shabaab, Taliban, der „Islamische Staat“ und einige weitere Beispiele des „bunten Terrormosaiks – weltweit“ (S. 75ff). Es ist nicht unwichtig anzumerken, dass die meisten Opfer der Terrorgruppen Muslime sind.

Für die Muslime in Deutschland, so das Kapitel 5, zeichnet der Schlicht in Konsequenz des bisher Gesagten eine beunruhigende Negativsituation: Das absolut gesetzte göttliche Wort des Korans steht für viele Muslime über dem Grundgesetz, islamischer Antisemitismus ist keine Randerscheinung, und Extremisten kommen als getarnte Flüchtlinge nach Deutschland. Der Vorrang der Männer vor den Frauen, sog. Ehrenmorde, Zwangsheiraten und Kinderehen, Kampf gegen Satire, Ablehnung der Pressefreiheit u.a.m. scheinen keinen Reformislam zuzulassen. Hier schlägt zugleich eine belehrende Mentalität durch, nämlich was die Muslime bei uns und von uns noch lernen müssen! Es bringt m.E. nichts, nur (unbestrittene) Negativbeispiele aus der Parallelgesellschaft muslimischer „Cluster“ (S. 135) vorzuführen und einzelne Statistiken verallgemeinernd als Beleg anzugeben.
Dass nun der Verfasser auch noch mit einem „Scharia“-Begriff arbeitet, den selbst konservative islamischen Theologen nicht benutzen, ist wirklich ärgerlich, zumal Mouhanad Khorchide (und andere) hierzu Wesentliches gesagt haben: Scharia als Lebensorientierung und Rahmen für islamische Gesetzgebung (Schlicht hat Khorchides: Scharia – der missverstandene Gott doch im Literaturverzeichnis!). Dass der Begriff Scharia als (brutales) Disziplinierungsreglement von radikalen Muslimen benutzt wird (S. 139-141, bis hin zur „Scharia-Polizei“, S. 141), ist leider ebenso wahr wie die Tatsache, dass islamistische Scharia-Interpretationen die Vorurteile auf beiden Seiten nur noch weiter hochschaukeln.

Was lehrt uns dies alles? Im 6. Kapitel bejaht Schlicht zwar, dass der Islam zu Deutschland gehört. Aber ganz im Jargon des politischen Schlagabtausches stellt er fest, das Multikulti gescheitert ist, aber Integration notwendig sei – als unabgeschlossener dynamischer Prozess (S. 169). Also keine Islamophobie, aber auch kein Kuschelkurs. Leider gelingt es dem Autor auf diese Weise nicht, den Begriffsdschungel der gesellschaftlichen Islamdiskurse zu lichten. Auch einige seiner Stichwortgeber wie Thilo Sarrazin, Hans-Peter Raddatz, Karl-Albrecht Schachtschneider und sogar Udo Ulfkotte (S. 183) sind für ihre verzerrenden Darlegungen nur allzu bekannt. So schlägt die Analyse hier ziemlich in Polemik um. Schlichts Bilanz klingt darum auch wenig ermutigend. Zwar ist es richtig, Grenzen aufzuzeigen, wo die freiheitlich-demokratische Gesellschaft bedroht wird, aber zum Optimismus verdammt zu sein (S. 199), reicht nicht, um islamische Identität unter den Vorgaben des Grundgesetzes zu stärken. Vielmehr müssen diejenigen Muslime (gerade auch Theologen) öffentlichkeitswirksamer zu Worte kommen, die die Absolutheitsansprüche und Verschwörungstheorien der Radikalen und Gewaltbereiten kompetent widerlegen. Denn die variantenenreiche Auslegungsgeschichte des Korans und der Sunna ermöglichen auch, die islamischen Friedensaussagen für  eine multikulturelle Gesellschaft zum Tragen zu bringen. 
Schade, dass ein guter Kenner der arabischen Welt seine „Anmerkungen“ überwiegend an einer Negativ-Folie des Islams festgemacht hat.

Älterer (empfehlenswerter) Titel des Verfassers: Die Araber und Europa (2008).
Rezension: https://buchvorstellungen.blogspot.de/search?q=Schlicht


Reinhard Kirste

Rz-Schlicht-Islam-Deutschland, 19.08.17