Montag, 9. Juli 2012

Sterben und Tod - ein Handbuch mit umfassender Orientierung


Héctor Wittwer, Daniel Schäfer, Andreas Frewer (Hg.): Sterben und Tod
Geschichte – Theorie – Ethik. Ein interdisziplinäres Handbuch.
Unter Mitwirkung von Klaus Feldmann, Udo Tworuschka und Joachim Wittkowski.
Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler 2010, IX, 389 S., 3 Tabellen, Personen- und Sachregister –
ISBN 978-3-476-02230-1

Zum Kulturen und Zeiten übergreifenden Themenbereich „Sterben und Tod“ liegt hier zum ersten Mal im deutschen Sprachraum ein systematisch aufgebautes, geradezu enzyklopädisches Handbuch vor. Es ist ein wissenschaftlich umfassend aufbereitetes Werk, wie im Anhang die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats und die in ihrem jeweiligen Fachgebiet kompetenten Autoren beweisen. Es ist jedoch noch mehr: Ein Orientierungskompendium für all jene, die sich mit den Lebensfragen und Verhaltensweisen an der Grenze zum Tod und für ein mögliches Danach intensiver befassen wollen. Die drei Herausgeber stehen bereits für die systematisierende Vielfalt der im Buch angesprochenen Themen: Héctor Wittwer von der Humboldt-Universität für Berlin konzentriert sich auf philosophische Aspekte, Daniel Schäfer (Universität Köln) und Andreas Frewer (Universität Erlangen-Nürnberg) beziehen sich auf die Medizin-Ethik in Geschichte und Gegenwart. Die Prüfung einzelner Beiträge haben vorgenommen: Klaus Feldmann, Soziologe und Sozialpsychologe (Universität Hannover], Udo Tworuschka, Religionswissenschaftler (Universität Jena) und Joachim Wittkowski, Psychologe (eigene Praxis und Universität Würzburg). Sie sind auch mit eigenen Fachbeiträgen vertreten.


Wissenschaftlich, existentiell bezogen und umfassend intensiv geht es im I. Kapitel um die Darstellungsweisen der wissenschaftlichen Disziplinen: Geschichte, Religionswissenschaft, Philosophie, Medizin, Psychologie und Soziologie. 

Das II. Kapitel beschäftigt sich mit den Grundlagen und Konzepten, bewusst transdisziplinär, und zwar mit dem Sterbeprozess (medizingeschichtlich und psychologisch), dem Scheintod, Koma, Hirntod (medizinisch und philosophisch), den verschiedenen Ursachen des Todes und der Todesfeststellungskriterien, sowie der Berechnung von Sterberaten und der Definition von „Leiche“ (medizinisch und ethnologisch). Aber auch der soziale Tod, die Herausbildung eines Todeskonzepts bei Kindern und die Zugänge der Genderforschung zu Sterben und Tod werden thematisiert. 

Bei den Allgemeinen Haltungen und Umgangsweisen des Kapitels III heben die Autoren die Ritual- und Textgeschichte der Annäherungsweisen an den Tod hervor. Ars moriendi. Furcht und Abwehrstrategien im Kontext der Bewältigung des Sterbens sowie unterschiedliche Einstellungen zum Sterben erfahren in diesem Kontext unterschiedliche religiöse, psychologisch und kulturell bedingte Konnotationen. Dies zeigt sich auch kulturhistorisch und psychologisch an der Trauer(arbeit) sowie an den Bewältigungsstrategien mit Hilfe eines Glaubens an die Fortexistenz nach dem Tod. Auch die Bildende Kunst greift mit ihren Mitteln wesentlich in die Auseinandersetzung um Leiden, Sterbens, Tod und dem Danach ein. 

Die konkreten Ausdrucksformen im Kapitel IV betreffen dann in den Phasen auf dem Weg zum Tod die Patientenverfügung, Sterbebegleitung, die Problematik der aktiven und passiven Sterbehilfe und  der Hospizarbeit sowie der Palliativmedizin. Angesichts des eingetretenen Todes geht es um die Obduktion, Leichenpredigten, die kulturellen Typiken des Sarges und unterschiedlicher Bestattungsformen in Geschichte und Gegenwart. Hier tritt der auffällige Wandel der Moderne besonders hervor. Schließlich finden noch Grabinschriften, Todesanzeigen und die Entwicklungsgeschichte des Testaments gebührende Beachtung. 

Das Kapitel V beleuchtet die unangenehmen und die Öffentlichkeit immer wieder in Beunruhigung versetzenden Elemente von Töten und den Tod erleiden: Abtreibung (geschichtlich, rechtsmedizinisch, medizinethisch), Euthanasie, Kindstötung, Selbsttötung (psychologisch, soziologisch, philosophisch, hier allerdings ohne die sicher auch spannenden geschichtlichen Entwicklungstendenzen seit der Antike), Mord, Todesstrafe (historisch und philosophisch) und die bis heute gängige Hinrichtung. Hinzu kommen die dunklen Seiten der Geschichte zum Thema Massenmord/Genozid. Beim Menschenopfer fallen Entwicklungslinien auf, die den damit zusammenhängenden und sich daraus entwickelnden Formen des Kannibalismus betreffen, aber auch das freiwilligen Lebensopfer (Märtyrer) und terroristische Todesattacken.

Um die Besonderheit und transkulturelle Zugangsweise des Buches aufzuzeigen, sei aus dem Kapitel III das Beispiel „Glaube an eine Fortexistenz nach dem Tod“ (S. 203-214) vorgestellt. Dieser Beitrag des Mainzer Religionswissenschaftlers Marco Frenschkowski untersucht die Entstehung unterschiedlicher Seelen- und Fortexistenzvorstellungen – durchaus als Topographie-Modelle der Anderwelt, die auf den Jenseitsreisen der verschiedenen Völker „angesteuert“ wird. Das geht bis hin zu Kontakten mit den Toten in bestimmten Beschwörungsritualen und der Ethisierung des Jenseits in Gerichtsvorstellungen und den „Raum“-Bildern von Himmel und Hölle. Schließlich werden Auferstehung und Reinkarnationsmuster nebeneinander gestellt und westliche Entwicklungen der jüngeren Zeit im Blick auf die Aufklärung und die Moderne untersucht. Besonders herausgehoben wird am Schluss das religiöse „Zeit“-Konzept der Ewigkeit unter religionsphilosophischen Aspekten.

Was dieses Buch zu einem unerlässlichen Orientierungsbegleiter macht, sind zum Einen die Bearbeitung wichtiger Schlüsselbegriffe und damit entscheidender Fragen, z.B.: Wie sieht humanes Sterben aus? Wann ist ein Mensch wirklich tot? Welche Auswirkungen haben rechtliche Vorgaben gegen Ende und am Ende des Lebens? Warum gibt es Menschenopfer der unterschiedlichsten Art? Zum Andern werden hier nicht nur die religiös-kulturellen, medizinischen, psychologischen, ethnischen Zusammenhänge sowie der rasante Fortschritt in der Medizintechnik aufgegriffen, sondern auch die Veränderung der Umgangsweisen mit Sterben und Tod zwischen Tabuisierung, Verdrängung aus der Öffentlichkeit und Wiederaufbrechen einer neuen Sterbe- und Friedhofskultur mit unterschiedlichen moralischen Bewertungen.
Reinhard Kirste, Rz-Tod-Handbuch, 09.07.12

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