Samstag, 28. Juli 2012

Der Philosoph William James: Zwischen vernünftigem Glauben und religiöser Erfahrung


Thörner, Katja: William James' Konzept eines vernünftigen Glaubens auf der Basis religiöser Erfahrung.
Münchener philosophische Studien, NF Bd. 29.
Stuttgart: Kohlhammer 2011, 240 S., Register
zugleich Diss. 2009/2010
an der Hochschule für Philosophie, Philosophische Fakultät SJ, München
--- ISBN 978-3-17-021718-8 --- 
 Ausführliche Besprechung
Die hier vorliegende Dissertation bezieht sich schwerpunktmäßig auf einen philosophischen Bestseller aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts: „The Varieties of Religious Experience“ sowie „The Principles of Psychology“ von William James (1842-1910), der mit seinen philosophischen Vorlesungen insbesondere ein junges Publikum begeisterte. Hintergrund dieser Begeisterung dürfte die Tendenz in James‘ Denken gewesen sein, den Dogmatismus in die Grenzen zu verweisen. Das gilt sowohl für den Theismus wie für einen überbordenden Rationalismus. Denn dieser amerikanische Psychologe und Philosoph hat sich dadurch einen Namen gemacht, dass er seine rationalistisch angelegte Welterklärung weder monistisch noch dualistisch aufbaute, sondern einen metaphysischen Pluralismus favorisierte und mit religiöser Erfahrung verband. Das wäre dann ein erweiterter Vernunftbegriff, der mit Überlegungen einhergeht, dass die Welt kein Uni-versum, sondern ein Multi-versum ist, in dem das Individuum einen entsprechenden Platz findet.

Die Autorin, Leiterin der Forschergruppe „Religion in bioethischen Diskursen“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München, möchte nun zeigen, „dass James‘ Entscheidung, die Religion von der Ebene subjektiver Erfahrungen religiöser Individuen her zu betrachten, nicht als Plädoyer für die Privatheit der Religion zu verstehen ist“. Sie hebt vielmehr hervor, „dass in James‘ Verständnis des Menschen als einem sich selbst überschreitenden Individuum ein zentraler Schlüssel für das religionsphilosophische wie das metaphysische Denken von James liegt“ (S. 17). Sein Interesse zeigt sich darin, aus metaphysischen Vorgaben und der Pluralität der Erfahrungen die Realität eines personalen Gottes in Betracht zu ziehen. Damit erweitert er einen eingegrenzten Vernunftbegriff so, dass religiöses Leben und entsprechende Überzeugungen des Glaubens sich auch rationalen Nachfragen stellen müssen, ohne religiöse Erfahrungen auszublenden.
In fünf Schritten versucht Katja Thörner nun, die durchaus divergierenden Elemente „vernünftiger Glaube“ und „religiöse Erfahrung“ so miteinander in Verbindung zu bringen, dass zum einen ethisch-existentielle Aspekte in den Vordergrund kommen und sich Glaube sowohl „vernünftig“ wie vom Willen her beschreiben lässt. Sie untersucht darum besonders ausführlich James‘ empirische Grundlagen des Glaubens, und zwar im Blick auf das Selbst und das Ich. Schließlich zeigt sie an der Kritik, die James gegen den (verderbten) Intellektualismus vorbringt, dass der Weg zu einem endlichen Gottesverständnis in ein pluralistisches Universum gehört.         
Bei aller Personalität Gottes wird allerdings nicht nur eine pluralistische Weltanschauung bei James sichtbar, sondern zugleich ein pluralistischer Pantheismus, der allerdings unterschiedlich und durchaus begrenzt in Erscheinung tritt. Katja Thörner hebt dazu als Erstes die ethisch-existentielle Dimension des religiösen Glaubens heraus, der eine vernünftige theistische Rechtfertigung braucht, um in „Faith“ eine Verbindung zwischen Wissenschaft und religiösem Glauben willentlich herzustellen. Ferner gewinnt die „Konstruktion“ einer empirischen Grundlage des Glaubens ein erhebliches Gewicht. Dies geschieht im Kontext von „stream of thought“ und einem empirischen, sozialen und spirituellen Selbst – im Gegenüber zu einem konsequenten Idealismus. Dies erlaubt ein personales Selbst auszubilden ohne substantiellen Seelenbegriff, aber mit supranaturalistischer Weltanschauung. Im nächsten Schritt wird die Religion der „Einmalgeborenen“ („once born“ = „healthy mindedness“) gegenüber den durch Konversion hervortretenden „Zweimalgeborenen“ („twice born“) aufgebaut (S. 153f). Letztere führen einen Selbstwandel herbei, ohne allerdings die Übel der Welt beseitigen zu können.
Hier würde wirklich interessieren, ob es eine religionsphilosophische Verbindung nach Indien und in die griechische Mythologie gibt: Auf der ideologischen Ebene zählen nämlich nur die drei ersten „Varnas/Kasten“ zu den „Zweimalgeborenen“, weil diese Menschen besondere Qualitäten im Blick auf das Weltgeschehen haben. Ähnliches gilt übrigens auch von Dionysos, der als Wiedergeburt des Zeus-Sohnes Zagreos angesehen und mit der Lebenskraft des Weinstocks in Verbindung gebracht wird.
Schließlich erfahren die LeserInnen in der Kontinuität des James’schen Erfahrungsbegriffs, wie sich das Absolute zugunsten eines endlichen durchaus personalen Gottes in einem pluralistischen Universum manifestiert und sich so eine pluralistische Weltanschauung positionieren lässt.
Sehr geschickt hat Katja Thörner m.E. die ins Auge fallenden „Ungereimtheiten“ und „widerstreitenden Optionen“ des James‘schen Konzepts aufgenommen, um schließlich die Sache auf den Punkt zu bringen: „Die Annahme der Realität Gottes und damit verbunden die Annahme einer theistisch verfassten Wirklichkeit im Ganzen ist vielmehr als eine konsequente Anwendung des radikalen Empirismus zu sehen, der das Phänomen der religiösen Erfahrung (im engeren Sinne der Umkehr sowie im weiteren Sinne einer fortwährenden Wechselwirkung mit dem Göttlichen im Gebet) als Erfahrung begreift, in der sich ein neuer Bereich der Wirklichkeit eröffnet. Für James ist es rational gerechtfertigt, sich einen helfenden Gott zu wünschen, aber es ist im Wesentlichen die Erfahrung, die Grund für die Annahme seiner Realität liefert“ (S. 221).
Was dieses Buch für die Theologie und auch für den interreligiösen Dialog so anregend macht, ist neben religionspsychologischen und religionsphilosophischen Querverbindungen das von Thörner herausgehobene pluralistische Weltverständnis von James und seine Kritik am Absoluten/„Absoluten Geist“. Dies erfordert eine Auseinandersetzung mit den Fragen:
Inwiefern ist die Kraft des Universums wirklich personaler Natur (vgl. S. 218)?
Und: Könnte sich Personalität gerade angesichts der Komplexität des Universums doch nur als eine relative Hilfskonstruktion herausstellen?
Reinhard Kirste
 Rz-Thörner-James, 28.07.12

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