Freitag, 31. August 2012

Buch des Monats September 2012: Jenseits von Himmel und Hölle



John Shelby Spong: Jenseits von Himmel und Hölle.
Eine neue Vision vom ewigen Leben.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gerhard Klein.
Ostfildern: Patmos 2011, 221 S.  ---
ISBN 978-8436-0028-6 

Kurzbesprechung: hier

Ausführliche Besprechung
Der Autor dieses Buches, John Shelby Spong (geb. 1931) war 20 Jahre anglikanischer Bischof von Newark im US-Bundesstaat New Jersey. Danach übernahm er einen Lehrauftrag an der Harvard-Universität. Er gehört zu den bekanntesten religiösen Autoren der USA. In seinen Büchern vertritt er mutige Thesen für ein erneuertes und gegenwärtiges Christentum jenseits des bisherigen Christentums.1 Spong versucht, eine postmoderne Weltsicht mit einem Glauben zu verbinden, der die Naturwissenschaft ebenso wie wichtige bibelexegetische Erkenntnisse ernst nimmt. Für das praktische Leben müssen diese auch ethisch im Sinne des Engagements für die Ausgegrenzten umgesetzt werden.
Das Korrelationsverständnis von Paul Tillich, der global religionspluralistische Ansatz von John Hick und die ökologisch geprägte Philosophie von John B. Cobb werden ebenso wie die Feministische Theologie zu Wegweisern glaubensmäßigen Umsteuerns, das sich an den Fragen nach Leben und Tod zu bewähren hat.
Als alter Mann, der nun sein letztes Buch veröffentlicht, ist ihm klar geworden, dass er dies nur als persönliche Beschreibung darlegen kann und nicht als christliche Theorie über Himmel und Hölle
(Kap. 1).
Wohin führt die christliche Hoffnung? Zuerst einmal ist es nötig, ehrlich zu sein und sich klar zu machen, dass über den Tod nur aus der Sicht der Lebenden gesprochen werden kann. Angesichts der Evolution ist unser irdisches Leben ein „Zufallsprodukt“, eine für religiöse Menschen ausgesprochen unbequeme Einsicht (Kap. 2). Aber was hat der Zufall mit der Ewigkeit zu tun? Immerhin lässt sich sagen, dass alles Lebendige eng miteinander verbunden ist, aber auch der Vergänglichkeit angehört (Kap.3). Die ersten Erfahrungen mit dem Tod als Kind – auch der frühe Tod des Vaters – bringen den Autor in Widersprüche zu dogmatischen Vorstellungen von Himmel und Hölle (Kap. 4). Von daher untersucht Spong nun genauer sein zunehmendes religiöses Interesse, das bei ihm erhebliche Glaubensveränderungen bewirkte: Es war ein Weg von der Meinung über eine irrtumslose Bibel zu einer Kirche, die nicht irrt (S. 61) mit den passenden spirituellen Ritualen (Kap. 5).
Die nächste Glaubenswendung kommt für ihn im Zusammenhang des menschlichen Überlebenstriebs und der nicht zu leugnenden Sterblichkeit. Religion wäre dann der menschlich erzeugte Versuch, sich einen Gott als Sinnorientierung zu schaffen (Kap. 6). Der Tod als Schicksal des Lebens und die Todesfurcht nötigen darum zu weiteren kritischen Nachfragen über die Wirkweise religiöser Systeme: „Ist es möglich, dass die Religion, statt die Wirklichkeit zu verändern, uns nur hilft, uns vor der Wirklichkeit zu verstecken, die wir emotional nicht begreifen können?"
(Kap. 7, S. 75). Hier wird man allerdings fragen müssen, ob Spong nicht besonders überzeugend mit einem an Barth und Bonhoeffer orientierten Religionsbegriff arbeitet und nur dadurch zu einer Position jenseits der Religion kommt.
Auf dem Weg dorthin räumt er zuerst mit der Irrtumslosigkeit der Bibel als unfehlbares Wort Gottes auf. In einem zweiten Schritt hält er fest, dass neue Situationen schon immer die Religion verändert haben, sie also offensichtlich den Bedürfnissen des Menschen dient (Kap. 8). Damit ist allerdings auch der religiösen Manipulation Tür und Tor geöffnet, indem man die moralischen Regeln als göttlich sanktioniert behauptet. Wer will schon dem Zorn Gottes verfallen? (Kap. 9). Diese Himmel- und Hölle-Vorstellungen religiöser Systeme bricht der Autor nun in einem dritten Schritt auf, indem er sie als zeitbedingte Bilder für den Wunsch nach Vollkommenheit und Erfüllung einstuft (S. 106, Kap. 10). Vierter Schritt: Die Überwindung kindlicher Vorstellungen – auch durch die naturwissenschaftliche Erkenntnisentwicklung. Deshalb kann man getrost den traditionellen Gottesvorstellungen, auch einer Reihe biblischer Gottesbilder, absagen, besonders der Vorstellung eines von außen eingreifenden Gottes („Tod der Religion“, Kap. 11). Darwin und Nietzsche werden darum zu Orientierungsposten (Kap. 12) eines veränderten Gottesbildes, das Spong am deutlichsten in J.A.T. Robinsons Buch „Gott ist anders“ (1963) beschrieben sah. 
Das den Autor lange prägende externe Religionsverständnis einer „Gottheit über uns“, möchte er überwinden zugunsten einer „Gottheit in uns“ (S. 128). Und so ist „das Göttliche, das wir immer suchten, eine Dimension des Menschlichen“ (Kap. 13, S. 138). Man merkt, dass sich Spong mystischen Sichtweisen annähert. Von daher gewinnt das Johannes-Evangelium für ihn eine ganz neue, weiterführende Bedeutung (Kap. 14). Aus diesem leitet er unter Berücksichtigung der synoptischen Evangelienberichte auch sein erneuertes Auferstehungsverständnis ab – im Sinne eines Symbols umfassender Wirklichkeit (Kap. 15): Es ist die Fähigkeit, nicht in Todesfurcht zu leben, „sondern eher durch die Wirklichkeit des Todes dazu gerufen“ zu sein, nämlich, „so aufrecht und leidenschaftlich unser Menschsein zu leben, dass sogar der Tod überwunden wird“ (S. 165). Es ist der Weg in das „Jesus-Bewusstsein“ und zugleich in die „Zeitlosigkeit Gottes“ (S. 165). Damit benennt Spong – immer wieder biografisch verdeutlicht – die wahre Bedeutung der Religionen: Sie sollen nicht für ein kommendes Leben befähigen, sondern „Teil … des Seins einer vollkommenen, selbstbewussten Menschheit […] sein“ und damit fragen, was Gott heute bedeutet (Kap. 16, S. 181). Angeregt durch John Hick, kommt der Autor am Schluss (Kap. 17) zu der Überzeugung, dass das irdische Leben „nicht alles“ ist, aber es gilt „so zu leben, dass ich jeden Tag als einen Teil der Ewigkeit erfahre“ (S. 189). Spong verstärkt dies noch im Nachwort im Blick auf die bewusste freie Entscheidung zum eigenen Tod.
Dieses Buch zeichnet durch seine ganz persönlich eingebettete Ehrlichkeit eine Hoffnung auf die Ewigkeit, die entscheidend im Hier und Jetzt realisiert wird. Diese gegenwärtig-zeitbedingte Sicht auf die Zeitlosigkeit des ewigen Lebens ist zwar nicht Religion, wie Spong sie umschreibt, aber durchaus eine Glaubens- und Lebensveränderung, wie sie manch Mystiker von einst schon auszudrücken suchte. – und allerdings doch ein Neuverständnis wahrhafter Dimension von Religion!
Anm. 1:   Rezension zum Buch von J.Sh. Spong: Die Sünden der heiligen Schrift.
Wie die Bibel zu lesen ist (2007)  

                                                                                                                                                                                                                                                                                        Reinhard Kirste
 
                Rz-Spong-Himmel-Hölle, 31.08.12

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