Donnerstag, 27. Juni 2013

Moderne jüdische und islamische Literatur als interreligiöse Horizonterweiterung



Christoph Gellner / Georg Langenhorst: Blickwinkel öffnen.            
Interreligiöses Lernen mit literarischen Texten. 

Ostfildern: Patmos 2013, 375 S.  -- ISBN 978-3-8436-0343-0 --

Im Rahmen des Seminars „Interreligiöses Lernen und dessen theologische Grundlagen“ im Sommersemester 2013 an der TU Dortmund wurde auch das folgende Buch ausführlich vorgestellt . Die Bedeutung hier ausgwählter literarischer Texte der Gegenwart, und zwar von deutschsprachigen jüdischen und muslimischen Autoren liegt in deren Grenzen überschreitenden Religiosität. Religiöse und kulturelle Pluralität wird zum pädagogischen Gewinn.

 Ausführliche Beschreibung
Die beiden Autoren, Christoph Gellner und Georg Langenhorst, haben beide Katholische Theologie studiert und sich darüber hinaus intensiv mit Literaturwissenschaft  beschäftigt. Christoph Gellner leitet heute das Institut für kirchliche Weiterbildung an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern und Georg Langenhorst ist Professor für Didaktik des Katholischen Religionsunterrichts/Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg.
Sie widmen ihr Buch ihrem Lehrer Karl-Josef Kuschel zu seinem 65. Geburtstag und zugleich zu seiner Emeritierung zum Ende des Wintsersemesters 2012/2013. Kuschels Hauptforschungsfelder „Begegnung von Theologie und Literatur“ und „Dialog der Weltreligionen“ haben sie zu ihrem vorliegenden Buch inspiriert.
Religiös zu sein heißt heute nach Ansicht der Autoren, unausweichlich interreligiös zu sein. Das heute durch Migration selbstverständlich gewordene Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit macht es unumgänglich, eine positive  Verhältnisbestimmung zum Glauben der Anderen vorzunehmen. Toleranz ohne Gleichgültigkeit ist gefordert, wie Goethe es schon gefordert hat:
„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein:
sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen

Johann Wolfgang von Goethe: Werke.
Hamburger Ausgabe. Hg. Erich Trunx, Bd.12, München 1998, S.385
Ein Autor unserer Zeit, nämlich der deutsch-iranische Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani (geb.1967) drückt es folgendermaßen aus:
„Toleranz kann überhaupt nur Bedeutung haben, wenn etwas gilt, das etwas anderes gelten lassen könnte. Wenn alles gleich gut und gleich gültig ist, also gleichgültig, erübrigt sich Toleranz.“
Kermani, Navid, Overath, Angelika,  Schindel,Robert: Toleranz.      
Drei Lesarten zu Lessings „Märchen vom Ring“ im Jahre 2003,Göttingen, 2003, S.44)
Ziel des Buches „Blickwinkel öffnen“ ist also interreligiöses Lernen zu ermöglichen mit Hilfe von literarischen  deutschsprachigen Texten aus Schlüsselwerken unserer Zeit. Wahrheiten außerhalb des eigenen Blickfeldes sollen damit sichtbar gemacht werden, wie es der deutsch-iranische  Lyriker SAID mit folgenden Worten ausdrückt:

lasst uns auch wahrheiten glauben schenken
die außerhalb unseres blickfeldes wachsen
 SAID: Psalmen, München 2007, S. 17

Es geht also darum, den eigenen Denkhorizont zu erweitern durch das Öffnen von neuen Blickwinkeln.
Im Zentrum des Buches stehen die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur besonders intensiv beleuchteten Religionen Judentum und Islam, die zusammen mit dem Christentum als abrahamische Geschwisterreligionen, als die drei prophetischen oder als die monotheistischen Religionen bezeichnet werden. Trialogisches Lernen, also ein Lernen mit Hilfe von auf Begegnung und Austausch abzielender Kommunikation ist Ziel des Buches. Karl-Josef Kuschel, ein wichtiger Vertreter dieses trialogischen Ansatzes fordert:
Bei der Darstellung einer Religion gilt es, immer auch die Perspektive der je Anderen im Blick zu behalten, Kritik an Anderen stets mit Selbstkritik zu verbinden, Lernprozesse ausgewogen einzufordern.“

Kuschel, Karl-Josef: Juden Christen Muslime. Herkunft und Zukunft, Düsseldorf 2007, S. 28

In den aufgeführten Zitaten wird deutlich, dass gerade SchriftstellerInnen „von Haus aus“ Bewohner verschiedener Welten sind, die offen sind für das „Andere“. Dadurch können sie als Grenzgänger Vermittler sein zwischen den Welten und Religionen. Literatur wird somit zum Ort der Begegnung mit anderen Religionen.
Die Autoren versuchen darum eine möglichst umfassende Erschließung der für interreligiöse Lernprozesse aus ihrer Sicht relevanten Schlüsselwerke zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur.
Das Buch gliedert sich im Wesentlichen in zwei Hauptteile:
  • Spiegelungen jüdisch-religiösen Lebens heute
  • Islam-Wahrnehmungen  im Orient und vor der eigenen Haustür.

Beide Teile beginnen jeweils mit einem sogenannten Panoramablick, stellen dann Zeugnisse von ausgewählten Schriftstellern vor und enden jeweils mit der auf die jeweilige Religion bezogenen Bilanz, Herausforderung und Lernperspektiven.
Als Ertrag werden dann am Ende des Buches Grundzüge einer literarisch sensiblen Didaktik der Weltreligionen gezeichnet.
 
In der abschließenden Bibliographie werden die zentralen Werke der explizit behandelten AutorInnen aufgeführt, so dass interessierte LeserInnen einen schnellen Überblick über die Primärtexte gewinnen können, die ausführlich in den entsprechenden Kapiteln behandelt werden.
Sybille Schulz-Kaymer
 Rz-Gellner-Langenhorst-Blickwinkel, 24.06.13

Vgl. auch:


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