Donnerstag, 1. August 2013

Buch des Monats August 2013: Religion in den Spannungsfeldern der Moderne



Ulrich Willems, Detlef Pollack, Helene Basu, Thomas Gutmann, Ulrike Spohn (Hg.):
Moderne und Religion.
Kontroversen um Modernität und Säkularisierung.
Reihe Sozialtheorie. Bielefeld: Transcript 2013, 540 S.
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ISBN 978-3-8376-1966-9 ---
Ausführliche Beschreibung
Der vorliegende voluminöse Band entstand aus dem Exzellenzcluster „Moderne – Religion – Politik. Konzepte, Befunde und Perspektiven“ an der Universität Münster. Neben der Ringvorlesung von 2009 werden weitere Beiträge dokumentiert. So entsteht unter der weiten Thematik von Tradition und Moderne eine Art Epochenanalyse, in der die Einordnung und Bedeutung der Säkularisierung in Relation zur Religion immer wieder in den Fokus rückt. Einheitlichkeit der Bewertungen kann hier nicht erwartet werden, und so bildet dieser Band die Umstrittenheit der Sachverhalte ab, ohne sich auf einen Standpunkt festzulegen (S. 19). Neben den kompetenten Herausgebern steht ein ganzes Team von Sozial- und Kulturwissenschaftlern sowie Philosophen, die in diesen kontroversen Debatten im gegenüber zur Säkularisierung die Veränderungen von Religion und Religionen in der Gegenwart untersuchen.          


In der Einleitung nehmen die Herausgeber „Definitionen“ des Moderne-Begriffs als eine Art fünffacher Status-Bestimmung vor: Betonung der Kontinuitäten statt Epochenbrüchen, Kontingenz statt Determiniertheit im sozialen Wandel, Betonung vielfältiger Modernitäten, Herausarbeitung einer nicht-westlichen, vielmehr einer globalen Perspektive Pluralität; schließlich wird nicht mehr nach dem „Kern“ der Moderne gefragt (S. 13), sondern es geht zugespitzt um Modernitätskonstruktionen. In zwei Blöcken wird nun versucht, die Kontroversen zu bündeln und durchsichtig zu machen. Im 1. Teil beschreiben die Autoren die unterschiedlich gelagerten Ansichten zur Moderne, im 2. Teil geht es um die Spannungsbögen zwischen Säkularisierung und (der sog. Wiederkehr der) Religion.
1.  Kontroversen um die Moderne

Der Soziologe Volker H. Schmidt von der Nationaluniversität in Singapur untersucht die „Geschwindigkeiten“ verschiedener Modernisierungsströmungen im Blick auf Gesellschaft, Kultur und Organismus im globalen Kontext. Dabei verliert der „Westen“ seine zentrierende Funktion im Sinne von polyzentrischen Strukturen“ (bes. S. 67). Wolfgang Knöbl vom Soziologie-Institut der Universität Göttingen verweist bisherige Modernisierungstheorien bereits in die Historie. Sie sind trotz aller handlungstheoretischer Ansätze veraltete Modelle. Für die Gegenwart sind sie nicht geeignet, so dass Knöbl letztlich für Skepsis angesichts von Theorieansprüchen plädiert (S. 111). Zwischen aufklärerischem Projekt der Moderne und Prozessen der Modernisierung seit dem 18. Jahrhundert versucht der Jenenser Soziologe Hartmut Rosa im Sinne von Shmuel S. Eisenstadt „multiple modernities“ (S. 131ff) zu orten. Wachstum und Beschleunigung haben Zwangscharakter bekommen und Gegenentwürfe der „décroissance“ erzeugt (S. 139). Peter Wagner von der Universität Barcelona geht dieselbe Problematik dagegen von den „sukzessiven Modernen“ an (S. 146f gegen Shmuel Eisenstadt), die in ihrer Multiplität “das Gespenst des Relativismus“ aufscheinen lassen (S. 149). 
Transformationen des Kapitalismus haben zugleich sich ändernde Ambivalenzen des materiellen und politisch-gesellschaftlichen Fortschritts erzeugt. Eine andere Sichtweise – sehr stark auf den Denkansatz von Gilles de Leuze bezogen – bringt der Historiker Dipesh Chakrabarty von der Universität Chicago ein, indem er sich mit dem Fokus auf Indien dem Historischen Materialismus und sozialrevolutionärer Moderne-Theorien annähert. Er verweist auf die kolonialen Konstruktionen, die in den „Subaltern Studies“ die politische Kraft von Bauern oder Randständigen der Gesellschaft systematisch unterbewerten. „Verschiebung“ westlich-sozialistischen Denkens in Asien und „Verkleidung“ postkolonialer Neuaufbrüche werden darum zum hermeneutischen Schlüsseln, mit denen der Autor Karl Marx in ein neues, allerdings keineswegs hoffnungsfrohes Zukunftslicht rückt. Mit Martina Wagner-Egelhaaf von der Universität Münster kommt eine Literaturwissenschaftlerin ins Gespräch. Ihr liegt daran, die Ausdifferenzierung der Wissenschaften in der Moderne als notwendige Forderung einer Transdisziplinarität im Blick auf die Sozialwissenschaften zu begreifen. Sie plädiert darum für eine (post-)moderne Interdisziplinarität, „die vorwärts, rückwärts und seitwärts denken kann“ (S. 231).
2.  Kontroversen um Modernität und Säkularisierung

Mit dem Abtasten der Modernisierungsströmungen im 1. Teil ist der Boden bereitet, um nun den unterschiedlichen Narrativen, den Erzählmustern, im Spannungsfeld von Religion und Moderne nachzugehen und den Fokus auf ein sich änderndes Säkularisierungsverständnis zu legen. Obwohl Literaturwissenschaftler geht Albrecht Koschorke von der Universität Konstanz mehr kulturwissenschaftlich und recht kritisch auf die Behauptung bzw. die Narrative von der „Wiederkehr der Religion“ ein. Säkularisierung kommt dabei im Fortschritts- wie im Verfallsaspekt alles Transzendentalen zur Sprache. Gegenläufige Bewegungen wie Fundamentalismus werden mit dem Narrativ der wiederkehrenden Religion abgefangen, obwohl im Grunde nur das Beharrungsmoment von Religion damit zum Ausdruck kommt. Dennoch halten sich Säkularisierungsgedanken, „einschließlich der in ihm als Sedimentschicht gelagerten eurozentrischen Perspektive“ (S. 248). Als Gesamtbild bleibt ein „asymmetrischer Universalismus“ der Narrative „Europäische Moderne“ (S. 258).
Da darf man gespannt sein, wie der Historiker Christof Dipper von der TU Darmstadt „Religion in modernen Zeiten“ sieht (S. 262ff). Er hat das gängige Geschichtsschema dafür parat: Zeitalter der Revolution, Moderne, Postmoderne. Dabei scheinen sich Religion und Moderne als Gegensätze zu verstehen, was für den Katholizismus zur Belastungsprobe wurde, während durch Max Webers Ansatz von der „protestantischen Ethik“ ein schöpferisch-dialektisches Verhältnis Fortschritt beschreibend wirkte. Die Merkmale religiöser Moderne werden an Kulturschwellen und Kulturbrüchen besonders markant. Die verschiedenen Lebenssphären erlauben keine Religionsgeschichte, sondern nur noch „das Nebeneinander vieler Religionsgeschichten“ (S. 285). Der Münsteraner Religionssoziologe, Kulturforscher und Mitherausgeber Detlef Pollack ist durch seine Umfragen und Auswertungen des Bertelsmann-Religionsmonitors 2013 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden – auch im Blick auf die Untersuchung anti-islamischer Tendenzen in Deutschland. Sein Beitrag hier im Buch wirkt nun wie ein erster ausführlicher statistisch abgesicherter Bündelungsversuch in der Ambivalenz von Theorie und Empirie: „Politische Herrschaft wird nicht mehr durch religiöse Formeln und Inszenierungen legitimiert, wissenschaftliche Wahrheit nicht mehr durch Rekurs auf das Absolute begründet, die Gültigkeit rechtlicher Normen nicht mehr aus theologischen Denkfiguren hergeleitet, und selbst die Moral hat sich von ihren religiösen Motiven weitgehend unabhängig gemacht“ (S. 316). „Religion und Kirche [sind] von den Folgen der Modernisierung doch eher negativ betroffen“ (S. 324). Das gilt nicht nur für West-Europa, sondern auch für Amerika, wie der Soziologe Steve Bruce von der Universität Aberdeen betont. Denn trotz der bisherigen hohen Popularität von jenseitig ausgerichteter Religiosität in den USA, hat sie inzwischen ihre Integrationskraft weitgehend eingebüßt. Religion verortet sich mehr und mehr psychologisierend im Diesseits. Gleichzeitig hat die Polarisierung religiös-fundamentalistischer und säkularer gesellschaftlicher Ausrichtung und Leben in Subkulturen erheblich zugenommen. Und schließlich hat die Religion für Immigranten (noch) eine wichtige Integrationsfunktion.  
Shmuel N. Eisenstadt († 2010), einer der Vordenker eines Moderneverständnisses jenseits jeglichen Eurozentrismus‘ verweist (in diesem nicht mehr zu Ende geführten Beitrag) auf die kulturelle Transformationen in gesellschaftlichen Prozessen im Blick auf Status, Klassenzugehörigkeit, soziale Netzwerke Organisationsstrukturen im Zusammenhang weitreichender Einflüsse der Globalisierung. Dies trifft vehement auch die Religion(en), die sich in der Gegenwart zwischen Konkurrenz und interreligiöser Begegnung bewegen. Neben den Kulturwissenschaften im weiteren Sinne haben auch Ethnologie und (die in Deutschland etwas unterbewertete) Anthropologie ein gewichtiges Wort mitzureden, wie die Anthropologin und Mitherausgeberin Helene Basu betont. Es geht nämlich um den Weg, „auf dem die Ethnologie von der >primitiven< über die >traditionelle> zur vielfältig modernen Gesellschaft gelangt ist“ (S. 383). Mit seiner vorkolonialen, kolonialen und postkolonialen Geschichte dient Indien dafür als signifikantes Beispiel
Mit Charles Taylor, emeritierter Philosophieprofessor aus Montreal (Kanada), kommt ein weiterer wichtiger kritischer Ideengeber zum Verhältnis von Aufklärung und Moderne ins Gespräch. Er untersucht vorneuzeitliche hierarchische Ordnungsvorstellungen zum Verstehen von Welt und Mensch, um als Charakteristikum der Moderne gegenüber den alten Ordnungen das „wechselseitige Entgegenkommen“ zu markieren (S. 429). Die neuzeitliche Ausrichtung von Hugo Grotius bis Max Weber legt das Schwergewicht auf die Diesseitigkeit auch im Blick auf Normen und Moral. Aber bei genauerem Hinsehen erweist sich die hoch gehaltene Richtlinie der „bloßen Vernunft“ als eine „Fata Morgana“ (S. 445). Der Mitherausgeber Thomas Gutmann, Rechtsphilosoph an der Universität Münster, scheint den Taylorschen Überlegungen dasjenige Rechtssystem entgegenzusetzen, das die Dynamik einer Modernisierung ausmacht, die auf normativen Diskursen beruht (S. 450). Das führt zur Abkehr vom Naturrecht hin zu den Menschenrechten. Die Religion gerät unter dem Gesetz der Freiheit in eine nachrangige Position, denn Gesellschaften machen insgesamt normative Wandlungen durch. Zum Schluss kommt auch noch Jürgen Habermas ausführlich ins Spiel, der erst seit Ende der 1990er Jahre das Verhältnis Religion und Moderne von seiner Theorie der Genese der Moderne“ genauer bedenkt. Der mitherausgebende Politikwissenschaftler Ulrich Willems von der Universität Münster bemängelt dann auch an der Säkularisierungstheorie von Habermas, dass dieser die erstaunliche Vitalität der Weltreligionen und die insgesamt veränderten Bewusstseinseinstellungen nur unscharf beschreibt. Wenn sich Säkularität wiederum für religiöse Traditionen öffnet, dann fehlen bei Habermas erstaunlicherweise Elemente „wie etwa >moralische Intuitionen<, >kognitive Gehalte< oder die >Kreativität religiöser Welterschließung< (S. 501.507). Letztlich bleibt offen, wie „säkularistisch verhärtete Bürger“ von dem „empfohlenen Bewusstseinswandel“ hin zu einer gewissen kooperativen Übersetzungsarbeit religiöser Gehalte überzeugt werden können (S. 508.518f). So werden – wie der Autor bilanziert – angesichts der gesellschaftlichen Pluralität „die Zwänge zu Verhandlung und Kompromiss erhöht werden“ müssen (S. 520), ohne dass es dafür bereits eine eindeutige Strategie gäbe.
Bilanz: 
Der Leser /die Leserin erlebt eine Vielfalt von Zugängen und eine intensive kontroverse Debatte, wie religiös oder säkular die „Epoche“ nun wirklich ist, die man als „Moderne“ bezeichnet. Herausgeber und Autoren haben systematisierend, jedoch kaum wertend, zusammengetragen, wie angesichts der „Moderne“ sich Religion nicht dogmatisch oder konfessionell eng fassen lässt. Darum ist es extrem schwer festzuschreiben, wie Religion und Religionen in ihren geschichtlichen und gegenwärtigen Wandlungsprozessen weiter wirken oder neu ins Blickfeld treten. So bleibt auch unklar, welche Rolle Religion in ihrer Vielfalt in säkularen-pluralen Gesellschaften spielen soll und wie sie selbst in ihrem moralischen Impetus Außenwirkungen zeigt. Es bleibt zu hoffen, dass die aufgezeigten (Verstehens-)Konflikte unter den Standards von Demokratie und Menschenrechten ausgetragen werden. Auf eine Lösung des Spannungsfeldes Religion und Moderne muss man wohl vorläufig verzichten. Aber säkular und religiös geprägte moralische Verantwortung dürfen niemals zur Disposition stehen. Darum sollten die hier aufgezeigten Diskurse auch zu Handlungsempfehlungen führen. Angesichts religiös motivierter Konflikte weltweit, müssen auch Analysen gesellschaftlich umgesetzt werden. Der Mitverfasser der UNO-Menschenrechtserklärung, Stéphane Hessel, mahnte zu Recht: Engagiert Euch!
Reinhard Kirste
Rz-Willems-Pollack-Moderne, 31.07.13


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