Freitag, 5. Juli 2013

Karen Armstrong: Interreligiöses Verstehen und Achsenzeit

Die bekannte britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong (geb. 1944) ist ausgezeichnet worden, und zwar mit dem renommierten

Inaugural Prize  For Her Contribution To Global Interfaith Understanding
Bericht im Blog "Parliament of the World Religions" (Parlament der Weltreligionen), 3. Juli 2013


Dies ist ein guter Anlass neben ihren vielen Publikationen an ihr Buch "Achsenzeit" zu erinnern. 
Dieses umfassende Werk kann  gewissermaßen als eine entwicklungsgeschichtliche Basis für interreligiöse Begegnung angesehen werden:

Karen Armstrong: Die Achsenzeit. Vom Ursprung der Weltreligionen.
Aus dem Englischen von Michael Bayer und Karin Schuler.
München: Siedler Verlag 2006, 624 S., Zeichnungen, 25 Karten, Glossar, Register
ISBN-10-3-88680-856-4 und-13-978-3-88680-856-4

Der Begriff der „Achsenzeit“ ist im deutschsprachigen Raum wenig zu Hause, wenn man einmal von Karl Jaspers, Jan Assmann, Jürgen Habermas,
Hans Joas
und einigen anderen absieht. Im englischsprachigen Raum arbeiten viele u.a. auch Theologen wie John Hick viel selbstverständlicher mit dieser „Zeitachse“, die etwa zwischen 900-200 v. Chr. angesiedelt ist und um 500 v. Chr. die religiös-kulturelle Welt in ungeahntem Maße verwandelt hat. In dieser Phase werden die kriegerischen Götter droben im Himmel durch die Suche nach Erleuchtung und innerer Weltenüberschreitung abgelöst.

In der Achsenzeit mit primären und sekundären „Durchbrüchen“, wie sie etwa Shmuel N. Eisenstadt in Anlehnung an Karl Jaspers beschreibt, entstehen die großen Weltreligionen in Indien, China und im Mittelmeer-Raum. Karen Armstrong (geb. 1945), die ehemalige katholische Nonne, die in Oxford lehrt, gehört zu den renommiertesten englischen Religionswissenschaftlerinnen, die sich mit ihren Büchern auch für die verstehende Begegnung der Religionen einen Namen gemacht hat und dazu religionsgeschichtliche weltweite Entwicklungen spannend nachzeichnet.
Die Feuilletons der Zeitungen tönten beim Erscheinen von „Die Achsenzeit“ 2006 allerdings wenig begeistert: In der NZZ vom 10.02.2007 machte Hans G. Kippenberg seinem Missmut Luft, weil er spirituelle Veränderungen weltweit innerhalb dieser Zeitachse nicht nachvollziehen kann. Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf unterstellt in der FAZ vom 04.10.2006 der Autorin Unkenntnis und Naivität bei ihrer „Montage“ der verschiedenen Weltkonzeptionen. Karen Armstrong aber wagt in 10 Kapiteln unter einem systematischen Stichwort nachzuerzählen, wie die religiös-geistigen Revolutionen die Achsenzeit „schufen“.
1.      Mit dem Auftauchen der Achsenvölker (ca. 1600 –900 v. Chr.) aus Zentralasien beginnt die weltweite Veränderung.
2.      Ritual (10. Jh. v. Chr.) im Sinne des Feierns von Mythen macht die spirituelle Veränderung offenkundig.
3.      Kenosis (ca. 800-700) ist die Zeit der großen Protagonisten und die Umwandlung in spiritualisierte Praktiken.
4.      Wissen und Erkenntnis – (ca. 700–600) bedeutet den schmerzhaften Weg, dargestellt von den Upanishaden bis zum Deuteronmisten
5.      Durch Leiden – (ca. 600–530) führt der schmerzhafte Weg aus der Krise, besonders durch: Unterscheidung (samkhya),
           Mitgefühl (moksha) und Gewaltlosigkeit (ahimsa).
6.      Empathie (ca. 530-450) tritt gegen die gewalttätigen Ausbrüche in den verschiedenen Regionen an.
7.      Universelle Fürsorglichkeit (ca. 450–398): Die Goldene Regel und die Überwindung von Hass und Gewalt,
           u.a. durch den Buddha werden maßgebend.
8.      Alles ist eins (ca. 400-300): Es gestaltet sich ein neues Universum, weil Mitgefühl erlernt wird.
9.      Die Imperien (ca. 300–220) von Alexander d. Gr. bis Ashoka: Die Welt als Schlachtfeld nötigt zum religiösen Wandel,
          wie besonders die Bhagavad Gita als letzte große Schrift der Achsenzeit betont.
10.    Das Schlusskapitel Wege in die Zukunft zeigt die wirkungsgeschichtlichen Fortsetzungen
           dieser geistigen und religiösen Veränderungen: Jesus (S. 510ff) und Mohammed (S. 513ff). 
Wenn für manchen erstaunlich Jesus und Mohammed außerhalb von Karen Armstrongs Zeitraster der Achsenzeit liegen, so sind sie doch unmittelbar in die Wirkungsgeschichte dieser Phase eingebunden und verlängern sie gewissermaßen in weitere Zeitepochen. Auch Armstrongs Kritiker können nicht leugnen, dass sich zwischen dem neunten und dem zweiten Jahrhundert vor Christus vom Mittelmeer bis zum Fernen Osten religiöse und philosophische Traditionen herausbildeten, die bis heute unser Denken beeinflussen und unsere ethischen Orientierungen weltweit steuern. In dieser Achsenzeit entwickeln sich die großen Glaubensrichtungen: der Hinduismus reformiert sich, Jainismus und Buddhismus entstehen, Taoismus und Konfuzianismus werden in China wirksam, in Griechenland orientiert sich die Philosophie an der Vernunft und der Monotheismus gewinnt im Nahen Osten beherrschende Gestalt. Indem Armstrong ausführlich auf Buddha, Sokrates, Konfuzius und die alttestamentlichen Propheten seit dem 8. Jahrhundert eingeht, kann sie gerade an diesen „Persönlichkeiten“ zeigen, dass diese nicht eine absolute Wahrheit propagierten, sondern die Annäherung an die Wahrheit im Tun realisiert sahen. So wurden schließlich Mitgefühl und Toleranz zu den wichtigsten Tugenden gezählt. Die Achsenzeit ist also durch Revolutionen zur Gewaltlosigkeit geprägt, die durch Demut angesichts der Transzendenz auffallen.
„Was wirklich zählte, war nicht, was man glaubte, sondern wie man sich benahm. Religion war ein Tun, das einen zutiefst zu ändern vermochte. … Ins Zentrum des spirituellen Lebens rückte nun die Moral. Der einzige Weg, dem zu begegnen, was sie »Gott«, »Nirwana« oder den »Weg« nannten, war es, ein Leben im Zeichen des Mitgefühls zu führen. Tatsächlich war Religion Mitleid und Mitgefühl“ (S. 10–11).
Karen Armstrong Abhandlung leistet also mehr als eine Ideengeschichte der Weltreligionen, sondern sie plädiert engagiert, die Kraft der Ursprünge unseres Glaubens, unserer Philosophie und Moral wieder zu entdecken. Von daher kann man durchaus weiter fragen, ob solche Achsenzeiten erneut auftreten können. Es könnte sich als spannend erweisen, die religiöse Weltgeschichte bis in unsere Zeit daraufhin zu überprüfen.
Gerade weil in Deutschland der Umgang mit der These „Achsenzeit“ immer noch ziemlich unbekannt ist oder als wirklichkeitsfremd und historisch unsachlich abgewiesen wird, lohnt es sich, dieses Buch wieder ins Gedächtnis zurückzurufen und die Auseinandersetzung erneut zu motivieren.
Reinhard Kirste

Rz-Armstrong, 29.11.09, bearbeitet, 05.07.2013

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