Sonntag, 13. April 2014

Engagement für Befreiung im Buddhismus und im Christentum



Barbara Lukoschek: Ethik der Befreiung.
Engagierter Buddhismus und Befreiungstheologie im Dialog.
Beiträge zur Komparativen Theologie, Band 16.
Paderborn: Schöning 2013, 397 S.       
(zugleich Diss. der Kath. Fakultät der Universität Tübingen 2012)
--- ISBN 978-3-506-77875-8 ---

Kurzrezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Die vorliegende Dissertation erhielt 2013 den Erwin-Kräutler-Preis für kontextuelle Theologie und interreligiösen Dialog der Universität Salzburg. Erwin Kräutler (geb. 1939) steht als Bischof in Brasiliens flächenmäßig größter Diözese der Theologie der Befreiung nahe und setzt sich als Priester unermüdlich und unter Lebensgefahr für die Rechte der Ausgebeuteten und Besitzlosen sowie für die Erhaltung des tropischen Regenwaldes in Amazonien ein. Die nach ihm benannte Auszeichnung signalisiert bereits die grundsätzlichen und gesellschaftlichen Themenbereiche einer globalisierten Welt, von der sich eine aufmerksame Theologie nicht abkoppeln darf. Barbara Lukoschek setzt nun den Fokus auf die ethische und soteriologische Systematik, wie sie sowohl in der (lateinamerikanischen) Befreiungstheologie und in den Positionen des Engagierten Buddhismus zum Ausdruck kommen.

Ihr Interesse ist dabei ein dialogisches. Sie nimmt Gemeinsamkeiten und Differenzen unter komplementären Gesichtspunkten ernst und beruft sich dabei besonders auf Lynn de Silva, Aloysius Pieris und Antony Fernando aus Sri Lanka, Sally King und Ninian Smart aus den USA, Perry Schmidt-Leukel aus Deutschland sowie auf Jacques Dupuis aus Belgien (S. 21f). Im Blick auf den Buddhismus setzt sie sich ausführlich mit dem thailändischen Theravada-Mönch P.A. Payutto auseinander.
Insgesamt zeigt sich, dass die Autorin den Diskurs im Kontext von offenem Inklusivismus und religionstheologischem Pluralismus führt. Von dieser dialogischen Motivation, die sie im 1. Teil ihrer Arbeit beschreibt, geht sie auf die Ebene der ethischen Motivation. Diese zeichnet sie im Zusammenhang der wachsenden Faszination und Akzeptanz des Buddhismus in Europa nach. Im Sinne des christlich-buddhistischen Dialogs zieht sie die Argumentationslinie doppelt aus: Hinführung zum Engagierten Buddhismus und Hinführung zur Theologie der Befreiung. Dies nötigt zu genauerer wirtschaftsethischer Betrachtung, wie sie die Autorin besonders bei dem Volkswirtschaftler und praktizierenden Buddhisten Karl-Heinz Brodbeck und in den befreiungstheologischen Analysen bei Franz Josef Hinkelammert findet.
Systematisch entwickelt sie komplementäre Zusammenhänge, die sie unter den sich ergänzenden, korrigierenden und erweiternden Definitionspaaren »Gnosis und Agape« sowie »Freiheit und Hingabe« nicht wirtschaftsethisch neutral, sondern Kapitalismus kritisch konkretisiert.
Um all dies zu erreichen, konturiert Barbara Lukoschek im 2. Teil die Grundzüge des Buddhismus im Allgemeinen und des Engagierten Buddhismus im Besonderen (1. Abschnitt). Der Darstellung folgt eine ausführliche Sichtung des Engagierten Buddhismus. Sie zeigt die Veränderung buddhistischer Traditionslinien angesichts großer gesellschaftlicher Herausforderungen. Sowohl die praktische Bedeutung dieser buddhistischen Haltung als auch kritische Einwände kommen zur Sprache. Formal ähnlich verfährt sie im 2. Abschnitt, wo es um die Theologie der Befreiung geht. Sie bezieht sich schwerpunktmäßig auf Gustavo Gutiérrez (geb. 1928), den „Vater“ dieser theologischen Richtung. Sie entwickelte sich unter dem Einfluss des 2. Vatikanischen Konzils und ging verstärkt auf marxistische Analysen ein. Der Rahner-Schüler Johann Baptist Metz (geb. 1928) spielt insofern eine wichtige weiterführende Rolle, denn er „weitet die neuen theologischen Thesen zu Eschatologie und Hoffnung auf den Bereich des Politischen aus und entwickelt dadurch einen >originalen Entwurf zur Frage der Funktion der Kirche in der modernen Welt<“ (S. 132). Die ekklesiologischen Leitlinien dieser Theologie sind von der prophetischen Anklage gegen ungerechte gesellschaftliche Zustände, vom Bewusstsein wach machender Evangelisierung und von der vorrangigen Option für die Armen geprägt (S. 148ff). Dass der Vatikan sowohl unter Johannes Paul II. wie unter Benedikt XXIII. scharf gegen die theologischen Vertreter der Befreiungstheologie vorging, hängt mit dem Missverständnis und der Unterstellung zusammen, dass das marxistisch eingefärbte gesellschaftliche Engagement der Kirche nicht mit ihrem spirituellen Auftrag vereinbar sei und vielmehr gewaltsame Revolutionen fördere.

Im 3. Teil geht es nun darum, ethisch-religiöse Fundamente und besonders wirtschaftsethische Konkretionen aufzuzeigen, die sich sowohl im Engagierten Buddhismus wie aus befreiungstheologischer Perspektive ergeben. Dazu geht die Autorin zuerst auf den Gründer des Waldklosters Wat Suan Mohk, den thailändischen Mönch-Philosophen Buddhasa Bhikkhu (1906-1993) ein, um sich dann ausführlich dem Mönch P.A. Payutto (geb. 1939) und dessen ethisch-existentialer Konzeption vom bedingten Entstehen zu widmen. Seine gegen die Armut ausgerichtete Tugend-Ethik zeigt starke naturrechtliche Züge, und zwar im Kontext des Achtfachen Erlösungspfades im Buddhismus.

Ein vergleichbares christliches Beispiel bietet Aloysius Pieris (geb. 1934) im gesellschaftlich-politischen Kontext Sri Lankas. Sein ethischer Ansatz ist von der christlichen Liebesspiritualität geprägt. Sie speist sich eschatologisch aus dem Gedanken vom „Reich Gottes“, dessen Zentren soteriologisch und ethisch Freiheit und Gerechtigkeit sind. Von daher wird Handeln sowohl individuell wie gesellschaftlich umgesetzt. Gegen menschenunwürdige kapitalistische Einflüsse setzt Pieris die Befreiung – zu neuen gesellschaftlichen Ordnungen. Sie orientieren sich am Evangelium Jesu und an der Option für die Armen. Die Heils-Perspektive der Ethik ist bei Pieris zugleich spirituell-interreligiös ausgeprägt (aufgrund der intensiven Erfahrungen im buddhistisch-christlichen Dialog). Befreiung geschieht im gemeinsamen Handeln Gottes und der Armen. Der „Kampf gegen den Mammon“ ist als Kampf für Gott zugleich ein Kampf für die Armen, gestützt auf freiwillige Armut als Solidarität mit den Ausgegrenzten (S. 285).

Und noch einmal etwas weiter zugespitzt geht die Verfasserín im 4. Teil nun im „Kontext neoliberaler Globalisierung“ den befreiungstheologischen Perspektiven bei Karl-Heinz Brodbeck (geb. 1948) und Franz Josef Hinkelammert nach. Damit nimmt sie nicht nur die gegenwärtige Situation ernst, sondern macht auch die globale Bedeutung der Befreiungstheologie deutlich. Brodbecks Kritik am Kapitalismus, den er im völligen Gegensatz zur Lehre des Buddha sieht, beunruhigt wegen seiner Mechanismen der Gier und des Hasses im Kontext des internationalen Finanz- und Wirtschaftssystems. Brodbeck schlägt verschiedene Lösungsansätze vor: politische Regelungen, kritisches Engagement von Einzelnen, ethische Erziehung in den Schulen. Der in Costa Rica lebende Franz Josef Hinkelammert (geb. 1931) nimmt eine andere Zuspitzung als Brodbeck vor, nämlich die gefährliche Spannung von „Erster Welt“ und „Dritter Welt“. Befreiungstheologisch begründet, setzt er sich mit den Krisen in der Welt auseinander, die durch den dominierenden Neokapitalismus entstanden sind. Er beklagt, dass dadurch „die Grenzen des menschlich Möglichen“ missachtet werden (S. 340). Man darf aber Wirtschaft, Utopie und Theologie nicht voneinander trennen (S. 344). Eine solche Gesamtsicht zeigt nämlich, wie bürgerliche Utopien mit ihren „Gesetzen des totalen Marktes“ Opfer produzieren, so dass ein großer Teil der Menschheit unter menschenunwürdigen Bedingungen leben muss. Hier ist eine Ethik der Nachhaltigkeit gefordert, wodurch für jeden Menschen die grundlegenden Lebensbedürfnisse befriedigt werden können. Die Kirchen haben dazu einen entscheidenden, auch selbstkritischen, Beitrag zu leisten, der auf Transformationsprozesse in der Öffentlichkeit zielen muss (S. 353ff).

Im 5. Teil erfolgt der Vergleich der behandelten Protagonisten, P.A. Payutto und Aloysius Pieris sowie Karl-Heinz Brodbeck und Franz Josef Hinkelammert. Systematisch hebt die Verfasserin dazu die theologischen Begründungskriterien hervor – das Verständnis von Gerechtigkeit und die verschiedenen Wege zur Befreiung. Die unterschiedlichen religiösen Traditionen und kulturellen Bedingtheiten ermöglichen dennoch erstaunliche Konvergenzen in der gesellschaftliche Analyse und in der Beurteilung neokapitalistischer Gier und Ausbeutung. Es gibt allerdings kein wirtschaftsethisches Alternativ-Konzept, sondern die Autoren plädieren „für schrittweise umzusetzenden Reformen des Wirtschaftssystems“ (S. 377). Auch hier sind die Kirchen gefordert an der Umsetzung bestimmter Regulierungsmaßnahmen mitzuwirken.

Nach diesem klar durchstrukturierten Durchgang hält die Verfasserin als Bilanz fest, dass sowohl Christen wie Buddhisten gegenseitig ethisch und spirituell von einander lernen können und sollten. Dies präzisiert sie mit den beiden Komplementaritätspaaren „Gnosis und Agape“ (Erkenntnis/Wissen und Liebe) sowie „Freiheit und Hingabe“, die eine interreligiöse Brücke zwischen (engagiert-) buddhistischem Selbstverständnis und christlich-befreiungstheologischen Ansätzen bilden. So wird hier zum einen das Weltethos-Projekt von Hans Küng konkretisiert. Zum andern wird „die kontinuierliche Introspektion der eigenen Motive des Handelns“ (S. 380) eingefordert. Das ist angesichts der globalen sozialethischen Herausforderungen für eine menschenwürdige und gerechte Gesellschaft auch dringend notwendig.
In dieser umfassenden und klar geschriebenen Dissertation spürt man hinter der vorgetragenen Sachkompetenz der Autorin ihre deutliche Parteinahme für die dargestellten Positionen aus Buddhismus und Christentum. Diese bieten offensichtlich eine realistische Hoffnungsperspektive in einer Welt, in der ein Teil der Menschheit auf Kosten des anderen lebt – ein Skandal der so nicht bleiben darf. Barbara Lukoschek hat für notwendige gesellschaftliche Veränderungen interreligiöse Beweggründe offen gelegt. Dies kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Reinhard Kirste

Rz-Lukoschek-Ethik-Buddh, 13.04.14

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