Sonntag, 24. August 2014

Die Faszination der antiken Götter



Holger Sonnabend: Götterwelten.
Die Religionen der Antike.

Darmstadt: Theiss (WBG) 2014, 192 S., Abb., Zeittafel
--- ISBN 978-3-8062-2635-5 ---

Kurzrezension: hier
 
Ausführliche Beschreibung
Der Althistoriker Holger Sonnabend ist als Gesamtleiter der Ausstellung „Imperium der Götter“ (Nov. 2013 bis Mai 2014) in Karlsruhe und als Herausgeber des dazu gehörigen opulenten Ausstellungskatalogs in das Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit getreten (1). Mit seinem neuen Buch bringt er eine Art Fortsetzung und geht mehr erzählend den einflussreichsten religiösen Traditionen der Antike nach. Bis auf Judentum und Christentum haben diese „alten“ Religionen letztlich nicht überlebt, aber ihre Wirkungen sind bis heute zu spüren. Ich würde allerdings die bis heute existierende Zarathustra-Religion mit ihrem einflussreichen dualistischen Denkgebäude dazu zählen. Die Zoroastrier haben immerhin weltweit etwa 120.000 Anhänger.

Sonnabends gut zu lesende Darstellung ermöglicht auch einen vergleichenden Blick, der durch teilweise sehr bekannte Abbildungen -– sowie Karten verdeutlicht wird. Dadurch offenbaren sich erstaunliche Affinitäten und Gemeinsamkeiten zwischen Ägyptern, Griechen, Römern und den alten mesopotamischen Götterkulten. Sehr praktisch sind die immer wieder eingestreuten Info-Kästen, die vertiefendes Material liefern. Dennoch gibt es bei aller Vielfalt m.E. ein übergreifendes Gesamtthema, das sich in diesem Kontext zeigt, nämlich die Suche des Menschen nach Erlösung angesichts des Übergangs vom Leben zum Tod.
Holger Sonnabend beginnt mit der Religion der Griechen. Er zeigt, wie sich die Götterwelt im Süden Europas entwickelte und die hierarchische Gesellschaft faktisch abbildete. Aber die Religiosität veränderte sich erheblich in der späteren Zeit, dem Hellenismus. Das führt sogar zu einer Art Entmythologisierung, wie sich in der Auseinandersetzung mit der Philosophie bis hin zu Epikur ablesen lässt. Die Urteile des Aurtors – nicht nur bei den Griechen – fallen meist recht eindeutig aus, z.B.: „Religion ohne Tiefgang“ bei den klassischen Göttern (S. 21) und „mit Tiefgang“ bei den Mysterienkulten (S. 22).
Dann springt der Autor zurück, und zwar in die Geschichte des Judentums mit seinem in der späteren Zeit elitär erscheinenden Monotheismus. Er benennt die einzelnen Epochen, die er nach dem derzeitigen Forschungsstand zum Alten Testament, vorstellt, und zwar von den Stammvätern Abraham, Isaak und Jakob bis zur Diaspora nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n.Chr.
Bei der Religion der Ägypter lockt den Autor offensichtlich die Herausarbeitung typischer Merkmale wie der Jenseitsglaube und der damit verbundene umfassende Totenkult der altägyptischen Religion. Aber er geht auch der Phase um Echnaton mit dem ersten Durchbruch des Monotheismus intensiver nach und thematisiert damit etwas ausführlicher die gesamte Amarnazeit des 14./13. Jhs. v. Chr., natürlich mit Erwähnung der berühmten Nofretete.
Zeitlich noch weiter zurück geht es bei den religiösen Traditionen der Sumerer und Babylonier. Es ist nicht ganz leicht, die Grundzüge angesichts des vielgestaltigen Götterpantheons im Zweistromland knapp zu systematisieren. So spitzt sich Sonnabends Bericht darum auf Ischtar und Marduk zu. Im damit zusammenhängenden Königs-Priestertum hebt der Autor die Verbindung von religiöser, politischer und wirtschaftlicher Macht der Tempelhierarchien hervor. Natürlich hätte man in diesem Kontext auch gern noch etwas über Hethiter und Akkader und doch mehr über und die religiös-gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Alt-Babyloniern und Neubabyloniern erfahren. Dass babylonische Mythen die biblische Tradition beeinflusst haben, ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges, die Religionen übergreifendes Element.
Ausführlich beschreibt Sonnabend die Religion der Römer. Sie erscheint ihm epigonenhaft, weil sie eine Art Fortsetzung „light“ der Götter Griechenlands darstellt: „Religion war für die pragmatischen Römer eine geschäftsmäßige Angelegenheit, gemäß dem lateinischen Grundsatz >Do ut des< - >Ich gebe, damit du gibst<“ (S. 91), und mit dem Ziel, nicht mit den Göttern in Konflikt zu geraten. Auch hier hängen Religion und soziale Rangfolge eng zusammen. Natürlich ist die römische Religion auch durch andere Einflüsse der Mittelmeerwelt geprägt worden, man denke an die Etrusker, an den beim Militär beliebten Mithraskult oder die Verehrung der „Großen Mutter“. In diesem Kapitel ist auch Platz, näher auf die Gänse auf dem Kapitol und die Vestalinnen, die Priesterinnen und Hüterinnen des Heiligen Feuers, einzugehen.
In den zeitlichen Rahmen des Römerreiches seit der Zeitenwende passt nun auch die Religion der Kelten, deren Kultur im 6. Jh. v. Chr. beginnt und bis in das 4. Jh. n.Chr. reicht. Es ist eine erstaunliche Kulturwanderung, die quasi im kleinasiatischen Pergamon beginnt, über das gallische Alesia (bei Alise-Seinte-Reine, Burgund) bis auf die Britischen Inseln reicht und irgendwie in den Druiden bis heute fortlebt. Natürlich werden in diesem Zusammenhang die Entdeckungen am hessischen Glauberg entsprechend gewürdigt.
Die Religion der Germanen schließt sich inhaltlich ebenfalls gut an das Kelten-Kapitel an. Auch hier merkt man einen Forschungsschwerpunkt von Sonnabend, der besonders auf die „crosscultural“ Ebene von germanischen und römischen Göttern eingeht und damit die Zeit vom 2. Jh. v. Chr. bis ins 4./5. Jh. n. Chr. Etwas genauer analysiert – mit dem Ergebnis: „Auf jeden Fall aber teilten die Germanen ein typisches Element antiker Religiosität: Sie glaubten an ein Pantheon von göttlichen Mächten, die arbeitsteilig die irdischen Geschicke lenkten“ (S. 153).
Wie ist nun hier das antike Christentum einzuschätzen, das den Germanen mit mehr oder minderer Gewalt aufgezwungen wurde und in mancher Symbolik weiterlebt? Sein missionarischer Charakter ist überdeutlich und unterscheidet sich darum faktisch von den bisherigen durchaus „kompromissbereiten“ Religionen, sofern nur den Staatgöttern einigermaßen Respekt gezollt wurde. Der klar durchstrukturierte Durchgang Sonnabends führt von der Geburt, dem (historischen) Leben, Sterben und Weiterwirken der Botschaft Jesu zu einer nach den Christenverfolgungen aufsteigenden (staatlich sanktionierten) globalen Erlösungsreligion. Sie wurde wesentlich durch Paulus und die sog. Kirchenväter vorangetrieben. Das alles konnte jedoch das Auseinanderbrechen der östlichen und westlichen Kirchentümer nicht aufhalten, eine Entwicklung, die seit der Teilung des Römischen Reiches in Ostrom und Westrom im Jahre 395 schnell voranschritt.
Bilanz: 
Eine Religionsgeschichte des antiken Mittelmeerraumes und angrenzender Gebiete bildintensiv und sachgemäß auf knapp 200 Seiten zu beschreiben, ist faktisch unmöglich. Manches in der Darstellung Sonnabends wirkt darum holzschnittartig verkürzt. Bestimmte Entwicklungen – wie z.B. die Gnosis – mussten faktisch ausgeblendet werden. Insgesamt gelingt dem Autor jedoch ein farbiges Religionen-Bild unserer Vorgänger-Religionen, wie sie sich im Mittelmeerraum, aber auch im mittleren und nördlichen Europa entwickelt haben.
Hier ist eine neugierig machende Lektüre für alle diejenigen gelungen entstanden, die die Brennpunkte und Entwicklungs-Schübe antik-religiöser Glaubensformen und Traditionen auch im Blick auf heutige Religiosität bedenken möchten.
(1)  Imperium der Götter: Isis – Mithras – Christus. Kulte und Religionen im Römischen Reich
        --- Rezension: hier
Reinhard Kirste
Rz-Sonnabend-Götter, 24.08.14  


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