Samstag, 8. November 2014

Buch des Monats November 2014: Kirchenreform und Kirchenkritik - zur "Biografie" von Paul Zulehner



Paul M. Zulehner: Mitgift. Autobigrafisches anderer Art.
Ostfildern: Patmos (Schwabenverlag 2014), 296 S., Abb., Lebenslauf
--- ISBN 978-3-8436-0542-7
Ausführliche Besprechung 
Schon der Titel dieses Buches ist ungewöhnlich – Mitgift. Es kommen sofort zwei sehr unterschiedliche Wortbedeutungen in den Sinn: die Mitgift als Brautgabe, ein besonderes Geschenk für ein gemeinsames Leben. Aber es kommt auch schnell die Assoziation bei der Worttrennung auf: Mit-Gift. Wer die theologische Laufbahn des katholischen Theologen Paul Zulehner etwas verfolgt hat, wird entdecken, dass er beides erlebt hat Gnadengeschenke, aber auch bösartige (vatikanische) Anfeindungen. Das wirft auch Schatten auf eine Kirche, die sich doch der göttlichen Wahrheit und der Frohen Botschaft des Heils verschrieben hat. Kein Wunder also, dass dieses sehr persönliche Buch des Autors keine Biografie im üblichen Sinn ist, sondern eine Art Zwischenbilanz, die zugleich erlebte Kirchengeschichte widerspiegelt.

Den Fokus setzt Zulehner auf Arbeit und Lieben. Er nimmt dazu die Musik als Vergleichspunkt: Presto des Arbeitens, Menuett des Liebens, Lento in der Gegenwart („Wofür ich stehe und einstehe“), und die noch ausstehende Coda, „Die Unvollendete“, deren Abschluss der Autor sieht, wenn er dann zum eigentlichen Komponisten seines Lebens gehen wird (S. 15). So ist auch das Buch mit dem entsprechend vierfach gegliedert. Der „Biograf“ bezieht sich dabei in seinen Reflexionen gern auf Schriftsteller, die ihm offensichtlich Orientierung gaben und geben: Rainer Maria Rilke, Günter Anders, Brigitte Schwaiger (S. 199–207), Dorothee Sölle und Marie Luise Kaschnitz. Aber auch die Begegnung mit den Künstlern gehört zu seinen wichtigen Lebensinhalten.

Insgesamt breitet der Autor spannende, heitere und nachdenklich machende Geschichten vor den LeserInnen aus. Sie sind nicht nur ganz persönlich geprägt, sondern eröffnen auch viele (weniger bekannte) kirchliche Hintergrundinformationen ...

Zulehner wurde am 20.12.1939 in einem Vorort von Wien geboren. Sein „wissenschaftliches Leben“ begann mit dem Studium der Theologie und Philosophie in Innsbruck, Konstanz und München. Entscheidend war für seine weitere Entwicklung die Begegnung mit Karl Rahner, zu dessen Schülern er gehörte. 1964 wurde er zum Priester geweiht und arbeitete auch als Gemeinde-Kaplan und gleichzeitig im Wiener Priesterseminar. 1974-1976 machte er Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Bamberg und Passau. Die letztere berief ihn 1975 zum ordentlichen Professor, wo er bis 1984 blieb. Hier begann auch seine intensive Arbeit im Bereich der Seelsorge und der theologisch-pastoralen Beratung der Passauer Bischöfe Antonius Hofmann und Franz X. Eder. Dies war eine beachtliche reformerische Tätigkeit – ganz im Sinne des 2. Vatikanischen Konzils. In Passau entstanden wichtige Arbeiten und Analysen zu kirchensoziologischen und pastoraltheologischen Themen. Seine Schwerpunktforschungen im Bereich von Religion, Religiosität, Sinn-, Norm- und Wertefragen (gerade auch bei Jugendlichen) führten ihn auch immer wieder für längere Zeit ins Ausland. Der Prozess der pastoralen Entwicklung im Bistum Passau wurde allerdings im Jahre 2003 auf höchst unrühmliche Weise durch Bischof Wilhelm Schraml aufgekündigt (S. 132–138), der übrigens dann auch Franz-Peter Tebarz van Elst, den späteren Bischof von Limburg, zu seinen Beratern erkor.  
Zulehner sieht seine Berufung 1984 auf den Lehrstuhl für Pastoraltheologie der Universität in Wien als einen Glücksfall an, weil sich hier Forschung, die Vermittlung an die Studierenden und praktische Begleitung kirchlicher Entwicklungen in Österreich sinnvoll miteinander verbinden ließen. Von 2000 bis 2007 war er auch Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der dortigen Universität und wurde 2008 emeritiert. Er begleitet und berät aber weiterhin verschiedene Gremien so die oberösterreichische Forschungsgruppe „Academia Superior“, ein Think Tank für die Zukunftsforschung. 


Das 2. Vatikanische Konzil dürfte „das“ Schlüsselerlebnis gewesen sein, dessen spirituelle Aufbruchskraft der Katholischen Kirche einen Glaubwürdigkeitsschub gab, in dem Mystik, Moral und Politik eine hoffnungsvolle Verbindung für eine Kirche mit Zukunft eingingen. Der 3. Satz Zulehners:Lento: Wofür ich stehe und einstehe“ ist davon intensiv geprägt. Allerdings ist inzwischen vieles wieder in sich zusammengesunken (S. 10). Aber mit Papst Franziskus keimt neue Hoffnung auf.


Überblickt man dieses autobiografische Mosaik, so spüren die Lesenden, dass der als liberal und links immer wieder diskreditierte Zulehner zu den herausragenden Theologen in der Weiterentwicklung des 2. Vatikanums gehört. Er forderte ernsthaft grundlegende Veränderungen des Priesterberufs mit dem Pflichtzölibat, das er an sich selbst problematisch genug erfuhr. Gerade darum bedachte er Alternativen für eine zukunftsorientierte Kirche, stärkte immer wieder die katholischen Frauengruppen und hatte ein freundlich-entspanntes Verhältnis zu den Kirchenaufbrüchen von „Wir sind Kirche“, eine Kirchenvolksbewegung, der die offizielle Amtskirche weiterhin höchst abweisend entgegensteht. Angesichts seines kontinuierlichen, mutigen Eintretens für eine sich reformierende Kirche hat Zulehner u.a. Kardinal Franz König (1905-2004) als einen Vertrauten und den ehemaligen Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, als Freund erfahren dürfen. Besonders belastet haben ihn offensichtlich die (verdeckten) Angriffe von Kardinal Meisner und der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis.

Zulehner gehört damit in die Reihe derer, die mehr für die Glaubwürdigkeit der Kirche (nicht nur der katholischen) getan haben als jene sog. Bewahrer und vatikanischen Bremser, die nicht an überkommenen Strukturen rütteln wollten: „So galt es, einen Weg zu finden, auf dem Menschen, die Gott für seine Kirche beansprucht, in letzter Einsamkeit vor Gott stehend eben die Frage stellen: >Gott, was traust du mir zu, damit die Kirche, der du mich hinzugefügt hast, lebendig ist und handeln kann?<“ (S. 127). Und so stellt er bescheiden seine vorläufige Lebensbilanz als Fragment dar: „Es gehört zu den schmerzlichen Einsichten meiner Lebensevaluierung, dass vieles ein Fragment geblieben ist. Das betrifft das Arbeiten wie das Lieben“. Aber es tröstet ihn, „dass gerade große Komponisten Unvollendetes hinterlassen haben“ (S. 290f). Als einer, der gelernt hat, mit dem Mangel zu leben, geht er hoffnungsvoll dem finalen Empfang bei Gott entgegen … Ein faszinierendes Buch!

Reinhard Kirste
relpäd/Zulehner-Mitgift, 31.10.14

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