Montag, 2. Februar 2015

Buch des Monats Februar 2015: Madeleine Delbrêl --- Liebe leben



Annette Schleinzer: Die Liebe ist unsere einzige Aufgabe.
Das Lebenszeugnis von Madeleine Delbrêl.
 
Ostfildern: Patmos (Schwabenverlag) 2014, 312 S., Abb., Zeittafel 
--- ISBN 978-3-8436-0544-1 ---

Ausführliche Beschreibung
Die Theologin und Exerzitienbegleiterin Annette Schleinzer ist im Bistum Magdeburg zuständig für die Katechese in Kirche und Gesellschaft. Bereits 1994 erschien ihre Biografie über Madeleine Delbrêl. Diese hat sie nun überarbeitet und aktualisiert. Sie ist sicher die beste Delbrêl-Kennerin deutscher Sprache. Außerdem ist sie auch mit dem Freundeskreis der „Association des Amis de Madeleine Delbrêl“ eng verbunden. Was die Autorin an dieser Poetin und Sozialarbeiterin, dieser „Mystikerin der Straße“ fasziniert, ist eine „tragfähige Alltagsspiritualität“, die in jüngster Zeit eine „weitere aktuelle Spur eröffnet, nämlich die tiefe Verwandtschaft Madeleine Delbrêls mit Papst Franziskus.
Es ist geradezu frappierend, wie sehr das Anliegen des Papstes, das er in seinem Apostolischen Schreiben >Evangelii gaudium< zum Ausdruck bringt, bis in einzelne Formulierungen hinein dem entspricht, was Madeleine Delbrêl gelebt hat. Sie ist buchstäblich an die Ränder, an die Peripherien gegangen, um dort ein Leben der >ganz Kleinen<, ein Leben der >Leute von der Straße< zu leben“ (S. 10).
Madeleine Delbrêl (1904 – 1964) wurde am 24. Oktober 1904 in Mussidan (Dordogne) geboren. Ihre Kindheit war recht bewegt, weil ihr Vater als Eisenbahner oft versetzt wurde.

Annette Schleinzer eröffnet nun in drei Schritten einen Verstehenszugang: Die eher kindliche Glaubenserfahrung von Madeleine in der Dordogne wurde mit der Weltstadt Paris konfrontiert, als die Familie 1916 wegen der beruflichen Versetzung des Vaters nach Paris ziehen musste. Nun war in Frankreich 1905 das Gesetz der strengen Trennung von Staat und Kirche eingeführt worden. Die Basis ist ein Laizismus, der für die Religionsausübung nur die Privatsphäre vorsieht. Damit standen die Kirchen faktisch in Konfrontation zum laizistischen Staat. So verschärfte sich in Frankreich die gesellschaftliche Spaltung von Bewahrern des „Ancien Régime“, also der Konservativen (meist der Katholiken) und der antiklerikalen Laizisten. Aber es gab auch im Katholizismus Aufbrüche, wo sich Christen bewusst auf die Wandlungen in der Gesellschaft einstellten.

Aber zuerst bildete sich bei Madeleine neben ihren künstlerischen und poetischen Fähigkeiten ein Denken heraus, das zum einen durch den atheistisch geprägten Vater und dessen literarischen Zirkel geprägt war. Zum andern spielen die Vorlesungen an der Sorbonne über Philosophie und Geschichte eine entscheidende Rolle, verbunden mit den emanzipatorischen Aufbrüchen der Nachkriegsjahre. Sie erscheinen in bewusstem Gegensatz zu „einer rückständig wirkenden Vergangenheit“ (S. 50). Und so entsteht eine Sinnsuche, die keinen Gott braucht. „Aber gerade die Unbedingtheit ihrer Suche führt sie schon bald an die Grenzen dessen, was sie mit dem Verstand bewältigen kann: Was ist der Sinn des Lebens, das doch unweigerlich auf den Tod zuläuft? Ist diese Welt und ihre Geschichte angesichts von Leid und Tod nicht >die unheimlichste Farce, die man sich vorstellen kann<?“
(S. 51).
 Ihr Hunger nach Erkenntnis konnte mit der Aussage „Gott ist  tot“ nicht beruhigt werden. “Die Zeit der Suche hatte im Grunde schon begonnen; denn auch die Leugnung Gottes in den schmerzliche Jahren ihrer Jugend war nur die Kehrseite eines drängenden Verlangens nach Wahrheit, das lieber ungetröstet bleiben will, als sich mit einem falschen Trost beschwichtigen lassen“ (S. 57). Als ihr Freund Jean Maydieu sich unerwartet von ihr trennte, um später in den Dominikanerorden einzutreten und noch die Erblindung ihres Vaters hinzukam, verschärfte sich für sie die Frage nach Gott erneut und führte bis zum körperlichen Zusammenbruch. Aus dieser „Nullsituation“ heraus bahnte sich der Durchbruch aus der Todeszone in den Horizont der Liebe an – in eine Welt hinein, die von Gott geliebt ist (S. 76). Der Weg führte schließlich zu einem Bekehrungserlebnis 1924, vertieft durch die Begegnung mit der mystischen Tradition der Teresa von Ávila. So erfuhr sie den Urgrund alles Seins, die Liebe, die sie nun im Sinne der Gottes- und Nächstenliebe umzusetzen versuchte. Aber nicht in ein Karmelkloster führte ihr Weg, sondern in die Sozialarbeit und die Begegnung mit der (industriellen) Arbeitswelt in all ihrer Härte, wie sie diese in Ivry s/Seine und auch in Paris der Kriegs- und Nachkriegszeit erlebte. Bereits 1933 hatte sie mit einigen gleichgesinnten Frauen in Ivry eine Kommunität gegründet, die mehr und mehr anwuchs. 

Durch ihre Solidarität mit den Arbeitern (nicht mit dem Kommunismus) geriet sie auch in Spannung zu verhärteten Traditionen ihrer Kirche. Das gilt besonders für die seit 1941 tätige „Mission de France“ im Blick auf die Arbeit mit der Kirche Fernstehenden und dem beeindruckenden Experiment der Arbeiterpriester. Beide Initiativen unterstützte Madeleine Delbêl. Als das Engagement der Arbeiterpriester 1954 vom Vatikan verboten wurde, versuchte sie zu vermitteln – jedoch ohne Erfolg. Eine wirklich veränderte Kirche ging erst aus dem 2. Vatikanischen Konzil hervor, dessen Reform-Wirkungen Madeleine Delbrêl nicht mehr erlebte. Sie starb am 13.10.1964. Inzwischen ist die kaum bekannte „Mystikern der Straße“ zu einer geschätzten Persönlichkeit, gar päpstlich zur „Dienerin Gottes“ erklärt worden (Vorstufe zur offiziellen Seligsprechung). Madeleine Delbrêl verbindet in besonderer Weise das, was Frère Roger „Kampf und Kontemplation“ genannt hat und nicht nur die Katholische die Kirche zu immer erneuter Veränderung herausfordert.

Die Autorin erörtert dieses kontemplativ-aktive Leben unter den Gesichtspunkten von Madeleine Delbrêls konsequenter Jesus-Nachfolge: Berufung, praktische Umsetzung mit den evangelischen Räten und ohne Ordensregeln. Es gilt vielmehr angesichts der Diaspora-Situation der Kirchen in Europa Mission zu betreiben, und zwar in dem Sinne, dass die Kirche zu den Menschen gehen muss, d.h. das Evangelium vorlebend predigen. Dazu muss der Gegensatz zwischen profan und sakral eingeebnet werden. Die Motivation, dies zu praktizieren, liegt in einer Liebe, die gleichermaßen von Demut und Achtung geprägt ist (S. 257). Denn Gott will sich finden lassen „in der Armut eines banalen Lebens“
(vgl. Gotthard Fuchs in Christ in der Gegenwart 41/2014: http://www.christ-in-der-gegenwart.de/aktuell/artikel_angebote_detail?k_beitrag=4225012 – abgerufen 27.01.2015).
In manchem erinnert ihre „Mystik der Straße“ an Bernard Glassmann, den engagierten Zen-Buddhisten auf den Straßen New Yorks (vgl. sein Buch: Zeugnis ablegen. Berlin: Theseus 2001). Das konsequente Glaubensleben von Madeleine Delbrêl macht Mut, gesellschaftliches Engagement und persönliche Frömmigkeit im Alltag glaubwürdig umzusetzen und so ein authentisches Zeugnis göttlicher Liebe zu geben. Unsere Zeit braucht wahrhaftig viele Menschen, die diese liebende Achtsamkeit leben.

Reinhard Kirste

 Rz-Schleinzer-Delbrel, 31.01.15  

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