Montag, 2. März 2015

Buch des Monats März 2015: Spirituelle Zusammenhänge von Gesundheit und Pflege im Krankenhaus



Walter Schaupp / Wolfgang Kröll  / Johann Platzer (Hg.):
Gesundheitssorge und Spiritualität im Krankenhaus.

Theologie im kulturellen Dialog, Band 26. Innsbruck-Wien: Tyrolia 2014, 196 S.
--- ISBN 978-3-7022-3290-0 ---


Ausführliche Beschreibung
Wie bereits die anderen Bände der Reihe so ist auch dieser Titel in Zusammenarbeit mit der Universität Graz entstanden, die auch als offizieller Herausgeber firmiert. Der Mitinitiator dieses Bandes, Walter Schaupp arbeitet an der Theologischen Fakultät als Moraltheologe schon lange über ethische Fragen im Zusammenhang der Medizin und einer Ethik der Lebensgestaltung. 2010 hat er mit Hans-Walter Ruckenbauer bereits einen Band zum Thema herausgebracht: Macht Religion gesund? Christliches Heilsangebot und Wellness-Kultur. Im neuen Band mit den anderen beiden Herausgebern kommt bereits das interdisziplinäre Interesse an diesem Thema zur Sprache. Johann Platzer lehrt sowohl am Institut für Moraltheologie als auch an der medizinischen Fakultät der Universität Graz, Wolfgang Kröll ist stellv. Abteilungsleiter der  Klinischen  Abteilung für Allgemeine Anästhesie  und Intensivmedizin der medizinischen Fakultät.

Im Vorwort betonen die drei Herausgeber die notwenige Begründung für diese Dokumentation, die eine Tagung aus dem Jahr 2013 über „Gesundheitssorge und Spiritualität im Krankenhaus“ zusammenfasst: „Zunehmend wird … sichtbar, dass Religiosität/Spiritualität nicht nur am Lebensende ein wichtiges Thema ist, sondern auch in bestimmten Krankheitssituationen davor. Eine weitere Herausforderung liegt darin, nicht nur die Bedeutung von Religiosität/Spiritualität in den Blick zu nehmen, sondern auch für Angehörige der Gesundheitsberufe“(S. 7). 
Thematisch kommen in den 10 Beiträgen der überwiegend im Rahmen der Grazer Universität Arbeitenden und Forschenden unterschiedliche Gesichtspunkte zur Sprache:

In seinem Einleitungsbeitrag verweist Walter Schaupp auf die „bleibende Präsenz des Religiösen in gewandelter Form“ (S. 14) trotz oder angesichts starker Säkularisierungstendenzen. Als Konsequenz bedeutet dies angesichts der Erfahrungen von Ohnmacht und Verlust, das Krankenhaus auch als Spiritualitätsort wahrzunehmen. Monika Glawischnig-Goschnik vom Universitätsklinikum exemplifiziert dies an einigen „Fallvignetten“: Es gilt zu sehen, dass Spirituelles und Leibliches gleichermaßen wesentlich sind. Spiritualität ist schließlich auch eine Ressource zur Bewältigung von Krankheit. Diese Überlegungen erweitert Eckhard Frick SJ, Professor für Spiritual Care an der Universität München. Der Begriff – ursprünglich synonym für die (kirchliche) Krankenhausseelsorge – beschreibt heute eine interdisziplinäre Querschnittsaufgabe, die sich als gemeinsame fachkompetente und therapeutische Sorge im Blick auf die spirituellen Bedürfnisse und Wünsche kranker Menschen versteht, und zwar eigenständig gegenüber dem medizinischen System mit dessen Diagnose-, und Therapieverfahren. Das gilt auch im Blick auf Pflege und Psychotherapie. Dazu muss die Kompetenz der helfenden Berufe gestärkt werden. Eine stichprobenartige Befragung von MitarbeiterInnen im Krankenhaus zeigte, dass Ärzte und Pflegekräfte im Intensivbereich neben ihren speziellen Aufgaben auch andere Haltungen und Praktiken bewusst einnehmen, und zwar im Sinn existentieller Fragen und religiöser (auch auf Transzendenz bezogener), humanistischer, und oft genug unkonventioneller spiritueller Zusammenhänge. Das hat erhebliche Rückwirkungen auf die so Agierenden im Horizont „ihrer“ Patienten. Diese von der Psychologin und Psychotherapeutin Ursula Viktoria Wisiak durchgeführte Mitarbeiterlnnenbefragung auf einer Intensivstation nötigt zu weiteren umfassenden Studien. 

Die Dermatologin Elisabeth Aberer hebt die menschliche Dimension besonders hervor, die die Erwartungen der PatientInnen wie die Wahrnehmungsweisen der Ärzte betreffen Die spirituelle Dimension in der Betreuung von Patienten und Patientinnen mit chronischen Hautkrankheiten lässt sich nicht auf religiöse oder konfessionelle Grenzen beschränken, vielmehr geht es um liebende Zuwendung ohne jegliche Vorbedingung. Dazu gehört eine spezifische Sensibilität, die aus Wahrnehmen und Zuhören besteht und den jeweiligen Glaubenshorizont vorsichtig erfragt und einbezieht. Hier bleibt für die Ausbildung in den medizinischen und pflegerischen Berufen noch viel zu tun. Eine extreme Herausforderung besteht für die MitarbeiterInnen im Bereich der Intensivmedizin, weil strukturelle, soziale und psychische Belastungen oft mit langfristigen Folgen verbunden sind. Darauf beziehen sich der Intensivmediziner Wolfgang Kröll und die Neuropsychologin Sabine Ritter und plädieren für weiterführende spirituelle Begleitung der MitarbeiterInnen.

Es folgt ein Gespräch des Psyhotherapeuten Rainer Kinast mit dem Moraltheologen Johann Platzer. Kinast ist zugleich Leiter des „Zentralbereichs Wertemanagement“ eines gemeinnützigen Krankenhausunternehmens. Hier kommt die Balance zur Sprache, die das Unternehmen Krankenhaus im Kontext und im Horizont christlicher Spiritualität beachten muss; denn Spiritualität kann nicht für die MitarbeiterInnen mit ihren unterschiedlichen religiösen und nicht-religiösen Hintergründen verpflichtend gemacht werden. Auch muss es im christlichen Krankenhaus darum gehen, den „wertschätzenden Dialog zwischen den Religionen zu … ermöglichen (S. 140). 

Der Neutestamentler Josef Pichler nimmt aus exegetischer Perspektive das antike Verständnis von Krankheit und die Wunder der Heilgötter zum Anlass, um die biblischen Wundererzählungen davon abzugrenzen. Denn die körperliche Heilung ist (bei Jesus) nicht das primäre. Auch führt der Glaube keineswegs automatisch zur Heilung, kann sie jedoch fördern (S. 162f), so dass jemand wieder auf(er)stehen kann. Dass Krankheit eben auch zum Tod führt und Gesundung nicht mehr möglich ist, macht die Begleitung von Sterbenden und deren Angehörigen so wichtig. Der katholische Krankenhauspfarrer Bernd Oberndorfer sieht in symbolischen Handlungen, besonders im Sakrament der Krankensalbung ein stärkendes Ritual in Unheils- oder Krisensituationen. Dies bestätigt in ähnlicher Weise für Gebete und Rituale auch der Ev. Krankenhauspfarrer Herwig Hohenberger. Es geht darum, auf der Grenze zwischen Leben und Tod Beruhigung und Tröstung zu finden. 

Die hier vorliegenden Beiträge sprechen die unterschiedlichen Facetten einer sich wandelnden Gesundheitssorge an - auch im Sinne von  Spiritual Care. Hier wird fortgeführt, was z.B. auch in Helmut Weiß / Karl Federschmidt / Klaus Temme (Hg.): Handbuch Interreligiöse Seelsorge (Neukirchen-Vluyn 2010) bedacht wurde. Die angesprochenen Lösungsmöglichkeiten erinnern überdeutlich, dass interkulturelle und interreligiös-spirituelle Zusammenhänge einen erheblichen Einfluss auf das „Klima“ eines Krankenhauses, aber auch auf die Heilungschancen von Patienten haben. Alle mit der Pflege und Therapie Beschäftigten sollten hier um der Patienten willen noch intensiver vorbereitet und geschult werden. Herausgeber und Autoren haben dazu kompetente Hilfestellung geleistet.

Reinhard Kirste

Rz-Schaupp-Krankenhaus, 28.02.15 

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