Mittwoch, 1. Februar 2017

Buch des Monats Februar 2017: Orientalisches Christentum im Fokus

Sidney H.Griffith / Sven Grebenstein (Hg.):
Christsein in der islamischen Welt.
Festschrift für Martin Tamcke zum 60. Geburtstag.

Wiesbaden: Harrassowitz 2015, 633 S., Abb.
 --- ISBN 978-3-447-10441-8 ---
Martin Tamcke (geb. 1955) gehört zu den herausragenden Theologen
und Orientalisten, die sich intensiv mit dem gesamten östlichen Christentum befassen.
Der vielfach ausgezeichnete Forscher von der Universität Göttingen untersucht sowohl die Geschichte als auch gegenwärtige Entwicklungen der christlichen Kulturen im Nahen und Mittleren Osten. Eine Fülle von Monografien, längeren und kürzeren Beiträgen hat er zu diesem Themenbereich veröffentlicht.

Tamcke wirkte bereits in seiner Studienzeit (in Göttingen) an Forschungen zur Kulturgeschichte des Mittleren Ostens und Zentralasien mit. Nach seiner Habilitation 1993 sowie Lehrtätigkeiten am Missionsseminar Hermannsburg und an der Universität Marburg wurde er 1999 auf den Ökumenischen Lehrstuhl der Universität Göttingen berufen. Gastprofessuren führten ihn nicht nur an europäische Universitäten des Westens wie des Ostens, sondern auch mehrfach in den Fernen Osten, nach Indien, Indonesien nach Amerika.          
Derzeit ist er an der Universität Göttingen zugleich Direktor für Eurokulturelle und interkulturelle Theologie.
Da verwundert es nicht, dass die Festschrift zu seinem 60. Geburtstag ein internationales Kaleidoskop seiner Forschungsthemen ist, das ihm Freunde und Schüler aus aller Welt gewidmet haben. Es ist auch fast nicht möglich, die verschiedenen Facetten der Bereiche zu bündeln. Die beitragenden Wissenschaftler argumentieren einmal stärker grundsätzlich und im historischen Kontext. Zum Andern geht es mehr um die wirkungsgeschichtlichen Strömungen des östlichen Christentums. Zum Dritten gehen einige Autoren auf regionale oder ortsbezogene Ereignisse und Dokumente ein. Bei alldem kommt zum Vierten die aktuell- bedrohte Minoritätensituation der östlichen Christen in den Blick Aus der vielfältigen Fülle der Beiträge seien hier diejenigen Themen herausgegriffen, die die interreligiösen Aspekte in ihrer Wirkungsgeschichte betonen und zugleich die Situation Nordafrikas und des Nahen bzw. Mittleren Osten vom 19. bis 21. Jahrhundert ansprechen.
In der Einleitung betont Heleen Murre den van Berg (Leiden), dass die unerwartete Popularität des mittelöstlichen Christentums vielfältige Geschichten ans Licht bringt, die erzählt werden müssen (S. 11). Dazu sind aber grundsätzliche Überlegungen nötig, die sich aus den jeweiligen historischen Kontexten sowohl in früh-islamischer Zeit wie auch in späteren Entwicklungen bis hin zur Gegenwart ablesen lassen.
1.  Grundsätzliches im historischen Kontext:          
Tilman Nagel (Göttingen) verweist auf die unterschiedlichen Glaubensausprägungen: Das Christentum ist mehr nach innen gerichtet, das Judentums bezieht stark auf das Gemeinwesen, der Islam zeigt sich nach außen gerichtet und theokratisch (S. 39–64). Angelika Neuwirth (Berlin) betont die Verortung des Koran in den erkenntnistheoretischen Debatten der Spätantike (S. 65–79). Wie aristotelische Denkstrukturen sowohl auf christlicher wie auch auf islamischer Seite die Debatte prägen, beschreibt (S. 141–163), John W. Watt (Cardiff). Spannend sind die islamischen Interpretationen bezüglich der Nazarener als arabisch sprechender Evangeliums-Leute, wie der Mitherausgeber Sidney H. Griffith (Washington, D.C.) betont (S. 1–106).
2.  Wirkungsgeschichtlich historisch:        
 
Disput, Polemik und Dialog prägen sowohl die Differenzierung zwischen den Jüngern Jesu und den späteren (korrumpierten) Evangelien (so Jaakko Hämeen-Antilla, Helsinki, S. 107–122), wie die koranische Eschatologie mit dem Verständnis des Jüngsten Tages (Georges Tamer, Erlangen, S. 123–140). Oft ist jedoch die Kenntnis des Christentums höchst oberflächlich, wie Theresia Hainthaler (Frankfurt/M.) an dem berühmten, aus Basra stammenden Schriftsteller al-Gahiz (776/7–868/9) vorführt (S. 243–256). Bei aller Polemik von christlichen Theologen gegen den Islam und von islamischen Theologen gegen das Christentum (besonders gegen die Christologie und die Trinität) bleibt festzuhalten, dass es anscheinend  dialogische und sogar trialogische Chancen gab. Man denke an die Bedeutung der Königin von Saba und des Königs Salomo (Gerrit Reinink, Groningen, S. 257–268). Ähnliches lässt sich auch gut an dem Ostchristen Al-Kindi mit seinen apologetisch argumentativen Versuchen sehen (Peter Bruns, Bamberg, S. 269–281). Die intensive Verteidigung, besonders der Inkarnation und der Kreuzigung Jesu als Heilsereignisse, verlief im Hoheitsgebiet muslimischer Herrscher notwendigerweise zum Teil verdeckt (Marl N. Swanson, Chicago, S. 283–297). Schließlich muss man davon ausgehen, dass in den islamischen Herrschaftsgebieten schon bald die Christen in eine problematische Minderheitensituation gerieten. So entwickelte der islamische Theologe Abd al-Jabbar im 9. Jh. eine heftige antichristliche Argumentationslinie (David Thomas, Birmingham, S. 313–322). Eine Sondersituation stellt das Christentum unter mongolischer Herrschaft im 13./14. Jh. (Wolfgang Hage, Marburg, S. 323–329).
3.  Regional- bzw. lokalgeschichtlich:        
 
Da die einzelnen Beitragenden für Martin Tamcke gewissermaßen eine “Kostprobe“ aus ihren Forschungen dem Jubilar dedizieren, gehört auch ein Blick in die Poesie dazu (Alessandro Mengozzi, Turin und Anton Pritula, St. Petersburg, S. 331–344.345–357). Immer wieder kreisen die Artikel jedoch um interreligiöse oder auch innerchristliche Auseinandersetzungen oder Arrangements. Beispielhaft stehen hier der armenischen Mönch Gregor von Datev (Hacik Rafi Gazer, Erlangen, S. 359–369), und der Pilgerbericht eines Mönches aus dem berühmten Kloster Tur Abdin nach Jerusalem im 15. Jh. (Hubert Kaufhold, München, S. 371–387). Die weiteren Darstellungen gehen vom 18. Jahrhundert bis in die Neuzeit. So wird u.a. über die friedvolle Missions“strategie“ der Herrnhuter im Osmanischen Reich berichtet (Christian Mauder, Göttingen, S. 401–422). Die Vernichtung wichtiger Bücher des Klosters Tur Abdin im Zusammenhang des Genozids an den syrischen Christen (1915ff) beschreibt bzw. dokumentiert (S.479–494) Shabo Talay (Berlin). Für die Forschung ist es wichtig, das 19. Jahrhundert stärker in den Blick zu nehmen. Eine Reihe berühmter Orientalisten und Arabienforscher wäre hier zu nennen, u.a. auch der Priester Alois Musik (1868-1944), über den Dietmar W. Winkler (Salzburg) schreibt (S. 495–512).
4.  Aktuelles:
Die letzten 6 Beiträge befassen sich mit verschiedenen Aspekten der christliche Orientgeschichte seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Assad Elias Kattan (Münster) stellt (S. 513–523) den wichtigsten arabischen Theologen der Gegenwart vor: Georges Khodr (geb. 1923), den griechisch-orthodoxen Erzbischof vom Berg Libanon. Er hat in der Spannung von Nähe und Distanz eine kritische Wahrnehmung des Westens entwickelt. Ägypten in der Vorstellung der Antike bis heute und ägyptische Realität im Blick auf die Kopten beschreiben Heike Behlmer (Göttingen) mit durchaus satirischen Bildbeispielen (S. 525–545) und Wolfram Reiss (Wien) mit kritischer Beleuchtung des neuen Kirchbaugesetzes für Ägypten von 2014 (S. 547–566). Auf die schwere Identitätskrise der palästinensischen Christen gehen Gabriel Rosenthal, Hendrik Hinrichsen und Johannes Becker (Göttingen) mit ihrer Untersuchung ein (S. 567–585). Die beunruhigende Entwicklung und Dezimierung der irakischen Christen beschreibt Herman G.B. Teule (Nijmegen/Louvain). Er skizziert die politischen Veränderungen im Zusammenhang mit dem Erstarken des sog. Islamischen Staates (S. 587–594). Harald Suemann (Bonn) blickt auf die christliche Geschichte des Irak seit dem Ende des Osmanischen Reiches zurück. Vor dem aktuellen politischen Hintergrund thematisiert er dann auf die Position des Patriarchen Louis Raphael I. Sako. Dieser fordert gerade für den gegenwärtigen Irak, dass die Christen eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielen müssen (S. 595–612).
Besonders beeindruckend ist der Beitrag des griechisch-orthodoxen Christen und syrischen Politikers George Sabra (geb. 1947), der gegenwärtig in Beirut (im Exil) lebt. Er benennt sehr präzise „Knackpunkte“ christlicher Sichtweisen (verschiedener Theologen) in Hinsicht auf den Islam und öffnet damit die Tür für einen ehrlichen Dialog mit der Nachbarreligion: Zwar wird im Koran Jesus als Botschafter und Prophet verehrt, aber es bleiben christliche Abwertungen: Teilweise bis heute gilt der Islam als christliche Häresie oder als legitime Form der jüdisch geprägten Christenheit (vgl. Einfluss der „Nazarener“ auf den Koran, s.o.S. 81ff den Beitrag von Sidney H. Griffiths). Aber der Islam konnte schon sehr früh auch als Teil der göttlichen Heilsgeschichte angesehen werden. Schließlich wird er als Ismaelismus bezeichnet, um Ismael als Präfiguration Christi zu verstehen. Am wenigsten Schwierigkeiten macht das Verständnis des Islam als abrahamische Religion, während die Bezeichnung des Islam als Gesetzesreligion auch negative Konnotationen mit sich bringt, während Georges Khodr (s.o.S. 513ff den Beitrag von Assad Elias Kattan) den Islam als eine Religion ansieht, die christliche Wahrheiten bestätigt. Damit ist auch der Weg geöffnet, den Islam als legitime religiöse Annäherung an Gott zu verstehen (so Mouchir Aoun, geb. 1966). Sie ist als Minderheitenposition verwandt mit den religionspluralistischen Theologien des Westens. Die Chancen zu einem respektvollen Dialog mit dem Islam zu kommen, hat allerdings derzeit nur geringe Chancen, weil zum einen die selbstkritische Reflexion der eigenen Glaubenstradition defizitär ist und weil zum anderen das Erstarken des (islamischen) Fundamentalismus auch vorsichtige Annäherungen zu zerstören droht.
Bilanz: Beim Rückblick auf die faszinierende und zugleich beunruhigende Geschichte der orientalischen Kirchen und Christen kann man den Herausgebern und Autoren nur dankbar sein, dass sie die Frage der „Ostkirchen“ zwischen Byzanz und Bagdad so deutlich an einzelnen Schlüsselpunkten markiert haben. Hier steht ein großartiges christliches Erbe zur Disposition, das letztlich nur auf friedlichem Wege auch im Nahen und Mittleren Osten wenigstens in einer wieder erstarkenden Minorität erhalten bleiben kann.

Reinhard Kirste 

Christsein in der islamischen Welt (Festschrift Martin Tamcke) 2015
                                                             Inhaltsverzeichnis
                                                                                                                                                                                                                                  Seite
·        Heleen Murre-van den Berg: The Unexpected Popularity
of the Study of Middle Eastern Christianity                                                                                                    1
·        Sebastian Brock: Perfidious Greeks, Blessed Greeks, Blessed Muslims,
and the Memory of Alexander in Dating Formulae of Syriac Manuscripts                                                13
·        Jürgen Tubach: Die Personennamen in den Akten
der edessenischen Märtyrer Šarbēl und Bar Sāmyā                                                                                   27
·        Tilman Nagel: Juden, Christen und Muslime: Religionsgeschichtliche Betrachtungen                             39
·        Angelika Neuwirth: Locating the Qurʾan in the Epistemic Space of Late Antiquity                                   65
·        Sidney H. Griffith: The Qurʾān’s ‘Nazarenes’ and Other Late Antique Christians:
Arabic-Speaking ‘Gospel People’ in Qurʾānic Perspective                                                                        81
·        Jaakko Hämeen-Anttila: Jesus and His Disciples in Islamic Texts                                                            107
·        Georges Tamer: Konstantes und Variables im Koran:
Semantisch-pragmatische Überlegungen zum koranischen Jüngsten Tag ..                                           123
·        John W. Watt: The Prolegomena to Aristotelian Philosophy of George, Bishop of the Arabs                 141
·        Lucas Van Rompay: A Remarkable Note on the Death of Caliph Hishām (743 CE)
in Ms. Deir al-Surian, Syr. 5.                                                                                                                           165
·        Martin Heimgartner: Contexts of Christian Education in Baghdad:
The Letters of the East Syrian Patriarch Timothy I                                                                                       173
·        David G.K. Taylor: The Disputation between a Muslim and a Monk of Bēt Ḥālē:
Syriac Text and Annotated English Translation                                                                                            187
·        Theresia Hainthaler: Ǧāḥiẓ und seine Schrift ›Widerlegung der Christen‹: Eine Annäherung                  243
·        Gerrit Reinink: A Syriac Legend of the Queen of Sheba from 9th-century Gondeshapur                        257
·        Peter Bruns: Briefwechsel mit einem Muslim: Al-Kindîs Apologie des Christentums (9. Jh.)                 269
·        Mark N. Swanson: Mani as a Stand-In for Muslims?
The Question of Address in Yaḥyā ibn Jarīr, “On the Necessity of the Crucifixion”                                  283
·        Dorothea Weltecke:  Bemerkungen zum Kapitel über die Schule
in Bar ʿEbroyos Huddoye (dem Nomokanon)                                                                                             299
·        David Thomas: The Minimalisation of Christianity under Early Islamic Rule                                             313
·        Wolfgang Hage: Die Mongolen im orientalischen Christentum:
Ein Beispiel für Sinn und Zweck einer den eigenen Horizont sprengenden Perspektive                       323
·        Alessandro Mengozzi: Quatrains on Love by Khamis bar Qardaḥe: Syriac Sufi Poetry                          331
·        Anton Pritula: Syroturcica: A Bilingual Poem from the Mongol Time                                                         345
·        Hacik Rafi Gazer: Das Liber interrogationum von Gregor von Datev
im Kontext von interkonfessionellen und interreligiösen Debatten: Eine erste Annäherung                   359
·        Hubert Kaufhold: Der Bericht des Sargīs von Ḥāḥ über seine Pilgerreise nach Jerusalem                    371
·        Baby Varghese: The So-Called Persian Crosses in South India: State of Research                              389
·        Christian Mauder: “You pursue Mahumet’s teachings and I the teachings of Christ,
so let us be silent on this and talk about something else”: Christian-Muslim Encounters
in 18th-century Egypt as Reflected in Moravian Writings                                                                        401
·        Erica C.D. Hunter: Two Codex Handbooks of Amulets:
Mingana ms syr 316 and Rylands ms syr 52                                                                                            423
·        Andrew Nicholas Palmer How the Village of Mʿarre, Christian in 1800,
Became Largely Muslim before 1911: Archives, Travellers’ Tales and Oral Traditions                        439
·        Shabo Talay: Das Schicksal der Bücher von Bsorino im Turabdin während des Sayfo,
des Genozids an den syrischen Christen .                                                                                                479
·        Dietmar W. Winkler: Der Priester, Orientalist und Arabienforscher Alois Musil (1868–1944)
und der Christliche Orient                                                                                                                            495
·        Assaad Elias Kattan: »Anziehung und Repulsion wie zwischen zwei Verliebten«:
Zur Wahrnehmung der westlichen Kultur bei Georges Khodr                                                                  513
·        Heike Behlmer: Antike und moderne Ägyptenimaginationen...                                                                 525
·        Wolfram Reiss: Der Entwurf für ein neues Kirchbaugesetz in Ägypten                                                   547
·        Gabriele Rosenthal / Hendrik Hinrichsen / Johannes Becker:
Zur interaktiven und kollektiven (Selbst-)Vergewisserung eines brüchig werdenden
Wir-Bildes: »Wir Christen in Palästina haben keine Konflikte mit den Muslimen!«                                  567
·        Herman G.B. Teule: Christians in Iraq: An Analysis of Some Recent Developments                              587
·        Harald Suermann: Christen im Irak: Die politischen Ansichten
des Patriarchen Louis Raphael I. Sako                                                                                                        595
·        George Sabra: Middle Eastern Christian Theologies of Islam and the Prospects of Dialogue               613




Rz-Tamcke-Festschr, 31.01.17 

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