Mittwoch, 11. Oktober 2023

Indonesien - Chancen und Gefährdungen religiöser Vielfalt (aktualisiert)

Franz Magnis-Suseno SJ: Christlicher Glaube und Islam in Indonesien.
Erfahrungen und Reflexionen zu Mission und Dialog
Hg.: Renate Hausner / Ulrich Winkler
Salzburger Theologische Studien 53 – interkulturell 15) Innsbruck-Wien: Tyrolia 2017, 252 Seiten, 26,- Euro.
--- ISBN 978-3-7022-3418-8 ---

Interreligiöse Biblliothek (IRB):
Buch des Monats Oktober 2017

Das Dialog-Verständnis des Jesuitenordens hat in den letzten Jahrzehnten sicherlich dazu beigetragen, dass interreligiöse Begegnungen an Wirksamkeit und Kompetenz gewonnen haben. Ein besonders schönes Beispiel ist der Philosophieprofessor
Franz Magnis-Suseno (geb. 1936 in Schlesien), der seit 1961 in Indonesien lebt. Seine Inkulturation in den südasiatischen Inselstaat Indonesien hat er durch seine Staatsangehörigkeit mit diesem überwiegend muslimisch geprägten Land auch nach außen dokumentiert. Als Mitglied der Indonesischen Akademie der Wissenschaften gehört er zu den herausragenden Intellektuellen des Landes. Er wurde 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und ist Ehrendoktor der Universität Luzern (2002).
Neben seiner Auseinandersetzung mit Karl Marx (Dissertation Freiburg 1975) befassen sich  auch seine Publikationen mit Kulturen und Religionen Indonesiens, z.B.: 
  • Javanische Weisheit und Ethik. Studien zu einer östlichen Moral. 
    Berlin: De Gruyter Oldenbourg 1981     
  • Neue Schwingen für Garuda. Indonesien zwischen Tradition und Moderne (Hg. Walter Kerber).
    München: Kindt 1989  
Franz Magnis Suseno SJ
Wenn ein solch intimer Kenner und Freund Indonesiens die Beziehungen  von Christentum und Islam beschreibt,darf man gespannt sein. Dies gilt umso mehr, als in den letzten Jahren auch in diesem weltoffenen Land ein fundamentalistischer, gewaltbereiter Islam an Bedeutung gewinnt.
Im vorliegenden Buch hat der Autor 16 Aufsätze aus den letzten 25 Jahren in drei Schwerpunkte gruppiert:
1.  Überwiegend Informationen zum vielfältigen Islam 
     und dem Christentum als Minderheit in Indonesien
2.  (Katholisches) Christentum in islamischen Kontexten
3.  Javanische und balinesische (ideologisch geprägte) Wirklichkeitserfahrungen
     als Basis für moralisches Handeln („Gutsein“) und Demokratie.
Natürlich gibt es hier eine Reihe von Überschneidungen, die aber die Lesbarkeit nicht beeinträchtigen, vielmehr immer wieder auf die „Brennpunkte“ der religiösen und politischen Entwicklung verweisen.
So stellt sich geradezu brennend die Frage, wohin der Islam Indonesiens wohl in Zukunft steuern wird. Der Sturz des Diktators Suhartos 1998 und sein Tod im Januar 2008 ermöglichten diesem Land mit über 260 Millionen überwiegend muslimischen Einwohnern eine verstärkte Demokratisierung (S. 216–219). Die Schattenseite dieser Entwicklung ist der sich verstärkt bemerkbar machende fundamentalistische Islam. „Dieser extreme Islam ist heute zu einer echten Bedrohung für Indonesien, sowohl für die Religionsfreiheit als auch für den mehr pluralistischen Islam im Land selbst geworden“ (S. 37). Wichtig ist darum festzuhalten, wie vielfältig der indonesische Islam (immer noch) ist. Das hat generell mit dem Harmonieverständnis und dem Toleranzdenken der Javaner zu tun (S. 108ff).
Insgesamt macht sich die Vertrautheit Magnis-Susenos mit den Mentalitäten, Denkvoraussetzungen und Wirklichkeitsverständnissen besonders auf Java und Bali angenehm bemerkbar.
Auf einige Gesichtspunkte besonders hingewiesen:
Im I. Kapitel wird die Vielfältigkeit indonesischen Islams deutlich: Der mehr als Kultur verstandene Santri-Islam und die reform-islamische Organisation der Muhammadiyya sowie die islamischen Intellektuellen haben die Dialogoffenheit des Islam wesentlich mitgeprägt (S. 23ff). Dagegen stehen traditionelle Gruppierungen und die (neuen) Fundamentalisten, die solche Tendenzen als mit der „reinen Lehre“ unvereinbar ansehen. Und die extremistischen Gruppen nutzen die stärkere Demokratisierung des Landes zur Propagierung ihrer Islamisierungsziele. Dennoch bleibt immer noch die Hoffnung, dass die moderaten Islamrichtungen dominierend bleiben (S. 41). Die weitere Entwicklung des Landes ist gerade deshalb  für die Christen als Minderheit von entscheidender Bedeutung. Es sei daran erinnert, dass bisher auch das Pancasila-Prinzip als Grundlage des Vielvölkerstaates nicht ernsthaft in Frage gestellt worden ist. Angesichts der Kolonialismuserfahrungen mit den Niederlanden, der postkolonialen Entwicklung generell und des brutalen. „Integralismus“ Suhartos bleiben die Spuren der Gewalt mit tausenden von Opfern eine Wunde in der Entwicklung des Landes. Bei allem wirkt sich jedoch die religiöse Balance dank der Staatsdoktrin Pancasila einigermaßen stabil aus. Denn sie schafft einen erstaunlichen Freiraum für alle:
1.     Es gilt das Prinzip der All-Einen Göttlichen Herrschaft  für alle religiösen Traditionen,
einschließlich Buddhismus und Humanismus.
2.     Der Humanismus  ist zugleich als Internationalismus zu verstehen.
3.     Die nationale Einheit bleibt vorrangig.
4.     Die Demokratie bildet die politisch-gesellschaftliche Basis des Landes 
5.     Soziale Gerechtigkeit gilt für alle ethnischen, rassischen und religiösen Gruppierungen.
In diesem Zusammenhang war lange Jahre ein vertrauensvolles Dialogverhältnis der Minderheitsgruppen gegenüber dem Mehrheitsislam die Selbstverständlichkeit. Trotz aller negativen Veränderungen der letzten Jahre bleibt Magnis-Suseno gedämpft optimistisch (S. 58). Ein „Krieg der Kulturen“ wird darum vermutlich in Indonesien vorläufig nicht ausbrechen, insbesondere wenn es gelingt, die Jihadisten doch noch in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einzubinden.
Das II. Kapitel beschäftigt sich unter verschiedenen Aspekten mit dem Christentum in einem islamischen Kontext. 
Das Verständnis von Mission und die Korrelation von Mission und interreligiösem Dialog gehörten und gehören auch auf christlicher Seite durchaus zu den heiklen Punkten. Auf eine religionspluralistische Position will sich der Autor allerdings auf der Basis von Nostra Aetate aus dem Vaticanum II nicht einlassen. Er grenzt sich darum von John Hick und Paul Knitter mehrfach vorsichtig ab (s.u.a. S. 108f).
Das unbestreitbare Dilemma von Mission und umgeht der Autor nun mit einer Definition von Mission als engagiertem Glaubenszeugnis ohne jegliche Gewalt und im tiefen Respekt sowie in Demut angesichts der Glaubensüberzeugung der Anderen (vgl. bes. S. 129–144 und 145–156). Dass der Katholizismus durchaus für die Javaner eine gewisse Attraktion hat, beschreibt der Verfasser unter dem Stichwort einer mystisch geprägten „javanischen Gottessehnsucht“ (S. 91ff). Bei allen Irritationen, die etwa auch die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. (2006) auslöste, haben doch die besonnenen muslimischen Theologen dem interreligiösen Dialog weiterhin die Priorität gegeben (S. 101–105). Angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen bedeutet das für das Christsein, verstärkt auf die Befreiungstheologie zu setzen (übrigens ähnlich wie Aloysius Pieris in Sri Lanka): Sie „ist zu einer neuen Kraft des Guten geworden, die Religionen hilft, sich aus den ritualistischen Verengungen zu befreien“ (S. 156)
.
In gewisser Weise werden die bisherigen Überlegungen im III. Kapitel an den philosophischen Grundlagen und doppelbödigen javanischen Wirklichkeitserfahrungen gespiegelt, die der Autor unter den Originalbegriffen Cipta, Rasa und Karsa beschreibt. Es handelt sich um Basis-Orientierungen für ein moralisch „richtiges“ Verhalten. Dieses zeigt sich in Indonesien weitgehend in einer Art von Harmonie, die sich schwertut,  schnell moralische Verurteilungen auszusprechen (S. 159). Der Mensch findet jedoch nur zu sich selbst, wenn er zu Gott zurückfindet (S. 162f). Dadurch entwickelt er (inneres) Wachstum und Reife (S. 167). Hält man nun Kants ethische Vorstellungen und besonders seine Ausführungen zu einer republikanischen Gesellschaft dagegen, dann zeigt sich in Indonesien ein anderes Machtverständnis. Der Herrscher ist der „Nagel der Welt“, an dem alles Weitere hängt (S. 169–171). Gemeinsam aber ist beiden Positionen der Weg zum absoluten „Gutsein“ (S. 192). Gewaltausschreitungen und das Attentat auf Bali (2002) haben dieses „Konzept“ allerdings auf schlimme Weise konterkariert.
Die Folgen der mehrfach im Buch angesprochenen Entwicklung nach dem Sturz Suhartos führten zur verstärkten Forderung nach der Einführung der „Scharia“ im Sinne einer gerechten von Gott gegebenen Ordnung. Wird ein Diskurs der „Moderaten“ mit den Fundamentalisten überhaupt möglich sein, wenn die Frage nach der Wahrheit einer Religion absolut gestellt wird? Wie überhaupt bekommt man die extreme Pluralität und die sich teilweise ausschließenden Gesellschaftskonzepte zusammen?
Magnis-Suseno weiß hier natürlich keine Antwort, signalisiert aber eine Tendenz, die unter dem Leitmotiv der Gerechtigkeit sowie Betonung der Menschenrechte (für alle !) Verständigungswege eröffnen kann. In der Zivilgesellschaft muss darum eine politische Ethik leitend sein, die Demokratie, Nichtdiskriminierung und Religionsfreiheit zu ihren Grundpfeilern macht. Das ist keine westliche Besonderheit, sondern gilt global.
Bilanz: Von großem Vorteil ist, dass durch die Vertrautheit Magnis-Susenos mit den Mentalitäten, Denkvoraussetzungen und Wirklichkeitsverständnissen besonders auf Java und Bali Innensichten dieses Inselstaates transparent werden. Hinzu kommt, dass die Analysen, die der Verfasser vornimmt, auch für anders strukturierte Gesellschaften wichtige Anregungen geben, denn in einer globalisierten Welt hängen religiöse und gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar zusammen. Die weitere Entwicklung in Indonesien ist darum mehr als ein südasiatisches Problem, sondern bedeutet eine generelle Herausforderung. Insofern ist es wichtig, sich mit diesem Land genauer zu befassen. Magnis-Suseno hat dazu wichtige Anstöße formuliert.
Vgl. auch den Beitrag von  Magnis-Suseno für das Jesuitenmagazin „Weltweit“ :
https://www.jesuitenmission.de/medien/magazin.html geschrieben hat (Download als PDF: hier).
Ergänzende Literaturauswahl als Hintergrundinformation 
Weiteres zu Indonesien in der Länderauswahl >>>
Baruf Hayat: Managing Religious Pluralilty.
Translator: Atik Susilo. Ed.: Zainuddin Daulay.
Jakarta: Center for Inter-Religions Harmony.
Ministry of Religious Affairs
Republic of Indonesia
2012,  244 pp.

Orality, Collective Memory, and Christian-Muslim Engagements in Indonesia. Reihe: Global Religion — Religion global, Band: 3. Paderborn: Schöningh (Brill) 2023, XXX, 201 S., Index

·  Missio Aachen (Hg.): Länderberichte – Religionsfreiheit Indonesien (2013, 26 S.)
https://www.missio-hilft.de/media/thema/religionsfreiheit/laenderberichte/18-indonesien~1.pdf
·      Alfian: Muhammadiyah. The Political Behavior of a Muslim Modernist Organization
Under Dutch Colonialism.
Yogyakarta: Gadjah Mada University Press 1989, 396 pp.
·      Yusuf Asry (ed.): Community Build Harmony. Conflict Resolution and
 Peace Building in Ethnoreligious Indonesia.
Jakarta: Ministry of Religious Affairs / Center for Research and Development of Religious Life
2013, XLIX, 211 pp.
·      Center for Inter-Religious Harmony /  Ministry of Religious Affairs (ed.) /
Author: Bahrul Hayat: Managing Religious Plurality.. Jakarta 2012, X,244 pp., indices
·      Edith Franke: Einheit in der Vielfalt..
Strukturen, Bedingungen und Alltag religiöser Pluralität in Indonesien.
Studies in Oriental Religions 62.Wiesbaden: Harrassowitz 2012, XIV, 256 S., Abb.
·      Clifford Geertz: Religiöse Entwicklungen im Islam.
 Beobachtet in Marokko und Indonesien.
Übersetzt von Brigitte Luchesi. Mit einem Essay von Bassam Tibi.
 stw 972. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1991, 206 S., Index 
·      Werner Kraus (Hg.): Islamische mystische Bruderschaften
im heutigen Indonesien 
 Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Nr. 183.
Hamburg 1990, 205 S., Index
·      Volker Küster: Zwischen Pancasila und Fundamentalismus:
Christliche Kunst in Indonesien
 Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2015 – ISBN 978-3374041787
·      Ministry of Religious Affairs, Republic of Indonesia (ed.):
Compilation of Rules and Regulations
 on Religious Harmony. English Edition.
Jakarta: Center for Research and Development of Religious Life
2011, XVIII, 314 pp., Appendix
·      Niels Mulder: Mysticism in Java. Ideology in Indonesia.
 Amsterdam/Singapore: Pepin Press 1998, 168 pp., indices, glossary
·      Tahi Bonar Simutpang: Gelebte Theologie in Indonesien.
Theologie der Ökumene 24. Göttingen: V & R 1992, 171 S.
·      Georg Stauth: Politics and Cultures of Islamization in Southeast Asia.
Indonesia and Malaysia in the Nineteen-nineties. Bielefeld: Transcript 2002, 300 S.
·      Ingrid Wessel / Georgia Wimhöfer (eds.): Violence in Indonesia.
Hamburg: Abera 2001, 343 pp., Glossary

Reinhard Kirste 

Rz-Mangnis-Suseno-Indonesien, 01.10.17 u.ö.

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