Freitag, 1. Juni 2018

Buch des Monats Juni 2018: Drei Pfeiler des (frühen) Islam: Allianz - Führung - Spende


Jacqueline Chabbi:
Les trois Piliers de l’Islam.
Lecture anthropologique du Coran 

Paris: Seuil 2016, 376 pp., glossaire

[Die drei Pfeiler des Islam.
Anthropologische Lektüre des Korans]



Bei den Glaubensgrundsätzen des Islam denken die meisten an die 5 Pfeiler: Glaubensbekenntnis, Pflichtgebet, Fasten im Ramadan, Sozialabgabe und Wallfahrt nach Mekka. Was sind nun die drei Pfeiler des Islam? 

Jacqueline Chabbi, Orientalistin und Arabisch-Spezialistin an der Universität Saint-Denis in Paris, wählt nicht den üblichen Zugang zum Verstehen des Islam. Sie geht vielmehr von den gesellschaftlichen Voraussetzungen aus, die den Koran geprägt haben.
Sie kann dabei auf eigene frühere Arbeiten zurückgreifen, z.B.:


Sie bezieht sich aber auch auf die Forschungsergebnisse, die im Rahmen des Projekts Corpus Coranicum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften entstanden:

Angelika Neuwirth, Nicolai Sinai et Michael Marx:The Qur'ān in context: historical and literary investigations into the Qur'ānic milieu. Leiden (NL): Brill 2009

In der Einleitung erinnert die Autorin deutlich daran, dass einer der Hauptfehler des Koran-Verstehens heute darin besteht, die historischen und religiösen Zusammenhänge von damals nicht zu berücksichtigen. Darum setzt die Autorin nicht bei den üblichen 5 Pfeilern des Glaubens an, sondern zeigt als Grundlage für diese drei Schlüsselbegriffe: Allianz, Führung und Spende. In der Oasenstadt Mekka sind sich alle der Risiken der Wüste unmittelbar bewusst. Das bedeutet, dass Menschen nur im Zusammenhalt überleben können: Dafür sind Koalitionen und Allianzen sowie kompetente Leitung nötig. Außerdem ist es wichtig, durch Spenden für die Anderen (denen es schlechter geht oder die man als Partner braucht) Unterstützung zu gewähren.

In den späteren Jahrhunderten spielen diese Basiswerte unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen eine wesentlich geringere Rolle bzw. waren den Koranlesern nicht mehr bekannt. Damit zeigt Jacqueline Chabbi zugleich an, dass der Koran letztlich nur in seinem jeweiligen historischen und sozialen Kontext sachgemäß zu verstehen ist. Die Entstehungsgeschichte der jeweiligen Suren in Mekka und Medina spielt dabei eine wesentliche Rolle. Diese ist jedoch teilweise nicht mehr rekonstruierbar und auch die Tradition, also die Hadithe, helfen nur bedingt weiter. Darum untersucht die Autorin Korantexte linguistisch und literarkritisch, um die anthropologischen Strukturmuster und sozialgeschichtlichen Wortbedeutungen einiger wesentlicher Glaubensbegriffe zu erhellen. Welche Konsequenzen hat das für alle späteren Lektüren und Kommentare des Koran?
1. Pfeiler: Die koranische Allianz – Bündnisse auf lokaler Basis
Der Koran ist unter besonderen gesellschaftlichen Verhältnissen auf der Arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert entstanden: Der Wortgebrauch der Clans ändert und erweitert sich in anderen Begriffszusammenhängen. Ausdrücke regionaler Bedingtheiten bekommen überregionale, ja schließlich universale Bedeutung. Darum ist es nötig, die einzelnen Suren und Koranverse zu untersuchen und den früheren, den verborgenen oder vergessenen Sinn aufzudecken.
Als besonders auffälliges Beispiel aus den literarkritischen Exegesen von Chabbi sei die Sure 84 „Al-Insiqaq – Das Spalten /Zerbrechen) herausgegriffen. Hier wird thematisiert, dass sich der Mensch ändert, sein Zustand schwankt. Das zeigt die Schwäche des Menschen. Gott dagegen ändert sich nie, das beweist, dass er der Schöpfer ist. Sünde und Unglaube führen von Gott weg in die Hölle, das Gegenstück zum Glück des Paradieses.
Der hier auftauchende Begriff Kitab wird normalerweise als Buch übersetzt, hat aber seine Tiefenbedeutung im Sinne einer endgültigen Existenz-Aussage. Da es in dieser Sure um die“ letzten Dinge geht“, um die Repräsentation des Paradieses, ist es entscheidend, den ursprünglichen nomadischen Zusammenhang der hier verwendeten Begriffe zu beachten. Jacqueline Chabbi legt darum entsprechende Übersetzungen vor, die verdeutlichen, auf welche Weise das originale Verständnis der Worte vom späteren Verständnis dieser Worte abweicht. Mit dem Blick voraus auf den 3. Pfeiler sei bereits angemerkt: Ist das Paradies in den mekkanischen Suren noch sehr lustvoll zwischen Eros und Familie angesiedelt, wird dieses in Medina zu einem wunderschönen Garten (S. 81–84.287–324).

In ähnlicher Weise werden auch Namen und Eigenschaften Gottes untersucht (man denke an die 99 schönen Namen Gottes). Dabei zeigt sich, dass al-Rahman, der Barmherzige, ein importiertes Wort ist. Aus den vorhandenen Götterverständnissen wird die Gestalt „Allah“ konstruiert. Dieser unterscheidet sich vom Allah des Noah ganz erheblich. Das spielt Chabbi an der Noah-Sure 71 durch. Überhaupt hat der „mekkanische“ Koran in seinem Verständnis des Göttlichen eine stärker anthropologische Ausrichtung.
2. Pfeiler: Führung und Anleitung als wesentliche Funktion und Aufgabe
Führung/Leitung hat  für einen Nomadenstamm in der Wüste eine andere Bedeutung als für sesshafte Städter. Darum müssen hier sabab (Verstand), scharia (Wegbestimmung zur Tränke), sunna (Tradition) und umma (Gemeinschaft) in ihrer vielfältigen Bedeutung untersucht werden. Ausgesprochen wichtig sind auch sabil (der Pfad) und jihad (Anstrengung). Die linguistische Untersuchung nötigt zur geschichtlichen Übertragung. Das bedeutet, dass der Islam des Mohammed die mekkanischen Suren durch die Offenbarungen in Medina teilweise korrigiert wird. Immer bleibt durchgehend wichtig, Gewalt einzudämmen und ggf. bisherige Gegner in die neue Gemeinschaft zu integrieren (Sure 9, bes. V. 29 – S. 202ff).
Zur Zeit der Hidschra, also der Auswanderung Mohameds von Mekka nach Medina im Jahr 622, dem Beginn des arabischen Kalenders, ist die Oasenstadt trotz des Kaaba-Heiligtums nicht sehr bedeutend. Mekka ist nicht das große Karawanenzentrum an der Weihrauchstraße, zumal die wichtigen Handelsrouten weiter nordwestlich verliefen.
Vgl. https://www.br.de/themen/wissen/weihrauch-myrrhe-weihrauchstrasse-seidenstrasse-100.html


Hinzu kommt, dass der Süden Arabiens von vielen voneinander abweichenden Dialekten geprägt ist. Dank der sprachlichen Kultureinflüsse aus dem griechischen und syrischen Norden, aus dem Jemen oder Äthiopien wird diese Zersplitterung durch ein formales oder poetisches Arabisch als Amtssprache abgefedert. Aber erst unter der Herrschaft des Umayyaden-Kalifats seit 661 wird die regionale Verengung durch die neue Religion, und zwar auch durch die Verschriftlichung des Korans, durchbrochen. Damit tritt die Konkurrenz zum christlichen Byzantinischen Reich offen zu Tage. Jerusalem kommt als wichtiges islamisches Heiligtum in den Blick. Tempelberg und Felsendom signalisieren aber auch geografisch eine gewisse Nähe zum Judentum außerhalb Arabiens. Hier zeigt sich ein Gegensatz zur Christologie und zur polytheistisch empfundenen Trinitätslehre des byzantinischen Christentums.

Chabbi verfolgt nun die schnelle islamische Entwicklung weiter. Bagdad wird islamische Kulturmetropole des Ostens mit wesentlichen Einflüssen aus Zentralasien. Der Islam ist damit bereits eine Weltreligion, die ihr zweites Zentrum mit Córdoba als geistigem Mittelpunkt des Westens findet. Aber diesen Fortentwicklungen stehen auch Rückschritte gegenüber. Bei einer solchen Zeitreise durch die Jahrhunderte zeigt schließlich der Wahabismus in Arabien des 18. Jahrhunderts geradezu eine Vision rückwärts – der Traum vom regionalen Anfang der vereinigten Clans (S. 180ff).
3. Pfeiler: Spende/Unterstützung – Funktion und Beitrag für gemeinsamen Zusammenhalt
Die Spende entwickelt sich aus der Allianz der Partner im gegenseitigen Zusammenhalt und zeigt den engen Zusammenhang der Loyalität zwischen Verbündeten. Das Vorbild ist der Tausch, von dem beide Partner profitieren. Die Großzügigkeit des Spenders bewirkt beim Empfänger Dankbarkeit und damit auch eine gewisse Abhängigkeit. Damit wird Bindung vertieft. Dieses Modell wird auf Gott und den Menschen übertragen. Damit erweitert sich die Stammesspende zu einer eschatologischen Gabe (S. 269f). Gott gibt dabei ein Doppeltes: Verheißung ewigen Heiles und das Geschenk der täglichen Nahrung. Die Gabe des täglichen Lebens manifestiert sich in der Schöpfung Gottes, die dem Menschen anvertraut ist und die sich darin zeigt, dass Mensch und Tier ihre täglichen Bedürfnisse befriedigen können – paradiesische Verheißungszustände werden nun dem irdischen Kontext enthoben. Die göttliche Gabe aber ist so groß, dass der Bund zwischen Gott und Mensch nur durch die völlige Bundestreue, d.h. in völlig hingebender Dankbarkeit des Menschen in Balance bleibt. Bei Undankbarkeit jedoch fordert Gott Lösegeld ein (S. 344ff).

Folgerungen: Wie der Koran eine neue (islamische) Gesellschaft auf den Weg brachte
Chabbi hat deutlich gemacht, dass die bekannten fünf Säulen als koranische Interpretation das Ergebnis einer fortschreitenden Formalisierung und Durchstrukturierung des Glaubens sind. Die ursprüngliche Basis bilden die drei Pfeiler: Allianz, Führung, Spende. Die anderen monotheistischen Religionen jener Zeit, besonders das Judentum, sind für die Neupositionierung eines Gottglaubens in Mekka und Medina darum nur bedingt hilfreich und aussagekräftig. So kann Chabbi zeigen, welche anthropologischen Strukturen in den ersten Islam-Gläubigen Arabiens durch die Vermittlung des Korans zum Tragen kamen. Darum schreibt sie schlussfolgernd: Man darf die verschiedenen Glaubensweisen nicht vermischen. In der Ursprungszeit geht es keineswegs um eine religiöse Überzeugung. Auf der arabischen Halbinsel des 7. Jahrhunderts handelte es sich bei Bündnis-Beziehungen um Menschen oder Götter (nicht um einen universalen Gott). Brachte das Bündnis keinen Nutzen, konnte es gebrochen werden. „Man glaubt nicht um des Glaubens willen“ (S. 350). Bei der Verbreitung des Islam über die arabischen Heimatregionen hinaus, also einer weiteren Hidschra, entwickelten die Eroberer nach und nach mit der koranischen Glaubensgrundlage eine neue Gesellschaft in Ländern, die ihnen vollkommen fremd waren. Diese Umbruchs- und Veränderungssituationen dauerten etwa zwei Jahrhunderte bis zur Stabilisierung. Erst dann war die neue Glaubensweise so gefestigt, dass sie mit den weiteren aus Zentralasien und dem Mittleren Osten eindringenden Völkern kompatibel werden konnte (z.B. bei Mongolen und Türken). Ohne Zweifel hatten die Führer der ersten muslimischen Territorien Schwierigkeiten, sich außerhalb Arabiens an die neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen (S. 350), handelte es sich doch um die alten Kulturen des Iran und der pluralen hellenistischen Welt. Genau genommen brachten die fremden Völker und nicht die Araber den Islam weiter voran. Zugespitzt gesagt: Eine Religion erfindet sich von Epoche zu Epoche immer wieder neu.
Dass eine solche Erkenntnis den rückwärts gewandten arabischen Fundamentalisten und Salafisten nicht ins Konzept passt, liegt zu offensichtlich auf der Hand!
Bilanz
Jacqueline Chabbi präsentiert eine beeindruckende historisch-kritische, sozial- und sprachgeschichtliche Darstellung zu den Grundmustern des Islam und seinen späteren – geradezu zwangsläufigen – Veränderungen. Sie hat wahrhaft aufregende Erkenntnisse im Kontext der arabischen Sprache, der vielfältigen Völkerkultur Arabiens, des Mittelmeerraums, des Mittleren Ostens und Zentralasiens im Horizont der Entstehung und Weiterentwicklung des Islams zur Sprache gebracht. Es wäre zu wünschen, wenn es für dieses Buch auch eine deutsche Übersetzung gäbe.

Reinhard Kirste

Rz-Chabbi-Piliers-Islam, 31.05.2018

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