Montag, 24. September 2018

Denis Diderot: Die Spannung von Vernunft und Religion


Denis Diderot (1713-1784):
Die Unterhaltung eines Philosophen
mit der Marschallin de Broglie
wider und für die Religion.

Aus dem Französischen übersetzt
und mit Addenda von Hans Magnus Enzensberger

Berlin: Friedenauer Presse 2018, 30 S.
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ISBN 978-3-932109-84-3 ---

Der französische Originaltext: hier
Er entstand vermutlich 1776 in den Niederlanden. 
Der kleine Verlag „Friedenauer Presse Berlin“ zeichnet sich dadurch aus, dass seit 1973 Essay-Hefte erscheinen, die wichtige Themen gesellschaftskritisch ansprechen. Es sind nicht selten Kabinettstücke intensiver Auseinandersetzung mit den Grundproblemen des Menschseins.
In dem vorliegenden Essay erleben wir ein Gespräch des atheistischen Philosophen Crudeli mit der ursprünglich nicht genannten Marschallin de Broglie. Hinter Crudeli lugt natürlich der Aufklärer Diderot hervor. Die Marschallin dagegen präsentiert sich als gläubige Katholikin. Ihr versucht Crudeli die Sinnlosigkeit der Religion nachzuweisen, indem er existentiell bohrende Fragen stellt: 

Wieso lohnt es sich, im Diesseits auf vieles zu verzichten, nur damit man unter Umständen eine Belohnung im Himmel erhält? Was würde sich eigentlich im irdischen Leben ändern, wenn man nicht an ein Jenseits glaubte, ja wenn man sogar ohne Glauben leben würde? Und gerade bei einer Weltschöpfung durch Gott kommen heftige Zweifel auf, sofern man diese Geschichte nur logisch weiterdenkt.

Dieser Streit über die Religion geschieht scheinbar ganz oberflächlich mit Scherzen und Anekdoten. Hinter der zur Schau getragenen Leichtfüßigkeit hat die Vernunft zwar nicht die vollständige Oberhand, aber der aufklärende Zweifel fängt an zu wirken …

Um eine Ahnung von der Art dieses Gesprächs zu bekommen, hier ein kleiner Auszug:
Crudeli: „Für Sie ist es ein verlockender Gedanke, sich ein Wesen vorzustellen, das zu Ihren Häuptern wohnt, Sie auf der Erde wandeln lässt und Ihre Schritte festigt. Erhalten Sie sich den hohen Beschützer Ihrer Vorstellungen, der Ihnen zuschaut und für Ihre Handlungen ein Vorbild abgibt.
Die Marschallin: „Sie haben, wie ich sehe, nicht den Ehrgeiz, mich zum Unglauben zu bekehren …
Crudeli: Ich möchte, dass jeder auf seine Weise denkt, vorausgesetzt, dass er mir die meine überlässt. Wer fähig ist, sich von seinen Vorurteilen zu befreien, der hat es nicht nötig, sich aufklären zu lassen.
Marschallin: Glauben Sie denn, dass der Mensch ohne Aberglauben leben kann.
Crudeli: Nein. Nicht, solange er unwissend und ängstlich ist …“
Hans Magnus Enzensberger merkt zu diesem anonym geschriebenen Essay an: Diderot hatte freundschaftliche Kontakte zum russischen Gesandten in Paris und Den Haag und fungierte auch als Mittelsmann der Bildankäufe für die Zarin Katharina II. So nutzte er die Möglichkeit, diesen Essay gewissermaßen in seinen Kunstkommentaren etwas zu verstecken: „Ohne seine italienische Maskerade hätte Diderot es kaum wagen können, seinen Dialog über die Religion zu veröffentlichen. Doch dem Versteckspiel war keine lange Dauer beschieden. Einem Journalisten namens Métra gelang es bald, das Geheimnis zu lüften“ (S. 25). Für Diderot hatte dies jedoch trotz der letzten Jahre des Ancien Régime keine persönlichen Konsequenzen.
Es lohnt sich, diesen originellen Text erneut zu lesen, denn dem Geist der Aufklärung muss angesichts zunehmender Akzeptanz rechtsextremen Gedankenguts unbedingt mehr Gehör verschafft werden.
English Summary
We follow here a conversation between the atheistic philosopher Crudeli and the originally not mentioned Madame Marshal de Broglie. Behind Crudeli we recognize Denis Diderot, the proponent of the Enlightenment. The Marshal, on the other hand, presents herself as a devout Catholic. Crudeli tried to prove her the futility of religion by asking existentially boring questions.
This dispute about religion seems to be superficial with jokes and anecdotes. Reason does not have the complete upper hand, but the enlightening doubt begins to be effective …
It is worth to read this smart text again, because the spirit of the Enlightenment must be given more voice in the face of an increasing acceptance of right-wing extremist ideas.

Weitere Schriften

·     Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern / Über die Frauen. Zwei Essays.
Aus dem Französischen übersetzt von Hans Magnus Enzensberger.
Berlin: Friedenauer Presse 1992, 32 S.

Diderot beklagt: "Warum habe ich ihn nicht behalten? Er passte mir so gut, dass ich mich ausnahm wie von Künstlerhand gemalt. Der neue, steif und förmlich, macht mich zur Schneiderpuppe? Ich sehe aus wie ein reicher Tagedieb, man sieht mir nicht mehr an, wer ich bin..."

·     Philosophische Schriften (Hg. Alexander Becker)
Frankfurt/M: suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2084,
2013, 281 S.
Infos und Leseprobe:
https://www.suhrkamp.de/buecher/philosophische_schriften-denis_diderot_29684.html

·     Die Nonne. Roman. Frankfurt/M.: Insel TB 1973 (9. Aufl.), 325 S.
Vollständiger Text in „Projekt Gutenberg“:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-nonne-663/1
·     Dies ist keine Erzählung. Aufklärerische Geschichten.
Berlin: Die Andere Bibliothek. Edition Holbach 2018, 240 S.

Details:
https://www.die-andere-bibliothek.de/Extradrucke/Dies-ist-keine-Erzaehlung::756.html
·     Rameaus Neffe. Ein Dialog. Frankfurt/M. Fischer TB, 2008, 160 S.
Mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Rameaus_Neffe
Reinhard Kirste 
 Rz.Diderot-Religion, 25.09.18 


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