Montag, 15. Juni 2020

Lili Boulanger - eine außergewöhnliche Komponistin


Alain Galliari:
Lili. Récit

Paris: Alain Galliari Éditeur 

2017, 163 pp.
--- ISBN 978-2956205715 ---

Alain Galliari ist Musikwissenschaftler und Schriftsteller. Er hat eine außergewöhnliche, Anton Webern gewidmete Monografie, sowie ein Werk über die Geheimnisse von Alban Bergs Konzert "In Memory of an Angel" veröffentlicht.
(Paris: Fayard 2007 und 2013).
Hier liegt eine Erzählung des Autors vor, die das kurze und bewegende Leben von Lili Boulanger  erzählt = eine der größten französischen Komponistinnen, die nur 24 Jahre alt wurde.

Lili Boulanger war die jüngere Schwester von
Nadia Boulanger (1887-1979). Beide waren begabte Musikerinnen. Nadia hatte große pädagogische Fähigkeiten. So kamen Komponisten, Pianisten und Dirigenten in ihre Kompositionsklassen sowohl am Pariser Konservatorium als auch am amerikanischen Konservatorium in Fontainebleau.

Lili dagegen war von Anfang an
durch Krankheit und Verzicht gezeichnet.

"Als Kind litt sie an einer Lungenkrankheit, die sich später in Tuberkulose verwandelte.
Dennoch nahm sie schon sehr früh an der überschäumenden Kreativität ihres musikalischen Elternhauses teil, das von ihrer Mutter Raïssa Mychetski (1854 oder 1858-1935), einer russischen Sängerin, auch weiter geführt wurde, nachdem ihr Mann Ernest Boulanger (1815-1900), Komponist und Professor am Pariser Konservatorium, gestorben war.
Lili bewunderte ihre sechsjährige ältere Schwester Nadia, die mehrere erste Preise am Konservatorium gewann, und begleitete sie als freiwillige Zuhörerin in der Klasse des Organisten, Komponisten und Musikpädagogen Charles-Marie Widor (1844-1937). 
Zu seinen Studenten zählten übrigens auch
Arthur HoneggerCharles TournemireDarius MilhaudMarcel DupréEdgar Varèse und
Albert Schweitzer.

Während Nadia vier Mal hintereinander mit ihren Kompositionen am Prix de Rome, dem berühmten Preis für Bildende Künstler, scheiterte, beschloss Lili, sich der Herausforderung zu stellen, obwohl ihre Schwester zweifelte.
Mit 19 Jahren gelang es Lili dennoch, den Wettbewerb mit ihrer Kantate Faust et Hélène zu gewinnen. Sie wurde damit als erste Frau von der Akademie anerkannt und konnte ihr musikalisches Engagement in der Villa Medici in Rom fortsetzen.
Mit dem Beginn des 1. Weltkriegs am 1. August 1914 musste Lili allerdings nach Frankreich zurückkehren. Inzwischen war ihre Krankheit weiter fortgeschritten; dennoch hörte sie nicht auf zu komponieren, nicht einmal im Krankenbett. So entstanden mehrere liturgisch inspirierte Werke, bis zu ihrem Tod insgesamt 15. Gleichzeitig arbeitete sie noch an ihrer Oper La Princesse Madeleine nach dem Theaterstück des belgischen Literaturnobelpreisträgers Maurice Maeterlinck (1862-1949). Das Manuskript wurde allerdings nie gefunden.

Es handelt sich bei dieser biografischen Erzählung um ein einfühlsames Buch, das einem zu früh aus dem Leben gerissenen Genie gewidmet ist: Lili Boulanger. Sie ist eine Seelenverwandte des älteren Claude Debussy (1862-1918). Denn beide wurden durch die Liebe zur Poesie und zu Maeterlinck zusammengeführt.

Freie deutsche Übertragung der Rezension von Michèle Tosí
in: Les Clefs  ResMusica, 
 27.01.2018)
Place Lili Boulanger, Paris, France.JPG
Ehemaliges Wohnhaus von
Nadia und Lili Boulanger in Paris (wikipedia)



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