Mittwoch, 1. April 2020

Perry Schmidt-Leukel: Der Buddha-Geist und der Christus-Geist - Begegungen

Perry Schmidt-Leukel:
Buddha Mind – Christ Mind.
A Christian Commentary on the Bodhicaryāvatāra. 

With a new translation
by Ernst Steinkellner
and Cynthia Peck-Kubaczek

Christian Commentaries on Non-Christian Sacred Texts (begr. 2006 von
Catherine Cornille,
Boston College), Vol. 9:          
Details:
 

https://www.peeters-leuven.be/detail.php?search_key=9789042938489&series_number_str=9

Leuven: Peeters 2019,
XXV, 586 pp., indices:
--- Strukturübersicht 

     des Bodhicaryāvatāra
      von Ernst Steinkellner, Bibliografie,
      Index der buddhistischen und
      christlichen Referenztexte
      sowie ein allgemeines Register


--- ISBN 978-90-429-3848-9 ---
InterReligiöse Bibliothek (IRB): Buch des Monats April 2020
Perry Schmidt-Leukel hat sich als interreligiös engagierter Theologe und Religionswissenschaftler, besonders durch seine Lehrtätigkeit im englischsprachigen Raum, schon lange einen Namen gemacht. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, die religionspluralistische Theologie weiter zu entwickeln und die inneren Ähnlichkeiten der Religionen bei allen Unterschieden in das Konzept einer interreligiösen Theologie systematisch einzubinden. 
Das neue Buch Buddha Mind–Christ Mind  Buddha-Geist–Christus-Geist“) wirkt nun   wie eine umfassende und tiefschürfende Konkretion dessen, was der Theologe bisher zur religionspluralistischen Theologie vorgelegt hat, und zwar im Sinne eines „trans-religiösen Kommentars“ (S. XV). Dieser buddhistisch-spirituelle Text, der Bodhicaryāvatāra (= Den Weg zum Erwachen einschlagen) ist – anders als viele buddhistische Texte – von persönlichen Reflexionen geprägt. Er gehört zu den bedeutenden indischen Konzeptionen des Mahayana und erfreut sich in der gesamten buddhistischen Welt großer Beliebtheit.
Die Tradition schreibt diesen Text Shantideva (7./8. Jh.) aus Nalanda zu. Er gehörte der Madhyamaka-Philosophie des Nagarjuna an (zwischen 150 und 250 n. Chr.), also der buddhistischen Lehre des mittleren Weges. Seine Meditationen und Reflexionen in dieser Schrift führen zum Wesenskern des  Bodhisattva-IdealsEs geht darum, den von Mitgefühl und Nächstenliebe geprägten Geist des Erwachens im irdischen Leben zu realisieren und für andere zu realisieren. Damit sind diese Worte zugleich eine Herausforderung an das eigene spirituelle Leben; sie wirken als Wegbegleiter bis in den Alltag hinein. Für den 14. Dalai Lama gehört der Bodhicaryāvatāra zu den Lieblingstexten. Von diesem Vademecum existieren viele östliche und westliche Übersetzungen, die sich letztlich alle auf die dort zur Sprache kommende intensive Religiosität einzulassen versuchen.
In seinem christlichen Kommentar zu diesem buddhistischen Text wehrt Schmidt-Leukel jegliche Vereinnahmungstendenz ab. Konsequenterweise gibt er daher der hermeneutischen Erschließung des ursprünglichen buddhistischen Kontextes viel Raum.  Und so ist dieser Kommentar zugleich von einer neuen englischen Übertragung des zugrundeliegenden Sanskrit-Textes begleitet, die von Ernst Steinkellner, emeritierter Professor der Universität Wien, einem der weltweit renommiertesten Experten für den indo-tibetischen Buddhismus, angefertigt wurde.
Die umfängliche Forschungsarbeit Schmidt-Leukels enthält 2 Hauptteile. Teil I befasst sich mit den exegetischen Zusammenhängen philologischer, textgeschichtlicher, redaktioneller und editorischer Art, also den klassischen Einleitungsfragen (S. XV). Dazu gehört, die Hintergründe der Shantideva-Legende auszuleuchten. Das gilt zum einen in Bezug auf die Person des Verfassers als großem Meister und mitfühlendem, spirituell-kraftvollem Bodhisattva. Zum anderen wird der Text hinsichtlich seiner Eigenart und Struktur, aber auch im Blick auf seine Wirkungsgeschichte nicht zuletzt im Kontext buddhistisch-christlichen Dialog untersucht. Nur auf Grund eines solch erweiterten hermeneutischen Vorverständnisses lässt sich eine trans-religiöse Interpretation überhaupt in die Wege leiten. Auf diese Weise legt der Autor die Basis, um in Teil II, den systematischen Weg durch den Bodhicaryāvatāra sowohl als buddhistischen Text zu verstehen und zu würdigen als auch einen Bezug zum christlich-buddhistischen Dialog herzustellen.
Die Fülle der Beziehungselemente, die der Autor zwischen Shantidevas Ausführungen und den christlichen Verbindungslinien ausleuchtet – überwiegend aus dem Neuen Testament – können hier nicht im Einzelnen, sondern nur in einer herausgehobenen Auswahl von Beispielen nachvollzogen werden. Perry Schmidt-Leukel bezieht übrigens in seinen Referenzen auch andere buddhistische Schriften mit ein, ebenfalls die Hebräische Bibel, den Talmud, hinduistische und islamische Texte.
Orientiert an den 10 Kapiteln des Originaltextes setzt der Verfasser mit den abschnittweisen Kommentierungen entsprechende Schwerpunkte:
1.  Der heilsame Weg für den Menschen zum Erwachen, zur Erleuchtung, beginnt mit einer lobenden Einstimmung in den Geist des Erwachens: In Praise of the Spirit of Awakening (Kap. 1: S. 111–137): Hier sind grundsätzliche Klärungen nötig, denn eine christliche Annäherung an Shantideva erscheint schwierig, weil es – verkürzt gesagt – (einen personalen) Gott im Buddhismus nicht gibt. Hilfestellung bietet Karl Rahners Gottesbild im Sinne eines universalen letzten Horizonts dessen, was ist und als transzendentaler Grund des Menschseins (S. 126), den es zu erreichen gilt. Schmidt-Leukel hatte dazu mit weiteren Vergleichstexten entsprechende Markierungen gesetzt: Shantideva interpretiert das dritte Juwel des Buddhismus, den Sangha (neben dem Buddha und dem Dharma) als die Bodhisattvas, die er als Söhne des Buddha bezeichnet. Der Autor stellt hier einen Bezug zu Paulus her, der in Römer 8, 14+29 alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen als „Söhne Gottes“ bezeichnet. Bei aller Unterschiedlichkeit lässt sich eine Geistesverwandtschaft erkennen  (S. 113).
2.  Um den Weg gehen zu können, ist es nötig, sich dem eigenen Fehlverhalten zu stellen und die Sünden zu bekennen: Confession of Sins (Kap. 2: S. 139–152). Die Sünden zeigen sich darin, dass sie sich als „Bosheit“ gegen die drei Juwelen wenden (S. 147). Darum gilt es, die Buddhas und Bodhisattvas um Vergebung zu bitten, also umzukehren und Zuflucht zum Buddha zu nehmen und damit auch positives Karma zu bewirken. Der Weg ins nächste Leben darf nämlich nicht aus Eigeninteresse geschehen. Das wäre ein Rückfall.
Es sei an dieser Stelle erlaubt, an die Begine Marguerite Porète (1250 oder 1260 – 1310) zu erinnern, die ebenfalls einen Weg zum Erwachen beschreibt: Sie geht in ähnlicher Weise vom Existenz-Zustand der Sünde aus und beschreibt dann die (inneren) Veränderungen auf dem Weg zu einem Leben der einwirkenden Gnade. Es sind Themen, die im buddhistischen Text bei der Vervollkommnung der Tiefenerkenntnis zur Sprache kommen und von einer letzten Wirklichkeit jenseits von Samsara eine innere Erkenntnis aufscheinen lassen, die die endgültige Befreiung und das Erwachen nur im Horizont des Verzichts auf die Selbstzentriertheit ermöglicht (Kap. 8-9). Vgl.: https://textmaterial.blogspot.com/2016/05/marguerite-porete-125060-1310.html 
3.  Um voranzukommen ist es wichtig, den Geist des Erwachens als den eigenen anzunehmen: Adopting the Spirit of Awakening (Kap. 3: S. 153–180). Das bedeutet, sich dem Güte-Geist annähern, indem man den Leidenden und an den Rand Gedrängten hilft. Es ist ein freudevolles innerliches Unterfangen, das nach außen wirkt. Das meditative Bodhisattva-Ritual ist gewissermaßen der Resonanzboden für den Geist des Buddha. Hier zeigt sich auch die spirituelle Brücke ins Christentum, nämlich den Geist des Christus aufzunehmen und entsprechend zu handeln. Güte im Sinne von Gutes-tun und die spirituelle Wirkung der Kontemplation gehören zusammen. Sie sind nicht nur in der Meinung von Shantideva, sondern generell das Herz jeder Religion (S. 162) und lassen für Christen als Nachfolger Jesu zugleich die „Freude im Herrn“ (Phil 4,4) anklingen. Immer wieder aber gilt es herauszuheben, dass die Nachfolger des Buddha in mahayanischer Perspektive ihr Erwachen nicht für sich suchen, sondern als Arbeit für die Erlösung der Anderen (S. 169). Hier kommt übrigens ein weiterer berühmter Mahayana-Text, das Lotus-Sutra, mit einer ähnlichen Zielsetzung ins Spiel (S. 179).
4.  Die Entschlossenheit zur Erleuchtung, bodhicitta, ist das Movens, den Weg weiter sorgsam und verantwortungsvoll voranzuschreiten und den spirituellen Feinden entgegenzutreten, den sogenannten Befleckungen (kleshas = Gier, Hass, Verblendung entgegenzutreten). Vigilant Care for the Spirit of Awakening (Kap. 4: S. 181–202). Im gesamten Bodhicaryāvatāra – und besonders hier – zeigt sich nach Schmidt-Leukel eine besonders starke Parallele hinsichtlich der Spannung von Erleuchtungsgeist und Befleckungen bei Shantideva und Christusgeist und Fleisch bei Paulus. Die Ausführungen von Shantideva im 4. Kapitel erinnern unmittelbar an Römer 7.
5.  Im Folgenden geht es darum, dass die Rücksichtnahme in allen Angelegenheiten, Begegnungen und Dingen bewahrt wird. Das betrifft den eigenen Geist, den Körper und das eigene kontinuierlich trainierte Verhalten:
Preserving Circumspection
(Kap. 5: S. 203–253). Um es mit der Jesus-Interpretation Albert Schweitzers zu sagen – es ist die zur Vervollkommnung führende Kultivierung der Liebe (S. 209) oder die Mystik der Kompassion, des Mit-Leidens. Wenn aber die bisherigen Buddhas all die transzendenten Tugenden (paramitas) schon erfüllt haben, warum gibt es dann noch Leiden? Diese Frage ist der Stachel angesichts der Versuche, dem Leiden einen Sinn zu geben. Das ist der christlichen Theodizeefrage ähnlich: Wie kann Gott das zulassen? (S. 215). Eine Welt voller Leid wird von Shantideva als Chance gesehen die spirituelle Reifung der menschlichen Wesen zu ermöglichen (S. 217f). Andere buddhistische Texte sehen dahinter sogar eine bewusste Absicht der Buddhas. Shantideva betont die Entwicklung und Pflege von Achtsamkeit und Wachsamkeit als Grundlagen spiritueller Disziplin im Kampf gegen die Befleckungen. Im Hinblick auf die christliche Rezeption buddhistischer Meditationsformen liefert Shantideva damit eine wichtige Perspektive (S. 225ff). Denn Ähnliches lässt sich bereits in der mittelalterlichen Kontemplation feststellen, wie sie teilweise intensiv in den Klöstern geübt wurde. Die Dinge des Lebens, Geist, Körper und Verhalten werden von einer inneren Einstellung gesteuert, die erstaunlicherweise Gewalt nicht ausschließt. Das hebt Schmidt-Leukel besonders in einem Vergleich von Shantideva und Augustin heraus. Bei beiden taucht nämlich die Gefahr einer Gewaltrechtfertigung und Instrumentalisierung im Horizont der liebenden Güte auf.
6.  Gerade wenn Gewalt nicht völlig ausgeschlossen werden kann, muss sie so minimiert werden, damit Vervollkommnung wahrhaftig durch Geduld und Nachsichtigkeit gegen jeglichen Hass als dem größten Übel erreicht werden kann: The Perfection of Patience (Kap. 6: S. 255–303). Der „Lohn“ ist dann eine Beglückung, die allerdings nicht ohne Leiden erreicht wird. Bezüge zu Römer 5,3-4; 9,15, 2. Kor 1,4-7 im Zusammenhang von Christi Leiden als Ausdruck der Liebe Gottes (compassion) nimmt Schmidt-Leukel hier auf und zeigt damit die Annäherung von Buddha Mind – Christ Mind.
Er bezieht sich dazu ausführlich auf den 
Bodhicaryāvatāra-Kommentar des Dalai Lama. Generell sind drei Prinzipien wesentlich, die als „Brückenpfeiler“ der gegenseitigen Annäherung verstanden werden können:
  1.  Die nicht-diskriminierende Güte gegenüber allen Wesen (mit Annäherungen an die Bergpredigt Jesu). Auf diesem „mittleren Weg“ (madhyamaka), der absolute Wahrheit bejaht, lässt sich (möglicherweise) Gott als absolute Wahrheit im Sinne des Unaussprechlichen verstehen.
  2.  Der weitere Weg führt zur Besänftigung des Hasses und aller Übel – so wie das auch Jesus angesichts seiner Kreuzigung sagte: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 24,34).
  3. Wo aber sind die Grenzen solcher Nachsicht und Toleranz anzusetzen? Der Autor betont, dass hier ein ernsthaftes Dilemma zwischen mitfühlender Ausdauer einerseits und Schuldverstrickung durch Kollaboration anderseits besteht, nämlich wenn man nicht gegen das Übel kämpft, das zugefügt wird (S. 284). Selbst wenn in einer solchen Grenzsituation Gewalt eine Option sein mag, ist es besser, von ihr wegen der unkalkulierbaren Konsequenzen Abstand zu nehmen (S. 286). Da sich die Buddhas und Bodhisattvas mit allen Wesen identifizieren, ist  die Liebe bis hin zur Feindesliebe nach Shantideva die wahre Verehrung des Buddhas, ähnlich der christlichen Vorstellung  der Nächstenliebe als wahre Verehrung Christi (vgl. auch Mt 25,31–46).
7.  Ein solcher Weg zum Erwachen erfordert die vollkommene Hingabe und die vollständige Selbstkontrolle, also die gesamte Kraft: The Perfection of Vigor (Kap. 7: S. 305–329). Sie erlaubt weder Nachlässigkeit noch Mutlosigkeit, sondern ist getragen von Zuversicht und Hoffnung und der Achtsamkeit im spirituellen Kampf gegen die Befleckungen (Gier, Hass und Verblendung).
Die Negativfolie von Vernachlässigung, ethischer Verunreinigung und mangelnder Abwehr sind die buddhistischen Höllenvorstellungen (S. 331–345), auf die Schmidt-Leukel in einem Exkurs eingeht und die er mit christlichen Vorstellungen der Hölle vergleicht, ein Aspekt, der im christlich-buddhistischen Dialog weitgehend vernachlässigt wurde  (S. 342 ff).
8.  Manche der zuvor angesprochenen Themen tauchen im umfassenden Kap. 8 bei der Vervollkommnung der Versenkung erneut auf: Perfection of Absorption (Kap. 8: S. 347–412): Zunächst geht es hier um die Freiheit der asketischen Einsamkeit die Shantideva kritisch der Verweltlichung mächtig gewordener Klöster entgegenstellt
 (S. 353-355). Der Autor fokussiert darum seinen Kommentar im Sinne von Shantideva auf die Stabilisierung des Geistes durch Rückzug von der Welt. Nur so tritt eine Beruhigung des Körpers ein. Es ist ein Verzicht, die Selbstaufgabe, ein Weg der Loslösung von den Illusionen alles Irdischen und Zeitlichen. Es ist die Befreiung von jeglicher Anhaftung. Der Verzicht selbst auf die körperliche Liebe bedeutet freilich nicht, dass die mitfühlende, mit-leidende Liebe ausgeschaltet würde. Im christlichen Kontext erscheint hier die Haltung „des Habens-als-hätte-man nicht“ (1 Kor 7,29–31) bzw. das „In-der-Welt, aber nicht von-der-Welt-Sein“ im Sinne des Johannesevangeliums (Joh 17,6–19) der entscheidende Vergleichspunkt zu sein (S. 358). Asketisch-monastische Lebensformen sind
 im Christentum keineswegs unumstritten, wie an Martin Luther sehen kann, der im Mönchtum nur das selbstbezogene Element heraushebt. Ein Gegenbeispiel ist der Trappist Thomas Merton, der sich zu strengem Schweigen verpflichtet hatte und doch im Horizont seiner spirituellen Einsamkeit im interreligiösen Dialog und in der Friedensarbeit aktiv und als Dichter kreativ blieb. Mertons Nähe zu den spirituellen Idealen Shantidevas ist nicht zu übersehen (S. 360f). Denn beide machen deutlich, wie die menschlichen Wünsche und körperlichen Begierden, eben auch die Sexualität, als bestimmende Lebenskraft durch den Weg nach Innen zur Ruhe kommen. Sie sind nämlich die Elemente des Ego-Bewusstseins, die ins Leiden führen. Sie sind zugunsten eines Konzepts aufzugeben, in dem man das Selbst allen anderen Wesen übergibt.
Hier entsteht eine Dialektik: „When one identifies with the other as one‘s self, selfish interest is transformed into … [a] new and wholesome form of >selfishness<” .Sie handelt vollständig im Interesse des Anderen, weil dieser als das eigene Selbst betrachtet wird” (S. 393). Man wird an Buber erinnert: Ich bin Du. Für das Bodhisattva-Ideal bedeutet dies: Solange irgendjemand leidet, wird der Bodhisattva dies als sein Leiden ansehen, ein Leiden das gemildert werden muss (S. 396). Wohin aber führt das Ganze? Zu einer mentalen Transformation in der Auseinandersetzung zwischen karmischen Befleckungen und Erwachen. Dabei helfen die bisherigen Buddhas und Bodhisattvas als Verkörperung der Entschlossenheit für den Erleuchtungsweg (bodhicitta).
9.  Im Weiteren geht es nun darum, die bereits gewonnen Erkenntnisse vervollkommnend zu vertiefen: The Perfection of Insight (Kap. 9: S. 413–492). In diesem wiederum sehr umfassenden Abschnitt erreicht der Erkenntnisweg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) heraus zum Erwachen gewissermaßen die Zielgerade. Allerdings wächst die vertiefende Einsicht in eine endgültige Realität nur graduell. Konzeptuelles Erfassen stellt sich als Illusion heraus und damit auch das Vorhandensein zweier Realitäten bzw. zweier Wahrheiten – einer vorläufigen und endgültigen. In diesem Kapitel entwickelt Shantideva die philosophische Position des Madhyamaka, die er anderen buddhistischen und nicht-buddhistischen Lehren (einschließlich hinduistischer Ideen eines Schöpfergottes) kritisch und oft polemisch gegenüberstellt.  Vollkommene Befreiung, so Shantideva, ist nur durch die Ein-Sicht in die universale Leere möglich
(S. 435). Es ist ein Weg der Realitätserkenntnis jenseits aller begrifflichen Abgrenzungen und Gegensätze. Im Horizont der absoluten Wahrheit/Wirklichkeit gesehen, sind bereits alle Wesen erlöst. Leid ist im Letzten das Nicht-Erkennen dieser Wahrheit.
In Bezug auf das Christentum geht Schmidt-Leukel auf mehrere christliche Vorstellungen von absoluter Wirklichkeit und deren Bedeutung für das Verständnis konventioneller Wirklichkeit ein. Traditionelle Theologie, aber auch moderne Ansätze wie etwa der von John Hick, haben ebenfalls betont, dass es eine letzte und absolute Wirklichkeit gibt, nämlich „Gott“, und dass diese eigentliche Wirklichkeit jedes begriffliche Denken übersteigt („negative Theologie“,
S. 439–444).  Den Exklusivismus bei Shantideva, wonach allein die Philosophie des Madhyamaka zur letzten Befreiung führt, sieht Schmidt-Leukel dabei durchaus problematisch.  in Hinsicht auf Befreiung und Leere sieht der Autor durchaus problematisch. Das wichtige Kapitel 9 schließt er darum mit der Aufforderung, die festgefahrenen Glaubensgleise zu verlassen. Auf die Wahrheit der anderen zu achten ist, weitaus kompatibler mit dem Bodhisattva-Geist, als den anderen Unwissenheit und  Blindheit vorzuwerfen (S. 492).
10.  Bleibt noch festzuhalten, wie die „Transfer-Leistung“ des Bodhisattva-Ideals, d.h. die Übertragung des im Leben erworbenen Gesamtverdienstes auf alle anderen hin „realisiert“ werden soll (Kap. 10: S. 493–515). Sie geschieht durch die Entwicklung liebender Zuwendung und der Hingabe des karmischen Verdienstes, das der Weg zum Erwachen gebracht hat. So sollen auch alle in der Hölle leidenden Wesen befreit werden; und der Bodhisattva steigt selbst in die Hölle hinab, um von dort alle Gefangenen herauszuführen. Eine Verbindung von bodhicitta, dem Geist des Erwachens, und dem Glauben, der auf die endgültige Erlösung (final well-being, S. 511) aller vertraut, liegt deshalb nahe, weil am Ende auch im christlichen Verständnis der Tod nicht mehr sein wird (vgl. Röm 8,2-6). Für diese Endgültigkeit steht der Bodhisattva für alle Wesen ein und erinnert mit seiner Haltung an Christus, dessen Kreuzigung als universale Heilsansage zu verstehen ist. So klingen zusammen: Die Gesinnung des Christus-Geistes bei seinen Nachfolgern und der
Buddha-Geist, die Weisheit der
Bodhicitta-Gesinnung, alle Wesen zu befreien und zum Erwachen zu führen (S. 515).
Zusammenfassung: 
Auf dem Weg zur Befreiung – durch den  Buddha Geist und durch den Christus-Geist
Der Theologe und Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel (Universität Münster) hat einen umfassenden „trans-religiösen“ Kommentar zum buddhistischen Bodhicaryāvatāra geschrieben, der von den eigenen christlichen Glaubensvorstellungen ausgeht und über sie hinausweist. Er untersucht, wie Shantideva bzw. der unbekannte Verfasser dieses buddhistischen Textes, den Weg des entschlossenen Beschreitens zum Erwachen erläutert. Er entdeckt dabei innere verwandtschaftliche Strukturen zwischen dem "Geist des Buddha" und dem "Geist des Christus". Stärker als manche/r vermutet, ähnelt nämlich der Weg zum Erwachen dem Heilsweg des christlichen Glaubens. Beide spirituelle Richtungen betonen, dass es letztlich nicht auf die eigenen Verdienste ankommt, sondern es geht darum, zur wahren Realität, dem Erwachen hindurch zu dringen. Dies ist jedoch kein Weg der Selbstverwirklichung oder Selbsterlösung, sondern die karmischen Verdienste der Buddhas und Bodhisattvas sollen allen leidenden Wesen zugutekommen. So wird beeindruckend deutlich, dass bei allen Unterschieden zwischen christlichem Glauben und Mahayana-Buddhismus interreligiöse Brückenschläge möglich sind.
Die Durcharbeitung des Buches ist keine leichte Lektüre, allerdings ist die dialogische, religiöse Grenzen überschreitende („trans-religiöse“) Zielrichtung des Autors ausgesprochen ermutigend: Durch den Christus-Geist und den Buddha-Geist werden Annäherungen an eine letzte Wirklichkeit sichtbar, die alle Menschen umfasst. Christlich darf man vielleicht sagen: „Es ist noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes“ (Hebräer 4,9).
Dieses ausführliche Werk von Perry Schmidt-Leukel ist tatsächlich ein Meilenstein im christlich-buddhistischen Dialog. Man kann eigentlich nur wünschen, dass der Autor angesichts dieser wichtigen dialogischen Erkenntnisse eine populärwissenschaftliche deutschsprachige Hinführung zum Bodhicaryāvatāra aus diesem Kommentar ableiten würde. Der Gewinn aus dieser christlich-buddhistischen Begegnung sollte einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Reinhard Kirste  

Rz-Perry-Buddha Mind, 01.04.2020 --- Lizenz: CC

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