Samstag, 31. Dezember 2011

Buch des Monats Januar 2012: Umgang mit Krankheit und Lebenskrisen


Annelie Keil: Auf brüchigem Boden Land gewinnen:
Biografische Antworten auf Krankheiten und Krisen.

München: Kösel 2011, 253 S. ---
ISBN 978-3-466-30907-8
Annelie Keil, auch durch Fernsehauftritte bekannt gewordene Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin, war bis 2004 Professorin und Dekanin an der Universität Bremen. Sie hat in ihren Vorträgen und Veröffentlichungen immer wieder auf die psychosomatischen Zusammenhänge von Krankheiten und Lebenskrisen hingewiesen. Ihr nun vorgelegtes Buch lässt sich auch als biografisch geprägte Reise durch die Höhen und Tiefen der eigenen Lebenslandschaft sehen. Was sie jedoch in diesen Rahmen bedenkt, ermöglicht den Lesenden durchaus, orientierende Überlegungen und Entschlüsse für das eigene Leben anzugehen. Denn hier spricht die lebenserfahrene Professorin nicht abgehoben psychologisch, sondern arbeitet Lebensgeschichten auf. Die angesprochenen Beispiele lassen gewissermaßen Transfers zu, weil sich vom Einzelbeispiel her Erfahrungen übertragen lassen und trotz aller Brüchigkeit des Lebens, Risiken eingegangen werden können (S. 17). 
Die Chance und die Schwierigkeit bestehen darin, dass Leben ein ständiger Prozess der Wandlung mit Höhen und Tiefen ist. Wenn wir keine Navigationsinstrumente haben, verlieren wir uns in der Fremde hoffnungslos und unser Leben gleitet ins Chaos ab. In der Spannung von Lust, Angst, Hoffnung, Verzweiflung, Gelingen und Scheitern melden sich Seele und Körper gleichermaßen. So fließen in das erzählende Reflektieren Beispiele aus der eigenen Lebenspraxis, der Krankenforschung und der intensiven Begegnung mit Betroffenen ein.

In drei Schritten koordiniert Annelie Keil ihre Erfahrungen und grundsätzlichen Einsichten, zuerst im Blick auf die Hürdenläufe und Zickzacklinien des Lebens, dann im Blick auf die Krankheit als biografischem Aufruhr und schließlich im Blick auf die notwendige biografische Arbeit an sich selbst. In der Spannung zwischen Geburt und Tod fordert der Umgang mit den einzelnen Lebensphasen und dem Älterwerden eine zentrale Beachtung des eigenen Selbst ein: „Leben macht als solches nicht weiser, aber die Weisheit des Lebens fordert Kinder und alte Menschen heraus, sich den Ereignissen, Erfahrungen und dem eigenen Erlebnis des Lebens zu stellen, damit es am Ende das eigene Leben genannt werden kann …“ (S. 42). Große und kleine Herausforderungen nötigen einerseits zur Lebendigkeit, machen gar jung, lassen die Hoffnung nicht sterben. Diese haben andererseits auch die Gefahr von Traumata und des Unbeweglich-Werdens in sich. Zwischen Beharrung und Chaos sind Halt gebende Faktoren nötig wie die Familie, die Schulerfahrungen, der Ort an dem man lebt. „Bei allen Unterschieden wie Ähnlichkeiten in den menschlichen Herausforderungen und >Schicksalsschlägen< bleibt unvorhersagbar und offen, welche konkreten biografischen Antworten, fantasiereiche Ausdrucksformen, Krisenlösungen und Bewältigungsmuster die einzelnen Menschen während ihre Lebens immer wieder finden, um ihr persönliches Leben in den Griff zu bekommen …“ (S. 30)
So erinnert die Autorin an die Biografie „als Umsetzungsgeschichte der Datenbank, in der das Leben subjektiv gestaltet und mit Bedeutung versehen wird“ (S. 63), denn das „biografische Bewusstsein [arbeitet] ständig in den Spielräumen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und entscheidet darüber, was im Nachdenken bewusst werden darf“ (S. 63). Dazu ist eine „Ökonomie des Lebens“ nötig mit „Zukunftswerkstätten, in denen es um einen kreativen, achtsamen wie kritischen Umgang mit menschlichen wie gesellschaftlichen Entwicklungen geht“ (S. 80.81). Für solche Entwicklungsstrategien macht sich die Autorin stark. Sie sind besonders dringend angesichts von Abbrüchen und Abschieden. Die Krankheit ist darum einer der heftigsten Zeichengeber, weil sie die Brüchigkeit schonungslos offenbart: „Der ganze Körper ist leibhaftige Bühne, auf der erscheint, was dem Leben im Fall der Krankheit geschieht. Er muss zum Ausdruck bringen, was gerade gespielt wird, wer ausfällt oder kompensieren muss, wer die Musik bestellt hat und wer wann bezahlt“ (S. 150).
Was ist nun für die notwendige biografische Arbeit angesichts der Gratwanderung des Lebens zu bedenken? Wie schätze ich menschliche Begegnungen von Geburt an ein? Wo stand ich im Lebenszusammenhang am Rand, wo in der Mitte? Wie sieht es mit den eigenen Gefühlslandschaften und Eigenschaften zwischen Wohlgefühl und Ablehnung aus? Wie sind die persönlichen Bezugssysteme einzuschätzen im Blick auf die Eltern, die Familie, die kulturellen und religiösen Prägungen? Um Negativlisten kommt niemand herum. Die Antwort auf einzelne Fragen wird schwanken zwischen Müssen, Sollen, Wollen, Können und Dürfen. „Zwischen Erleiden und Entscheiden bestimmen wir also einen Teil unseres Lebens selbst“ (S. 229). Der steinige Weg bis hin zum „Dürfen“ leugnet nicht die Schatten, aber gegen alle Widerstände wie Krankheit und Verlust leben zu wollen und zu dürfen, ist letztlich eine „grenzenlose Aufforderung“ (S. 236).
Annelie Keil hat kein systematisches Buch geschrieben, aber ein biografisch bewusstes, ein die Lebensstränge und Brüche überprüfendes und sortierendes. Sie tut dies in leicht lesbarer und oft origineller Sprache. Die dazu gehörenden Beispiele sind keineswegs beliebig gewählt, sondern haben anregenden Charakter. Sie motivieren, eigene Lebenssituationen reflektierend Revue passieren zu lassen und für die Zukunft die Weichen bewusst zu stellen. Mehrfach lädt sie im Buch ein, die persönliche Lebensgeschichte, nicht nur zu erzählen, sondern auch aufzuschreiben, die individuelle, scheinbar kleine Geschichte in den Gesamtzusammenhang der Menschheitsgeschichte einzubringen. Dies eröffnet zugleich die Möglichkeit, die Dunkelseiten der eigenen Biografie nicht abzuspalten, sondern zu integrieren und Freiheit auf das Kommende hin zu gewinnen. So lässt sich das eigene oft schwankende Lebensgefühl bewusst und aufmerksam in das gesellschaftliche Ganze einbringen und „Land gewinnen“. Von daher ist es ein wichtiges Buch für Lebensorientierung.
Reinhard Kirste

Rz-Keil, 31.12.11

              

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen