Sonntag, 17. Juni 2012

Europa im Orient - Der Orient in Europa

Der letzte Band der von der Interreligiösen Arbeitsstelle (INTR°A)  herausgegebenen Reihe Religionen im Gespräch (RIG) hat angesichts der wensentlichen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Veränderungen im mittelöstlichen Raum und in der arabischen Welt nichts von seiner Aktualität verloren. Gefährliche Konfliktsituationen und beeindruckende Aufbrüche durch die Begegnung der verschiedenen Religionen und Kulturen liegen hier dicht beieinander. Die vorliegenden Besprechungen nehmen darauf mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung Bezug.

Reinhard Kirste, Paul Schwarzenau,  Udo Tworuschka (Hg.):  
Europa im Orient - der Orient in Europa.

Religionen im Gespräch Bd 9 (RIG 9).
Balve: Zimmermann 2006, 528 S. --- ISBN 3-89053-106-7
Inhaltsverzeichnis: hier 

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 1.  Thematische Übersicht und Orientierungsbeispiel:
Globalista-Tour - zu europäischen muslimischen Identitäten
Pia Stumpf und Jan-Wilhelm Bauckloh genannt Lohmann
im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund, SoSe 2012
Der Herausgeber, Reinhard Kirste (geb. 1942) ist nicht nur evangelischer Theologe und Lehrbeauftragter der Technischen Universität Dortmund, sondern auch Koordinator der Interreligiösen Arbeitsstelle (INTR°A) e.V. in Westfalen. Zusammen stellte er mit. Udo Tworuschka (geb. 1949), bis 2011 Professor für Religionswissenschaften an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, und Paul Schwarzenau (1923 – 2006), Professor der Technischen Universität Dortmund für Evangelische Theologie und ihre Didaktik, den Schriftenband „Europa im Orient – Der Orient in Europa“ zusammen.


Dieser Schriftenband, aus der Reihe „Religionen im Gespräch“, ist in vier Teilbereiche unterteilt. Der erste Hauptblock umfasst 21 Beiträge zum thematischen Scherpunkt „Orient und Orientalismus vom Mittelmeer bis nach Fernost“, die im jeweiligen Anschluss von einer Kurzzusammenfassung auf Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch begleitet werden. Aus diesem Block wird unten ein Essay von Fatma Sagir genauer beleuchtet. Der zweite Hauptblock umfasst 12 spezielle Dokumente oder Berichte. Im dritten Teil werden sechs grundsätzliche Beiträge zum interreligiösen Dialog angeführt.  Im vierten Teil werden 27 Rezensionen vorgestellt.
Im Anschluss finden sich weitere Informationen zu aktuellen Ereignissen aus den Jahren 2004 bis 2006, Informationen zum INTR°A-Projektpreis für Komplementarität der Religionen und Informationen über die Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge.
Orientierungsbeispiel:
Zu dem thematischen Schwerpunkt verfasste Fatma Sagir, Nachfahre muslimischer Migranten in Europa und seit 2005 Lektorin der türkischen Sprache an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, ein Essay mit dem Titel „Globalista Tour … zu europäischen-muslimischen Identitäten“.
In diesem Essay verbindet sie eine Reise als Erwachsene von Deutschland in die Türkei mit den Erlebnissen aus ihrer Kindheit auf exakt eben dieser Reise. In diese Reise, mit ihren vielseitigen Eindrücken, sind Informationen und Gedanken zum Thema Migration, europäisch-muslimischer Identität und allgemeine Überlegungen zum Thema Reisen verflochten. Dabei liegt der Hauptfokus auf der Identitätssuche und Identitätsfindung. Zuletzt wird Istanbul als „Schmelztiegel der Kulturen“ beschrieben und einen Blick auf die muslimische Jugend geworfen.
Stilistisch setzt Fatma Sagir in ihrer Reise dem „Aufbrechen“ ein „Ankommen“ gegenüber. Das Element des „Aufbrechens“ bezieht sich hierbei auf die Thematik von Migration und Reisen, während das „Ankommen“ die Diversität der Gesellschaft als Chance darstellt. Unter den Teilüberschriften „Crossing the bridge …“ und „Globalista Beats“ beschreibt sie die Landeseigenschaften und Landesphänomene mit der neuen jungen Generation der muslimischen Jugend.
Bbliografische Daten:


2.   Begegnung mit der islamischen Welt
                                               
Besprechung von Pfarrer Dr. Wolfgang Pfüller, Eisenach
Die 1990 begonnene, zweijährig erscheinende Reihe „Religionen im Gespräch" (RIG) war ein Markenzeichen der im Jahre 1989 gegründeten „Interreligiösen Arbeitsstelle e.V in Westfalen" (INTR°A). Mit Band 9 endet die Reihe. Keineswegs freilich enden damit die Aktivitäten der um den interreligiösen Dialog sehr verdienten „Interreligiösen Arbeitsstelle", wofür vor allem deren rühriger Koordinator Reinhard Kirste sorgt (vgl. nur unter www.interrel.de).
Der Band ist in vier Teile gegliedert. Auf die „thematischen Schwerpunkte" (hier: „Orient und Orientalismus vom Mittelmeer bis nach Fernost"), die den Großteil des Bandes ausmachen, folgen „Dokumente und Berichte", „Grundsätzliches zum interreligiösen Dialog" sowie „Rezensionen".
Ein Schwerpunkt ist die Begegnung und der Dialog mit der islamischen Welt. Darauf möchte ich mich konzentrieren. Er spielt zum Beispiel eine erhebliche Rolle bei dem von Kirste vorgestellten wichti­gen interreligiösen Projekt in Iserlohn/ Westfalen, das sich „West-östlicher Diwan" nennt und seit 1991 besteht. „Im Grunde hat mit diesem Diwan eine geistige Wanderung, eine interreligiöse Pilgerreise begonnen, von der zu hoffen steht, dass sie dem Zusammenleben von Menschen verschiedener Glaubensweisen und damit auch der deutschen Gesellschaft in unserer Region zugute kommt" (S. 343). Wichtig für den Dialog mit der islamischen Welt ist auch Kirstes Hinweis auf zwei Internet-Publikationen: www.qantara.de, ein Medium, „das in seiner Informationsbreite im Blick auf die arabische Welt, den Mittleren Osten mit der Türkei und dem gesamten Mahgreb für den deutschsprachigen Raum absolut einmalig sein dürfte" (S. 374), und www.babalmed.net, eine 2001 eingerichtete Webseite, „sozusagen die Mittelmeer-Kulturseite der Europäischen Union in Englisch und Französisch mit elektronischen Artikeln in verschiedenen anderen Sprachen" und als solche „gewissermaßen das Tor Europas zur Welt des Orients" (S. 375).
Bemerkenswert scheint mir auch der Beitrag des indischen Muslims Ashgar Ali Engineer zu sein, in dem er den Islam, besonders den Koran, für vereinbar mit der modernen Welt und ihren Forderungen nach Demokratie und Toleranz hält. Der Koran ermutige zu demokratischen Verhaltensweisen und Institutionen, und wenn man ihn sorgfältig studiere, werde man ihn erfrischend modern, liberal und human finden (S. 105). Hintergründe und historische Ursachen (Kolonialismus, Neokolonialismus) der tief greifenden Spannungen zwischen Europa und der islamisch-arabischen Welt heute verdeutlicht der Beitrag des aus Ägypten gebürtigen, in Deutschland lehrenden Soziologieprofessors Fuad Kandil (S. 114-138). Udo Tworuschka befasst sich mit dem „Islam als Bestandteil deutscher Religionstradierung" (S. 152-G8). Beobachtungen zu Sprache, Massenmedien, Schulbüchern, Populärkultur, Theologie und Künstlern als „sekundäre Religionstradierungen" (Tradierungen nach außen) werden ergänzt durch Hinweise auf die „primäre Religionstradierung" (Tradierung nach innen). Dabei geht es unter anderem um die noch wenig er­forschte Frage, „wie der Islam seinen nach­kommenden Generationen die eigene Religion vermittelt" (S. 160).
Kirste bespricht ein interessantes Buch von Felix Körner zu Revisionen der Koranauslegung in der türkischen Theologie. Hier sind aller Voraussicht nach spannende Entwicklungen in der islamischen Theologie zu erwarten, die Kirste wie folgt andeutet: „Es wird vermutlich keine vergleichbare Übernahme der Geschichte der historisch-kritischen Forschung für den Koran geben, wie dies für die Bibel Jo­hann Salomo Semler initiierte, aber es steht außer Frage, dass die islamische Koranexe­gese in den nächsten Jahrzehnten so vor­anschreiten wird, dass die Auseinandersetzung zwischen kritischer Bibelinterpretation und absolut geoffenbartem Koranwort auf eine Ebene kommen wird, die der Vernunft Rechnung trägt, ohne Offen­barungsaussagen objektivierbar zu machen" (S. 487).
Erschienen in: Freies Christentum. 61. Jg., Nr. 03 (Mai / Juni 2009), S. 79–81
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3.  Orientalismus, Islam und Religionstradierung
                             Besprechung von
Bettina Saeftel, Technische Universität Dortmund
                             im Rahmen eines Seminars im Wintersemester 2006/2007

Allgemeines über RIG 9 und das Verständnis des Orients

Im vorliegenden Buch wird eine breite Übersicht über den thematischen Schwerpunkt „Europa im Orient –Der Orient in Europa gegeben“. Der Band ist in vier verschiedene thematische Schwerpunkte unterteilt:
1.      Orient und Orientalismus vom Mittelmeer bis nach Fernost
2.      Dokumente und Berichte
3.      Grundsätzliches zum interreligiösen Dialog
4.      Rezensionen
Zu jedem Text in dem hier vorliegenden Buch gibt es inhaltliche, mehrsprachige Zusammenfassungen. In den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch sind die Texte verfasst bzw. übersetzt worden. Der interreligiöse und somit internationale Gedanke wird durch die Sprachenvielfalt aufgegriffen und ermöglicht so auch Rezipienten anderer Länder ein gutes Verständnis.
Die inhaltlichen Zusammenfassungen ermöglicht dem Leser die Chance das Buch gut „quer zu lesen“ und verschafft somit einen guten thematischen Überblick.
Die Autoren und Autorinnen des Buches sind zum Teil Mitglieder der Interreligiösen Arbeitsstelle (INTR°A) in dessen Auftrag das Buch 2006 erschienen ist. Alle anderen Autoren/Innen haben entweder einen persönlichen oder beruflichen Bezug zu interreligiösen Thematik.
Aufgrund der Komplexität des Buches werde ich im folgenden den Beitrag von Udo Tworuschka exemplarisch darstellen.

Islam und Religionstradierung

Udo Tworuschka beschäftigt sich als Religionswissenschaftler in seinem Bericht: Der Islam als Bestandteil deutscher Religionstradierung (S. 152- 168), mit der nach innen -„primären Religionstradierung“ – und der nach  außen – „sekundären Religionstradierung“.

Den Bereich der „sekundären Religionstradierung“ unterteilt Tworuschka in mehrere Unterpunkte. Zunächst benennt er unsere Sprache in der viele arabischen Worte immer mehr Einzug erhalten bzw. schon lange haben. In den Bereichen der Kunst, der Mathematik oder auch der Wissenschaft sind die Beispiele vielfältig und für uns heutzutage schon alltäglich. Worte wie Algebra, Zucker, Kaffee, Tarif und Scheck gehen uns fast Tag täglich „über die Lippen“ ohne wirklich über ihre Herkunft nachzudenken. Ein, wie ich finde, sehr bestechendes Beispiel, das Tworuschka in seinem Bericht erwähnt, ist das Bespiel der heiligsten islamischen Stadt Mekka. Die Stadt, die jeder gläubige Moslem in laufe seines Lebens, soweit es ihm möglich ist, besuchen sollte wird zum Inbegriff für alles Erstrebenswerte. Die Stadt Aachen wird in den Medien gern als „Mekka der Reiterfreunde“ betitelt. Es wird darauf hingewiesen, dass das Begriffe – wenn sie nicht in ihrem Gesamtkontext erschlossen werden – zu falschen Assoziationen führen können.
Massenmedien bestimmen das tägliche Leben der heutigen westlichen Welt. Internet, Hörfunk, Fernsehen, Zeitungen etc. sind allgegenwärtig und werden von uns allen aktiv wie passiv konsumiert und üben somit auf uns alle- egal ob bewusst oder unbewusst- ein großen Einfluss auf unsere individuelle und auch öffentliche Meinung aus. TV- Produktionen wie „Das Schwert des Islam“ von Peter Scholl-Latour oder Auswertungen eines Nachrichtenmagazins „Blutiger Islam.20 Jahre `Spiegel Fechten` gegen den Ansturm auf das Abendland“ von M. Vogt, nehmen erheblichen Einfluss auf unsere bereits schon vorhandenen Meinungen und tragen die Gefahr Vorurteile zu schüren bzw. sie zu festigen.
Im Fokus stehen auch die islamischen Bestandteile in den deutschen Schulbüchern. Erstaunlicherweise lässt sich festhalten, dass der Islam schon seit über 350 Jahren in deutschen Schulbüchern thematisiert wird. Angefangen mit dem Buch „Orbis Sensualium Pictus“ von Amos Comenius aus dem Jahre 1658, über Aufsätze des Neutestamentlers und Talmud-Spezialisten Paul Fiebig „Der Islam im evangelischen Religionsunterricht“ oder der 1988 erschienenen Dissertation von Gudrun Peuster- May, die sich mit der Behandlung der Religionen in der schulbezogenen Literatur des 18./19 . Jahrhunderts auseinander setzte,  zeigen auf das die islamische Welt und ihre Religion einen festen Platz in der deutschen Lernkultur innehat.
In der Populärkultur sind die „Kanäle“ noch mannigfaltiger. Tworuschka beschreibt  verschiedene Medien als Transporteur der islamischen Welt in die „deutsche Alltagswirklichkeit“. Bücher, Filme, Hörspiele, Abenteuerspielbücher, Kinderkrimis ebenso die Werbung bedienen sich islamischer Bilder bzw. der arabischen Kultur.
Bis heute liegt nach Tworuschka keine hinreichende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gesamtdarstellung des Islam in der deutschen Theologie vor. Von Martin Luther mit seinen zwei Schriften aus dem Jahr 1529 „Vom Kriege widder die Türcken“, „Herrpredigt wider den Türcken“ bis hin zu katholischen und auch jüdischen Autoren fehlt eine umfassende Islamrezeption.
Im Bereich der Kunst gibt es die verschiedensten Einflüsse, die schon seit dem 11./12. Jh. zu verzeichnen sind. Zum Beispiel bildet die abendländische Bildung des 11./12.Jh. bis heute nachhaltige Einflüsse auf die deutsche Geisteskultur. So natürlich auch „Klassiker“ der Literatur wie z.B. „ Nathan der Weise“ (1779) von Lessing, in der die drei „abrahamitischen“ Religionen vorurteilsfrei dargestellt/ vorgestellt werden. Der „Orientalismus“ des 18./19. Jh. zeichnete sich in der Kunst ab. Die Architektur wurde durch den „orientalischen Baustil“ inspiriert und geprägt (z.B. Palais in Dresden, seit 1995 Hotel der Kempinski Kette).
Schriftsteller, Maler und Musiker ließen sich von der Orient-Begeisterung anregen und orientalisierende Stile in ihre Arbeiten mit einfließen.
Den Bereich der „primären Religionstradierung“ teilt Tworuschka in zwei Teile:
1.      Religionsvermittlung
2.      Gemeindegründung
Im Gegensatz zu der vorher beleuchteten „sekundären Religionstradierung“, geht es hier nicht um den „Einzug“ von islamischen Werten, Bräuchen oder den „Einzug des Orientalismus“ in die Kunst sondern um die primäre Vermittlung der islamischen Religion unter den islamischen Nachkommen.
Die Frage, wer und wie die islamischen Nachkommen unterrichtet werden, ist bis heute ein kaum erforschtes Feld. Udo Tworuschka hat in einem Projekt mit der DFG über Religionstradierung am Beispiel des Islams, religionstradierende Literatur der 90er Jahre gesammelt und zu Teilen analysiert. Wie wichtig und welchen Stellenwert der Koran bei der Religionsvermittlung dabei innehat, ist nur zu Teilen festzuhalten. Der „übliche“ Ort der Koranvermittlung ist der Koranunterricht, Kinder und Jugendliche besuchen diesen zwischen dem 4. und dem 18. Lebensjahr. Der erste Kontakt mit dem Koran geschieht meistens im Elternhaus. Die Methoden und Formen der Religionsvermittlung sind vielfältig (Internet, Bücher, Zeitschriften, Magazine, Videokassetten etc.) bedürfen aber weiterer Forschung.
Die Gemeindegründung der Muslime in Deutschland liegt lange zurück. Auch wenn auch vorher schon Muslime in Deutschland lebten, die erste Moschee wurde in Schwetzingen errichtet (Rote Moschee). Zu Zeiten des ersten Weltkrieges errichtete man dann die erste Moschee in Berlin, die 1925/26 wegen Einsturzgefahr wieder abgerissen worden ist. Durch muslimische Exilanten, Studenten und Akademiker entstand 1924 in der neuen Moschee in Berlin-Wilmersdorf ein islamisches Gemeindeleben. Die Zeitschrift „Moslemische Revue“ und auch die erste deutsche Übersetzung des Korans aus muslimischer Feder entsprangen aus dieser Gruppierung, der „Ahmadiyya- Gemeinschaft“, einer nicht-orthodoxen islamischen Richtung, die in der Wilmersdorfer Moschee „beheimatet“ war.
Die bis heute aber größte Zahl an muslimischen Menschen in Deutschland bilden die Arbeitsemigranten. Sie legten den Grundstein für eine, mittlerweile in der dritten Generation, dauerhafte islamische Gemeinschaft.

Rz-RIG9, bearbeitet,  29.04.09, überarbeitet , 11.04.12 und 19.06.12

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