Dienstag, 15. Mai 2012

Christentumsgeschichte - ein Blick auf die Kreuzzüge


Michel Clévenot: Im Herzen des Mittelalters.
Geschichte des Christentums im XII. und XIII. Jahrhundert.
Aus dem Französischen von Kuno Füssel.
Luzern: Edition Exodus 1992, 302 S., Glossar --- ISBN 3-905575-58-2
Der Autor, französischer Theologe und Kirchenhistoriker Michel Clévenot (1932-1993) ist durch seine sog. materialistische Bibellektüre bekannt geworden. In diesem Kontext hat er eine faszinierende Geschichte des Christentums von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert – sorgsam recherchiert – nacherzählt. Sie erschien auch auf Deutsch in 12 Bänden (1987-1996), ist jedoch leider vergriffen. Hier erschließt sich der „Lauf“ der Geschichte in Geschichten. Sie ergeben am Ende ein faszinierendes, aber auch beunruhigendes und nachdenkliches Mosaik zur Entwicklung und zum Fortschreiten der christlichen Religion unter den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen in Europa.
Im Herzen des Mittelalters: dieser Titel verweist zunächst darauf, dass das 12. und 13. Jahrhundert in der Tat sowohl die Mitte als auch den Höhepunkt des Mittelalters bilden. Hier gewinnt der ökonomische, politische und kulturelle Aufstieg Europas seine feste Grundlage. Das Buch des französischen Kirchenhistorikers ist in 30 Sequenzen aufgeteilt, von denen jede einer Person oder einem Ereignis gewidmet ist, die als wenig bekannt gelten oder unter anderen Gesichtspunkten als den üblicherweise gewählten dargestellt werden.
Schwerpunktbetrachtung: 12. Sequenz:
Der vierte Kreuzzug gerät auf Abwege: die Einnahme von Konstantinopel, 12. April 1204

Als Innozenz III. – erst 37jährig – im Januar 1198 zum Papst gewählt wurde, bereitete ihm vor allem die Lage der Christenheit im Orient große Sorgen. Er wollte die lateinische und die griechische Kirche wieder miteinander versöhnen und die Vormachtstellung Roms sowie seinen eigenen Anspruch als deren Oberhaupt festigen.
Die Erfolge des ersten Kreuzzuges, genau hundert Jahre zuvor, der Fall Jerusalems und das Scheitern des dritten Kreuzzuges waren für ihn eine ständige Mahnung. Im August 1198 rief er zu einem neuen Kreuzzug auf und sandte bedeutende Kirchenmänner aus, um dafür zu werben. Sie forderten jedermann auf, für Christus ins Heilige Land zu ziehen – nicht jedoch den Kaiser. In ihm sah die Kirche ihren Widersacher. Der Papst erhob außerdem eine Kreuzzugsteuer, die alle Geistlichen und selbst die sonst von allen Abgaben befreiten Klöster zu zahlen hatten.
Der Aufruf fand jedoch nicht die Begeisterung wie in früheren Zeiten. Einige Grafen im Norden Frankreichs schickten sich schließlich an, mit der durch Handel reich gewordenen Seerepublik Venedig in Verbindung zu treten, damit die Venezianer mit ihren Schiffen den Transport der Kreuzfahrer über das Mittelmeer übernähmen. Es wurde mit einem Heer von 38 000 Mann gerechnet. Für die Schiffe, Besatzung und die Verpflegung verlangten die Venezianer 85 000 Mark in Silber. Als sich jedoch zum vereinbarten Zeitpunkt, im Jahre 1202, das Heer in Venedig einfand, zählte man nur ein Drittel der vorgesehenen Truppenstärke, und vor allem hatte man nur 50 000 Silbermark zusammenbekommen. Wie sollten die Venezianer für ihre Dienste bezahlt werden?

Das politische Oberhaupt Venedigs, der 90jährige Dodge Dandolo, schlug angesichts der leeren Kasse vor, die Kreuzfahrer sollten zunächst die 1186 von den Ungarn besetzte Stadt Zara für seine Republik zurückerobern, dann könnte Venedig großzügig sein. Obwohl es an warnenden Stimmen nicht fehlte, ließen sich die Kreuzfahrer auf dieses Angebot ein. Ende November 1202 eroberten sie Zara. Der Papst schloss daraufhin das gesamte Heer aus der Kirche aus. Die meisten Kreuzfahrer störte das wenig, sie überwinterten in der nun wieder venezianischen Stadt. Im Frühjahr 1203 brachen die Kreuzfahrer in Richtung der byzantinischen Hauptstadt auf. Die Venezianer förderten das Unternehmen, denn sie wollten ihre Stellung als Handelsmacht im östlichen Mittelmeer auf Kosten von Ostrom ausbauen.

Obwohl es auch diesmal nicht an Widerspruch mangelte, gingen die Kreuzfahrer in der Nähe von Konstantinopel vor Anker und forderten von der Stadt die Zahlung von „Schutzgeldern“. Als diese ausblieben, begann am
12. April 1204 der Sturm auf Konstantinopel. Es folgten drei Tage des Plünderns und des Mordens. Unschätzbare Kunstwerke wurden für immer vernichtet oder geraubt. Die berühmten Bronzepferde (Quadriga) wurden nach Venedig geschafft, wo sie noch heute auf dem Markusdom zu sehen sind. Mehr als die Hälfte der Beute ging nach Venedig. Dann begannen die Gewalthaber, auch das Byzantinische Reich unter sich aufzuteilen. Der Kaiser war geflohen. Ein neugewählter lateinischer Kaiser, Balduin von Flandern, erhielt ein Viertel des Reiches. Die anderen drei Viertel wurden zwischen Venedig und den Kreuzfahrerstaaten aufgeteilt; in Griechenland entstanden jetzt lateinische, also fränkische Fürstentümer. Venedig bemächtigte sich vor allem der Dalmatinischen und der Ionischen Inseln.

Damit begründete die Seerepublik ihre Vormachtstellung im östlichen Mittelmeer. Der byzantinische Adel errichtete jenseits des Bosporus die Kaiserreiche Nicaia und Trapezunt. Die Dornenkrone Christi – oder was man dafür hielt – wurde an die Venezianer verpfändet, und diese vermachten sie dem französischen König, Ludwig dem Heiligen. Er ließ für sie in Paris eine herrliche gotische Kirche errichten, die Sainte-Chapelle.

„Im Namen des Kreuzes stürzten sie ruchlos das Kreuz“

Michel Clévenot bietet dem Leser in dieser 12. Sequenz einen sachgerechten Einblick in die Geschichte des Vierten Kreuzzugs. Eindrucksvoll wird hier geschildert, wie die Erstürmung und Plünderung der Stadt Konstantinopel zu einer der beschämendsten Episoden der gesamten Kreuzfahrerära wurde. Eine Untat, von der sich das byzantinische Reich nie wieder ganz erholen sollte.
Durch die Gräueltaten bei der Plünderung blieb das Verhältnis der orthodoxen Christen zu Westeuropa teilweise bis in die heutige Zeit gestört. Obwohl der Papst die Ereignisse im Nachhinein auf das Schärfste verurteilte, wurde der Graben zwischen katholischer und orthodoxer Kirche nun unüberwindbar.
Jos Van Woelk und Sebastian Kloten
im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund zum Thema
„Theorie und Praxis der Religionen bei Krieg und Frieden“, Sommersemester 2012

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