Dienstag, 14. November 2017

Franzsikanische Traditionen: Interreligiöse Friedensbeiträge und gerechtes Handeln (aktualisiert)



Michaela Sohn-Kronthaler / Paul Zahner OFM (Hg.): Pax et Bonum.
Franziskanische Beiträge zu Frieden und interreligiösem Dialog.

Theologie im kulturellen Dialog, Band 23. Innsbruck –Wien 2012, 216 S., Abb.,  Personenregister
--- ISBN 978-3-7022-3187-3


Kurzrezension: hier

Ausführliche Besprechung
Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Graz und die österreichische Franziskanerprovinz veranstalteten im Oktober 2011 ein Symposium, das bewusst auf das erste Friedensgebet der Religionen in Assisi 25 Jahre zuvor Bezug nahm. Der vorliegende Band ist das Ergebnis eines intensiven Diskurses der Franziskaner mit den Friedensintentionen ihres Gründers. Die beiden Herausgeber, die Kirchenhistorikerin Michaela Sohn-Kronthaler von der Universität Graz und der ebenfalls dort lehrende Leiter des Fortbildungs-Bereichs am Konvent der Franziskaner in Graz, Paul Zahner, geben das vom franziskanischen Friedensgedanken geleitete Symposium nun einem größeren Kreis von Dialog-Interessierten weiter. Leitmotiv insgesamt bildet die von Franziskus unternommene Reise zum Sultan Malek al-Kamel von Ägypten im Jahre 1219, deren äußerlicher Misserfolg dennoch eine interreligiöse Offenheit des Franziskanerordens initiierte, die sich kreativ und konsequent bis in die Gegenwart hin auswirkt.
Bernhard Holter OFM aus dem Franziskanerkloster in Bozen untersucht die Friedensansätze in den Schriften des Hl. Franz, die dieser z.T. übernahm, aber original weiter geprägt hat. Der Mystiker setzt inneren und äußeren Frieden in enge Beziehung, denn eigener Unfrieden hat weiterwirkenden Unfrieden zur Folge. All dies wird möglich mit Christus als der Quelle des Friedens.
Paul Zahner OFM untersucht Aktionen und Reaktionen auf die Missionsreise des Franziskus nach Ägypten. Angesichts des christlichen Hasses auf den Islam – gerade zur Kreuzzugszeit – erstaunt es zumindest, dass es christliche Berichte von Zeitgenossen und Späteren gibt, die die freundlich-gewaltlose Art des Hl. Franz betonen und damit indirekt bei aller Bedrohung des Christenmissionars das dennoch einigermaßen friedliche Zusammentreffen mit dem Sultan in Ägypten herausheben. Es werden Berichte vorgestellt und kommentiert von: Bischof Jakob von Vitry, dem Kreuzzugsbegleiter Ernoul, von Thomas von Celano, dem ersten Franziskusbiografen, einem französischen Anonymus, von Julian von Speyer, einem weiteren Franziskusbiografen, sowie von einigen weiteren Franziskanerbrüdern. Es kommen auch zur Sprache die Fioretti, oder die „Blümlein des Hl. Franziskus“, eine „Blütenlese“ mit 53 kurzen Kapiteln über das Leben des Ordensgründers. Insgesamt fasst Zahner zusammen: „Franziskus hatte bei seinem Besuch offensichtlich den Willen, den Glauben an Jesus Christus dem Sultan zu verkünden … Er hatte … die Bereitschaft, sein Leben für den Glauben hinzugeben … Offensichtlich nahm der Sultan den christlichen Glauben nicht an, wenn er ihn vermutlich doch als deutliche Glaubensüberzeugung achtungsvoll zu verstehen vermochte“ (S. 55f).
François Wernert (Straßburg und Graz) geht auf das entscheidende Erinnerungsdatum ein, mit dem Papst Johannes Paul II. am 27. Oktober 1986 Religionsvertreter aus aller Welt zu einem Gebetstreffen nach Assisi in die Stadt des Franziskus einlud. Der Autor hebt besonders den interreligiösen, aber jeglichen Synkretismus vermeidenden, dennoch universellen und spirituellen Charakter dieses Friedensgebetes hervor. In der abschließenden Bewertung bleibt eine  Ambivalenz von christlichen Vorbehalten und Zustimmung, die dennoch alle an diesem Gebet Teilnehmenden bereicherte.
Nach diesen historischen Markierungspunkten geht Hermann Schalück OFM (München) – übrigens auch länger Präsident von missio Deutschland – auf seine Zeit der Ordensleitung unter interreligiösen Gesichtspunkten ein. Er betont, dass die Kirche zuallererst ein Raum der Begegnung ist und der Dialog darum die angemessene Methode im Horizont von Gastfreundschaft. Der Franziskanerorden versucht dies weltweit, wie viele Begegnungen und die daraus erwachsenen Dokumente zeigen.
Pierbattista Pizzaballa OFM (Jerusalem) beschreibt die franziskanischen Friedensintentionen in Hinsicht auf die Religionen unter den schwierigen und politisch verhärteten Bedingungen in Israel und Palästina. Dies setzt eine besondere Sensibilität bei Begegnungen voraus, und zwar im Blick auf die jüdische Identität, das Verhältnis von Religion und Staat und im Zusammenhang mit der religiösen Idee des „verheißenen Landes“. Glücklicherweise gibt es solche Zeichen und Dokumente, die die gemeinsame Verantwortung der drei monotheistischen Religionen im Heiligen Land betonen. Die Pädagogik insgesamt, aber auch die Erziehungseinrichtungen sowohl Israels wie der Palästinensischen Autonomiebehörde sind für den Frieden und die Menschenrechte fördernde Bildung ihrer Bürger besonders herausgefordert!
Auch bei den Vereinten Nationen sind die Franziskaner mit ihrer Friedensarbeit aktiv. Das berichtet Denise Boyle FMDM (Genf), Nonne eines franziskanischen Missionsordens im Rahmen von „Franciscans International“. Die Beispiele stammen aus Orissa (Ostindien), Pakistan, Kenia und der Demokratischen Republik Kongo. Dort sind Franziskanerinnen vor Ort und natürlich auch in der Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten. Sie berichten authentisch von der jeweiligen Situation und den Möglichkeiten und Schwierigkeiten friedvoller Veränderungen.
Eine ganz andere Zugangsweise wählen der Bibelwissenschaftler Michael Hölscher und der Neutestamentler Christoph Heil (beide von der Universität Graz). Sie gehen auf die politischen Implikationen der Weihnachtsgeschichte des Lukas ein, indem sie auch nichtchristliche Urkunden der Zeit um Jesu Geburt heranziehen. Dadurch zeigt sich eine erstaunliche politische Gesellschaftskritik am Römischen Reich im lukanischen Friedensverständnis.
Karl Prenner (Graz) untersucht als Religionswissenschaftler die von dem Mallorquiner Ramon Llull (1232-1316) kurz nach der christlichen „Rückeroberung“ der Balearen geführten Religionsgespräche, natürlich unter besonderer Einbeziehung seines Buches „Vom Heiden und den drei Weisen“, in dem das Verbindende zwischen drei monotheistischen Religionen herausgehoben wird.
In die jüngere Vergangenheit dagegen führt der Beitrag von Stefan Kitzmüller OFM (Graz), der den Widerstand von Franziskanern am Beispiel von Pater Zyrill Fischer OFM (1892-1945) beschreibt. Er hebt dessen frühe Warnungen vor dem „Anschluss“ Österreichs hervor und beschreibt dann dessen gegen den Nationalsozialismus gerichtetes Friedensengagement. Im kalifornischen Exil freundete er sich übrigens mit Franz Werfel an.
Aus der Praxis in einem sozialen Problemgebiet Kölns kommt der Bericht von Jürgen Neitzert OFM. Er stellt aber nicht nur knapp sein dortiges interkulturelles Wirken mit Jugendlichen vor, sondern bezieht auch franziskanische Aktivitäten in Bosnien, der Türkei (im Blick auf die Kurden) und in Istanbul mit ein. Er endet mit einer eher neutralen Beschreibung der Teilnahme am Friedensgebet in Assisi 2011.
Auch die Schlussbeiträge bleiben weitgehend der Praxis verbunden: Die Religionspädagogen Monika Prettenthaler und Wolfgang Weirer (beide von der Universität Graz) setzen sich auf der Basis eines interreligiös offen gelebten Glaubens für eine systematische Friedensarbeit zur Konfliktbewältigung in der Schule ein. Dazu muss besonders der Religionsunterricht dienen. Karl Maderner OFM (in der Nähe von Heiligenkreuz) mahnt im Sinne interreligiöser Verantwortung Menschenwürde, Menschenrechte und ein Weltethos im Sinne von Hans Küng an. Und schließlich sehen der Liturgiker Peter Ebenauer und der Mitherausgeber Paul Zahner OFM (beide Graz) gerade im lebendigen Weitertradieren des Zweiten Vatikanischen Konzils.die Aufgabe, das Gebet als verbindende Größe der verschiedenen religiösen Traditionen durch achtsame Begegnungen in den Mittelpunkt zu rücken. Trotz des nicht ganz konfliktfreien Gebetes der Religionen 2011 in Graz haben diese Erfahrungen für Zahner eine Leitfunktion für weitere interreligiöse Friedensgebete bekommen.
Man spürt es dieser Veröffentlichung an: Der Geist des Hl. Franz motiviert die AutorInnen, einen Religionsgrenzen überschreitenden Frieden weiter zu tragen und gesellschaftliche Konflikte nicht zu überspielen. Das Buch macht Mut, angesichts aller Glaubensansprüche und Vorurteile die interreligiöse Begegnung freundschaftlich zu fördern und die Friedenskräfte aller Religionen wirksam werden zu lassen.



Dass aus der franziskanischen Armutsideal nicht nur Fragen, sondern auch Forderungen an eine gerechte Wirtschaftsordnung laut und z.T. umgesetzt wurden, zeigt ein Buch, das die  Folgewirkungen der Tempelaustreibung Jesu im mittelalterlichen Kontext diskutiert und bis in die Gegenwart ausweitet:

Giacomo Todeschini: Les Marchands et le Temple. 

La société chrétienne et le cercle vertueux de la richesse du Moyen Âge à l'Époque moderne.

= Die Händler und der Tempel. Der tugendhafte Kreislauf  des Reichtums  -
vom Mittelalter bis in die Moderne
Paris: Albin Michel 2017



Reinhard Kirste
Rz-Sohn-Kronthaler-Franziskus


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