Montag, 27. Juli 2015

Inter-Religiöse Räume der Stille - Impulse und Entwicklungen (aktualisiert)



1. Sabine Kraft: Räume der Stille.
Eine Studie des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart,
Philipps-Universität Marburg.
Marburg: Jonas 2007, 111 S., Abb. --- ISBN 13: 978-3-89445-379-4 ---
Trauerraum
Universitätsklinikum
Regensburg

Auf den Flughäfen fing es an, aber auch Krankenhäuser, Schulen, ja inzwischen sogar Fußballstadien haben einen Ort des Rückzugs, Räume der Stille. Im Blick auf die Vielfalt der Besucher sind viele dieser Räume nicht nur einer Religion gewidmet, sondern offen für alle Menschen, die einen Ort der Besinnung, des Nachdenkens und des Gebets brauchen. 
Schon im Jahr 2000 erschien ein Beitrag von Gisela Groß: Religionen Raum geben - multireligiöse Räume der Stille (in: H.-Chr. Goßmann / A. Rotter (Hg.): Interreligiöse Begegnungen. Ein Lernbuch für Schule und Gemeinde. Hamburg: E.B. Verlag, S. 267-276).

Es war sehr zu begrüßen, dass das Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg diese Entwicklung aufmerksam verfolgte. Unter seinem damaligen renommierten Leiter, Prof. Dr. Horst Schwöbel erschien darum im Jahre 2007 die hier angezeigte Studie. 
Die Architektin Sabine Kraft hat exemplarisch Räume der Stille untersucht, zuvor aber eine grundsätzliche Differenzierung der jeweiligen Raumtypen der Stille vorgenommen. So erhält sie im 1. Teil ihres Buches Interpretationsmuster, die zum besseren Verständnis für Intentionen und Realisierung von Räumen der Stille dienen können. Sie stellt vor:
  • Kapellen und andere Religionsräume: Diese tragen einen starken konfessionellen bzw. konfessionell ökumenischen Charakter, auch wenn sie für alle offen sind. Sie sind auf spezielle Lebensbedürfnisse hin ausgerichtet (z.B. im Krankenhaus).
  •  Multireligiöse Räume der Stille versuchen dadurch den auf seine/ihre Weise Andacht Suchenden gerecht zu werden, indem sie bestimmte „Nischen“ jeweils einer Religion zuordnen. Das Problem ist hier die gleichmäßige Repräsentation aller in diesem Raum dargestellten Religionen bzw. derer, die nicht dargestellt sind.
  • Multifunktionale (interreligiöse) Räume der Stille verzichten auf eine religiöse Zuordnung und geben höchstens diskrete Möglichkeiten für die liturgischen bzw. rituellen Bedürfnisse der Religionsangehörigen (z.B. ein architektonisch indirekter Hinweis auf die Gebetsrichtung nach Mekka).
  • Universale Räume der Stille versuchen ihre generelle Offenheit auch architektonisch anzuzeigen, sie sind eher „leere“ Räume, die durch die jeweilige religiöse Praxis „gefüllt“ werden.
  • Holistische Räume der Stille sind eine Weiterführung der universalen Räume, bisher auch kaum realisiert. Die Konzentration auf die Mitte ist jedoch entscheidend, und das sparsame Dekor darf nicht in irgendeine religiöse oder weltanschauliche Richtung führen.
Am Schluss ihrer grundsätzlichen Überlegungen fragt die Autorin, ob es eine Architektur der Stille gibt (S. 40ff). Sie bezieht sich zitierend auf Justin Kroesen, der sagt: „Als Phänomen in einer dynamischen spirituellen Landschaft fordert die Einrichtung von Stillen Räumen klare Entscheidungen in Bezug auf die verwendete Bildsprache und Symbolik“ (bei Kraft zitiert S. 53).
Mit diesen Vorgaben hat Sabine Kraft eine Reihe unterschiedlicher Räume untersucht, und zwar im Blick auf Kirchen und Klöster, in Hinsicht auf Krankheit und Sterben („Pflege und Abschied“). Sie schaut sich aber auch den Raum der Stille im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt ebenso wie das Kirchencenter auf der Frankfurter Messe an, und zwar im Sinne öffentlicher Räume (ein wenig unscharf unter der Überschrift „Staat und Wirtschaft“). Unter den Stichworten „Reisen und Rasten“ steht die Autobahnkirche Wiesbaden-Medenbach im Vordergrund und ein Gedenkraum auf dem Flughafen Düsseldorf. Schließlich kommen im Kontext von „Freizeit und Kultur“ die Kapelle „Auf Schalke“ und der Raum der Stille im Brandenburger Tor, Berlin, in den Blick. Schwarz-weiß-Fotos illustrieren die Texte. Allerdings können sie den jeweiligen Raumeindruck nur sehr unvollkommen wiedergeben. Einige dieser Räume sind aus dramatischen Ereignissen heraus entstanden wie der Raum der Stille im Gutenberg-Gymnasium Erfurt (aus dem Jahre 2005), das durch die Bluttat eines Schülers im April 2002 ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet. Die Schule wurde danach völlig umgestaltet. So lässt sich dieser neu eingerichtete Raum auch als ein Stück Aufarbeitung des Geschehenen sehen. Ebenfalls stehen furchtbare Erfahrungen hinter dem Gedenkraum des Flughafens Düsseldorf, eine überkonfessionelle Stätte in Erinnerung an die Brandkatastrophe von 1996.
Es versteht sich von selbst, dass die von Sabine Kraft ausgewählten Beispiele nur ein kleines Spektrum einer Vielzahl von Meditationsräumen in Europa darstellen. Ihre Beschreibung ist vorsichtig nüchtern einschätzend. Dennoch versucht sie in ihrer Schilderung die Besonderheiten des jeweiligen Raumes hervorzuheben und Architektur mit Nutzung und der Bedeutung von „Stille“ zu verbinden. Sie ermutigt dazu, die jeweiligen mehr oder minder gelungenen Beispiele im Sinne der vorgestellten Struktur als kleines Kriterienraster an die Hand zu nehmen und damit zu weiterem Nachdenken für die Einrichtung solcher Räume zu ermutigen.
Es erscheint sinnvoll, nach mehreren Jahren, auf diese Arbeit erneut hinzuweisen. Unsere Gesellschaften sind in einer derart starken Veränderung, so dass religiöse Bedürfnisse mehr und mehr außerhalb traditioneller Eingrenzungen gestillt  werden. Die großen Religionen haben hier eine besondere Verantwortung.

Wie die Diskussionen und Realisierungen weiter gehen, zeigt sowohl der Blick in verschiedene (inter-)religiöse Räume, auch im Sinne der Weiterentwicklung von spirituellen Lernorten, vgl. dazu:

2. Viele Religionen - ein Raum?! 

Im Juli 2013 fand an der Universität Marburg eine bemerkenswerte Tagung unter diesem Thema statt. In Verbindung mit der Herbert-Quandt-Stiftung ist nun nicht nur dazu der Tagungsband erschienen, sondern eine weiterführende Bilanz der bei dieser Konferenz angesprochenen Themenschwerpunkte:

Viele Religionen - ein Raum?!

Analysen, Diskussionen, Konzepte - Mit Beiträgen von: Markus Schroer, Alexander-Kennith Nagel, Bärbel Beinhauer-Köhler, Ute Verstegen, Alina Bloch, Stephanie Matthias, Rudolf Steinberg, Gerda Hauck-Hieronimi, Gregor Hohberg, Roland Stolte, Wilfried Kuehn, Christian Meyer, Christa Frateantonio.
Berlin: Frank & Timme 2015, 240. S. --- ISBN 978-3-7329-0065-7---
Rezension: hier

Bericht zum (inter-)religiösen Feierraum in Taunusstein-Wehen (mit Fotos)

 3. Religiöse Orte in Berlin 

Thomas Götz / Peter Eichhorn (Texte) / Anna Homburg / Darijus Burneika (Fotos):
BERLIN. Sakrale Orte
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Grebennikov 2010, 160 S., Abb., Adressenverzeichnis und Register

Reinhard Kirste
 Rz-Kraft, 22.03.07, letzte Aktualisiert 14.01.13 und 16.07.15

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