Mittwoch, 9. Januar 2013

Meister Eckhart - philosophische Perspektiven und mystische Erkenntnis



Meister-Eckhart-Jahrbuch 5 / 2011.
(Rolf Schönberger und Stephan Grotz, Hg.):
Wie denkt der Meister? Philosophische Zugänge zu Meister Eckhart.

Stuttgart: Kohlhammer 2012, 198 S., mehrere ausführliche Register
--- ISBN 978-3-17-022016-4


Ausführliche Beschreibung
Mit dem Meister-Eckhart-Jahrbuch präsentiert die Meister-Eckhart-Gesellschaft die Ergebnisse ihrer Tagungen und wissenschaftlichen Forschungen nicht nur ihren Mitgliedern, sondern insgesamt einer an mittelalterlicher Mystik interessierten Öffentlichkeit. Der Schwerpunkt liegt verständlicherweise auf Arbeiten zu Meister Eckharts Leben (ca. 1260-1328) und Werk, seinen „Vor-Denkern“ sowie seiner erstaunlichen Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart. Hinzu kommen in der Eckhart-Gesellschaft umfangreiche wissenschaftliche Beiträge, auch Textausgaben, die dann gewöhnlich in den "Beiheften zum Meister-Eckhart-Jahrbuch" veröffentlicht werden.
Inzwischen ist schon das Jahrbuch 6/2012 erschienen. Es enthält u.a. Vorträge der Jahrestagung in München, die unter dem Thema Meister Eckhart im Original in München 2010 stattfand. Hier allerdings soll im Zusammenhang von interdisziplinären Grenzgängen Meister Eckharts Jahrbuch 5/2011 vorgestellt werden, Es bezieht sich auf die Jahrestagung 2009 in Regensburg mit dem bezeichnenden Titel: Wie denkt der Meister?

Im Vorwort gehen die Herausgeber auf Desiderate der Eckhart-Forschung ein: „Noch unzulänglich sind … diejenigen Fragen gestellt und bewältigt, die seine [Meister Eckharts] Denkweise betreffen und die für sie kennzeichnende Form ins Auge fassen … Wie verlaufen die Denkoperationen, die für ihn typisch sind, die ihn einerseits zu einer bedeutenden Gestalt des Neuplatonismus machen und ihm doch ein ganz eigenes Gepräge geben?“ (S. X). Das vorliegende Jahrbuch versucht, diese Lücke zu füllen.
So stellt zuerst der renommierte Philosophie-Historiker Kurt Flasch den Naturforscher und Theologen Dietrich von Freiberg (ca. 1240/1245 bis ca. 1318/1320) und Meister Eckhart als eigenständige Denker des christlichen Selbstbewusstseins vor und einander gegenüber. Bei beiden zeichnet sich der „intellectus“ als Wurzel der Seele ab, d.h., wenn die Kreatur in ihren Grund schaut, sieht sie Gott an und nimmt so ihr Wesen wahr (S. 12). Der Philosoph Jens Halfwassen (Universität Heidelberg) bleibt auf dieser Ebene, indem er – bezogen auf das unvollendete „Opus tripartitum“ Eckharts – den idealistisch orientierten Gedanken des „Ich“ allein auf Gott bezieht und das Sein im Denken begründet (= die seinslose Tätigkeit des Denkens“, S. 25). Damit denkt „der Meister“  wie kein anderer vor ihm die „absolute Subjektivität“ (S. 25). Jan A. Aertsen, Mediävist und bis 2003 Direktor des Thomas-Instituts in Köln, dagegen begutachtet – ebenfalls auf das „Opus tripartitum“ bezogen – den Stellenwert der Transzendentalien-Metaphysik für Eckharts Bibelauslegung bis hin zur Gleichsetzung der Transzendentalien mit Gott und daraus folgender Handlungsanleitungen: Wer vom Guten abfällt, fällt von Gott ab. Auch Theo Kobusch (Mediävist, Universität Bonn) geht dem Transzendenzverständnis als solchem und den Transzendentalien bis hin zur Überschreitung bisheriger kategorialen Begrifflichkeiten nach, und zwar durch die Betonung der Arbeit am Selbst (S. 54).
Nach diesen stärker theologisch und philosophisch ausgerichteten Beiträgen geht es im Folgenden mehr um hermeneutische Zusammenhänge: Markus Enders (Systematische Theologie, Universität Freiburg/Br.) zeigt Eckharts Bibelverständnis und Text-Exegese als Spiegelung göttlichen Wissens im bildhaften Ausdruck. Er stellt dazu einige Forschungsarbeiten zum Thema vor, besonders zur Bedeutung des allegorischen und mystagogischen Schriftsinnes und angesichts der Begrenztheit rationaler Beweisbarkeit. Schließlich zeigt er, dass die Verkündigung des göttlichen „alleinheitlichen“ Wortes als Christus-Wort durch die Predigt das entscheidende Ziel von Eckharts gesamter, also auch alttestamentlicher Bibelauslegung ist (S. 97). Stephan Grotz (Philosophie, Universität Mainz) stellt kritische Nachfragen an den Bibelausleger, weil Eckhart bei verschiedenen Deutungsmöglichkeiten einzelner Textstellen diese offensichtlich auf sich beruhen lässt, um dann zu zeigen, „dass die Zweizahl ( = von Subjekt und Prädikat / Satzurteil / Sache und Bezug zur Wahrheit) die Bedingung für den Wahrheitsanspruch allen Redens und Denkens ist“(S. 109). Es ist also nicht angemessen, von interpretatorischer Gewalt bei Meister Eckhart zu reden, denn eigene Auslegung und Absicht des biblischen Textes sind auf ihre gemeinsame Quelle zurückzuführen, nämlich Christus (S. 114).
Nun kommen geistige Nachfolger Eckharts ins Blickfeld: Heinrich von Gent (vor 1240–1293) und Heinrich Seuse (ca. 1295-1366): Wouter Goris (Philosophiegeschichte, Freie Universität Amsterdam) geht der aus der Theologie Augustins entstandenen Lehre von Gott als Ersterkanntem nach, die man nach Heinrich von Gent über die Transzendentalien wie „seiend“, „eins“, „wahr“ und „gut“ zuerst erfasst (S. 117). Dadurch stehen Gnade und natürliche Vernunft in einem komplementären Zusammenhang für das Ersterkannte. In der Beschreibung des vollendeten Menschen, des homo divinus und Gott als dem Ersterkannten lassen sich gewisse Überschneidungen in der Begrifflichkeit, besonders im Analogieverständnis mit Heinrich von Gent ausmachen. Ähnliches leistet Silvia Bara Bancel (Fundamentaltheologie und Biochemie, Universidad Comillas Madrid). Sie zeigt Heinrich Seuses große Nähe zu Meister Eckharts Verständnis der Sohnwerdung auf, d.h. konkret dass Gott wie in Christus so auch im guten Menschen Wohnung nimmt und dieser „christmäßige Mensch“ (S. 137) als größte Gottesgnade anzusehen ist. Das heißt immerhin etwas einschränkend, dass bei der Einswerdung mit Christus eine gewisse letzte kreatürliche Unterschiedenheit bestehen bleibt. Mit dieser Argumentationslinie versucht Seuse zugleich, die Orthodoxie Eckharts angesichts des Kölner Prozesses (seit 1225) gegen den Meister nachzuweisen.
Der Schlussbeitrag von Dietmar Mieth (Theologie und Sozialethik, Universität Tübingen) wirkt wie eine Art Zwischenbilanz der bisherigen Darlegungen, um das „wahre Selbst“ bei Eckhart genauer zu erfassen. Gerade im Denken „des Meisters“ eröffnet sich eine interreligiöse Perspektive. Das fällt besonders bei einer kritisch-argumentativen Begegnung mit dem Islam auf. Aber noch erstaunlicher weiterführend und aufregend ist der Zusammenhang, den Mieth im Vergleich von „moderner Agnostik“ des ‚überflüssigen‘ Gottes mit der religiösen Erfahrung des ‚überfließenden‘ Gottes macht (S. 163). Mieth zieht dazu besonders Edward Schillebeeckx, Burkhard Mojsisch und Hans Joas heran, um dann auf das Heiligkeitsverständnis des Lebens in der Denk-Kontinuität von Rudolf Otto, Albert Schweitzer und Hans Jonas (S. 172ff) als Indikator zu verweisen. Meister Eckhart verzichtet faktisch auf eine geistliche Tugendlehre; und die „perfectiones spirituales“ sind (nur) von ihrem Ursprung her wichtig. Ihre Dekonstruktionen durch „den Meister“ „vermögen heute noch … mitzureißen, weil sie den Weg der persönlichen Freiheit und der religiös-moralischen Verbindlichkeit zusammenführen“ (S. 179)
Immer wieder kommen die AutorInnen auf den Einfluss Platos, Aristoteles‘, Augustins, des Neuplatonismus und des Maimonides (1135/1138–1204) zu sprechen. Letzterer hat das Denken Meister Eckharts erstaunlich tief gerade im Blick auf das All-Einheits-Denken beeinflusst. Damit steht „der Meister“ in der arabisch-philosophischen Aristoteles-Rezeption, die gerade der jüdische Philosoph Maimonides herausragend repräsentiert. So betont Markus Enders – Kurt Flasch zitierend – dass „Maimonides mit seiner philosophischen Bibelerklärung und seiner radikalen negativen Theologie den größten Einfluss auf Eckharts Denken ausgeübt“ habe (S. 90).      
Wer sich intensiver mit dem philosophischen und theologischen Denkens Meister Eckharts, seiner geistig-verwandten Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger befassen will, wird mit diesem Jahrbuch bestens weitergeführt.
Reinhard Kirste
Rz-Meister-Eckhart-Jahrbuch-11, 09.01.13

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