Montag, 14. Januar 2013

Die Weisheit der Erleuchtung - zur Mystik von al-Suhrawardi



Shihab al-Din al-Suhrawardi: Philosophie der Erleuchtung. Hikmat al-ishraq.
 Aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Nicolai Sinai.
     Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel-Verlag 2011, 469 S.,
      Kommentar, Stellenkommentar, Glossar und Register    --- ISBN 978-3-458-70032-6 ---

Nicht gerade zum selbstverständlichen Wissen gehört, dass ohne die arabischen Philosophen und Übersetzer der mittelalterlichen Geisteswelt Europas die Weisheit des antiken Griechenlands verloren gegangen wäre. Hartnäckig hält sich auch das Vorurteil, dass die islamischen Geisteswissenschaftler als Übersetzer von Platon, Aristoteles usw. nur „Durchlaufverstärker“ waren und kaum eigenständige Philosophen. Zwar hat der spanische Philosoph Ibn Rushd / Averroes (1126–1198] die europäische Geistesgeschichte und gerade auch die christliche Theologie besonders über die Universität Paris über Jahrhunderte geprägt, aber der Eindruck herrscht vor, dass schon zu seinen Lebzeiten das philosophiekritische Denken innerhalb der islamischen Kulturen an das Ende kam. Die Folge sei gewesen, dass im 13. Jahrhundert nichts mehr von den islamisch-philosophischen Aufbrüchen des 12. Jh.s übrig blieb. 
Diesem Vorurteil tritt der Islamwissenschaftler Nicolai Sinai von der Universität Oxford konsequent entgegen. 

Mit der Übersetzung und Kommentierung des Hauptwerks von Abu l-Futuh Shihab al-Din Yahya ibn Habash ibn Amirak al-Suhrawardi (geb. 1153 in Suhraward/Nordwest-Iran, hingerichtet 1191 in Aleppo auf Befehl Saladins): „Philosophie der Erleuchtung“ legt er einen Wendepunkt der islamischen Philosophie und Theologiegeschichte frei. Denn hier verbinden sich erkenntnistheoretische Konsequenzen mit metaphysischen und mystischen Systemelementen. Im Sinne eines freien diskursiven Denkens und im Blick auf die göttliche, dem Menschen eröffnete Weisheit, wehrt sich al-Suhrawardi bereits am Anfang gegen ein „dunkles Zeitalter: „Das schlimmste Zeitalter ist jenes, in dem der Teppich des eigenständigen Bemühens zusammengerollt, der Fluss der Gedanken unterbrochen, das Tor der Offenbarungen versperrt und die Wege der Visionen verschlossen sind“ (S. 10).
Dass al-Suhrawardis Werk nicht leicht einzuschätzen ist, macht der Herausgeber in seinem Kommentar in der Auseinandersetzung mit dem berühmten französischen Philosophen, Theologen und Islamwissenschaftler Henry Corbin (1903–1978) deutlich. Dieser ist unbestritten der bisher kompetenteste Übermittler dieses Philosophen. Er setzte jedoch den Schwerpunkt seiner Kommentierung auf die mystische Seite seines Denkens. Es ist gewiss richtig, dass al-Suhrawardi eine Balance zwischen rationaler Erkenntnis, Logik und mystischem Verstehen versucht, darum eine kritische Distanz zu Aristoteles einnimmt und stattdessen das eigenständige Denken betont. Dadurch entsteht ein auch für die damalige Zeit schon ungewöhnlicher Ansatz, der die griechische Antike mit Platon, dem Neuplatonismus und den „Alten Orient“ mit Zarathustra auf das Licht der göttlich-weisheitlichen „Illumination“ hin befragt. Seine emanatorisch geprägte Kosmologie hat ihm dann (so Henry Corbin) auch den Ruf eines Meisters der orientalischen Theosophie eingebracht.
Zum Aufbau des Buches gibt Nicolai Sinai eine strukturierte Hilfestellung (S. 275–295), die er mit einer kleinen Rezeptionsgeschichte und Übersetzungshinweisen zu al-Suhrawardis Werk abschließt (S. 296f). 
Besonders wichtig wird dabei die Auseinandersetzung mit einem weiteren berühmten zentralasiatisch-iranischen Philosophen, Ibn Sina / Avicenna (980–1037). Dessen Verständnis von „Wesen“ und peripatetischer Logik dekonstruiert er unter Zuhilfenahme der platonischen Ideenlehre. Dieser 1. Teil dient unter Berufung auf die „orientalischen Philosophen“ als Voraussetzung für seine Entwicklung einer „Ontologie des Lichts“ (2. Teil), denn Licht ist weit mehr als das allgemeine physische Licht, die Lichter sind herrscherliche Lichter (S. 139–151), die die irdische Realität regieren: „Das [gewissen Menschen zuteilwerdende] dargebotene Licht aus der erhabenen Welt ist das Elixier der Macht und des Wissens, so dass die Welt ihm gehorsam ist. In den vom Körperlichen befreiten Seelen lässt sich ein Abbild des göttlichen Lichts nieder und ein schöpferisches Licht setzt sich in ihnen fest“ (S. 217) Nach der Beschreibungen der verschiedenen „Klassen von Lichtern“, durch die die Menschen erleuchtet werden, heißt es dann: „All dies sind Erleuchtungen, die dem regierenden Licht zuteilwerden und die sich im Tempel und im Seelenpneuma spiegeln … Wer Gott lauteren Herzens anbetet und der Dunkelheit entstirbt und ihren Riten entsagt, der wird schauen, was andere nicht schauen“ (S. 219).
Was al-Suhrawardi hier anspricht, hat in manchem erstaunliche Anklänge an die „Lichterlehre“ des evangelischen Theologen Karl Barth (1886–1968) in seiner Kirchliche Dogmatik (KD IV/3) und würde sicher eine genauere Untersuchung lohnen!
Dass al-Suhrawardi mit al-Ghazali (1058–1111) in einen tiefen Zwiespalt gerät, dürfte auch entscheidend für die weitere Rezeption der „Philosophie der Erleuchtung“ geworden sein. Der Philosoph und Theologe, ebenfalls in engem Kontakt mit der Mystik, lehnte jedoch den gesamten (Neu-)Platonismus aufs Schärfste ab, von den anderen theologischen Konflikten zwischen und innerhalb von Sunna und Schia einmal abgesehen. Al-Suhrawardi wehrt sich gegen ein solches Verdikt – und er sieht sich nach den notwendigen rationalen Erkenntnisdiskursen am Schluss als einer der „mystischen Wanderer“, die mit ihren Lichterfahrungen Vorbildcharakter gewinnen. Auch ihm gelingt es, nach allen theoretischen Klärungen sich nun der Erfahrung und der Praxis auf dem Weg zur Erleuchtung anheim zu geben: „Wenn die göttlichen Lichter im Menschen zahlreich werden, dann kleiden sie ihn in ein Gewand von Macht und Ehrfurcht, und die Seelen fügen sich ihm. Für den, der nach dem Wasser des Lebens strebt, gibt es bei Gott eine reiche Quelle … Niemand, der seinen Hof aufsucht, geht verloren, und es wird nicht zuschanden, wer vor seinem Tor steht“ (S. 221).
Wer dem inneren Zusammenhang von Philosophie und Erleuchtung, von Rationalismus, Neuplatonismus und Mystik gerade auch im Blick auf die rheinische Mystik des Mittelalters nachgehen will, wird hier in erstaunlichem Maße fündig. Er wird in al-Suhrawardi einen weiteren Brückenbauer zwischen islamischer und christlicher Geisteswelt entdecken. Und das dürfte nicht nur für Orientalisten und Islamwissenschaftler interessant sein.
Reinhard Kirste
 
Rz-Suhrawardi,  zuerst veröffentlicht am 12.08.11

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