Sonntag, 4. August 2013

Leitmotive des Politischen zwischen theologischer Absolutheit und philosophischer Freiheit



Heinrich Meier: Carl Schmitt, Leo Strauss und "Der Begriff des Politischen".  
Zu einem Dialog unter Abwesenden
Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler [1988], 2013, 3. erw. Aufl., 200 S., Namenverzeichnis
--- ISBN: 978-3-476-02467-1 ---


Ausführliche Beschreibung
Es ist nur ein kleines Buch, aber von politisch-philosophischer Brisanz, in dem sich der Leiter der Siemens-Stiftung und international geehrte Philosophieprofessor Heinrich Meier aus München mit dem „Begriff des Politischen“ ein weiteres Mal auseinandersetzt. Als Editor und Kommentator stellt er zwei Konservative vor: den Katholiken Carl Schmitt aus dem sauerländischen Plettenberg (1888-1985) und Leo Strauss (1899–1973), deutsch-amerikanischer Philosoph jüdischer Herkunft, dessen elitär geprägte Anthropologie auch zu einer philosophischen Schulbildung führte. Nun hat der eine, Carl Schmitt als deutscher Staats- und Völkerrechtler wie auch als politischer Philosoph, einen weltbekannten, allerdings umstrittenen Ruf. Mit seinen Theorien für einen starken Staat und seiner harschen Kritik an der Weimarer Reichsverfassung entwickelte er sich in der Folgezeit zu einem juristischen „Chefideologen“ des Nationalsozialismus.
So verwundert den weniger Kundigen zumindest auf den ersten Blick, wenn ihm gegenüber Leo Strauss (1899–1973) auftritt, der während seiner Zeit in Marburg freundschaftlich mit Hans Jonas, Hans Georg Gadamer, Jacob Klein und Karl Löwith verbunden war. Aber auch er übte heftigste Kritik an der Moderne und einem säkular offenen Kulturverständnis, ja macht gar die Aufklärung, den Relativismus und den Liberalismus für die Zerstörung der (bisherigen) Philosophie verantwortlich. Er besinnt sich dabei auf das wahre Philosophieren bei Sokrates und Platon. M.a.W. die von ihm so titulierten destruktiven modernen Hauptströmungen verhindern Philosophie und damit das, worauf Philosophie seiner Meinung nach abzielt – auf die Tugend.
Die Diskussion „unter Abwesenden“, nämlich des „jüdischen Gelehrten“ (erst in Frankreich und dann in den USA) mit dem nationalsozialistischen „Preußischen Staatsrat“ (S. 17) um das Verständnis der politischen Philosophie hat nun interessanterweise nicht nur ungewöhnliche Fragen aufgeworfen, sondern auch ungeahnte Aspekte ans Licht gebracht, weil Schmitt sich von Strauss am besten verstanden gefühlt hat (S. 16). Strauss‘ Anmerkungen zum Begriff des Politischen bei Carl Schmitt (S. 97ff) sowie seine im Buch abgedruckten Drei Briefe an Carl Schmitt (S. 129ff) machen genaueres Hinschauen nötig. Es ist schon auffällig, dass Schmitt seine Schrift „Begriff des Politischen“ aufgrund der Einwände von Strauss dreifach konzeptionell geändert hat und es „unternimmt“ (S. 19) seine radikale Kritik am Liberalismus zu präzisieren und auch zu verschärfen.
Die Abkehr Schmitts vom herrschenden Kulturverständnis der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts und nach dem 2. Weltkrieg bewertet Strauss durchaus positiv. Denn von der Souveränität des künstlerischen Genies und von der Autonomie des Moralischen, des Ästhetischen und des Ökonomischen kann nur so lange als von einem Selbstverständlichen die Rede sein, wie die Wirklichkeit des Politischen verkannt“ wird (S: 22). Hier werde der unüberbrückbare Dualismus von Freund und Feind verharmlost, statt friedlichem Nebeneinander verschiedener Denkrichtungen müsse die Möglichkeit des bewaffneten Kampfes gegen den Feind gehören, denn sie mache die Möglichkeit des Politischen aus! (S. 23) Der Mathematiker und „philosophische“ Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588-1679), der mit seinem „Leviathan“ (1651) berühmt geworden ist, bietet nun für die beiden Diskutanten in der Spannung von dessen „status naturalis“ und „status belli“ faktisch eine gemeinsame Folie, vor der sie ihre gar nicht so weit auseinander liegenden Gegenpositionen aufbauen.
Heinrich Meier fragt sich in der Kommentierung von Schmitts „Glossarium“ (S. 141ff), warum der Atheismusverächter und Nihilismusverdammer Carl Schmitt dennoch bewundert wird (S. 146). Man kann und darf nicht übersehen, dass dieser die Fehlentwicklungen der Geschichte gleichermaßen u.a. bei Descartes, Spinoza, Hegel, Goethe Hölderlin und Heidegger sieht (S. 148.150f). Meier findet die schärfste Antwort bei Schmitt in Folgendem: „>Das ist das geheime Schlüsselwort meiner gesamten geistigen und publizistischen Existenz: das Ringen um die eigentlich katholische Verschärfung (gegen Neutralisierer, die ästhetischen Schlaraffen, gegen Fruchtabtreiber, Leichenverbrenner und Pazifisten)<“ (S. 148). Hier fühlt sich Schmitt ziemlich allein gelassen und hält dennoch unbeirrbar an dem „historischen Ereignis“, der Achse der Weltgeschichte, der Menschwerdung Gottes fest (S. 149). Das ist eine Politische Theologie, die auf die Absolutheit der Offenbarung gegründet ist und aus dem Dualismus des Freund-Feind-Denkens lebt: „Im Liberalismus sieht sich Schmitt einem Feind gegenüber, der >auch die metaphysische Wahrheit in eine Diskussion auflösen möchte<“ (S. 77). Deshalb durchleuchtet er mit seiner eigenen Politischen Theologie alle liberalen Gesellschaftskonzepte und überhöht seine Kritik dogmatisch, weil das Zentrum seines Denkens der Glaube an die einmalige, als absolut gesetzte Wahrheit der Menschwerdung Gottes ist, die nicht hinterfragt werden darf, denn „die Dinge der Offenbarung … eignen sich nicht für eine Erörterung mit den Ungläubigen“ (S. 77). Strauss hält diesem Argumentationsmuster entgegen, dass es trotz allem noch dem Liberalismus verhaftet bleibt. Er meint: Schmitts “illiberale Tendenz werde aufgehalten durch die bisher noch nicht überwundene >Systematik liberalen Denkens<. Die von Schmitt eingeleitete Kritik am Liberalismus kann daher nur dann zur Vollendung kommen, wenn es gelingt, einen Horizont jenseits des Liberalismus zu gewinnen“ (S. 125).
Was ist das letztlich für ein Streit, den der politische Theologe Carl Schmitt mit dem Begriff des Politischen entfacht und den Philosophen als Feind charakterisiert? Ihm hält Strauss die eigene Politische Philosophie entgegen. Im Epilog (S. 153ff) führt Meier Jacques Derrida an, der sich in „Politiques de l’amitíe“ auch auf Schmitt bezieht. Hier scheint sich eine hoffnungsvolle Antwort zu zeigen, weil sich Derridas moralisches Interesse mit den Politiken der Freundschaft verbindet (S. 171f). Dazu muss die bisherige Politik „dekonstruiert“ werden und korreliert so mit der Demokratie. Politiken dürfen ihren Anspruch nicht von Offenbarungen herleiten. Das Ziel ist die dialogische Polis, in der nicht eine unhinterfragbare Offenbarung das Leitmotiv sein darf. Es ist keineswegs gleichgültig, welche philosophischen Traditionen das politische Denken bestimmen. Imgrunde müsste hier auch ein Diskurs über eine „Politische Theologie“ einsetzen, wie sie zum einen der Systematiker Trutz Rendtorff (im Zusammenhang der Ernst-Troeltsch-Studien) führt und zum anderen intensiv und dramatisch in den (lateinamerikanischen) Theologien der Befreiung zum Ausdruck kommt.
Reinhard Kirste
Rz-Meier-Schmitt-Strauss, 04.08.13


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