Montag, 8. April 2013

Ökonomie und Moral



Tomás Sedláček: Die Ökonomie von Gut und Böse.
Aus dem Englischen von Ingrid Proß-Gill. München: 
Carl Hanser Verlag 2012. 448 S.
ISBN 978-3-446-42823-2, auch als E-Book erhältlich-

Das Buch ist eine Geschichte des ökonomischen Denkens und fordert angesichts der modernen Ökonomie mit ihrer Mathematisierung eine (Rück-)Besinnung auf die Ethik und Moral der Ökonomie. Der Autor demonstriert, dass die Ökonomie als eine ethisch begründete, d.h. als eine moralische Wissenschaft lesenswert ist, und zwar durch 5000 Jahre Wirtschaftsgeschichte. Als Lehrer an einer der ältesten europäischen Universitäten in Prag (die Ökonomie war damals Teildisziplin der Theologie) präsentiert er effektiv altes Wissen:              
"In der Ökonomie geht es um Gut und Böse. Es geht um Menschen, die Menschen Geschichten über andere Menschen erzählen. Selbst das ausgefeilteste mathematische Modell ist eine Parabel, eine Geschichte, mit der wir die Welt um uns herum zu begreifen versuchen."               


Im Buch werden beachtliche Denkanstöße zur Geschichte gegeben. Es ist verständlich geschrieben sowie ohne ökonomisches Vorwissen gut lesbar. Die Gliederung besteht aus zwei Teilen:
  • Teil I:  Ökonomie in früheren Zeiten
  • Teil II: Blasphemische Gedanken
Im Anhang gibt es 677 Anmerkungen mit den Quellen der Textzitate, 14 Seiten Autorenverzeichnis und ein umfangreiches Sachregister:  Doch in der Einleitung und am Ende häufen sich Wiederholungen.
Basierend auf Fortschritten der Informationstechnik, Spekulation, usw. hat die globale Krise seit 2008 durch die Hegemonie der Börsen wachsende Kritik an den ökonomischen Wissenschaften ausgelöst. Die Fokussierung auf Formeln und Excel Sheets durch Analysten bewirkte eine so genannte Wertneutralität die von den Ursachen wirtschaftlichen Handelns nichts mehr erwähnt lassen. Angesichts der aktuellen Finanzkrise empfiehlt Sedláček (S. 400): "Umdenken ist nötig, weil eine Wirtschaftspolitik, die nur materielle Ziele verfolgt, immer zu Schulden führen wird. Jede Wirtschaftskrise wird viel schlimmer werden, wenn wir ständig die Last dieser Schulden stemmen müssen. Wir müssen sie daher schnell zurückzahlen. Wenn die nächste größere Wirtschaftskrise unser System trifft, müssen wir vorbereitet sein ... Wer ständig auf des Messers Schneide lebt, darf sich nicht wundern, wenn er sich dabei verletzt."
Als Ziele seines Buches nennt er (S. 396) "postmoderne Kritik der mechanistischen und imperialen Mainstream-Ökonomie" sowie eine "Antithese zur vorherrschenden morallosen, positivistischen und deskriptiv aussehenden Ökonomie." Denn die Finanzkrise hat das herrschende Weltbild der westlichen Geisteselite erschüttert: Demokratie und freie Marktwirtschaft sind die besten aller Systeme für den Westen und die gesamte Welt. Bemerkenswert hellsichtig ist in diesem Zusammenhang die bereits 1928 erschienene Dissertation von Oswald von Nell-Breuning „Grundzüge der Börsenmoral“. Doch inzwischen hat sich die Zahl der an den globalen Märkten beteiligten Menschen verdoppelt, und zwar durch die Transformation der ehemaligen Sowjetunion, des RGW (Wirtschaftsverbund der ehemaligen Ostblockstaaten) sowie besonders durch Chinas Öffnung.        
Die Globalisierung führt immer mehr Menschen auf die Suche nach ihrem persönlichen Stück vom Reichtum der Welt. Neue Führer sollen Freiheit und Wohlstand bringen – das hoffen die Menschen. So diskutierte die Jahrestagung des Instituts für Neues Ökonomisches Denken beispielsweise 2013 in Hongkong „Wohlstand als Menschenrecht“.
Basierend auf den Kategorien von Gut und Böse im ökonomischen Kontext verspricht der Titel allerdings mehr, als er einzulösen imstande ist. Generell ist es jedoch ein empfehlenswertes Buch angesichts der globalen Herausforderungen.
Eckhard Freyer
Rz-Selcek-Freyer, 08.04.13


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