Sonntag, 1. September 2013

Buch des Monats September 2013: Interkulturelle Philosophie - grenzüberschreitende Sichtweisen



Hamid Reza Yousefi: Die Bühnen des Denkens.
Neue Horizonte des Philosophierens
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Münster u.a.:  Waxmann 2013, 259 S. ---  ISBN 978-3-8309-2821-8 ---


Ausführliche Beschreibung
Der Autor gehört zu den jüngeren Philosophen, denen die Interkulturalität der Philosophie besonders am Herzen liegt. Er wurde 1967 in Teheran geboren und nimmt sowohl iranische als auch deutsche Kulturtraditionen in seinen Arbeiten auf. So lehrt er interkulturelle Philosophie und Philosophiegeschichte an der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz. In Trier hat er das Institut zur Förderung der Interkulturalität (IFI) gegründet, dessen Leiter er auch ist. Eine beachtliche Zahl von Büchern mit seinen Forschungsschwerpunkten hat er bereits veröffentlicht bzw. herausgegeben. Sie beziehen sich besonders auf moderne Theorien der Toleranz, Kommunikation sowie ethische und hermeneutischen Entwicklungen  in der Philosophie und Religionswissenschaft.

Mit dem vorliegenden Buch baut er eine didaktische Brücke zum Verstehen verschiedener Kulturtheorien und der vielfältigen Tendenzen interkultureller Philosophie in Vergangenheit und Gegenwart. Darum kommen hier berühmte islamische Philosophen des Mittelalters, der beginnenden Neuzeit und der Gegenwartsphilosophie zur Sprache, aber ebenso heutige Ansätze interkultureller Philosophie im deutschsprachigen Raum.

Aber was versteht Yousefi genau unter interkultureller Philosophie? „Das Kompositum >Interkulturelle Philosophie< ist eigentlich eine Tautologie. Dies hängt damit zusammen, dass Philosophie per se global und universal ist, weil ihr Gegenstand der Mensch in allen seinen Dimensionen ist.“ Yousefi möchte mit diesem Begriff „auf diese universale Ursprünglichkeit der Philosophie hin[zu]weisen, die aufgrund der kolonialen Expansion eine eurozentrische Ausrichtung bekommen hat, somit verabsolutiert worden ist und irrigerweise für universal gehalten wird“ (S. 45). Dem steuert er entgegen, indem er gewissermaßen eine „Entkolonialisierung“ geisteswissenschaftlicher Begriffe betreibt. Denn Ausdrücke wie Dritte Welt oder Entwicklungsländer zeigen genau diese europäisch-nordamerikanische Fokussierung (S. 46). So wird es notwendig, angesichts verschiedener Modelle von „Kulturtransformationen“ (multikulturell, transkulturell, interkulturell) deren Vorzüge und Nachteile zu bedenken. Entscheidende Impulse für eine Interkulturelle Philosophie haben bereits der iranisch-stämmige Religionsphilosoph Abdoldjavad Falaturi (1926–1996), der indische Philosoph Ram Adhar Mall (* 1937), der österreichische Philosoph Franz Martin Wimmer (*1942), der kubanische Philosoph Raúl Betancourt (*1946) und der deutsche Germanist Alois Wierlacher (*1936) gegeben. Ihnen ging und geht es um weit mehr, als um die von vielen Denkern praktizierte Kontextualität. Vielmehr werden alle methodischen Komponenten der Interkulturalität einbezogen. Diese sind konsequent. pluralistisch ausgerichtet (S. 53) und umschließen das weite Feld zwischen analytischen, phänomenologischen und empirischen Zugängen.

Mit solch umfassend methodischem und hermeneutischem Handwerkszeug ausgerüstet, stellt Yousefi in biografisch zugespitzten Abschnitten orientalische Philosophen und deren Grenzen überschreitende Offenheit vor. Dazu gehören im frühen Mittelalter die rationalistisch ausgerichteten Mutaziliten, aber auch allgemein bekannte Persönlichkeiten wie Ibn Sina (= Avicenna, 980-1037), Al-Ghazali (1058-1111) und Ibn Rushd (Averroes, 1126-1198). Aus der Zeit zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert wären neben vielen anderen Ibn Khaldun (1332-1406) oder Molla Sadra (1571-1640) zu nennen. Für das 19. und 20. Jahrhundert  spielen z.B. Mohammed Ali Foroughi (1877-1942), Mohammed Arkoun (1928-2010) und Mohammed Abed Al-Jabri (1935-2010) eine wichtige entwicklungsgeschichtliche Rolle.     
Dieser beeindruckenden Persönlichkeitsreihe stellt Yousefi durch den „Westen“ (mit)geprägte Philosophen gegenüber, von denen Karl Jaspers sicher eine Schlüsselstellung mit seinem Verständnis der „Achsenzeit“ einnimmt. Neben den schon anfangs erwähnten F.M. Wimmer, Ram Adhar Mall und Raúl Betancourt kommen hier noch der hermeneutisch ausgerichtete Heinz Kimmerle (*1930), Gregor Paul (*1947) und der wesentlich jüngere Harald Seubert (*1967) ins Blickfeld.
Bilanz
Dieses Buch ist deshalb so hilfreich, weil hier in leicht verständlicher Sprache Kulturtheorien der Gegenwart diskutiert werden und von daher die Frage nach dem Sinn des interkulturellen Philosophierens gestellt wird. Damit legt der Verfasser den Weg zu einem Geschichtsbewusstsein frei, das sich für kritische Diskurse offenhält, aber noch mehr: Er baut korrelativ ein systematisch-dialogisches Strukturmuster auf, in dem Texte, Quellen und Themenfelder ausführlich berücksichtigt werden. Dies dürfte darum das erste didaktisch ausgerichtete Buch der Interkulturellen Philosophie im deutschsprachigen Raum sein und weist damit in neue und ungewohnte Denkhorizonte ein – gerade in den Bezügen zwischen Orient und Okzident.
Die LeserInnen müssen keine speziellen philosophischen Vorkenntnisse mitbringen, weil methodische Klarheit das Buch durchzieht. Es ist strukturiert durch optische Verdeutlichung in Beispielen, Erklärungsversuchen, Merkkästen und Abbildungen. So findet man/frau leicht die zugehörigen Schaubilder, die zusammenfassenden Merksätze und orientierende Fragestellungen sowie praktische Übungsaufgaben für jeden Abschnitt. Diese methodischen Verdeutlichungen erhöhen die Möglichkeit des erinnernden Nachlesens und die Sachorientierung insgesamt. So ist ein Lehrbuch entstanden, das nicht nur für Studierende der Philosophie, Theologie und Kulturwissenschaften weiterführend sein dürfte, sondern dass jedem/jeder Interessierten ermöglicht, das eigene Kulturenverständnis zu erweitern und eurozentrische Sichtweisen abzulegen. Dadurch wird ein vertieftes Verständnis anderer Kulturtraditionen – auch in ihren religiösen Zusammenhängen – ermöglicht. Zugleich aber wird deutlich, dass es notwendig ist, die eigenen gegenwärtigen Standortbestimmungen interkulturell und interreligiös vorzunehmen. Yousefis Buch bietet dafür eine konstruktive Anleitung.
Reinhard Kirste
Rz-Yousefi-Phil-Bühne, 31.08.13
Von Reaza Hamid Yousefi wurde bereits in den „Ein-Sichten“ besprochen:

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