Dienstag, 15. Oktober 2013

Perspektiven religiöser Bildung in einem zusammenwachsenden Europa



Peter Schreiner: Religion im Kontext einer Europäisierung von Bildung. Eine Rekonstruktion europäischer Diskurse und Entwicklungen aus protestantischer Perspektive.
Religious Diversity and Education in Europe
,
Vol. 22. Münster u.a.: Waxmann 2012, 402 S.      
(zugleich Dissertation Universitäten Erlangen-Nürnberg        
und Vrije Universiteit Amsterdam 2012)
--- ISBN 978-3-8309-2801-0 ---
Rezension von Prof. Dr. Martin Schreiner (Universität Hildesheim),
zuerst erschienen in:

Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 12 (2013), H.1, 187-279

im Rahmen einer umfassenden Sammelrezension:

Von „Globalisierte Religion“ über „Empathische Bibeldidaktik“ bis zum „Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen“– Beachtenswerte Neuerscheinungen für die religionspädagogische Handbibliothek.
Die jeweiligen Schwerpunkte der hier ausgewählten Besprechung sind redaktionell durch Fettschreibung hervorgehoben!
Die Gesamtbesprechung kann eingesehen werden unter:      
http://www.theo-web.de/zeitschrift/ausgabe-2013-01/15.pdf

Der Rezensent betont insgesamt die Wichtigkeit dieser vorgelegten Situationsanalyse und beginnt mit der klar konturierten Zielrichtung, die Peter Schreiner in seiner Einleitung formuliert und damit zugleich den europäischen Bildungshorizont unter religiöser Fokussierung anspricht:
„>In der Studie wird die Bedeutung von Religion im Kontext einer Europäisierung von Bildung untersucht. Ein Ausgangspunkt ist dabei, dass europäische Prozesse in vielfältiger Weise auf nationale Bildungs- und Ausbildungssysteme einwirken (Europäisierung von Bildung) und dass die europäischen Institutionen, der Europarat und die Europäische Union, zentrale Akteure in der Veranlassung und der Entwicklung dieser Prozesse sind. Ihre Positionen und ihre inhaltlichen Konzepte materialisieren sich dabei in zahlreichen politischen Dokumenten, die bislang im Rahmen der Forschung noch nicht hinreichend beachtet und untersucht wurden. Es werden für die Studie solche Dokumente herangezogen, in denen sich ein Zusammenhang von  Religion und Bildung vermuten lässt. Unter Verwendung eines hypothesengenerierenden qualitativen methodischen  Verfahrens werden die ausgewählten Dokumente analysiert. Ergebnisse der Analyse werden, orientiert an den zentralen Kategorien ‚Religion‘ und ‚Bildung‘, zusammenfassend dargestellt und von einer protestantischen Perspektive aus diskutiert. Die Studie wird mit einem Resümee und mit Anregungen zur Weiterentwicklung der Forschung sowie für Bildungspolitik und eine weitergehende Europäisierung evangelischer Bildungsverantwortung abgeschlossen< (11).
Für die Untersuchung von möglichen Beziehungen zwischen Religion im Kontext einer Europäisierung von Bildung sind für den Verfasser folgende Fragen leitend: >Inwieweit wird Religion im Kontext einer Europäisierung von Bildung thematisiert? Welche Konzepte, Vorstellungen, Bilder und Stereotypen von Bildung und Religion finden sich im Rahmen einer Europäisierung von Bildung? Das Ziel (TheoWeb S. 194) der Studie besteht in der Rekonstruktion von Konzepten von Religion und Bildung anhand ausgewählter Dokumente des Europarates und der Europäischen Union. Es soll analysiert werden, ob und mit welcher Zielsetzung Religion im Rahmen einer Europäisierung von Bildung thematisiert wird. Es wird danach gefragt, welche Merkmale die verwendeten Konzepte von Bildung und Religion aufweisen und welchen Stellenwert ihnen  beigemessen wird. Ergebnisse der  Inhaltsanalyse werden von einer protestantischen Perspektive her diskutiert. Anregungspotenzial wird erwartet für eine bildungspolitische Verortung der Evangelischen Kirche in Deutschland, anderer nationaler Kirchen wie auch für die Zusammenschlüsse christlicher Kirchen in Europa, deren Beitrag im Rahmen europäischer Diskurse zu Religion und Bildung gefordert ist< (21).
Die Untersuchung ist wie folgt aufgebaut: >In Kapitel zwei werden theoretische Grundlegungen formuliert, die einen Zusammenhang von Europa, Bildung und Religion herstellen. Dazu werden zunächst wesentliche Bestimmungsfelder für die Beziehung von Bildung und europäischer Integration rekonstruiert (2.1) Die Geschichte der europäischen Integration wird zusammenfassend dargestellt mit einem besonderen Fokus auf der schrittweisen Bedeutungszunahme von Bildung im Rahmen der Entwicklung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaften zur heutigen werteorientierten Europäischen Union. Als Ergebnis der Sichtung vorliegender Darstellungen werden drei Phasen unterschieden:
(1) Vorgeschichte und beginnende Kooperation im  Bildungsbereich    
(2) Neue Rechtsgrundlage mit dem Vertrag von Maastricht (ab 1993) 
(3) Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung in eine übergreifende politische und ökonomische  Strategie (ab der 2000 verabschiedeten Lissabon-Strategie).
Religion hat sich zu einer Dimension und zugleich zu einer Herausforderung im Rahmen des Diskurses um gemeinsame Werte in Europa entwickelt. Dies begründet sich in einem erneuerten öffentlichen Interesse an Religion und sich dadurch verändernden Wahrnehmungen auch im Rahmen der europäischen politischen Institutionen (vgl. Kap. 2.2). Im wissenschaftlichen Diskurs sind vermeintliche Sicherheiten im Umgang mit Religion fraglich geworden, und es haben sich neue Forschungsperspektiven entwickelt. Kapitel drei stellt Methode und Prozess der Durchführung vor. Das zentrale Kapitel vier enthält die Analysen und Rekonstruktionen der ausgewählten Dokumente des Europarates und der Europäischen Union und einen Exkurs zu einigen ausgewählten Dokumenten europäischer kirchlicher Zusammenschlüsse, die sich auf konkrete Entwicklungen der europäischen Integration beziehen lassen. Die Ergebnisse der Analyse werden anschließend in Kapitel fünf zusammenfassend anhand der zentralen Kategorien Religion und Bildung im Spannungsfeld nationaler und europäischer Kontexte sowie den auf der  Grundlage der Untersuchung entwickelten Subkategorien diskutiert (Kapitel 5.1). Dazu wird eine protestantischen Perspektive als Spiegel und Reflexionsbrille verwendet (Kapitel 5.2), einerseits aufgrund des Erkenntnisinteresses des Autors, zum anderen aufgrund der Einsicht, dass sich Religion nicht abstrakt manifestiert, sondern in Form bestimmter historisch entwickelter Konfessionen und kontextueller Perspektiven darstellt, die zu benennen sind, wenn es um eine nachvollziehbare, valide Analyse geht. Abschließend wird ein Resümee gezogen, die Studie forschungsmethodisch reflektiert und Anregungen sowohl für die Weiterentwicklung der Forschung als auch für Bildungspolitik und die Europäisierung evangelischer Bildungsverantwortung gegeben (Kapitel 5.3)< (21f).

Spannend liest sich unter anderem auch die Zusammenfassung der Ergebnisse:
>Ein erstes Ergebnis ist der Unterschied, wie die Beziehungen von Religion und Bildung in den Dokumenten des Europarates und der Europäischen Union überhaupt thematisiert werden. Während diese Beziehungen in den Europaratsdokumenten  explizit (TheoWeb195) thematisiert und diskutiert werden, findet sich dieser Zusammenhang in Dokumenten der Europäischen Union nur in indirekter Weise. Religion: In den Dokumenten des Europarates lassen sich analytisch drei Perspektiven von Religion unterscheiden:
Religion als Privatsache, Religion in kollektiver und organisierter Form und Religion als kulturelles Faktum. In diachronischer Perspektive lässt sich analytisch nachweisen, dass Religion als Privatsache eine durchgängig in den Dokumenten verwendete und etablierte Perspektive darstellt; es kommt hinzu, dass die organisierte Religion im Laufe der letzten Jahre zunehmend positiv wahrgenommen wird. Grundlage dieser Aussage ist ein Vergleich vorliegender Konzepte in Dokumenten, die zwischen 1993 und 2011 entstanden sind. Die Übereinkunft, Religion zumindest als kulturelles Faktum zu betrachten, findet sich als Minimalkonsens in aktuellen Dokumenten des Europarates. Religion: In den Dokumenten der Europäischen Union lässt sich kein explizites Konzept von Religion finden, die EU respektiert jedoch den rechtlichen Status der Kirchen und Religionsgemeinschaften und die bestehenden Beziehungen von Staat und Kirche in den Mitgliedstaaten. Die EU organisiert auch einen regelmäßigen Dialog mit den Kirchen und  Religionsgemeinschaften. Bildung: Im Rahmen des Europarates wird Bildung hoch gewichtet und positiv als ‚Problemlösung‘ verstanden. Allerdings lässt sich in den analysierten Dokumenten keine weitergehende, differenzierte Auseinandersetzung mit dem Konzept Bildung finden. Im Kontext der EU wird Bildung zunehmend europäisiert, ihr wird eine spezifische Rolle und Funktion zugesprochen im Blick auf Wirtschafts- und Wachstumsinteressen. Lebenslanges Lernen wurde als übergreifendes Prinzip für die Entwicklung der EU zu einer zukunftsfähigen Wissensgesellschaft etabliert, das zugleich zum Bewusstseins einer europäischen Bürgerschaft beitragen soll, die auf Verständigung, dem Respekt für Menschenrechte und Demokratie ebenso beruht wie auf der Förderung von Toleranz und Respekt für andere Völker und Kulturen. Religion und religiöse Bildung: Ein expliziter Zusammenhang von Bildung und Religion wird in den  Dokumenten des Europarates thematisiert. Dabei wird die Position eines ‚teaching about religions‘ präferiert, die in der Vermittlung von Wissen den Zweck religiöser Bildung erfüllt sieht. Die Vielfalt bestehender Konzepte eines Religionsunterrichts in den Schulen Europas und damit verbundene Erfahrungen werden nicht aufgenommen und diskutiert. Bildung und Religion werden im Rahmen der EU nicht explizit thematisiert, allerdings spielt der Zusammenhang eine Rolle im intensiver werdenden Dialog mit Kirchen und Religionsgemeinschaften. Zusammenfassend lassen sich im europäischen Kontext zwei Tendenzen in der Beurteilung von Religion erkennen. Zum einen werden die Religionsgemeinschaften zunehmend zu wertvollen Partnern der Politik bei der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft, sofern sie sich an vorgegebene Rahmenbedingungen halten. Zum anderen wird das Geflecht zwischen Religion, Demokratie und Gesellschaft als facettenreich charakterisiert. Das zeigt eine knappe Auflistung der Ausdifferenzierungen in der europäischen Semantik, die im Rahmen der Analyse aufgewiesen werden konnten: Religion schwindet, nimmt jedoch gesellschaftlich an Bedeutung zu; Religion ist Privatsache, aber eine öffentlich bedeutsame Angelegenheit; Religion ist ein kulturelles Faktum, aber für Gläubige bedeutet Religion weitaus mehr< (340f).
Die Diskussion der Ergebnisse erfolgt im Rahmen dieser Studie aus einer protestantischen Perspektive und kann in drei Punkten zusammengefasst werden:
>1.  Aus einer protestantischen Perspektive kann der Position einer Privatisierung von Religion und einer Marginalisierung von  Religion in der Öffentlichkeit nicht zugestimmt werden. Die Forderung geht vielmehr in Richtung einer stärker differenzierten Wahrnehmung (TheoWeb S. 196) von Religion, die Raum und Möglichkeiten zulässt für  Kirchen und religiöse Gemeinschaften wie auch für gemeinsame  Projekte und Aktionen zwischen Staat und den Religionsgemeinschaften. Auf diese Weise kann auch einer Instrumentalisierung der Religionsgemeinschaften für politische Interessen vorgebeugt werden.     
2. Aus einer protestantischen Perspektive bedeutet Bildung mehr als die Förderung von Arbeitsmarktfähigkeit, Flexibilität und Mobilität. Orientiert an Maßen des Menschlichen wird ein ganzheitliches, multidimensionales Verständnis von Bildung vertreten, das sich komplementär versteht  gegenüber einem  Bildungsverständnis, das  Fähigkeiten und Wissen zu Arbeitsmarktfähigkeit ins Zentrum stellt.
3.  Schließlich lässt sich aus protestantischer Perspektive fordern, dass die Beziehung zwischen Religion und  Bildung nicht auf einen Wissensaspekt, auf ein ‚teaching about religion‘ beschränkt wird. Die Vermittlung von Wissen sollte ergänzt werden durch die Beschäftigung mit anderen Aspekten von Religion, um ein Konzept einer religiösen Kompetenz zu fördern, das sich nicht auf die Vermittlung von Information und Wissen beschränkt, sondern ebenso Fähigkeiten, Einstellungen und  volitionale  Elemente umfasst, um mit der eigenen  Religion wie  mit der Religion des  anderen in vielfältiger Weise umgehen zu können< (342).
Abschließend leitet der Autor vier Perspektiven ab:
>1.  Für den Bereich der Forschung lässt sich festhalten, dass europäische Entwicklungen im Bereich Religion und Bildung aktiver wahrgenommen werden sollten. Die von der EU geförderte Programmatik im Dreieck von Forschung – Innovation – Bildung wird in den einzelnen Disziplinen und interdisziplinär noch wenig aufgenommen. Allerdings bedarf es auch geeigneter europäischer Projektlinien, um Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu ermöglichen und zu unterstützen.     
2.  Das Konzept einer vertikalen und horizontalen Europäisierung sollte als Forschungsperspektive und analytisches Werkzeug, als leitendes Paradigma im interdisziplinären Diskurs, weiterentwickelt werden, u.a. in Relation zu anderen Prozessen der Globalisierung und zu Ansätzen einer kosmopolitischen Orientierung.
3.  Der Dialog zwischen den Kirchen und Religionsgemeinschaften und den europäischen Institutionen sollte intensiviert werden. Ziel wäre dabei, zu einer zunehmenden Differenzierung im Religionsverständnis beizutragen und gemeinsame Herausforderungen zu identifizieren, die gemeinsam bearbeitet werden können.
4.  Die Position des Protestantismus zu Bildung und Gesellschaft, aber auch zum Verhältnis von Religion und Öffentlichkeit und zur Funktion von Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Zivilgesellschaft, sollte aktiver in den europäischen Diskurs eingebracht werden. Dazu kann eine intensivere Zusammenarbeit im Rahmen der KEK und der GEKE im Blick auf ihre Bildungsinitiativen beitragen< (343).“


Martin Schreiner
Rz-Schreiner-Europa, 15.10.13

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