Donnerstag, 12. März 2015

1. Grundbegriffe aus Christentum und Islam ----------------- 2. Handbuch Christentum und Islam in Deutschland ------ 3. Handbuch Christlich-Islamischer Dialog



Richard Heinzmann in Zusammenarbeit mit Peter Antes, Martin Thurner, Mualla Selçuk und Halis Albayrak (Hg.: im Auftrag der Eugen-Biser-Stiftung): 
Lexikon des Dialogs. Grundbegriffe aus Christentum und Islam. 
--- Band 1: Abendmahl – Kult
--- Band 2: Kultur – Zwölferschiiten.
Freiburg u.a.: Herder 2013, 851 S., Indices 

(türkische und englische Ausgaben in Vorbereitung).
 --- ISBN 978-3-451-30684-6 ---
Kurzbesprechung: hier

Ausführliche Beschreibung
Imgrunde hat fast jeder renommierte Fachverlag die Islam-Thematik aufgenommen und nicht selten auch ein Islam-Lexikon im Programm (gehabt). Oft jedoch waren es (christliche) Islamwissenschaftler, die die Herausgabe wesentlich steuerten. Auch der Herder-Verlag brachte schon 1991 ein dreibändiges Islam-Lexikon als Herder Spektrum 4036 heraus – mit Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann und Peter Heine. Wenn es viele Angebote ähnlicher Richtung auf dem Markt gibt, fragt sich der Interessierte natürlich: Was zeichnet dieses neue Lexikon gegenüber anderen aus? Die Durchsicht zeigt ein Nachschlagewerk, das islamisches und christliches Verständnis des jeweiligen Grundbegriffs bzw. Namens gegenüberstellend beschreibt. Die Eugen-Biser-Stiftungin München und die Islamisch-Theologische Fakultät der Universität Ankara haben gemeinsam dieses Lexikon erarbeitet und zugleich die jeweilige Begrifflichkeit auch noch in türkischer Sprache erläutert. Mit über 100 Wissenschaftlern und über 300 Artikeln ist hier tatsächlich ein Mammutwerk entstanden, das es so bisher auf dem deutschsprachigen Markt nicht gibt.
Den Leitgedanken des Lexikons hat der Vorsitzende der Eugen-Biser-Stiftung, der christliche Philosoph Richard Heinzmann, klar auf den Punkt gebracht: „Es [das Lexikon] ist von dem Leitgedanken geprägt, Christen und Muslimen vertiefte Kenntnisse über die jeweils andere Religion zu vermitteln, ebenso allen an der Begegnung dieser Kulturen beteiligten Menschen Grundlagen für das Gespräch und damit für das friedliche Zusammenleben und das gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenwirken eine Voraussetzung zu bieten“ (S. 7). So kann Vertrauen entstehen, wenn angesichts sorgfältiger Überprüfung der Begrifflichkeit sich zum Teil hartnäckig haltende Vorurteile langsam aufzulösen beginnen.
Nun erhebt sich allerdings die Frage, ob dieses dialogisch ausgerichtete Begriffslexikon einen allgemeinen (Minimal-)Konsens im Christentum und Islam widerspiegelt, also konservative und liberalere Positionen vereint., Oder gibt es hier eine Art „Achtergewicht“? Schaut man zuerst die Liste der Autoren durch, so vermisst man Theologinnen bei den christlichen Beiträgen völlig, auf islamischer Seite lassen sich wenigstens vier Professorinnen entdecken. Man muss natürlich auch bedenken, dass die Beiträge der hier vertretenen islamischen Theologen logischerweise die türkische Provenienz widerspiegeln. Das muss kein Schade sein, auch wenn es hier nicht um ein deutsch-türkisches, sondern christlich-islamisches Werk geht.
Was die Auswahl der christlichen Autoren betrifft sind die verschiedenen Disziplinen von der Exegese über die Dogmatik bis zur Praktischen Theologie und die Religionswissenschaft in konfessioneller und interreligiöser Offenheit vertreten (wenn auch mit leicht katholischem Übergewicht). Auf der islamischen Seite dominieren natürlich Forscherinnen und Forscher aus dem Umfeld der als theologisch recht offen geltenden Theologischen Fakultät Ankara bzw. Wissenschaftler, die z.T. von der „Ankara-Schule“ geprägt sind und nun an anderen Universitäten der Türkei lehren. Man kann erahnen, dass aufgrund des dialogischen Bemühens manche Begriffe beim „Schliff“ durch die Diskussionen gewisse Kompromisse beinhalten und damit an Zuspitzung verloren haben. Auch gibt es natürlich nicht immer Entsprechungen in der anderen Religion, so dass eine Reihe von Begriffen nur für eine Religion erläutert werden (können). Es lohnt darum umso mehr, einige der „Reiz-Termini“ Religionen übergreifend genauer anzuschauen, z.B. die Artikel Dschihad, Frau, Märtyrer, Polygamie, Islamophobie, Krieg. Dazu gehören auch mehrere Beiträge zu den verschiedenen Rechtsbegrifflichkeiten, aber etwa auch Apostasie, Konversion, Menschenrechte und Religionsfreiheit. Auffällig ist, dass sich kein spezieller Artikel zur Gender-Problematik finden lässt und beispielsweise die Reconquista nur nebenher unter Antijudaismus und Antisemitismus behandelt wird. Weniger aufregend sind die unterschiedlichen religiösen Konnotationen derselben Wörter wie z.B. Dogmatik/Dogmen, Stiftung oder Opfer.
Es lässt sich eben nicht alles bei diesem 7 Jahre dauernden Mammut-Projekt dialogisch verorten. Es ist schon ein erstaunliches Phänomen, dass sich Wissenschaftler aus der christlichen und der islamischen Theologie einem intensiven Diskurs-Prozess aussetzten, so dass nun mit der Zustimmung aller Beteiligten wirklich ein gemeinsames Werk vorliegt. Darum muss im Blick auf die vielen theologischen Streitpunkte zwischen Christentum und Islam auch anerkennend festgehalten werden, wie viele Fortschritte schon in diesem Lexikon realisiert wurden. Das ist vielleicht am deutlichsten am islamischen Artikel zu Trinität erkennbar. Natürlich wären auch Artikel zu Inkarnation und Kreuz aus muslimischer Sicht ausgesprochen spannend geworden … 
Dieses Lexikon hat nun gar nicht den Anspruch für alle theologischen, gesellschaftlichen und kulturellen Probleme im Horizont von Islam und Christentum Lösungswege zu bieten, aber es ist ein beeindruckender „Etappensieg“ kompetenter und nachhaltiger Verständigung. Spannend dürfte es werden, wenn sich eine Erweiterung dieses Projekts auf islamische Theologen der arabischen oder gar iranisch-schiitischen Welt abzeichnen würde. Da sind gewiss noch viele Steine beiseite zu räumen. Immerhin, die Herausgeber aus beiden Religionen können sich neben dem bewundernswerten dialogischen Erfolg eines solch immensen Grundlagenwerks zugutehalten, dass sich die Politik bei der Erstellung des Lexikons in keiner Weise eingemischt hat. 

Unabhängig davon, wie diese Grundlagenarbeit weitergehen wird, für Forscher/innen und Interessierte ist hier bereits eine wissenschaftlich definitorische Standortbestimmung zwischen Christentum und Islam erreicht worden, hinter die niemand mehr ehrlichen Gewissens zurück kann! Insofern sei den Förderern, Herausgebern, dem großen Autorenteam und auch dem Herder-Verlag ausdrücklich gedankt.
Reinhard Kirste 

ERGÄNZUNGEN UND FOKUSSIERUNG
AUF DEN CHRISTLICH-ISLAMISCHEN DIALOG


2. Handbuch Christentum und Islam in Deutschland.
Grundlagen, Erfahrungen und Perspektiven des Zusammenlebens 
Herausgeber: Mathias Rohe / Havva Engin / Mouhanad Khorchide /
Ömer Özsoy / Hansjörg Schmid.
Freiburg u.a.: Herder 2014, 2 Bände, 1300 S.
3.  Handbuch Christlich-Islamischer Dialog.
Grundlagen - Themen - Praxis - Akteure
Schriftenreihe der Georges-Anawati-Stiftung, Band 12.
Freiburg u.a.: Herder 2014, 496 S.
Herausgeber: Volker Meißner / Martin Affolderbach / Hamideh Mohagheghi / Andreas Renz

 Rz-Islam-Lexikon-Dialog, 16.11.13, aktualisiert 29.11.2014 und 08.03.2015

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