Montag, 3. April 2017

Bilderverehrung, Bilderstreit und Bilderverbot

Friedhelm Hartenstein / Michael Moxter:
Hermeneutik des Bilderverbots.       
Exegetische und systematisch-theologische Annäherungen.
Forum Theologische Literaturzeitung, 26     
Leipzig: EVA 2016, 357 S., Abb. -- ISBN 978-3-374-03060-6 --

Angesichts strikter Bilderverbote im Judentum und Im Islam sind die christlichen Zugänge zum Bild von Anfang an vielfältiger. Besonders spannend wird es jedoch, wenn sich die Frage nach dem Bild angesichts des Heiligen und Göttlichen stellt. Der vorliegende Band ist aus der Zusammenarbeit eines Alttestamentlers und eines Systematikers an der Universität Hamburg entstanden. Der Exeget und Religionsgeschichtler Friedhelm Hartenstein (seit 2010 an der Universität München) und der Dogmatiker Michael Moxter „dialogisieren“ gewissermaßen die vielfältigen Facetten der Bildthematik im Kontext von Judentum und Christentum. Vergegenwärtigung Gottes und des Göttlichen im Bild und  in der Kult-Symbolik sind schwierige Annäherungsversuche an das Transzendente.

Die grundlegende Spannung zwischen Bilderverehrung und Bilderverbot muss die Variationsbreite der Thematik  im Alten Orient berücksichtigen. So beginnt das Buch auch mit den Fragen zum Kult um (anthropomorphe) Götterbilder und Symbole des Alten Orients.
Unter Bezug auf den Dekalog spielt Hartenstein diese Ikonografie-Geschichte an der jüdischen Bilderkritik durch, besonders seit dem 5. Jahrhundert v. Chr.
Er verfolgt exegetisch-hermeneutische Konsequenzen an ausgewählten Texten sowohl der hebräischen Bibel wie des Neuen Testaments und kann damit auch den (langwierigen) Weg vom Henotheismus zu einem strengen Monotheismus verdeutlichen. Der Systematiker Moxter dagegen geht von Bildern der Macht und bildlichen Herrschafts-Präsentationen aus, um den Sinn des Bilderverbots an der Verborgenheit Gottes zu betonen. Er verfolgt bilderkritische Tendenzen bis in gegenwärtige philosophische Theorien.



Beide Autoren weiten immer wieder den Blick auf das kulturelle Umfeld. Hartenstein zieht dazu viele Belege aus den Quellen des Alten Orients und dem alten Israel heran. Moxter versucht die komplexen Zusammenhänge von Bildverständnis und Bildkritik unter Einbeziehung veränderter politischer und geistesgeschichtlicher Umstände aufzuhellen. Der Systematiker verfolgt dabei eine Linie, die bei der Kritik der Vorsokratiker beginnt und bis hin zur Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie der Gegenwart führt. Wichtige Markierungspunkte zu einem umfassenden Verständnis sind dabei die moderate Haltung Luthers zu den Bildern und Kants Verständnis des Bilderverbots. Schließlich kommt es bei Theodor Adorno und Max Horkheimer zu einem Bilderverbot, das jüdische Perspektiven gegenüber dem Christentum aufnimmt: „Das Bilderverbot ist insofern ein wesentliches Paradigma, unter dem die Gehalte der Religion philosophisch rekonstruiert werden können. Hermeneutisch bemerkenswert ist, dass das Bilderverbot in dieser Perspektive wesentlich als Verbot eines Rückfalls, einer Regression, rezipiert wird. Die Regression zu den falschen Göttern, die ein Heil nur vorgaukeln und damit der Stabilisierung von Entfremdung zuarbeiten, erscheint als das, was unbedingt vermieden werden muss“ (Moxter, S. 308). Hier zeigt sich ein erstaunlicher Brückenschlag in die Religionsgeschichte des sich entwickelnden monotheistischen Gottesbegriffs, und zwar einerseits im Sinne einer kontrastreichen Korrelation und zum anderen im Sinne einer „bilderkritischen Bildlichkeit“. Diese sollte sowohl für die Hebräische Bibel wie für das Neue Testament gelten: „Auch in der Perspektive einer Theologie der einen, zweiteiligen christlichen Bibel … muss auf die komplexen Relationen zwischen Bilderverbot, Bildlosigkeit und Gottebenbildlichkeit geachtet werden. Auch vor diesem Hintergrund zeichnet sich eine kritische Theologie des (lebendigen) Bildes ab. Sie wird durch eine Hermeneutik des Bilderverbots ermöglicht und begleitet“ (S. 181f).
Nach Abschaffung der vielen polytheistischen Bilder ägyptischer, griechischer und römischer Götter bleibt im Christentum als Staatsreligion seit dem 4. Jahrhundert ein (Macht-)Bild erhalten - das des Christus Pantokrator (S. 190f). Man bedenke: Eine sich zuspitzende Bilderkritik im Sinne eines Verbots bedeutet auch immer die Zurückweisung machtvoller Zugriffe. Davon zeugt im Mittelalter besonders die  sog. Negativen Theologie mit ihrer Nähe zum Neuplatonismus. Darauf hat besonders Emmanuel Levinas hingewiesen (S. 236). Nun kommt allerdings im christlichen Kult neben der Bildkritik auch eine kreative Bildvergegenwärtigung  ins Spiel, und zwar sakramental durch die Präsenz Christi im Abendmahl. Moxter bringt es auf den Punkt: „Es wundert daher nicht, dass theologische Begründungen des Ikonoklasmus darauf insistierten, allein Brot und Wein könnten als wahres Bild Christi gelten, nicht aber Ikonen“  … (S. 284).
Aktueller Ausblick: Kunst, Philosophie, Kulturwissenschaft und Theologie sind angesichts gerade säkularer Ikonen und einer unübersehbaren Bilderflut herausgefordert, den Umgang mit dem Bild neu zu durchdenken. Von daher bekommt sowohl das jüdische wie das islamische Bilderverbot ein neues Gewicht. Es zeigt nämlich an, dass offensichtlich auch in der Vergegenwärtigung der Bilder Machtzuschreibungen liegen. „Die virtuose ikonische Inszenierung, z.B. von Bildzerstörungen in Syrien und im Irak durch den sog. „Islamischen Staat“ zeigt ja auf ihre Weise, dass die mediale Bildermacht (…) einen Nerv unserer eigenen, in rasantem Wandel begriffenen Bilderkultur trifft“ (S. 350). Dies alles nötigt zu archäologischen und religionsgeschichtlichen Rückfragen, zum einen im Blick auf das Alte Israel. Der Zusammenhang von Monotheismus und Bilderverbot ist im Dekalog gewissermaßen gegründet. Aber nicht die Unsichtbarkeit Gottes ist das Hauptthema, sondern das Festhalten an seiner „Verborgenheit, auch im Zusammenhang der Offenbarung“ (S. 355).  
Insgesamt sind die Bilder Transformationsversuche, die in der christlichen (Kunst-)Geschichte im Zusammenhang der Christologie entstehen. Sie brachten „Ausschläge“ zwischen facettenreicher Affirmation der Bildlichkeit und gewaltsamen Bildersturm mit sich. Die Autoren erinnern an die Bedeutung der Ikonenverehrung im Byzantinischen Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts und an die Auseinandersetzungen innerhalb der Reformation. So wird eine heutige Hermeneutik des Bilderverbots wichtig, um die rechte Unterscheidung bei der Bild-Begegnung mit dem Nicht-Aussagbaren, dem Geheimnisvollen und Faszinierenden  zu ermöglichen. Denn die Bilderflut der heutigen Medien macht ihren eigenen problematischen Umgang mit „dem Bild“ deutlich.  und fordert zu einer erneuerten Kunstlehre des Verstehens heraus (Schleiermacher).
Von daher ist es zu begrüßen, dass die beiden Autoren bei ihrer „archäologischen Spurensuche“ die perspektivische Vielfalt des Umgangs mit den Bildern bis hin zu gegenwärtigen Konsequenzen bedacht haben. Ob es dabei zu einer “Hermeneutik des Bilderverbots“ oder eher zu einer Hermeneutik als erneuerter Kunstlehre des Verstehens im Sinne Schleiermachers kommen sollte, mag vorläufig offen bleiben.

Ergänzende Hinweise
Reinhard Kirste 

Rz-Hartenstein-Bilderverbot, 31.08.16, bearb. 03.04.2017  

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