Montag, 20. Januar 2014

Interreligiöse Beziehungen verstehen und vertiefen



David Cheetham / Douglas Pratt / David Thomas (eds.):
Understanding Interreligious Relations.

Oxford (UK) / New York (USA): Oxford University Press 2013, 464 p., ausführlicher Index
--- ISBN 978-0-19-964585-5 ---

 Kurz-Rezension: hier

Ausführliche Beschreibung
Drei im interreligiösen Dialog engagierte Wissenschaftler haben diesen Band herausgegeben: David Cheetham und David Thomas von der Universität Birmingham und der neuseeländische Religionswissenschaftler Douglas Pratt, zur Zeit an der Universität Bern. Sie verstehen ihre Zusammenarbeit mit den anderen Forschern als Orientierungsarbeit angesichts der Begegnung von Religionen auf unterschiedlichen Ebenen. Sie betonen in ihrer gemeinsamen Einleitung, dass es um die Interaktion von religiösen Gemeinschaften in Geschichte und Gegenwart, um interreligiöses Engagement und um die wissenschaftliche-interdisziplinäre Aufarbeitung der damit zusammenhängenden Phänomene und Probleme geht.


Die Leitfrage ist im Grunde, wie Religionen sich selbst und im Kontext der anderen in einer globalisierten und religiös-pluralen Welt wahrnehmen. Zugleich zeigt sich eine sinnvolle Differenzierung bei der Begegnung mit anderen Religionen. Die Herausforderung durch die „anderen“ hat auch einen inneren Dialog zur Folge, also intra-religiös ist es notwendig, sich im Spiegel der anderen Glaubenstraditionen verändert zu definieren.
Das Buch teilt sich in zwei Teile, einen ersten grundsätzlichen (7 Beiträge), in dem von einer bzw. der (überwiegend christlichen) eigenen Religion der Blick insgesamt geweitet wird. Dem folgen im zweiten Teil 11 Themen und Diskussionspunkte im Kontext interreligiöser Beziehungen.
Teil I: Religion and the Religious Other   
Der Mitherausgeber David Cheetham spricht mehr religionswissenschaftlich und religionsphilosophisch die Frage des religiös Anderen an. Er bezieht sich auf einige Theologen und Philosophen, die eine dialogische Sichtweise in ihrem Denken vertreten. Dies führen z.B. recht unterschiedlich Peter Ochs, Gavin D’Costa, Paul Knitter, John Hick, Emmanuel Levinas und Karl Jaspers vor. Jefferey D. Long (Elizabethtown College, Pennsylvania, USA) diskutiert ähnlich im Kontext von „Hinduism and the Religious Other“. Er beginnt mit der schwer zu beurteilenden Indus-Tal-Zivilisation und kommt über die frühe vedische Periode zum Buddhismus und Jainismus. Dann spielt er die Begegnungserfahrungen des Islam, des Sikhismus und des Christentums mit dem Hinduismus ein. Insgesamt scheinen sich heutige hinduistische Beziehungen zwischen einem (extremen) exklusivistischen Nationalismus und einem inklusivistischen Universalismus zu bewegen. Auch das Judentum kommt über einen inklusivistischen Ansatz nicht hinaus, weil es den Nächsten letztlich doch im eigenen Volk sieht. 
Bei seinem Durchgang durch die Geschichte, betont Ed Kessler (Universität Cambridge, UK), dass Maimonides als erster die positiven monotheistischen Wirkungen von Jesus und Mohammed in den Blick nimmt. Aufklärung und Moderne ermöglichen zwar die „Juden-Emanzipation“, aber zugleich zeigt sich ein wachsender Antisemitismus, der schließlich im Holocaust gipfelt. Zu den neueren Belastungselementen eines dialogisch offenen jüdischen Verständnisses gehört natürlich der Palästinakonflikt, aber „the Jewish reaquaintanenance with the religious <other>“ (S. 86) öffnet die Türen zu einem ehrlichen Dialog.  
Elizabeth J. Harris (Universität Liverpool) versetzt sich in buddhistisches Denken, indem sie sich auf die Lehren des historischen Buddha bezieht und die Beziehungen zu den „Anderen“ ein Stück weit in die indische Geschichte hinein verfolgt, besonders im Blick auf Kaiser Ashoka. Schließlich spricht sie noch die Verbreitung des Buddhismus in Sri Lanka, im Indus-Tal, Tibet, Mongolei und China und Burma an. Hier kommen die schon bald einsetzenden Begegnungen und Auseinandersetzungen mit dem expandierenden Islam sowie dem missionarischen Christentum in den verschiedenen Epochen zur Sprache. Die aktuelle offene Dialogsituation stellt die Autorin noch am Dalai Lama XIV., an Thich Nhat Hanh und Rita Gross vor. Anschließend nimmt sie aktuelle Tendenzen des Engagierten Buddhismus, die Gender-Problematik im Buddhismus und das Konfliktfeld >Konversion< auf. 
Vom Christentum her stützt sich Perry Schmidt-Leukel (Universität Münster) auf die durchaus differierenden biblischen Aussagen, die er dann in der Kirchengeschichte weiter verfolgt. So werden die zuerst innerchristlichen Konflikte im Blick auf den „Anderen“ thematisiert. Im Weiteren stehen die christlich-islamischen und christlich-buddhistischen Beziehungen im Fokus. Systematisiert wird das Ganze unter den christlichen Zugangsweisen zu anderen Religionen, nämlich unter exklusivistischen, inklusivistischen und schließlich unter pluralistischen Vorzeichen. Der Autor favorisiert im Gefolge von W.C. Smith eine (christlich)-pluralistische Theologie der Religionen. Die Zusammenhänge koranisch-islamischen Verständnisses zu anderen religiösen Traditionen beleuchtet David Thomas (Brimingham). Er gibt einen geschichtlichen Überblick bis in die Gegenwart und hebt für die heutige Zeit besonders die religionsökumenische Offenheit von Ismail Raji al-Faruqi, Mohammed Arkoun und von Mahmoud Ayoub hervor. Es sind Wissenschaftler, die von bisherigen konservativen Traditionen abweichen.
Teil II: Themes and Issues in Interreligious Relations
Dieser Teil des umfassenden Werks fokussiert einzelne Themenschwerpunkte, die interreligiös prägen, bzw. belasten oder zu „Kursänderungen“ herausfordern. Andrew Wingate (Leicester) spricht den „Knackpunkt“ Konversion innerhalb des eigenen Glaubensverständnisses und den Übertritt von der einen zur anderen Religion an. Die Frage ist, ob die Konversion zu einer anderen Religion ein (einmaliges) Ereignis oder ein auch länger andauernder Entwicklungsprozess ist. Er spielt diese Überlegungen an einigen biografischen Beispielen durch. Eine weitere Frage bleibt hier offen, nämlich: Ist Konversion eine individuelle oder gemeinschaftliche Angelegenheit oder beides zugleich? Hier greifen offensichtlich religiös/theologische, kulturell/soziale, persönlich/psychologische und politisch/ökonomische/institutionelle Faktoren ineinander, die eine (rituelle) Verhaltensänderung zur Folge haben. Konversion kann durchaus (nur) eine partielle Assimilation an eine andere Glaubensweise bedeuten. Von daher sollte „Proselytenmacherei“ von den großen Weltreligionen vermieden werden, gerade dann, wenn davon auszugehen ist, dass keine Religion das Monopol auf den Weg zum Heil hat. 
Marianne Moyaert (Freie Universität Amsterdam) lässt die Geschichte des interreligiösen Dialogs Revue passieren, hebt als Wegmarke das Weltparlament der Religionen von 1893 in Chicago hervor, um dann die Folgen innerhalb der ökumenischen Bewegung und seit dem 2. Vatikanischen Konzil zu bedenken. Dann geht sie den Typen des Dialogs nach – mit stärkerer Betonung der Ethik bzw. der Suche nach Wahrheit. Insgesamt zeigt sich die interreligiöse Dynamik in der Spannung von Offenheit und Identitätssicherung, die durch interreligiöse Begegnung immer wieder herausgefordert wird. Da es dabei um ein Verstehen geht, das sich nicht über den anderen stellt, erlaubt der hermeneutische Zugang keine Vereinnahmungstendenz. Peter C. Phan (Georgetown Universität Washington) und Jonathan Y. Tan (Kath. Universität Sydney) diskutieren interreligiöse Beziehungen unter den Gesichtspunkten von Majorität und Minorität. Dialog sieht wesentlich anders aus, wenn eine der Religionen in der Minderheit oder gar unter dem Druck der Mehrheitsreligion steht. Christliche Beispiele dafür sind Pakistan, Indien, Sri Lanka, Malaysia, besonders in der Auseinandersetzung mit dem Islam bzw. dem Hinduismus. Anders stellt sich die Situation in den USA dar, wo die neuen religiösen Minderheiten neue religiöse Identitäten ermöglichen, und zwar durch die Begegnung des Katholizismus mit nichtchristlichen Migranten. Barrieren brechen am leichtesten dort zusammen, wo es in der Begegnung vor Ort gemeinsames Leben und Solidarität zwischen Majorität und Minorität gibt (S. 239). Fundamentalismus, Exklusivismus und religiöser Extremismus machen die interreligiöse Begegnung ausgesprochen schwierig, weil hier Absolutheitsansprüche die offene Diskussion blockieren. Darauf macht der Mitherausgeber Douglas Pratt aufmerksam, nachdem er die Geschichte des Fundamentalismusbegriffs skizziert hat. So kann er zeigen, wie in variierenden Denkschemata (passiv, verstärkend bejahend, selbst-vergewissernd, verurteilend) Religion sehr schnell in Extremismus und Terrorismus münden kann. Verständlicherweise muss (religiöse) Friedensarbeit gerade in Konfliktsituationen Begegnungen ermöglichen, so Anna Halafoff (Universität Victoria, Australien). Nun sind keineswegs immer religiöse Spannungen die Ursachen für Konflikte. Vielmehr schieben sich soziale Probleme, Aufarbeitung (post-)koloniale Strukturen sowie der Umgang mit Migranten und eine zunehmende globalisierte „marketization“ (S. 265) in den Vordergrund. Dies alles hat sich noch durch die Terroranschläge vom 11.09.2001 verschärft. Hier sehen interreligiöse „peacebuilder“ ihre wichtigsten Aufgaben zur Befriedung der Verhältnisse, und zwar besonders religiöse und nicht-religiöse Mediations-Organisationen auf lokaler und globaler Ebene.
Nicholas Adams (Universität Edinburgh, UK) geht ebenfalls den Wirkungen interreligiösen Engagements in der Öffentlichkeit nach. Er benennt anhand wichtiger Publikationen sieben Herausforderungen, die es erlauben von (inter-) religiösem Engagement in „ the public sphere“ oder „ the public square“ in einer medial geprägten Gesellschaft zu reden. Lässt man die Eigeninteressen der Religionen außen vor, geht es letztlich immer um „the common good“ (S. 303). In diesem Zusammenhang äußert sich Mario I. Aguilar (Universität St. Andrews, UK). Er hebt die Korrelation von Dialog, Befreiung und Gerechtigkeit für eine Gesellschaft hervor, um so Menschenwürde nicht nur zu betonen, sondern auch zu sichern. Die entsprechenden katholischen Äußerungen seit dem Vaticanum II können hier eine Orientierung sein, zu Bescheidenheit und Demut anleiten und so die Kooperation mit anderen religiösen Traditionen erleichtern.
In einer globalisierten Welt verändern sich Identitäten. Darum ist es wichtig, multiple religiöse Zugehörigkeiten genauer zu bedenken. Das leistet sehr präzise Catherine Cornille (Boston College, USA). Sie verweist auf die kulturellen und familiären Identitätsmuster, die sich mit anderen Glaubens- und Nicht-Glaubenselementen in einer Person verbinden und angesichts des vorhandenen religiösen Pluralismus neue Persönlichkeitsstrukturen ermöglichen. Das macht natürlich zugleich den interreligiösen Dialog zwischen einzelnen Religionen fragwürdig. Hier erleben wir viele Übergangssituationen („temporary or transitional state“, S. 337), Annäherungen und Notwendigkeit der Neubestimmung von religiöser Zugehörigkeit. Notwendig, aber durchaus schwierig ist es darum, in der Begegnung Grenzlinien zu benennen, wie David R. Vishanoff (Universität Oklahoma, USA) betont. Sie betreffen nicht nur die Essensgewohnheiten, sondern Sprache; Geografie; Nationalität, Rasse, Kultur und Abstammung. Missverständnisse liegen auf der Hand. Denn die unterschiedlichen Gottesvorstellungen, Heilige Orte und synkretistische sowie assimilatorische Elemente erzeugen einerseits Konversionen und andererseits multiple religiöse Identitäten. Dies kann jedoch auch die Begegnung unterschiedlich Glaubender voranbringen. Die moralische Verantwortung gerade der Fachleute liegt darum darin, die (eigene) religiöse Tradition nicht von der übrigen Gesellschaft zu isolieren. Wie von daher interreligiöse Kooperationen praktisch möglich werden (können), zeigt Paul Weller (Universität Derby, UK). Er durchleuchtet die veränderten Kontexte. Als überregionale Beispiele führt er an: „The Council of Christian and Jews“ und „Religions for Peace“. Mit Blick auf Europa – und etwas genauer an Großbritannien ausgeführt – zeigen sich interreligiöse Netzwerke als geradezu notwendige Weiterentwicklungen, um auch in Konfliktsituationen zusammen mit anderen „public bodies“ Frieden stiftend einzugreifen (S. 380).
Nach diesem vielfältigen und beeindruckenden Durchgang durch das Feld interreligiöser Beziehungen – zwischen lokalen und internationalen Rahmenbedingungen – sehen die drei Herausgeber in Konsequenz des Dargelegten interreligiöses Engagement als Zukunftschance. Dabei gilt es jedoch, sehr genau die sich teilweise schnell ändernden Kontexte, gesellschaftlichen Bedingungen und Trends sorgsam zu analysieren. Die Korrelation von religiösen Traditionen, Laizismus und Säkularität im Zusammenhang gesellschaftlicher Pluralität wird zum hermeneutischen Schlüssel. (Inter-)religiöse Verantwortung kommt ohne eine „constructive theology“ nicht aus (S. 400). Eine solche Theologie muss sich jeglicher Prädominanz enthalten, um den Dialog nicht zu gefährden, denn die eine Religion braucht in einer globalisierten Welt die "andere".
Die hier zusammengetragenen Erkenntnisse machen dieses voluminöse Buch zu einem wichtigen Merkposten im weltweiten interreligiösen Dialog.

Vgl. auch das in eine ähnliche Richtung gehende Buch: David Cheetham / Ulrich Winkler / Oddbjørn Leirvik/Judith Gruber (eds.): Interreligious Hermeneutics (2011): http://ein-sichten.blogs.rpi-virtuell.net/2011/06/30/buch-des-monats-juli-2011-interreligiose-interpretationsmuster-im-pluralistischen-europa/
Reinhard Kirste 
Rz-Cheetham-Interrel, 20.01.14 

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