Dienstag, 29. Juli 2014

Zum Werk von Max Weber: Der Geist des Kapitalismus und die protestantische Ethik



Hans-Peter Müller/Steffen Sigmund (Hg.):
Max Weber-Handbuch.
Leben – Werk – Wirkung

Stuttgart: Metzler 2014, XI, 425 S.
Im Anhang: Zeittafel zur Max-Weber-Gesamtausgabe, Siglen, Auswahlbibliographie, Personenregister  
--- ISBN: 978-3-476-02432-9 ---
Ausführliche Beschreibung
Dieses umfassende Handbuch bietet eine Hinführung und einen weit reichenden Überblick über Leben, Werk und Rezeption von Max Weber (1864-1920)  sowie eine Herausarbeitung zentraler Denkkategorien seines einzigartigen und für die Entwicklung in der Soziologie bahnbrechenden Werks. Es hat erhebliche Wirkungen auf Wirtschaft, Kulturwissenschaften, (Religions-)Wissenschaft und (Sozial-)Ethik des 20. Jahrhunderts gezeitigt. Angesichts der in Webers Texten erkennbaren, unterschiedlich akzentuierten Denkmuster, ist es ausgesprochen hilfreich, dass die im und durch das Buch angestoßene Diskussion unter der Leitfrage stattfindet: In welchen Bereichen ist Weber heute noch aktuell?

Hier ist es durch die systematisierende Bündelung umfassender Forschungsarbeit gelungen, einen übersichtlichen Zugang zu Max Webers Denken zu eröffnen. Kompetente Wissenschaftler verschiedener Disziplinen haben unter der Herausgeberschaft der Soziologen Hans-Peter Müller (Humboldt-Universität Berlin) und Steffen Sigmund (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) eine enorme Arbeit geleistet. Dies ist umso erstaunlicher, als die Vielfältigkeit des Gesamtwerks von Weber und die sich daran anschließende Diskussion und internationale Weiterarbeit in der Sekundärliteratur auch für Spezialisten kaum wirklich überschaubar sein dürfte.
Für die eigene Beschäftigung mit Weber wirkt sich von Anfang an positiv aus, dass die Herausgeber gewissermaßen „Sichtschneisen“ freigelegt haben. Dies betrifft zum einen das spannungsgeladene Leben von Max Weber (Teil 1) im Horizont des Kaiserreiches und des 1. Weltkriegs, dann eine Auflistung und Kommentierung wichtiger Begriffe und Denkmuster von A-Z (Teil 2) und schließlich Werkgruppen mit verdeutlichenden Zitaten aus Webers Gesamtwerk (Teil 3). Sie umfassen in 6 Abschnitten die Wirtschafts-, Politik und Sozialgeschichte in Antike und Mittelalter. Dann erfolgt unter ähnlicher Themensetzung die Eingrenzung auf Deutschland und Europa des 19./20. Jahrhunderts. Eigene Bereiche bilden auch Webers Wissenschaftslehre, Beiträge zur Religionssoziologie (wiederum historisch und aktuell gesehen), ferner Zusammenhänge von Wirtschaft und gesellschaftlichen Ordnungs- und Machtstrukturen.
Im ausführlichen Diskussionsteil des Handbuchs (Teil 4) geht es um die Auseinandersetzung mit der Moderne, Entgrenzung westlichen Denkens bis hin zu Fragen der Europäisierung und Globalisierung im Kontext der Nationalstaatsidee. Dabei werden auch die Säkularisierung, die Bewertung von Kapitalismus und Religion(en), Rechtsvorstellungen in Europa und im globalen Kontext angesprochen. Die Diskussion hat ihren Fokus bei Arbeit und Beruf sowie in der Erziehung zum Politischen.
Bedenkt man dies, wird sehr schnell deutlich, dass Webers wenig systematischer Beitrag Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904/1905/1920) und das wohl am häufigsten zitierte Konvolut Wirtschaft und Gesellschaft im Gesamtkontext seines Werks eingeordnet werden muss. Denn der Geist des Kapitalismus ist zwar gekennzeichnet durch ein rational ausgerichtetes Gewinnstreben und durch die Forderung nach Rentabilität, aber eben nicht durch die (neoliberale) Gier nach höherem Profit auf Kosten der Betriebsführung und der arbeitenden Menschen. Eine stringente Einschätzung von Webers Wirtschaftsethik und Religionssoziologie ist daher keineswegs ein leichtes Unterfangen, wie schon die Entstehungsphasen dieser Texte Webers und der Diskussionsteil im Handbuch beweisen. Sie wurden zwischen 1909 und 1914 und von 1918 bis 1920 erarbeitet. Weber veröffentlichte sie 1921/22, seit 1956 sind sie zusammengefasst unter dem Titel: Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss der verstehenden Soziologie.
Angesicht der Fülle von Webers Denkansätzen möchte ich mich auf sein protestantisch-intellektualistisches Askese-Religionsverständnis konzentrieren. Zur Konturierung lohnt sowohl die Einsicht in „Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, als auch in Webers handlungsorientierte Intentionen zur Wirtschaftsethik im Kontext der Weltreligionen. Die folgende Themenauswahl hat darum durchaus subjektiven Charakter:
Gesinnungs- und Verantwortungsethik: Martin Endreß (Universität Trier) hebt besonders die „typologische Differenz der bei Weber zutage tretenden Grundspannung hervor, um daran dessen Einfließen in das „Gebiet der praktisch politischen Wertungen“ anzuzeigen (S. 53).
Sinnfrage: Bei der Diskussion um den Lebenssinn bemerkt Wolfgang Ludwig Schneider (Universität Osnabrück), wie sehr die idealisierte Sinndeutung bei Weber seine Annäherungen an den Hinduismus und den „asketischen Protestantismus“ mit erheblichen Unschärfen belastet, Das fällt besonders bei den Klärungsversuchen symbolischer Sinnzusammenhänge auf sowie beim Verstehen von Handlungsmotivationen. (S. 126)
Wertekonflikte: Im Rahmen der Kulturbedeutung der Strukturen menschlichen Geisteslebens behandelt der Herausgeber Hans-Peter Müller die Zusammenhänge von Zeitdiagnosen und Ethik und spricht dabei ebenfalls die Sinnproblematik in der Lebensführung an mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass Weber ohne einen „führenden Oberwert“ auskommt (S. 146)
(Welt-)Religionen: Der Bremer Religionswissenschaftler Hans G. Kippenberg verweist darauf, dass Weber letztlich eine Definition von „Religion“ verweigert, aber „dass ein Prozess der Entzauberung (…) die Ursache dafür sei, dass die Kultgebilde des Abendlandes – Wirtschaft, Staat, Recht, Wissenschaft, Kunst – sich fundamental von den asiatischen unterschieden“ (S. 117). Weber muss dennoch „ein generelles Streben des Menschen nach Sinn und Heil postulieren“ (S. 121).
Hinduismus und Buddhismus: Mateusz Stachura (Universität Heidelberg) zeigt, wie Weber vom Gedanken des „Habitus“ her den Blick auf das Kastensystem lenkt. Er erkennt – quasi protestantisch wohlwollend – eine an immerhin an Dharma-Regeln fixierte Berufsethik. Sie ist allerdings in die gesellschaftlich tief wirkende Karma-Lehre eingebettet, die er als Weltflucht bewertet. Hier sieht Weber den Buddhismus eingreifen. Dieser überwindet aber keineswegs die Irrationalität des Hinduismus, sondern bleibt in traditionalistischen Kompromissen stecken.
Konfuzianismus/Taoismus: Das weltoptimistische Konfuzianismus-Bild, wie es die jesuitischen China-Missionare in Europa verbreitet hatten, prägt auch Webers China-Verständnis. Darum stellt er den Taoismus in seiner geradezu magischen Irrationalität gegen die Lehren der Konfuzianer. Darauf verweist der Sinologe Hans van Ess (Universität München). Er spitzt den Diskurs insofern noch zu, wenn er die Wirkungsgeschichte westlicher China-Projektionen und die Weber-Rezeptionen Späterer mit der (kommunistischen) China-Realität des 20. Jahrhundert vergleicht – eine nicht zu übersehende Diskrepanz.
Antikes Judentum: Die Alttestamentlerin Christa Schäfer-Lichtenberger (Kirchliche Hochschule Wuppertal) sieht wegen der Rechtsüberlieferungen und der Bewertung jüdischer Minoritäten in Mehrheitsgesellschaften durch Weber dessen Analysen als beispielgebend „für eine vergleichende ´historische Soziologie“ (S. 284) an, erstaunlicherweise trotz der Überholtheit einer Reihe von Webers sozialgeschichtlichen Thesen. Das hat offensichtlich damit zu tun, dass sich soziologisch mit der Anwendung des „Paria-Konzepts“ die gesellschaftliche Randstellung bestimmter Gruppen deutlich hervortritt. Dies gilt nach Webers Meinung gerade für das antike Judentum (S. 284).
Religiöse Gemeinschaften: In solche Überlegungen zu den Religionen fügt sich nahtlos Webers typologischer Beitrag über „Religiöse Gemeinschaften“ (1922) ein. Es handelt sich hier um das religionssoziologische Kapitel von Wirtschaft und Gesellschaft“. Es wurde zur Voraussetzung für Webers Wirtschaftsethik der Weltreligionen. Der Bochumer Religionswissenschaftler Volkhard Krech bringt das in seinem Beitrag über religiöse Gemeinschaften auf den Punkt: „Der zentrale Gegenstand der Weberschen Religionssoziologie wie seiner Soziologie überhaupt ist der universalhistorische Prozess der Rationalisierung des Handelns“ (S. 291).
Bilanz: 
Hier konnten nur wenige Orientierungsmarken im religiösen Kontext gesetzt werden. Aber sie zeigen bereits, wie wichtig Max Weber mit seiner Disziplinen überschreitenden Soziologie und Ethik auch im 21. Jahrhundert bleibt. Seine Analysen und Beurteilungen im Kontext der weiter international geführten Diskussion – auch um die Bedeutung der Religion(en) und besonders in der Verbindung von Protestantismus und Kapitalismus – erlauben nicht, ihn für eine bestimmte „protestantische“ Sicht zu vereinnahmen. Das Handbuch bietet eine vorzügliche Basis-Möglichkeit, die Auseinandersetzung im Kontext seines Denkens weiter zu führen. Das lohnt sich gerade im Blick auf die gesellschaftliche Relevanz der (Welt-)Religionen. Die nicht zu übersehenden Spannungen von religiösem Idealtypus mit entsprechender Heilserwartung, ethischem Anspruch sowie dem faktischen Verhalten im Kontext gesellschaftlicher Realität markieren Konfliktlinien, vor deren globalen (und oft katastrophalen) Auswirkungen letztlich niemand die Augen verschließen darf .
Reinhard Kirste
Rz-Weber-Handbuch, 29.07.14


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